Ehrhardt, Hermann Georg Hellmuth 

Geburtsdatum/-ort: 29.11.1881;  Diersburg (Ortenaukreis)
Sterbedatum/-ort: 27.09.1971; Brunn am Walde bei Krems (Niederösterreich)
Beruf/Funktion:
  • Marineoffizier, Freikorpsführer
Kurzbiografie: 1899 Seekadett
1902 Leutnant zur See
1904 Teilnahme an den Kämpfen in Deutsch-Südwestafrika
1905 Oberleutnant
1909 Kapitänleutnant
1914 Chef der 20. Torpedo-Halbflottille, 1916 Chef der 9. Torpedoflottille
1917 Korvettenkapitän
1919 Gründung der „Brigade Ehrhardt“ in Wilhelmshaven, Einsätze in Braunschweig, München, Berlin und Oberschlesien
1920 Kapp-Putsch, Auflösung der Brigade, Gründung von Nachfolgeorganisationen
1923 9. 11. Hitler-Putsch in München, Flucht
1925 Amnestie
1933 26. 8. Unterstellung der „Brigade“ unter die SS
1934 30. 6. Röhm-Putsch, Flucht
1944 Nach dem 20. 7. Verhaftung, bis Herbst gefangen in Neuruppin
1948 17. 2. Österreichischer Staatsbürger
Weitere Angaben zur Person: Religion: ev.
Verheiratet: 2. 1927 Prinzessin Margaretha Viktoria Pauline Dorothea Luise Helene von Hohenlohe-Oehringen
Eltern: Vater: Georg Ehrhardt, Pfarrer
Mutter: Marie Elisabeth geb. Wießler
Geschwister: 2
Kinder: 4 (2 aus erster, 2 aus zweiter Ehe)
GND-ID: GND/118819860

Biografie: Horst Ferdinand (Autor)
Aus: Badische Biographien NF 3, 72-75

Ehrhardts Name war einer der meistgenannten in der jungen Weimarer Republik. Mit dem von ihm geführten Freikorps „Brigade Ehrhardt“ war der persönliche Nimbus ihres Kommandeurs untrennbar verbunden; später entstand aus diesem Ruhmesglanz und dem Korpsgeist der Brigade eine regelrechte Legende.
In der Jugend des in der Nähe von Offenburg geborenen Pastorensohns deutete nichts auf die außergewöhnlichen Situationen hin, denen er sich später gegenübersehen sollte. Er war ein Lausbub wie andere auch, der „Schrecken von Tanten und Lehrern“, wie berichtet wird. Daß er es allerdings in der vom Gottesgnadentum des Souveräns und vom Untertanengehorsam geprägten wilhelminischen Ära wagte, einem seiner Lehrer aus verletztem Ehrgefühl eine Ohrfeige zu verabreichen, war wohl ungewöhnlich und führte das jähe Ende seiner Schulzeit herbei. Er fand sich in der strengen Zucht der kaiserlichen Marine wieder, in der er, ausgestattet mit einem widerstandsfähigen Nervenkostüm und beachtlichen Muskelkräften, die vorgeschriebenen Karrierestationen absolvierte. Bei Kriegsausbruch hatte er wegen der „Schärfe seines Blicks, der Schnelligkeit seiner Entschlüsse und der ganzen konzentrierten Energie seines Wesens“ bereits einen bekannten Namen in der Marine und zeichnete sich in der Seeschlacht am Skagerrak besonders aus. Mit 36 Jahren war er Korvettenkapitän.
Nach der Revolution am 9. November 1918 trat die Reichsregierung vielfältigen kommunistischen Umsturzversuchen vor allem mit Hilfe der Freikorps entgegen. Ehrhardt wurde am 17. Februar 1919 beauftragt, eine „Marinebrigade Wihelmshaven“ aufzustellen, nachdem dort eine kommunistische Gruppe öffentliche Gebäude besetzt und eine Räterepublik ausgerufen hatte. Mit dem geglückten Sturm auf die „Tausend-Mann-Kaserne“ wurde der Ruhm der Brigade Ehrhardt begründet. Sie beseitigte danach in Braunschweig einen ähnlichen Unruheherd und setzte vom 30. April bis 2. Mai 1919 der kommunistischen Münchener Räterepublik ein Ende. Weitere Einsätze in Berlin und Oberschlesien festigten den elitären Ruf der Brigade, die durch stramme militärische Disziplin, aber auch durch enge persönliche Bindung an den beliebten Truppenführer Ehrhardt zusammengehalten wurde.
Anfang der zwanziger Jahre war Ehrhardt als kompromißloser Gegner des „Parteienstaats“ an beiden Umsturzversuchen von rechts, dem Kapp- und dem Hitler-Putsch, in verschiedener Funktion beteiligt. Beim ersteren schlug in der Nacht zum 12. März 1920 seine Sternstunde – er verschlief sie im Wortsinn. Als sich nämlich im Frühjahr 1920 die Möglichkeit eines Staatsstreichs von rechts abzeichnete, wurde die Brigade Ehrhardt zum Schutz der Reichsregierung auf deren Veranlassung nach Döberitz verlegt – und eben diesen Truppen gab der Mitverschwörer Kapps, General von Lüttwitz, in der genannten Nacht den Befehl zum Marsch auf Berlin, um die verfassungsmäßige Reichsregierung zu stürzen. Ehrhardt akzeptierte den ihm erteilten Befehl des Verschwörergenerals und setzte seine 4 000 Mann starke Truppe in Richtung Berlin in Marsch, um dieselbe Regierung zu verhaften, zu deren Schutz er beordert worden war! Er selbst aber „haute sich“ in dieser alles entscheidenden Stunde „aufs Ohr“, offenbar erschöpft von den Putschvorbereitungen, und wurde im Schlaf von den Emissären der Reichsregierung aufgeschreckt. Er ließ sich auf Verhandlungen ein, stellte ein Ultimatum, dem bis in die frühen Morgenstunden entsprochen werden sollte, und stoppte den Marsch der Brigade für die Dauer des Ultimatums. Damit war der beabsichtigte Handstreich vereitelt; die Reichsregierung gewann Zeit zur Flucht nach Dresden und später Stuttgart, von wo aus sie Gegenmaßnahmen ergreifen konnte.
Nach der solchermaßen unterbrochenen Siesta und der ihm um 7 Uhr mitgeteilten Ablehnung des Ultimatums setzte Ehrhardt seine Truppe wieder in Marsch. Am Brandenburger Tor ermunterte er Kapp, die Regierung zu übernehmen: „Nun fangen Sie aber auch an zu regieren!“ Aber daraus wurde nichts, obwohl mehrere wichtige Verwaltungszentren, darunter auch die Reichskanzlei, von den Ehrhardt-Truppen besetzt worden waren. Ein von der Reichsregierung ausgerufener Generalstreik, aber auch die Verfassungstreue der Beamtenschaft ließen den Putsch nach wenigen Tagen wie ein Kartenhaus zusammenbrechen. Ehrhardt floh nach Bayern, dann nach Ungarn. Die Brigade wurde im September 1920 aufgelöst; Teile wurden von der Reichsmarine übernommen. Weitere Brigademitglieder setzten deren Tätigkeit unter Tarnbezeichnungen fort.
Am 29. November 1922 wurde Ehrhardt in München verhaftet, wo er bei seiner späteren zweiten Frau unter falschem Namen als Geschäftsführer einer Präzisionsglasschleiferei lebte. Er wurde nach Leipzig verbracht, wo er wegen Hochverrats vor das Reichsgericht gestellt werden sollte. Am 13. Juli 1923 wurde er jedoch von ihm ergebenen Offizierskameraden aus dem Gefängnis befreit und verschwand in Richtung Bayern-Tirol.
Auch der zweite Putsch mit dem Ziel einer Rechtsdiktatur scheiterte. Der Rädelsführer war diesmal von anderem Kaliber als der Generallandschaftsdirektor Kapp: sein Name war Adolf Hitler. Mit ihm hatte sich Ehrhardt zu Beginn des Jahres 1923 wegen eines Marschs auf die Reichshauptstadt und der Errichtung einer Diktatur in Verbindung gesetzt. Dabei konnte aber eine Einigung über die Strategie nicht erzielt werden. Ehrhardt lehnte deshalb eine weitere Zusammenarbeit mit Hitler und Ludendorff ab, zumal da er Zweifel hatte, ob er bei den Putschplänen den ihm nach seiner Meinung gebührenden Platz erhalten werde. Der zwielichtige bayrische Generalstaatskommissar von Kahr ließ den vom Reichsgericht mit Haftbefehl gesuchten Hochverräter Ehrhardt mit dem Auto in Tirol abholen und beauftragte ihn, eine aus „alten Brigadeangehörigen und neuem Zulauf zusammengesetzte „Notpolizei“ aufzustellen, die die bayrisch-thüringische Grenze gegen angeblich von Norden drohende kommunistische Überfälle schützen sollte. Gleichzeitig sollten diese Truppen nach dem Willen von Kahrs aber auch den geplanten Aufmarsch gegen Berlin sichern. Anfang November 1923 wartete Ehrhardt in Franken mit seiner 5 000 Mann starken Streitmacht – in der es übrigens Tendenzen gab, Ehrhardt selbst zum Diktator auszurufen – auf Kahrs Order für den Marsch nach Norden, „als Hitlers Separataktion die ganzen Karten durcheinanderwarf“. Nach den blutigen Ereignissen des 9. November 1923 in München löste sich Ehrhardts Kontingent auf. Für dessen Einsatz hatte bei Ehrhardt ohnehin nur geringe Neigung bestanden, da sein Gegner die Reichswehr gewesen wäre, und „Truppe schießt nicht auf Truppe“ hatte General von Seeckt schon beim Kapp-Putsch erklärt. Wieder einmal begab sich Ehrhardt auf die Flucht nach Österreich. Die Hindenburg-Amnestie des Jahres 1925 ermöglichte die ungehinderte Rückkehr ins Reich.
Ein besonders düsteres Kapitel in der Biographie Ehrhardts stellen die nach Auflösung der Brigade gegen Ende des Jahres 1920 gegründeten Ersatzorganisationen dar: die „Organisation Consul“ bzw. nach deren Auflösung der im Jahre 1923 gegründete „Bund Wiking“. Diese Geheimbünde erwiesen sich im hinterhältigen Kampf gegen die Weimarer Demokratie als besonders unheilvolle Elemente und sind für eine Reihe von Fememorden verantwortlich: an Kurt Eisner, Matthias Erzberger, Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg, Walther Rathenau und anderen. Philipp Scheidemann entging dem Anschlag. Ob Ehrhardt diese Morde persönlich anzulasten sind, ist zweifelhaft; in den Fällen Rathenau und Erzberger hat er immer energisch die Urheberschaft bestritten. Aber ohne die schillernde Zugkraft seines Namens war die Entstehung der Nachfolgeorganisationen der Brigade Ehrhardt gar nicht denkbar.
In den dreißiger und vierziger Jahren taucht sein Name noch bei einigen spezifischen Anlässen auf, bevor sich die Spur des „Kämpfers, der sich einst stark genug fühlte, lediglich mit seinem heißen Herzen und der ungebändigten Kraft seines Willens das Deutsche Reich auf den Kopf zu stellen“, in der Anonymität eines niederösterreichischen Dorfs verliert: im Jahre 1933 unterstellte er die Reste seiner Brigade bzw. der Nachfolgeorganisationen dem Reichsführer SS – Hitler machte sich den legendären Ruf der Brigade eilfertig zunutze –, und beim Röhm-Putsch am 30. Juni 1934 entging Ehrhardt mit knapper Not dem Mordbefehl (zu Hitler soll er nach 1923 ein sehr distanziertes Verhältnis gehabt haben). Auch die letzte Flucht führte nach Österreich; für den Rest seines Lebens wurde ihm die niederösterreichische Donaulandschaft zur Wahlheimat. Im Zusammenhang mit den Ereignissen des 20. Juli 1944 wurde er einige Monate gefangengesetzt; aber die mittlerweile bejahrte Symbolfigur überlebte. 1948 wurde er österreichischer Staatsangehöriger, und als er 1971 als „Pensionist“ starb, kannten seinen einst berühmten Namen nur noch wenige.
Ehrhardt war zuerst und zuletzt Soldat und Monarchist; für die parlamentarische Demokratie hatte er nur Verachtung übrig. Seine Brigade führte schon im Jahre 1919 das Hakenkreuz am Stahlhelm, natürlich auch das schwar-zweiß-rote Band, niemals die offiziellen Reichsfarben. Ironie der Geschichte: dem Eingreifen der Freikorps ist es wesentlich zuzuschreiben, daß der bei diesen Verbänden verhaßte Weimarer Staat nach den Wirren der Revolution Fuß fassen konnte und die ersten schwierigen Jahre überlebte. Hierzu hat Ehrhardt seinen bedeutenden, ganz sicher aber ungewollten Beitrag geleistet. Er gehört zu den „Landsknechtsgestalten, in denen sich Vaterlandsliebe mit politischer Unreife und Idealismus mit Grausamkeit gegen politische Gegner verbanden, die sich nach Jahren an der Front nur schwer in geordnete Verhältnisse zurückfanden und versuchten, in den politischen Wehrverbänden die Kameradschaft und das Führerprinzip ihrer Frontkameradschaft zu pflegen und zu bewahren“ (W. Gatzke).
Werke: Deutschlands Zukunft – Aufgaben und Ziele (München 1921).
Nachweis: Bildnachweise: in Könnemann-Krusch S. 9.

Literatur: W. Gatzke, Das 20. Jh., in: Propyläen Weltgeschichte, hg. von G. Mann und A. Heuss, Frankfurt a. M., Berlin 1976, 344; Gabriele Krüger, Die Brigade Erhardt, mit ausführlichem Literaturverzeichnis, Hamburg 1971; Junius Alter (Pseudonym), Nationalisten – Deutschlands nationales Führertum der Nachkriegszeit Leipzig 1930, (daraus die in Anführungszeichen gesetzten Passagen); John Dornberg, Hitlers Marsch zur Feldherrnhalle, München 1983; Erwin Könnemann und Hans-Joachim Krusch, Aktionseinheit gegen Kapp-Putsch, Ost-Berlin 1980.
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