Ehrismann, Gustav 

Geburtsdatum/-ort: 08.10.1855;  Pforzheim
Sterbedatum/-ort: 09.09.1941; Hamburg-Othmarschen, beigesetzt auf dem Bergfriedhof in Heidelberg
Beruf/Funktion:
  • Germanist
Kurzbiografie: 1875-1881 Studium der klassischen, romanischen und deutschen Philologie in Heidelberg
1880 Promotion in deutscher Philologie bei K. Bartsch in Heidelberg
1881-1894 Privatgelehrter in Pforzheim
1894 Heidelberg
1897 Habilitation in Heidelberg, Privatdozent In Heidelberg
1901 außerordentlicher Prof. in Heidelberg
1909 bis zu seiner Emeritierung 1924 ordentlicher Prof. in Greifswald
1924-1934 Prof. emeritus in Heidelberg
1934 Berlin
Weitere Angaben zur Person: Religion: ev.
Verheiratet: 1892 (Pforzheim) Emma, geb. Pregitzer (1864-1936)
Eltern: Vater: Friedrich Ehrismann (1809-1882), Fabrikbesitzer in Pforzheim
Mutter: Karoline, geb. Kämpff (gest. 1865) aus Pforzheim
Geschwister: 2: August, Emil
Kinder: 2 Söhne
GND-ID: GND/118681753

Biografie: Hugo Steger (Autor)
Aus: Badische Biographien NF 4, 70-72

Der familiäre Hintergrund des bedeutenden Germanisten war in mancher Weise charakteristisch für die Herausbildung einer neuen geisteswissenschaftlichen Elite in Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg. War die Generation der Großeltern noch gekennzeichnet durch bäuerliche Herkunft auf der Vaterseite und durch (erst nach der Aufhebung des Zunftzwanges in Pforzheim) frisch angesiedelte Schmuckwarenhersteller auf der Mutterseite, so besaß Ehrismanns Vater schon die – als Zulieferbetrieb wichtige – Gold- und Silberscheideanstalt Pforzheim und heiratete die Tochter des Bijouteriefabrikanten Kämpff. Ehrismann selbst verband sich dann durch die Ehe mit Emma Pregitzer, mit einer Frau aus einer Akademikerfamilie von Pfarrern und Apothekern, deren eigener Aufstieg durchaus ebenfalls ein typisches „Muster“ der Zeit zeigt.
Nach dem Progymnasium in Pforzheim besuchte Ehrismann das Gymnasium in Karlsruhe und bezog, zwanzigjährig, die Universität Heidelberg, um klassische Philologie und – an dem erst zwei Jahre vorher zur Ausbildung von Gymnasiallehrern gegründeten Seminar für neuere Sprachen (ab 1878 Germanisch-romanisches Seminar) – Germanistik und Romanistik zu studieren. Seine großbürgerliche Herkunft erlaubte es ihm, sich sechs Jahre Zeit zu nehmen, um bei den besten Lehrern in Heidelberg (Karl Bartsch, Otto Behaghel) und Leipzig (Wilhelm Braune, Rudolf Hildebrand, Friedrich Zarncke) zu studieren. Eine lange Kunstreise während des Studiums führte ihn über den Balkan und Griechenland nach Kleinasien. Auch später unternahm er viele Kunstreisen, besonders nach Italien.
Die Germanistik des ausgehenden 19. Jahrhunderts beschäftigte sich – aus dem ins Nationale transformierten Geist der Romantik heraus – vorrangig mit der Sprache und den literarischen Denkmälern der germanischen Zeit und des deutschen Mittelalters, konnte aber zunächst nicht auf gesicherte Textgrundlagen zurückgreifen und kannte die Sprache der Texte nicht genauer. Die Textkritik, die Rekonstruktion der Handschriftenverhältnisse und das Studium der (literatur)sprachlichen Verhältnisse waren so die wichtigsten Aufgaben der jungen Wissenschaft, besonders in einer Zeit, die vom Streben nach positivem, exaktem Wissen (nach dem Vorbild der Naturwissenschaften) geprägt war. Methodisches Vorbild konnte dabei einerseits die gereifte klassische Philologie sein. Auf der anderen Seite hatten die Entdeckungen Jacob Grimms und seiner Zeitgenossen über die Gesetzmäßigkeit sprachlicher Entwicklung und die Entfaltung der historisch vergleichenden Methode bei den sogenannten Junggrammatikern der Sprachwissenschaft eine klare Richtung gegeben. Darüber hinaus waren Reim- und Stilstudien erforderlich. Mit allen diesen Gebieten hat sich Ehrismann auf originelle Weise beschäftigt.
Auf nur 24 Druckseiten entschlüsselte er 1880 in seiner Heidelberger summa-cum-laude-Dissertation mustergültig die Handschriftenverhältnisse beim „Renner“, einem mittelhochdeutschen Gedicht des Ostfranken Hugo von Trimberg.
Eine durch Überanstrengung beim Handschriftenstudium bedingte nervliche Krise, vor allem aber eine als Folge eines Unfalls aufgetretene und in ihrer Schwere fehleingeschätzte Hüftluxation veranlaßten ihn – seine Vermögensverhältnisse ermöglichten es – sich für volle 13 Jahre nach Pforzheim als Privatgelehrter zurückzuziehen, wo er gelegentlich gehaltvolle, kurze Arbeiten, vor allem in der „Germania“ seines Lehrers Bartsch publizierte.
Erst auf Drängen von Wilhelm Braune habilitierte er sich, 42jährig, in Heidelberg in Deutscher Philologie, nachdem er zur Vorbereitung, 1894, mit seiner neun Jahre jüngeren Frau nach Heidelberg umgezogen war. Wiederum behandelte er mit äußerster Konzentration und Kürze sein Thema. Aus souveräner Quellen- und Methodenkenntnis vermochte er sprach- und literarhistorische Beobachtungen glücklich aufeinander zu beziehen und kam zu klaren, sicher wertenden Urteilen über seinen Gegenstand, die sein verstehendes Einlassen auf den Text ebenso zeigen wie gleichzeitig seine unbestechliche kritische Distanz. Zwölf Jahre war er Privatdozent und (seit 1901) außerordentlicher Prof. in Heidelberg, dann folgte er, 54jährig, einem Ruf nach Greifswald, das er nach der Emeritierung, 1924, wieder mit Heidelberg vertauschte.
Ehrismann wurde Geheimrat und Mitglied der drei Akademien Berlin, Göttingen und München.
Es ist charakteristisch für ihn und gibt seiner selbständigen Forschungsarbeit in seinen reifen Jahren ihr zentrales Thema und ihr Gewicht, daß er sich, in noch heute moderner Weise, der Wechselwirkung und gegenseitigen Erhellung von Literatur und Gesellschaft zuwandte und dabei schon den Systemgedanken bei gesellschaftlichen Erscheinungen in den Vordergrund stellte, mit allen Vorzügen, aber auch manchen Nachteilen struktureller Sicht in den Geschichtswissenschaften, die zum Schematischen verführen kann.
Solche Studien galten z. B. dem mittelalterlichen Anredesystem („Duzen und Ihrzen im Mittelalter“ [1900, 1904]; „Die Worte für ,Herr' im Althochdeutschen“ [1905]), dem mittelalterlichen Tugendsystem („Die Grundlagen des ritterlichen Tugendsystems“ [1919]; vgl. auch „Über Wolframs Ethik“ [1908] mit einer bis in die Gegenwart fortgesetzten Diskussion, Eifler [1970]) und wandten sich in den Renner-Studien dem mittelalterlichen Wissenssystem zu („Heinrich von Trimbergs Renner und das mittelalterliche Wissenschaftssystem“ [1920]).
Das sonstige Philologenwerk, etwa große Editionen wie die des Renner (1908-11) und der Weltchronik des Rudolf von Ems (1915), regelmäßige Literaturberichte, die Neubearbeitung der Mittelhochdeutschen Grammatik von Karl Weinhold sowie zahlreiche Besprechungen erledigte er zuverlässig und mit großer Ausdauer.
Von 1918 bis 1934 publizierte er als Hauptwerk eine ebenso material- wie aspektreiche vierbändige Geschichte des deutschen Schrifttums des Mittelalters, die er „als ein Stück Entwicklungsgeschichte des geistigen Lebens des deutschen Volkes“ auffaßte. Sie ist ebenso gut lesbar wie für die Zeit in ihrer interdisziplinären Sicht vorbildlich. Ihre leitenden Grundsätze faßte er wiederum unter den Systemgedanken (Band 2.1, S. V), der ihn dazu brachte, sich mit sechs Einstellungen/Forschungsweisen – der philologischen, historischen, psychologischen, ästhetischen, ethischen und metaphysischen – der mittelalterlichen Literatur zu nähern, von denen jede „nur einen Teil des beobachteten Gegenstandes“ beleuchte, so daß „alle zusammen zur Erklärung angewendet werden“ müssen, weil erst „ihre Vereinigung zu einer allseitigen Erkenntnis führen kann“ (ebd.).
Ehrismann war ein „unpolitischer“ Mensch, der gerne in der Stille arbeitete und sogar Universitätsämter wie die des Dekans und des Rektors von sich wies.
Zeitlebens hielt er Kontakt zu seiner (schlagenden) Heidelberger Verbindung Rupertia, in die er gleich bei Studienbeginn eintrat und in der er den Kneipnamen Knopf führte. Es kennzeichnete aber auch den Waffen-Studenten Ehrismann, daß er einen kleinen literarisch interessierten Diskussionskreis aus Ruperten um sich versammelte.
Nur etwas „gebrochen“ als fremdes Zitat erscheint so auch seine zweimalige „politische“ Berufung – 1918 und 1934 – auf die „Pflege heimatlicher Empfindungen und vaterländischen Sinnes“ als Grundlage seiner Arbeit.
1914 hoffte der Idealist und Protestant auf die Erhaltung des Friedens durch den Kaiser, damit die wissenschaftliche Arbeit fortgesetzt werden könne und sagte zu seinen Studenten nur: „Wenn es denn sein muß, ziehen Sie hinaus mit Gott“ (Gülzow 1943), als andere rauschhaft den Krieg feierten und lauthals den baldigen Sieg verkündeten.
Und noch einmal hatte der 79jährige Unpolitische unglücklich auf eine Obrigkeit vertraut, als er (im Vorwort zum letzten Band der Literaturgeschichte) das schon genannte Zitat über die „Pflege heimatlicher Empfindungen und vaterländischen Sinnes“ mit dem „Geist des neuen Aufschwungs, den das Deutschland der Gegenwart unter starker Führerhand genommen hat“ in Verbindung sah.
Werke: (in Auswahl): Das Handschriftenverhältnis des Renner, in: Germania, 30, 1885, 129-152; Untersuchungen über d. mittelhochdt. Gedicht von der Minneburg (Habilitationsschrift), Heidelberg 1897 (Sonderabdruck in: Beiträge z. Gesch. d. dt. Sprache u. Literatur, 22, 1897, 257-341); Duzen und Ihrzen im Mittelalter, in: Zs. f. dt. Wortforschung, 1, 1900 bis 1904; Die Worte für „Herr“ im Althochdeutschen, in: ebd., 7, 1905, 173-202; Über Wolframs Ethik, in: Zs. f. dt. Altertum, 49, 1908, 405-465; Der Renner des Hugo von Trimberg, Tübingen 1908-1911; Kleine mittelhochdt. Grammatik von Karl Weinhold, Wien u. Leipzig 1912; Rudolfs von Ems Weltchronik, in: Dt. Texte d. Mittelalters, 20, Berlin 1915; Die Grundlagen d. ritterl. Tugendsystems, in: Zs. f. dt. Altertum, 56, 1919, 137-216; Geschichte d. dt. Literatur bis z. Ausgang d. Mittelalters, München 1918-1934; Hugo von Trimbergs Renner u. d. mittelalterl. Wissenschaftssystem, in: Aufsätze z. Sprach- u. Literaturgesch., Dortmund 1920, 211-236.
Nachweis: Bildnachweise: Foto in: vgl. Lit.: E. Gülzow 1943 und O. Ehrismann 1986/87.

Literatur: P. Merker u. W. Stammler (Hgg.), Vom Werden d. dt. Geistes. FG. G. Ehrismann, Berlin u. Leipzig 1925; E. Gülzow, Unserem Lehrer G. Ehrismann z. Gedächtnis, München 1943; E. R. Curtius, Das ritterliche Tugendsystem, in: DVjS, 21, 1943, 343-368; ders. in: Europ. Literatur u. latein. Mittelalter, 1946, 510 ff.; E. Neumann, Der Streit um d. „ritterl. Tugendsystem“, in: Wirkendes Wort, 1. Sonderh., 1953; NDB 4, 1959; G. Eifler, Ritterl. Tugendsystem, Darmstadt 1970; O. Ehrismann, Der Germanist G. Ehrismann – Sohn Pforzheims, Prof. in Greifswald, in: Blickpunkt Pforzheim, Winter 1986/87, 38-41.
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