Blickensdörfer, Hans Heinz 

Geburtsdatum/-ort: 21.02.1923;  Pforzheim
Sterbedatum/-ort: 27.12.1997;  Hochdorf (bei Plochingen)
Beruf/Funktion:
  • Sportjournalist und Schriftsteller
Kurzbiografie:

1933 Eintritt in die Oberrealschule in Pforzheim

1941 Abitur in Freiburg im Breisgau

1941 I Einberufung zum Kriegsdienst, Einsatz im Infanterie-Ersatz-Bataillon 75, Teilnahme an der Schlacht um Stalingrad

1943 III – 1945 V als Angehöriger des Panzer-Regiments 24 Einsatz in der Normandie, später wieder an der Ostfront

1945 – 1946 französische Gefangenschaft und zahlreiche Fluchtversuche

1947 Rückkehr und Beginn der sportjournalistischen Tätigkeit für verschiedene Zeitungen

1965 Erscheinen des Sachbuchs „Ein Ball fliegt um die Welt“, Sportbuch des Jahres 1966

ab 1967 Sport-Chefreporter der Stuttgarter Zeitung

1973 Erscheinen des Romans „Die Baskenmütze“

ab 1982 Tätigkeit als freier Schriftsteller

1997 Tod nach schwerer Krankheit

Weitere Angaben zur Person: Religion: evangelisch
Auszeichnungen: Ehrungen: Verdienstmedaille, seit 2009 Verdienstorden, des Landes Baden-Württemberg (1985).
Verheiratet:

1948 (Stuttgart/Wangen) Ruth, geb. Kuhn


Eltern:

Vater: Rudolf Robert Friedrich (1887 – 1945), Steuerinspektor

Mutter: Rosa, geb. Endriss (geboren 1894), Damenschneiderin


Geschwister:

eine Schwester


Kinder:

ein Sohn

GND-ID: GND/118663941

Biografie: Markus Friedrich (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 8 (2022), 38-41

Der Sportjournalist und Schriftsteller Blickensdörfer wuchs in einer bürgerlich-konservativen Beamtenfamilie in Pforzheim auf. Er war dafür bekannt, packende Sportberichterstattung mit sprachlichem und inhaltlichem Anspruch zu verbinden. Vor allem mit zwei Themen beschäftigte er sich in seinem publizistischen Werk: Er setzte sich kritisch mit der Geschichte des modernen (Leistungs-) Sports auseinander. Zudem verarbeitete Blickensdörfer in zahlreichen Romanen seine persönlichen Erlebnisse während des Zweiten Weltkriegs und in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Eine besondere Rolle spielte hierbei sein Verhältnis zu Frankreich – ein Land, das ihn seit seiner Jugend faszinierte, in dem er aber auch zwei Jahre als Kriegsgefangener festgehalten worden war.

Am Kriegsende floh Blickensdörfer als Wehrmachtssoldat vor den sowjetischen Truppen nach Westen. Ziel der Flucht war die Schweiz, das Herkunftsland seiner Mutter. Da jedoch amerikanische Truppen Anfang Mai 1945 bei Magdeburg den Übergang über die Elbe blockierten, gab sich Blickensdörfer als französischer Soldat aus, der aus deutscher Gefangenschaft geflohen sei. Mit dieser List begann für Blickensdörfer eine abenteuerliche Odyssee. Sie führte ihn zunächst nach Frankreich, wo er von der französischen Geheimpolizei gefasst und als vermeintlicher Spion festgehalten wurde. Durch ein wohlgehütetes Erinnerungsstück aus Kindertagen, eine Autogrammkarte des englischen Fußballklubs Arsenal London, konnte er einen hinzugezogenen britischen Beamten jedoch von seiner Unschuld überzeugen. Vom Spionageverdacht zwar freigesprochen wurde Blickensdörfer anschließend dennoch in das Gefängnis von Rouen (Nordfrankreich) überstellt. Erst mit einer erneuten Verlegung – nun in ein reguläres Kriegsgefangenenlager bei Belfort – erhielt er auch den Status eines „prisonnier de guerre“. Ein erster Fluchtversuch in die Schweiz scheiterte, erst der zweite Versuch gelang mit Hilfe eines Schweizer Onkels. Anschließend versteckte sich Blickensdörfer im französisch besetzten Ravensburg bei seiner Mutter. Dort wurde er jedoch verraten und erneut interniert, diesmal im Lager Mühlau bei Tuttlingen. Eine weitere Flucht folgte, die erst 1947 mit der Ankunft in seiner völlig zerstörten Heimatstadt Pforzheim endete.

Als Start ins Berufsleben besuchte Blickensdörfer zunächst einen Dolmetscherkurs in Stuttgart. Dabei kam er in Kontakt mit der Redaktion des „Start“, der späteren „Sportwelt“, der unter der Leitung von Erich Brodbeck (1922 – 2013) und Fritz Winners (geboren 1914) eine der ganz frühen nach dem Zweiten Weltkrieg wieder zugelassenen Zeitungen in Württemberg war. Blickensdörfer absolvierte dort eine Art Volontariat. Aufgrund seiner Fremdsprachenkenntnisse war er insbesondere für den Auslandssport zuständig. Unter dem Pseudonym „Reg Ellington“ berichtete Blickensdörfer in der Kolumne „Plauderecke“ über das britische, unter dem Namen „Pierre Rémy-Fontaine“ über das französische Sportgeschehen.

Ab 1950 arbeitete Blickensdörfer für den „Grünen Sportbericht“, der bis 1970 existierte. Diese zweimal wöchentlich in Stuttgart erscheinende Sportzeitung wurde von Reinhold Appel herausgegeben. Schnell wurde Blickensdörfer für seine Artikel und Kolumnen bekannt, die er unter seinem Kürzel „Bli“ veröffentlichte. Von 1967 bis 1982 war er bei der „Stuttgarter Zeitung“ für die Sportberichterstattung zuständig. Insbesondere den VfB Stuttgart und die Fußball-Nationalmannschaft begleitete Blickensdörfer journalistisch. Er arbeitete jedoch auch für renommierte Sportzeitschriften und Zeitungen des Auslands, wie „L’Equipe“ (als Deutschlandkorrespondent) und „Le Figaro“.

Blickensdörfers Leidenschaft gehörte vor allem dem (französischen) Radsport und dem (englischen) Fußball. Diese beiden Themenkomplexe griff er Anfang der 1960er Jahre auf, als er neben seiner Arbeit als Journalist auch als Sachbuchautor zu schreiben begann. 1963 erschien Blickensdörfers erstes Sachbuch über die Tour de France mit dem Untertitel „Tour der Leiden – Tour des Ruhmes“. „Ein Ball fliegt um die Welt“ von 1965 wurde im Folgejahr zum „Sportbuch des Jahres“ gewählt. Doch Blickensdörfer beschränkte sich nicht nur auf Sachbücher im eigentlichen Sinn. Er versuchte sich auch als Schriftsteller zu etablieren, zunächst mit dem Genre des Sportromans, wobei die dabei entstandenen Werke auch der „Politfiktion“ zuzuordnen sind. Damit betrat er in Deutschland ein bis dahin weitgehend unbeachtetes Terrain. Zwar hatte es bereits während der Weimarer Republik eine gewisse Konjunktur des „Sportromans“ gegeben. Und auch in der ‚ernsten‘ Literatur gab es nicht erst seit Siegfried Lenz‘ „Brot und Spiele“ (1959) Autoren, die den Sport thematisierten. Jedoch erreichte dieses Sujet nicht die Bedeutung wie in Frankreich, wo z. B. André Reuzes „Giganten der Landstraße“ (Deutsch 1928) allgemeine Anerkennung gefunden hatte. In seinen Werken thematisiert Blickensdörfer immer wieder das „Gladiatorentum“ des modernen Sports. So setzte sich Blickensdörfer in seinem Roman „Endstation Mexiko“ (1967) anhand des fiktiven Spielers „Johnny Atkins“ auch mit den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen im englischen Profi-Fußball auseinander.

Kokettierte Blickensdörfer in seinen schriftstellerischen Arbeiten durchaus mit der Außenseiterrolle des Sportjournalisten im Literaturbetrieb, gelang ihm der Durchbruch als Schriftsteller schließlich mit seinem 1973 erschienen autobiografischen Roman „Die Baskenmütze“. Blickensdörfer schildert dort seine abenteuerliche Flucht aus mehreren französischen (Kriegs-)Gefangenenlagern. Die Bekanntschaft mit dem französischen Schriftsteller Henri Charriere (1906 – 1973), der in seinem autobiografischen Roman „Papillon“ die Flucht aus einem Straflager in Französisch-Guayana beschrieben hatte, veranlasste Blickensdörfer seine Fluchtgeschichte in der „Baskenmütze“ ebenfalls literarisch zu behandeln. Die „Baskenmütze“ ist jedoch nicht nur eine Verarbeitung der persönlichen Kriegserfahrung, sondern sie steht auch für seine Verbundenheit mit der französischen Kultur und Lebensart. Das Buch wurde in 18 Sprachen übersetzt. Durch diesen Erfolg ermutigt, arbeitete Blickensdörfer seit Anfang der 1980er Jahre als freier Schriftsteller. 1990 wurde der Roman gar im Rahmen einer deutsch-französischen Koproduktion als Serie für die ARD verfilmt.

Im gleichen Jahr griff Blickensdörfer in seinem Roman „Doppelpass an der Wolga“ erneut das Thema Kriegsgefangenschaft auf. Am Beispiel der beiden Fußballspieler Edwin Bretz aus der Pfalz (geboren 1921) und Heinz Arnold (gestorben 2008) aus Denzlingen bei Freiburg im Breisgau schilderte Blickensdörfer die Bedeutung, die der Fußball in den sowjetischen Kriegsgefangenenlagern für die deutschen „Plennys“ hatte. Die Fußballspiele der Lagermannschaften stellten ein Stück Freiheit im Gefangenenalltag dar. Bretz und Arnold konnten erst im Oktober 1955 das im Uralgebirge gelegene Lager Swerdlowsk verlassen und in ihre Heimat zurückkehren. Blickensdörfer verdeutlichte, dass Krieg und Gefangenschaft tiefgreifende Erfahrungen seiner Generation darstellten, die für zahlreiche Spitzensportler zudem das Aus ihrer Sportkarriere bedeuteten. Während in „Doppelpass an der Wolga“ der Fußball als Rettungsanker diente, um die Gefangenschaft zu überstehen, thematisierte Blickensdörfer im 1986 erschienenen Roman „Schnee und Kohle“ am Beispiel des Berufsboxens die Schattenseiten und kriminellen Verstrickungen im kommerzialisierten Sport.

Blickensdörfers (sport-)journalistisches Gespür in Kombination mit seinem lebendigen Stil und großer Sachkenntnis zeigten sich auch im 1995 veröffentlichten Buch über den Fußballer Jürgen Klinsmann. Dieser war im Jahr zuvor vom AS Monaco zu Tottenham Hotspur in die englische Premier League gewechselt. Klinsmanns Aufstieg vom Turnerbund Gingen über die Stuttgarter Kickers und den VfB Stuttgart in die Spitze des Weltfußballs war für Blickensdörfer das Ergebnis von „Genialität“ und „hardwork“ (Blickensdörfer, Klinsmann, 1995, 10). Noch wichtiger war jedoch für Blickensdörfer, an Klinsmanns Beispiel die integrative Kraft des Sports sichtbar werden zu lassen. Denn Klinsmann galt in der englischen Sportpresse zunächst als unfairer „diver“, der Fouls vortäuschte, bevor er zum Publikumsliebling avancierte und nach dem Torhüter Bert Trautmann als zweiter Deutscher zum „Spieler des Jahres“ in England gewählt wurde. Nicht nur dieses Buch profitierte davon, dass Blickensdörfer das Vertrauen vieler der von ihm behandelten Personen und ihres Umfeldes gewinnen konnte. Seine zahlreichen persönlichen Kontakte, wie etwa zu Fritz Walter, Sepp Herberger oder Gerhard Mayer-Vorfelder, ermöglichten ihm authentische Einblicke in die Welt des Spitzensports.

Im Jahr 1997 erschien Blickensdörfers Autobiographie unter dem Titel „Rund sind Ball und Baskenmütze“. Ein Schwerpunkt bildete darin die Schilderung seiner Erlebnisse als deutscher Kriegsgefangener im Nachkriegsfrankreich, wie Blickensdörfer sie auch in der „Baskenmütze“ literarisch verarbeitet hatte. Sie verdeutlichen, welch schicksalhaften Einfluss Blickensdörfer dem Sport für seinen gesamten Lebensweg zuschrieb. Nach seinem Tod würdigten ihn nicht nur Prominente des Sports, sondern auch Vertreter der Landespolitik. Der damalige Ministerpräsident Erwin Teufel hob Blickensdörfers Engagement für „Verständnis und für Verständigung zwischen den Völkern […], mit Frankreich ebenso wie mit Russland“ (HStAS EA 1/111 DO 13) hervor.

In Blickensdörfers Texten vermischen sich journalistische Reportage, Fiktion und autobiografische Bezüge mit einem Faible für die Anekdote. Dabei scheute er aber nicht davor zurück, klar Stellung zu beziehen. Letztlich verkörperte Blickensdörfer den Typus des ‚klassischen‘ Reporters, für den das Schreiben nicht nur Beruf, sondern Berufung war. Er war ein Vertreter des Sportjournalismus, der auf die Boulevardisierung weitestgehend verzichtete. Geleitet wurde er durch die Sympathie für den Sport, ohne dessen Schattenseiten zu unterschlagen.

Obwohl seine belletristischen Veröffentlichungen von eher konventionellen Erzählformen mit linearen Handlungsverläufen geprägt sind, und auch manches Klischee bedienen (wie die Verklärung der ‚russischen Seele‘ oder der französischen Lebensart), bleibt sein Verdienst, die generationstypischen Erfahrungen von Kriegsteilnahme und -gefangenschaft sowie dem Streben nach einem gesellschaftlichen Neubeginn Ausdruck verliehen zu haben. Dabei war der Sport immer Gegenentwurf zu militärischem und staatlichem Zwang. Letztlich eine Möglichkeit, Freiheit zu erfahren und – im besten Fall – Mittel der internationalen Verständigung.

Quellen:

HStAS J 191 (Zeitungsausschnittsammlung zur Personengeschichte); HStAS, Audiovisuelles Archiv; StadtA Pforzheim K11-39, B35-109; LEO-BW – Landeskunde entdecken, online: https://www.leo-bw.de; StadtA Reutlingen N 510 b; BA, Zentrale Personenkartei der Deutschen Dienststelle, WASt, B 563-1 KARTEI / B-1096/91, Kriegsgefangene Dossier 243970 und Kriegsgefangene III/FRKR/K 054-00556; Der Kicker Nr. 42, 17. 10. 1955; Hans Blickensdörfer, „Nicht auffallen!“ hieß die Parole, in: R. Pörtner, Mein Elternhaus. Ein deutsches Familienalbum, 1984, 233 – 237; Hans Blickensdörfer, Rund sind Ball und Baskenmütze. Erinnerungen, 1997.

Werke: Tour de France. Tour der Leiden – Tour des Ruhmes, 1963, 2. Auflage 1997; Ein Ball fliegt um die Welt, 1965; Endstation Mexiko, 1967; Die Baskenmütze, 1973; Bonjour Marianne, 1975; Der Schacht, 1976; Die Söhne des Krieges, 1978; Tour de France 1903 – 1979, 1979; Salz im Kaffee, 1980; Alles wegen meiner Mutter, 1981; Der große Tag. Erlebnisse bei einer Fernseh-Show, um 1981; Pallmann, 1982; Wegen Mutter gehn wir in die Luft, 1982; Keiner weiß wie’s ausgeht. Unendliche Geschichten vom Sport, 1983; Weht der Wind von Westen, 1984; Schnee und Kohle, 1986; Champagner im Samowar. Roman eines Lottogewinns, 1987; Das goldene Buch der Tour de France. Von Paris 1903 – Berlin 1987, 1987; Flanken und Strafstöße. Betrachtungen über den Sport und die Welt, 1987; Der Arzt von drüben, 1988; Doppelpass an der Wolga, 1990; Wie sag ich’s meinem Lehrer, 1990; Ein Leutnant in Paris, 1995; Jürgen Klinsmann, 1995; Rund sind Ball und Baskenmütze. Erinnerungen, 1997. (beteiligt als Autor bzw. Herausgeber) Sportwelt Jb., 1948; Edmund Conen erzählt. Erinnerungen des 28fachen Sturmführers der deutschen Nationalmannschaft, 1950; Olympische Winterspiele. Innsbruck ’76, 1976; Berti Vogts, 1977; Sportimpressionen. Ein Bildband mit 120 der schönsten Farbfotos, 1977; Der Kaiser. Die Franz-Beckenbauer-Story, 1991; 100 Jahre VfB Stuttgart, 1992; Boris B. 18 Autoren und 1 Phänomen, 1992; Ein Ball fliegt um die Welt, 1994; Die 50er Jahre. Ein Stuttgarter Jahrzehnt in Bildern, 1994; Die 60er Jahre. Ein Stuttgarter Jahrzehnt in Bildern, 1995; Tour de France. Mythos und Geschichte eines Radrennens, 1997.
Nachweis: Bildnachweise: StadtA Karlsruhe 8/BA Schlesiger A34/97/6/12.

Literatur:

A. L. Smith, Jr., Die Deutschen Kriegsgefangenen und Frankreich 1945 – 1949, in: VjHZ 32 (1984), H. 1, 103 – 121; W. Ch. Schmitt, Die Auflagen-Millionäre. Begegnungen, Gespräche und Erfahrungen mit 44 Schriftstellern, 1988; Artikel Hans Blickensdörfer, in: Internationales Biographisches Archiv 10/1998 vom 23. 2. 1998 (lö); O. Beck, Wie das Erbe von Bli im Hirsch landete, in: Stuttgarter Zeitung, 25. 1. 2012, 31.

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