Curtius, Theodor Julius Wilhelm 

Geburtsdatum/-ort: 27.05.1857; Duisburg
Sterbedatum/-ort: 08.02.1928;  Heidelberg
Beruf/Funktion:
  • Chemiker
Kurzbiografie: 1876-1877 Studium der Naturwissenschaften an der Universität Leipzig
1879-1880 Studium der Chemie bei Bunsen in Heidelberg
1882 26. Jul. Dr. phil. der Universität Leipzig
1883 Entdeckung des Diazoessigesters
1884-1886 Assistent am Chemischen Labor der Bayerischen Akademie
1886 Mär. Habilitation Universität Erlangen, ab April Privatdozent
1887 Entdeckung des Hydrazins
1889 Dez. ordentlicher Prof. an der Universität Kiel
1890 Entdeckung der Stickstoffwasserstoffsäure
1897 Apr. ordentlicher Prof. an der Universität Bonn
1897 ordentlicher Prof.; Direktor des chemischen Instituts der Universität Heidelberg ab 1. 4. 1898
1915-1925 Mitherausgeber des „Journals für praktische Chemie“
1918-1920 Präsident der Deutschen Chemischen Gesellschaft
1926 6. Mär. Abschiedsvortrag vor der Deutschen Chemischen Gesellschaft
1926 1. Apr. Rücktritt vom Amt
Weitere Angaben zur Person: Religion: ev.
Verheiratet: Unverheiratet
Eltern: Vater: Julius (1818-1885), Fabrikbesitzer
Mutter: Sophie, geb. Ohlenschlager (1828-1890)
Geschwister: 2:
Johann Friedrich (1850-1904)
Adam Wilhelm Otto (1851-1863)
Kinder: keine
GND-ID: GND/118908790

Biografie: Alexander Kipnis (Autor)
Aus: Badische Biographien NF 5, 49-51

Curtius entstammte einer nordrheinischen Industriellenfamilie und hatte von seinen Vorfahren Gründlichkeit, guten gesunden Verstand, die Fähigkeit der folgerichtigen Durchführung seiner Aufgaben sowie konservative Ansichten erworben. Schon als Kind wurde er durch die starke Persönlichkeit, aber auch durch die große chemische Fabrik seines Großvaters Friedrich beeindruckt. Einen anderen Eindruck in der Kinderzeit bildete die Musik, und nach Abschluss des humanistischen Gymnasiums in Duisburg 1876 schwankte Curtius während des ersten Studienjahres an der Universität Leipzig zwischen Chemie und Musik. Im Herbst 1877 nahm Curtius als „Einjährigfreiwilliger“ den Militärdienst beim noblen Regiment der Düsseldorfer Husaren auf und diente sich dort bis zum Oberleutnant der Reserve heran – ein Zeugnis seiner Neigung nicht nur zum Reiten, sondern auch zu preußischem Ordnungsgefüge.
Anschließend studierte er Chemie bei Bunsen in Heidelberg, unter dessen Einfluss sich Curtius der Chemie für immer verschrieb. Musik blieb seine Erholung; er spielte Klavier, sang und komponierte. Nach drei Semestern in Heidelberg kehrte er nach Leipzig zurück und konzentrierte sich hauptsächlich auf organische Chemie bei H. Kolbe und Ernst von Meyer; mit seiner Dissertation „Über einige neue der Hippursäure analog constituirte, synthetisch dargestellte Amidosäuren“ – er bestand das Doktorexamen mit summa cum laude – betrat er das Gebiet der organischen Stickstoffschemie, dem er lebenslang treu blieb. Kolbes Rat folgend, wofür Curtius immer Dankbarkeit fühlte, ging er sogleich nach München, um unter Adolf von Baeyer das genannte Gebiet weiter zu behandeln.
Die Zeit in München wurde für seinen wissenschaftlichen Weg bestimmend. Hier fand er im Frühjahr 1883 den ersten Vertreter der lange vergeblich gesuchten Klasse der sogenannten aliphatischen Diazokörper, nämlich den durch hohe Reaktionsfähigkeit ausgezeichneten Diazoessigester – eine wichtige Entdeckung, die dank seines seltenen experimentellen Könnens möglich wurde. Nach weiterer Beschäftigung mit dem Thema habilitierte sich Curtius in Erlangen, es gab keine Stelle für ihn in München, und ließ sich dort Ende des Wintersemesters 1885/86 als Privatdozent nieder. Nach seiner Probevorlesung „Der Einfluss der Synthese auf die Entwicklung der organischen Chemie im 19. Jahrhundert“ las er einen zweisemestrigen Kursus „Analytische Chemie“ sowie ausgewählte Kapitel aus der organischen Chemie (Benzolderivate u. a.) und leitete das chemische Praktikum für Mediziner. Hier gelang ihm seine zweite große Entdeckung im Verlauf seiner Erforschung der Diazoverbindungen: Er fand den anorganischen Stoff Hydrazin, den er in Deutschland und den USA patentieren ließ. Den Ruf in die USA an die Universität Worchester lehnte er jedoch ab, um den Lehrstuhl für Chemie an der Universität Kiel anzunehmen.
Die Experimentierkunst Curtius' erreichte in Kiel ihren Höhepunkt durch die Umwandlung des Hydrazins in Stickstoffwasserstoffsäure, einer gefährlichen Substanz, bei der ohne jede Veranlassung „unbeschreiblich heftige“ Explosionen eintraten: Eine Menge von 0,05g genügte, um die Versuchsanordnung zu Staub zu zerschmettern. Diese Entdeckung stellte Curtius dem Kriegministerium zur Verfügung; das Bleisalz der Stickstoffwasserstoffsäure wurde während des I. Weltkriegs für Sprengkapseln benutzt. 1897 ging Curtius als Nachfolger des berühmten A. Kekulé nach Bonn, aber schon im darauf folgenden Jahr – unzufrieden mit dem preußischen Kulturministerium, das die nötige Vergrößerung des chemischen Instituts verschob – folgte er dem Ruf der Universität Heidelberg, wo ein Neubau versprochen war. Dieser wurde 1901 beendet, wobei Curtius Einrichtungsprinzipien, die er schon in München entwickelt hatte, verwandte. Andere seiner Organisationsleistungen waren die Einführung der staatlichen Prüfung für Chemie („Verbandsexamen“), um den Bedürfnissen der chemischen Industrie entgegenzukommen, und die Erwirkung zweier Extraordinariate für organische und für physikalische Chemie. 1905 wirkte er als Prorektor und viermal, 1902/3, 1909/10, 1914/15 und 1920/21, als Dekan der Naturwissenschaftlich-Mathematischen Fakultät.
Unter Curtius als ordentlicher Professor und Direktor des chemischen Instituts promovierten seit 1890 mehr als 150 Männer zum Dr. phil. und habilitierten sich mindestens acht, alle in der organischen Stickstoffchemie.
In Heidelberg führte Curtius seine Methode der systematischen Gruppenarbeit bei der Lösung von Problemen seines Gebietes fort, die er in Kiel praktiziert hatte, und entwickelte sie bis Ende seiner Tätigkeit als neue effektive Form der Organisation wissenschaftlicher Forschung. Vier Fünftel von seinen knapp 250 Abhandlungen über Stickstoffchemie sind zusammen mit Mitarbeitern und Schülern publiziert; Artikel von drei bis elf Verfassern wurden zur Novität für die wissenschaftliche Literatur der Jahrhundertwende. Unter seinen weiteren Entdeckungen sind die Umlagerung von Säureaziden in Derivate alkylierter Amine (1893) am wichtigsten, was man heute als „Curtiusschen Abbau“ bezeichnet. Die zweite nach Curtius genannte Reaktion ist die „Azide-zu-Isocyanate Umlagerung“ (1913). In einem Abschiedsvortrag gab Curtius einen Überblick über seine Forschungen mit eigenen Demonstrationsexperimenten, den er 1925 in Freiburg, dann in Karlsruhe und im März 1926 in Berlin hielt. Seine Gründlichkeit spiegelte sich auch in seinen Reden und Aufsätzen über allgemeine Themen, z. B. über Bunsen, über V. Meyer u. a. Erholung fand Curtius außer in der Musik bei Bergtouren. Mitglied des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins seit 1880, wurde Curtius 1893 auch Gründer der Alpenvereinssektion Kiel und deren 1. Vorsitzender von 1894 bis 1896. Über seine Bergfahrten von 1883 bis 1892 schrieb er lebensvolle Berichte für das „Jahrbuch des Schweizer Alpenclubs“. Das Fehlen einer eigenen Familie ersetzte er, wie sein Nachfolger und Biograph Freudenberg sagte, durch „eine Art Hofstaat“ von Mitarbeitern und Schülern, aber auch durch die Freundschaft mit einigen Münchener Kommilitonen, besonders mit E. Buchner und Curtius Duisberg. Als „klar, durchsichtig, einheitlich und gründlich“, so hat letzterer die Persönlichkeit und Arbeit von Curtius gekennzeichnet. Ein Lebenswerk von Schönheit und Einheitlichkeit, nannte R. Wilstätter Curtius' Leistung.
Quellen: UA Leipzig, Rektor B 56, Rep. I/XVI/VIIC 38, Bd. 2; Phil. Fak B 128 b u. Prom. 2486; UA Heidelberg PA 3503; UB Heidelberg M 71 B 3070 u. B 411-100 Folio; Chronik d. Univ. Kiel für 1893/94-1896/97; Auskünfte des UA Erlangen vom 20.3. u. 12.4.1995.
Werke: Über einige neue d. Hippursäure analog constituirte, synthetisch dargest. Amidosäuren, (Diss. phil. Leipzig), 1882; Über Diazoverbindungen d. Fettreihe, Berr. d. Dt. Chem. Ges. 18, 1895, 1283-1293; Diazoverbindungen d. Fettreihe, eine neue Klasse von organischen Körpern, (Habil. München), 1886; Über das Diamid (Hydrazin), Berr. d. Dt. Chem. Ges. 20, 1881, 1632-1634; Über Stickstoffwasserstoffsäure (Azoimid) N3H, Berr. d. Dt. Chem. Ges. 23, 1890, 3023-3033; Umlagerung von Säureaziden, RCON3 in Derivate alkylierter Amine (Ersatz von Carboxyl durch Amid), Berr. d. Dt. Chem. Ges. 27, 1894, 778-781; Ueber Hydrazin, Stickstoffwasserstoff u. Diazoverbindungen d. Fettreihe, Berr. d. Dt. Chem. Ges. 29, 1896, 759-783; Robert Bunsen als Lehrer in Heidelberg. Heidelberger Prorektoratsrede vom 21. 11. 1905; (mit J. Rissom) Gesch. des Chem. Universitäts-Laboratoriums zu Heidelberg seit d. Gründung durch Bunsen, 1908; Hippenylisocyanat, C6H5CONHCH2CNO, Jb. d. prakt. Chem, 87, 1913, 513-541; Lebensbild von Friedrich Wilhelm Curtius (1782-1862), In: Beitr. zur Gesch. d. Familie Curtius, von Carl vom Berg, 1923, 190-216.
Nachweis: Bildnachweise: Journal für prakt. Chemie, Mai 1927 (vgl. Lit.); zahlr. Fotos im Chem. Inst. u. UA Heidelberg.

Literatur: A. Darapsky, Zum 25-jährigen Doktor-Jubiläum von T. Curtius In: FS T. Curtius, 1908 (mit Bild); ders., T. Curtius zum Gedächtnis, Journal für prakt. Chem. 125, 1930, 1-22; Curtius Duisberg, T. Curtius, Zs. für angew. Chem., 43, 1930, 723-725; K. Freudenberg, T. Curtius, Berr. d. Dt. Chem. Ges. 96, H. 4, 1963, I-XXV (mit Bibliographie u. Bild); Margot Becke-Goehring, Freunde in d. Zeit des Aufbruchs d. Chemie, 1990.
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