Weismann, Julius 

Geburtsdatum/-ort: 28.12.1879;  Freiburg i. B.
Sterbedatum/-ort: 22.12.1950;  Singen (Hohentwiel)
Beruf/Funktion:
  • Komponist
Kurzbiografie: 1891-1892 Kompositionsschüler bei Josef Rheinberger in München
1893-1895 Klavierunterricht bei Hermann Dimmler (Lisztschüler) in Freiburg i. B.
1896-1898 Sprachstudien in Lausanne, erste Kompositionen
1898-1899 Kompositionsschüler bei Heinrich von Herzogenberg in Berlin, 1899-1902 bei Ludwig Thuille in München
1902 Freischaffender Komponist in München, ab 1906 in Freiburg i. B. und Bad Schachen, auch Pianist und Dirigent
1914-1918 Kriegsdienst (Krankenpflege, Vermißtenfürsorge)
1929 Mitglied der Preußischen Akademie der Künste
1930 Beethoven-Preis der Akademie; Gründung des Freiburger Musikseminars (mit Erich Doflein), der späteren Musikhochschule, Leiter der Meisterklasse für Klavier
1936 Professor
1939 Ehrenbürger von Freiburg, Bachpreis der Stadt Leipzig
1939 Übersiedlung nach Nußdorf (Bodensee)
1941 Aufgabe der Lehrtätigkeit
1950 Ernennung zum Prof. durch das Land Baden
1954 Gründung des Julius Weismann-Archivs in Duisburg
Weitere Angaben zur Person: Religion: ev.
Verheiratet: 1902 München. Anna, geb. Hecker (1871-1953)
Eltern: Vater: August Friedrich Leopold Weismann (1834-1914), Zoologe, Erbforscher, Begründer des Neodarwinismus
Mutter: Mary, geb. Gruber (1848-1886)
Geschwister: 4
Kinder: Carl August (1904-1990)
Ursel (geb. 1910)
GND-ID: GND/118806548

Biografie: Horst Ferdinand (Autor)
Aus: Badische Biographien NF 4, 314-317

„Wohl erkannte ich klar, daß alles, was ich bisher an Musik gemacht hatte, wenig bedeutete. Aber ein Zweifel an meinem Weg ist mir nie gekommen“, schrieb der siebzigjährige Komponist im Blick auf seine Jugend, und die selbstverständliche Gewißheit, daß er einzig und allein zum Komponisten und zu nichts anderem bestimmt sei, hat ihn denn auch zu keinem Zeitpunkt seines Lebenswegs verlassen. Eine zweite Konstante der Persönlichkeit Weismanns war seine fast chthonische Beziehung zu der ihn umgebenden Natur, jene „correspondance mystérieuse entre la nature et P'imagination“ (Claude Débussy), die geheimnisvolle Beziehung zwischen den Wunderwerken der Natur, bei Weismann den Alpen oder dem Schwarzwald, und den gestalterischen Formkräften des „Notenschreibers“ (Weismann). Ein drittes Lebenselement sei kurzgefaßt mit „Einsamkeit“ umschrieben; „in den weiten Landschaften der Seele ist Weismann zuhause“, schrieb ein Rezensent.
Der lange erwartete erste und einzige Sohn wurde, nach vier Schwestern, in die Harmonie eines glücklichen Familienlebens hineingeboren. Die Eltern, der berühmte Gelehrte und seine kunstsinnige Ehefrau, verkörperten im besten Sinne das Bildungsbürgertum des 19. Jahrhunderts. Der kleine Bub konnte noch, unter dem Flügel liegend, erste Eindrücke vom gemeinsamen Musizieren der Eltern sammeln, aber da traf ihn schon der erste Schicksalsschlag: die Mutter starb mit 38 Jahren. Ein zweites Ereignis – so banal es auch war – hat den jungen Weismann schwer gezeichnet; die Folgen eines Sonnenstichs riefen immer wiederkehrende quälende Kopfschmerzen hervor, die es dem Heranwachsenden, der mit neun Jahren den ersten Klavierunterricht erhalten hatte, jahrelang unmöglich machten, von Noten zu spielen. So sah er sich schon früh zum Improvisieren gezwungen, und dies bestimmte die spätere Kompositionstechnik; er hat nie am Klavier, sondern immer im Freien, auf Berggipfeln und Hochsitzen, komponiert. Die Folgen des fatalen Sonnenstichs machten aber auch einen kontinuierlichen Schulbesuch unmöglich. Der verständnisvolle Vater, sein bester Freund, schickte ihn zur Genesung in die Bergwelt des Engadin, und so wurden Sils Maria und die Alpen zur allsommerlichen zweiten Heimat. Über erste kompositorische Versuche vermerkte der Vater: „Geradezu wunderbar ist es, wie das alles von selbst fließt, als ob er es längst ausgedacht hätte, ohne Zögern, ohne jedes Irren und mit großer Sicherheit.“ Erste Grundlagen des kompositorischen Handwerks wurden in der Talentschmiede des gestrengen Josef Rheinberger in München gelegt. Das folgende Studium an der Königlichen Hochschule für Musik in Berlin war jedoch ein Fehlschlag; die „musikalisch-überhebliche, akademisch verbrämte – und verbrahmste – Atmosphäre“ (Weismann) dort ließ keine gedeihliche Weiterentwicklung zu. Aber drei angespannte Arbeitsjahre bei Ludwig Thuille in München führten zu grundlegender Fundierung der kompositorischen Technik. Aus der „neudeutschen“ Sphäre wußte sich Weismann sachte zu lösen und wurde ein Eigener.
Der 23jährige sah seine Ausbildung als abgeschlossen an, heiratete und ließ sich als Komponist in München nieder. Nach drei Jahren dort – und fleißigem Komponieren – überkam ihn aber das „Stadtgefühl“, und die kleine Familie siedelte ins heimatliche Freiburg über, wo in rascher Folge Werk auf Werk entstand. Eine ausgedehnte Konzerttätigkeit und Aufführungen der Werke des jungen Komponisten in Berlin, München, Köln etc. bestätigten die wachsende Reputation.
Da brach der erste Weltkrieg aus. Weismann tat als Krankenträger bis zum Frühjahr 1915 in Conflans (Vesoul) Dienst; ein Herzleiden erzwang die Entlassung. Nach dem Tod des geliebten Vaters (1914) zog die inzwischen vierköpfige Familie in das Elternhaus in der Stadtstraße. Im Herbst 1915 gab Weismann nochmals eine kurze militärische „Gastrolle“ als Dirigent der Bataillonsmusik in Heitersheim, den Rest des Krieges verbrachte er im Dienst der Vermißtenfürsorge. Diese Tätigkeit erlaubte die Fortsetzung der kompositorischen Arbeit.
Die Zwanzigerjahre waren, auch vom äußeren Erfolg her, die wohl fruchtbarste Periode des Komponisten. Fünf Opern entstanden in zehn Jahren: „Schwanenweiß“ (nach Strindberg, Uraufführung in Duisburg 1923), „Traumspiel“ (nach Strindberg, Duisburg 1925), „Leonce und Lena“ (nach Büchner, Freiburg 1925), „Regina del Lago“ (nach Cale, Karlsruhe 1928), „Die Gespenstersonate“ (nach Strindberg, München 1930). Akademiemitglied, Beethovenpreis waren die äußeren Zeichen der Anerkennung dieser gewaltigen Arbeitsleistung, die umso höher zu veranschlagen ist, als in der Inflation das Familienvermögen verloren gegangen war und Weismann sich erstmals vor die Notwendigkeit gestellt sah, durch Klavierunterricht, vermehrte Konzerttätigkeit und Teilvermietung der Villa in der Stadtstraße den Lebensunterhalt der Familie zu sichern. 1939 errang er mit der „Pfiffigen Magd“ (nach Holberg, Leipzig) seinen wohl größten Erfolg. Die Oper wurde auf den meisten deutschen Bühnen gespielt. Der Bachpreis und die Ehrenbürgerwürde der Heimatstadt bestätigten den Platz Weismanns in der vordersten Reihe des zeitgenössischen Musiklebens.
Die dem Zusammenbruch folgenden Hungerjahre verschlechterten den sowieso schon labilen Gesundheitszustand, in den letzten vier Jahren seines Lebens war Weismann fast immer leidend. Eine unerwartete Begegnung wurde für ihn am Abend seines Lebens zu einer besonderen Freude: die Familie Wagner hatte es bei Kriegsende von Bayreuth nach Nußdorf verschlagen, und mit dem Enkel Wieland, dem späteren Erneuerer der Festspiele, schloß er Freundschaft. Davon zeugt das von Wieland gemalte Ölporträt Weismanns (siehe Bild). Es kam sogar noch eine Reise nach Bayreuth zustande. – 1945 wurde Weismann, „in dessen Werken die Stadt (Freiburg) und ihre Landschaft Ton und Klang wurden“ (Ehrenbürgerbrief), vorläufig aus der Ehrenbürgerliste gestrichen, im Hinblick auf eine ihm „von vielen verübelte“ (Franz Schneller) „Sommernachtstraum“-Musik, die, neben anderen, als „Ersatz“ der Mendelssohnschen gespielt wurde. Die Zusage der Stadt, Weismann wieder in die Liste einzutragen, ist bis heute noch nicht eingelöst.
Bei einem auch nur summarischen Überblick über das Lebenswerk des Komponisten fällt zuerst die Vielzahl der musikalischen Gattungen und Ausdrucksformen ins Auge: 6 Opern, 3 Ballettmusiken, 14 Orchesterwerke, 13 Werke für Soloinstrumente und Orchester, 40 Kammermusikwerke, 46 Klavierkompositionen, 1 Orgelfuge, 36 Liedzyklen, 2 Liedzyklen mit Orchester, 18 Chorwerke hat er komponiert, einzig die Kirchenmusik fehlt. Schon diese Aufzählung spricht von dem immensen handwerklichen Können Weismanns, seinem Verständnis für die Möglichkeiten des der jeweiligen Komposition angemessenen Einsatzes der Orchesterinstrumente und der menschlichen Stimme. Bei dem Bemühen, die Entwicklung des Komponisten und die Struktur seiner Werke zu erfassen, kann die Periodisierung Franz Hirtlers hilfreich sein: Man kann in der Tat von einer „naiven“ Periode ausgehen (1905-1919), an deren Beginn sein Schaffen den großen Romantikern wesentliche Anregungen verdankt, danach wird jedoch der vom französischen Impressionismus ausgehende Einfluß mehr und mehr spürbar. Ob Weismann allerdings der „deutsche Debussy“ genannt werden darf? Sicher zog ihn das Schimmernde, Schwebende, die unvergleichliche Verschleierung der Tonalität Debussys an, aber seiner symbolistischen Poetik stand der „alemannische Spielmann“ (Hanns Reich) doch eher reserviert gegenüber, wenn es durchaus auch bei ihm eine stärkere Chromatisierung, die Virtuosität des zarten Andeutens und die unmerklichen harmonischen Übergänge gibt. Aber es bleibt alles im Bereich des akkordisch klar Definierbaren, und die Dissonanz wird mit altmeisterlicher Behutsamkeit eingeführt. – Die zweite Periode (1919-1938) ist dem Opernschaffen gewidmet, und ihr verdankt Weismann wohl das Klischee „Spätromantiker“. Davon ist so viel richtig, daß seine Opernstoffe in der der Oper nun einmal eigenen romantischen Sphäre angesiedelt sind: aber die Variabilität der angewandten Stilmittel, mehr aber noch die Werke der dritten Periode (ab 1939) verbieten eine solche Abstempelung. Im letzten Jahrzehnt seines Lebens kehrt der Künstler zum strengen polyphonen Stil zurück, und sein Werk gipfelt in dem monumentalen „Fugenbaum“.
Sucht man in den über 150 Opera nach einem sie alle zusammenbindenden Erkennungsmerkmal, so könnte man die Autonomie des melodischen Einfalls als ein solches allen Kompositionen eigenes Markenzeichen einführen. Da wird nichts künstlich aus Röhren heraufgepumpt; schon der Vater Weismann spricht von der „Innerlichkeit der stets frei fließenden Erfindung, die einfach der musikalische Ausdruck seines Wesens ist“. Hinzu tritt die in langen Jahren gewachsene Beherrschung der musikalischen Form, wie sie etwa in der Kammermusik, bei den Klavierkompositionen besonders in den Inventionen zum Ausdruck kommt: „Seit Bach ist die Invention nicht mehr mit solchem Verantwortungsbewußtsein gepflegt worden“ (Walter Georgii). Das gesamte, vielfach von tänzerischen Motiven ausgehende Klavierwerk Weismanns ist von der zitierten geheimnisvollen Verbindung zwischen Natur und individueller schöpferischer Kraft geprägt, die Leichtigkeit und klare Gliederung des Satzes atmen die reine Bergluft, in der diese Kompositionen entstanden – „Seine Seele sang im Lied“ (Hanns Reich), dessen musikalische Spannungsbögen sich vom Volks- und Kinderlied über Eichendorff und Heine bis zu der vibrierenden Gedankenlyrik eines Rilke oder Tagore und dem artifiziellen Impressionismus des unglücklichen Cale erstrecken. Vielfach war Weismanns Ehefrau die berufene Erstinterpretin seiner Lieder. – Wie es Weismann verstand, die von Zwiespalt, qualvoller Zerissenheit und Sarkasmus bestimmte Gedankenwelt seiner Autoren Strindberg und Büchner in Harmonie und Versöhnung umzuschmelzen – mit dem Adel seines Klangzaubers vor allem, aber auch mit vorsichtigen Eingriffen in den Text –, hat der geniale Uraufführungsregisseur Saladin Schmitt beschrieben: „Die Menschen werden dazu gebracht, Verständnis für den Menschen und damit Mitleid zu empfinden.“ „Die pfiffige Magd“ ist zurecht in die Nähe des „Barbier von Sevilla“ gerückt worden.
Das imponierende Lebenswerk des Komponisten hütet das J. Weismann-Archiv in Duisburg und bewahrt es vor dem Vergessenwerden. Mit einiger Regelmäßigkeit stattfindende Wiedergaben der Weismannschen Kompositionen im Rundfunk und Konzertsaal, bis hin zu neuesten CD-Produktionen, sprechen für Lebenskraft und nicht auf die Lebenszeit des Komponisten begrenzte Gültigkeit seiner Werke. Der Platz Weismanns in der Musikgeschichte unseres Jahrhunderts ist unbestritten.
Quellen: Mitteilungen von Frau Ursel Küppers-Weismann, Duisburg. – Ungedrucktes Manuskript: Ursel Küppers-Weismann, Ich erinnere mich (22 S., Duisburg 1989).
Werke: Vollständiges Werkverzeichnis: J. Weismann, 1879-1950, Werkverzeichnis, hrg. vom J. Weismann-Archiv e. V., Duisburg, erstellt von Ursel Küppers-Weismann und Wilm Falcke, Vorwort von Franz Hirtler (Neuauflage des Verzeichnisses von 1955, o. J.).
Nachweis: Bildnachweise: Ölgemälde von Wieland Wagner in MGG Bd. 14 Sp. 431-432 (Original im J. Weismann-Archiv Duisburg); Fotos in Ekkhart 1960, 92-93; Foto J. Weismann und Wieland Wagner in Bayreuth 1950, in: Franz Hirtler. J. Weismann (siehe Lit.).

Literatur: Eine vom J. Weismann-Archiv hrsg. Bibliographie „Aufsätze und Vorträge über J. Weismann, erstellt von Ursel Küppers-Weismann und Wilm Falcke“ (o. J.), nennt 133 Veröffentlichungen; Auswahl: Erich Doflein, J. Weismann, Gesammelte Beiträge über Persönlichkeit u. Werk, 1925; Wilm Falcke, J. Weismann, in: MGG Bd. 14 Sp. 430-434; Franzpeter Goebels, Das Klavierwerk von J. Weismann in neuer Sicht, hg. vom J. Weismann-Archiv unter Mitarbeit von Wilm Falcke, 1968 (grundlegende Studie); Friedrich Herzfeld, J. Weismann u. seine Generation, hg. vom J. Weismann-Archiv, 1965; Franz Hirtler, Zum 100. Geb. von J. Weismann, in: Duisburger Forschungen Bd. 27, 1979; Karl Laux, J. Weismann, Meister d. Klangs, Meister d. Form, in: Mein Heimatland Heft 3, 300-302, 1937; Hans Joachim Moser, J. Weismann, in: Musica Heft 6, 1955; Otto C. A. zu Nedden, Das Werk Weismanns in unserer Zeit, in: Duisburger Forschungen Bd. 35, 1981; Hahns Reich, Der alemann. Spielmann, in: Kulturblätter d. Stadt. Bühnen Duisburg Jg. 2 Heft 5, 1951; Saladin Schmitt, Zur Uraufführung von J. Weismanns Oper „Traumspiel“, in: Das Prisma, Blätter d. Vereinigten Stadttheater Duisburg-Bochum, 1. Jg. Heft 31, 1929/30; Franz Schneller, J. Weismann, der Mensch u. Künstler, in: Ekkhart 1960, 85-93; Erica Stuber, Zu d. Erstaufführung „Regina del Lago“, in: Freiburger Theaterblätter Heft 35, 1927/28; Wieland Wagner, J. Weismann, Zu s. 70. Geb., in: Neue Musikzeitschrift Nr. 12, 1949. Ergänzend: Fred K. Prieberg, Musik im NS-Staat, 1982, 150-155; Horst Ferdinand (Hg.), J. Weismann (1879-1950), Das Fernrohr (Autobiographie), BH 4/1991 679-713.
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