Lepman, Jella 

Geburtsdatum/-ort: 15.05.1891;  Stuttgart
Sterbedatum/-ort: 14.10.1970; Zürich
Beruf/Funktion:
  • Journalistin, Schriftstellerin und Politikerin
Kurzbiografie: 1923 Redakteurin des Stuttgarter Neuen Tagblatts
1926 Vorsitzende d. Frauengruppe in d. württ. DDP
1927 Veröffentlichung d. Versgeschichte „Der verschlafene Sonntag“
1929 Aufführung des Kindertheaterstücks „Der singende Pfennig“ in Stuttgart u. Basel
1936 Exil in Großbritannien
1939–1945 Beraterin d. BBC, Mitentwicklung d. Zeitschrift Frau u. Welt
1943 Buchveröffentlichung „Woman in Nazi-Germany“ unter dem Pseudonym Catherine Thomas
1945 Rückkehr nach Deutschland; Bemühen um eine Kinderbuchausstellung
1946 Eröffnung d. Internationale Jugendbuchausstellung in München, Stellvertretende Chefredakteurin d. Illustrierten Heute
1949 Eröffnung d. Internationalen Jugendbibliothek in München, Direktorin bis 1957
1953 Initiatorin des Internationalen Kuratoriums für das Jugendbuch
1956 Einrichtung des internationalen Hans-Christian-Andersen-Preises
1957 Gründung d. internationalen Fachzeitschrift Bookbird
1959 Übersiedelung nach Zürich
1964 Autobiografie „Die Kinderbuchbrücke“
Weitere Angaben zur Person: Religion: isr.
Auszeichnungen: Ehrungen: Goethe-Plakette (1969); Jella-Lepman-Medaille des International Board on Books for Young People (seit 1991)
Verheiratet: 1913 (Stuttgart) Gustav Horace Lepman (1877–1922), Teilhaber d. Fa. Lewis Lepman, Bettfedernfabrik in St.-Feuerbach
Eltern: Vater: Lehmann, Josef (1853–1911), Kaufmann, Fabrikant, aus Lengfeld bei Dieburg
Mutter: Flora, geb. Lauchheimer (1867–1940) aus Esslingen
Geschwister: 2; Klara u. Bertha
Kinder: 2;
Anne Marie (1918–2006),
Günther (Guy, 1921–2002)
GND-ID: GND/119008874

Biografie: Jörg Schweigard (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 6 (2016), 290-293

Lepman war die älteste von drei Töchtern eines wohlhabenden Stuttgarter Fabrikanten. Ihr demokratisch gesinnter Vater führte einen Betrieb für Herrenkonfektion und zählte sich zur liberalen Synagogengemeinde Stuttgarts. Diese Grundhaltung des Elternhauses prägte auch Lepman, die leidenschaftlich gern las und 1908 eine „Internationale Lesestube“ für ausländische Arbeiterkinder in der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik im Stuttgarter Osten einrichtete. Emil Molt, der Besitzer der Fabrik, sollte später zusammen mit dem Anthroposophen Rudolf Steiner (1861–1925) für die Kinder seiner Fabrikarbeiter die Waldorfschule gründen.
Nach dem Besuch des Katharinenstifts schloss Lepman ihre Schulbildung in einem Pensionat in Lutry bei Lausanne ab und erhielt dann am Stuttgarter Konservatorium die Ausbildung zur Pianistin. 1913 heiratete sie den Deutsch-Amerikaner Gustav Horace Lepman, der Teilhaber der Feuerbacher Bettfedernfabrik war. Da er sich für die deutsche Staatsbürgerschaft entschieden hatte, wurde er im I. Weltkrieg eingezogen und in Frankreich schwer verwundet; im Februar 1922 starb er an den Folgen der Kriegsverletzung. Aus der Lebensversicherung ihres Mannes erhielt Lepman 100 000 RM ausgezahlt, die aber während der Inflation wertlos wurden.
Alleinstehend wandte sich Lepman dem Journalismus zu und wurde 1923 erste Redakteurin des liberalen „Stuttgarter Neuen Tagblatts“, für das sie über Gesellschaftspolitik schrieb. 1927 gründete sie für die Zeitung das Beiblatt „Die Frau in Haus, Beruf und Gesellschaft“. Sie übernahm dessen Redaktion und veröffentlichte eigene Artikel, in denen sie sich für eine liberale Gesellschaft und die Gleichberechtigung der Frau einsetzte. Die leidenschaftliche Kinogängerin schrieb auch unter dem Pseudonym Marianne Konrad Filmkritiken für die liberale „Württemberger Zeitung“.
Lepman war Mitglied der linksliberalen DDP in Stuttgart, in der sie die Frauengruppe anführte und 1926 Beisitzerin im Wahlkreisvorstand war. Als Vorsitzende der Frauengruppe ergriff Lepman 1927 bei der Jahreshauptversammlung der DDP als erste das Wort und betonte die Funktion ihrer Gruppe in der Partei: Durch „die Neuheit des politischen Lebens und der politischen Arbeit für Frauen“ gelte es, „weitgehend erst noch den staatsbürgerlichen Sinn und den politischen Willen zu wecken und den Zusammenhang zwischen Frauenleben und öffentlichem Leben bewusst zu machen“ (Matz, 1989, S. 57). Im Rahmen dieser Versammlung gelang es der oppositionellen Frauengruppe, durch Satzungsänderung einen sicheren Sitz im Vorstand zu gewinnen. Sozial orientiert geriet sie in Gegensatz zum Stuttgarter Vorsitzenden Reinhold Maier, der sich in erster Linie als Vertreter der Wirtschaft verstand und 1930 gegen große innerparteiliche Widerstände Wirtschaftsminister einer Mitte-Rechts-Regierung wurde. Lepman kandidierte neben Theodor Heuss für den Reichstag, jedoch ohne Erfolg, da die DDP in Württemberg wie im ganzen Reich Stimmen verlor. Während der politisch und journalistisch aktiven Zeit entstanden ihre ersten Arbeiten als Kinderbuchautorin: die Versgeschichte „Der verschlafene Sonntag“ (1927) und das Kindertheaterstück „Der singende Pfennig“ (1929), das in Stuttgart und Basel aufgeführt wurde.
Unter der NS-Herrschaft verlor Lepman ihre Stellung. Bis 1935 schrieb sie noch als freie Journalistin für das „Tagblatt“, dann endete ihre Mitarbeit. Nach der Emigration ihrer Schwester Klara und ihres Vetters, des Philosophen und Soziologen Max Horkheimer in die USA, entschloss sich auch Lepman, Deutschland zu verlassen. 1936 reiste sie mit ihren beiden Kindern zuerst nach Florenz und fand vorerst nur einen befristeten Aufenthalt in England. Anfangs lebte Lepman im Exil von Gelegenheitsarbeiten. Nach zwei Jahren wurde sie von der Universität Cambridge mit der Durchsicht des geretteten Nachlasses von Arthur Schnitzler (1862–1931) beauftragt. Unter dem Pseudonym Katherine Thomas veröffentlichte sie auch mehrere Bücher, darunter 1943 „Woman in Nazi-Germany“ im Verlag des britisch-jüdischen Verlegers Victor Gollancz, der Werke bekannter Autoren wie George Orwell oder Arthur Koestler herausbrachte. Darin beschrieb sie, wie die Kleinbürger und alte Menschen, die Verlierer von Weltkrieg und Inflation, in Scharen den Nationalsozialisten zugelaufen waren: „The war had taken their sons, the breadwinners, now the inflation took their money and all their hopes. It was these ‘Kleinbürger’, the people of the lower middle class, that suffered most, and it was this class which later on would listen to Hitler as their saviour.“ (Thomas, 1943, S. 22).
Zu Kriegsbeginn wurde Lepman bei der BBC Beraterin in Jugendfragen. 1941 wechselte sie in die neu errichtete amerikanische Hörfunkredaktion London und sendete mit ihrem Freund Golo Mann Beiträge nach Deutschland. Sie arbeitete an der Entwicklung der später in zehn Sprachen erscheinenden Zeitschrift „Frau und Welt“. Gegen Ende des Kriegs wurde sie im Rang einer Majorin im Rahmen des Umerziehungsprogramms Beraterin in Frauen- und Jugendfragen und kehrte nach Deutschland zurück. Zuerst lebte sie in Bad Homburg, später in München. Lepman verstand die Rückkehr als „ein begrenztes Mandat an dessen Ende sie vorhatte, entweder nach England zurückzukehren oder sich in der Schweiz niederzulassen“ (Betten, 1992, S. 15), so ihre Tochter Anna Marie, die in Genua als Lehrerin arbeitete.
Trotz schmerzlicher Erinnerungen suchte Lepman kurz nach Kriegsende ihre zerstörte Heimatstadt auf und beschrieb anschließend die hier erfahrenen Verdrängungsmechanismen der Zurückgebliebenen in ihrem autobiografischen Buch „Die Kinderbuchbrücke“. Lepman erkannte die mentale Verarmung der deutschen Kinder und setzte sich dafür ein, dass man ihnen auch geistige Nahrung in Form von Kinderbüchern gebe. Bei ihrem Vorhaben holte sie sich Rat bei ihren früheren Freunden und Bekannten wie Alfred Weber, Elly Heuss-Knapp und Theodor Heuss. In München versuchte sie dann zusammen mit dem befreundeten Erich Kästner (1899–1974) die internationale Verständigung über Kinderbücher zu fördern. Entscheidend für ihre Bemühungen um eine große internationale Kinderbuchausstellung war im Frühling 1946 ihre Begegnung mit der Witwe des amerikanischen Präsidenten, Eleanor Roosevelt (1884–1962). Diese reiste durch die amerikanische Besatzungszone. Lepman gelang es, sie für ihr Projekt zu begeistern und als Unterstützerin zu gewinnen. Am 3. Juli 1946 konnte Lepman als erste internationale Kulturveranstaltung Nachkriegsdeutschlands in München die Internationale Jugendbuchausstellung eröffnen. Mehr als viertausend Bücher und eine Vielzahl von Kinderzeichnungen sahen die Besucher. Für Kinder aber auch Erwachsene wurde dies zum Erlebnis. Auch die Jugendbuchverleger erhielten wertvolle Impulse. Die Ausstellung gastierte in vielen deutschen Städten. Unter anderem kam sie nach Stuttgart, wo sie in den ersten neu erbauten Räumen der zerstörten Württembergischen Landesbibliothek zu sehen war. Der Erfolg ermutigte Lepman zu weiteren literarischen Projekten. So übersetzte sie das pazifistische Bilderbuch von Munroe Leaf und Robert Lawson, „Ferdinand the Bull“, ins Deutsche. Auf ihre Initiative hin wurde das Buch als Sonderdruck in 30 000 Exemplaren auf Zeitungspapier gedruckt und an Berliner Kinder verteilt.
Lepman wurde im Oktober 1946 von Bad Homburg versetzt und stellvertretende Chefredakteurin der Illustrierten „Heute“ in München, der ersten Zeitschrift Nachkriegsdeutschlands in deutscher Sprache, herausgegeben von der amerikanischen Militärregierung. Lepman hatte die Funktion, die deutschen Leser über aktuelle Ereignisse zu informieren und ihnen dabei die Vereinigten Staaten als vorbildliche Demokratie zu präsentieren.
Im Bemühen, die Anliegen der Kinder aufzugreifen, gewann sie Erich Kästner, die Weihnachtsverse „It was the Night before Christmas“ von Clement Clarke Moore zu übersetzen, und veröffentlichte sie in einer farbigen Weihnachtsausgabe von „Heute“. Von Lepman stammte auch die Idee, Gutenacht-Geschichten zu sammeln. Einem Aufruf in der „Neuen Zeitung“ folgten 20 000 Einsendungen. Auf Grundlage der eingesandten Texte veröffentlichte sie später drei Sammelbände. Mit einer „seltenen Kombination aus Mut und Ausdauer“ (Günther Lepman; Betten, 1992, S. 17) verfolgte sie das Projekt, ein Haus für eine internationale Jugendbibliothek zu gründen. Lepman wurde von der Rockefeller-Foundation in die USA eingeladen, um dafür zu werben, und die Stiftung genehmigte im Februar 1949 einen zweijährigen ‚Grant‘ von 22000 Dollar für die Errichtung einer Internationalen Jugendbibliothek, IJB, in München. Ihr erstes Domizil hatte die neu gegründete IJB in einem Haus in der Kaulbachstraße (seit 1983 ist sie in Schloss Blutenburg beheimatet). Hier fand am 14. September 1949 unter großer Beteiligung von Kindern die Eröffnung statt – zahlreiche internationale Medien berichteten über das Ereignis. Als deren Direktorin führte Lepman das Konzept für die Gestaltung und Leitung aus Amerika ein. Das von ihr gewählte System der „Freihandbibliothek“ betrachteten Fachkreise anfangs mit Argwohn, doch setzte es sich letztlich auch in anderen Jugendbibliotheken durch. Nach amerikanischem Vorbild richtete sie in der Bibliothek auch ein Malstudio ein, es fanden Fremdsprachenkurse, Buchdiskussionen und eine so genannte „Kinder-UNO“ statt. Meist für Schüler der Oberklassen wurden Buchdiskussionsgruppen eine wichtige außerschulische Erfahrung für den Umgang mit Literatur, gleichzeitig um Kriegs- und Fluchterfahrungen zu bewältigen und sich mit der NS-Herrschaft und der deutschen Schuldfrage auseinanderzusetzen.
Zeitlebens war Lepman davon überzeugt, dass das Vertrauen auf den unverbildeten Instinkt des Kindes beste Grundlage für die Heranbildung einer toleranten und aufrichtigen Gesellschaft sei. Bedeutsam war Lepmans Idee einer Erzählung, die die Zukunft der Kinder und den Weltfrieden thematisiert. Sie motivierte Erich Kästner zu dessen bekanntem Buch „Die Konferenz der Tiere“ (1949). Auf der 1952 von Lepman initiierten Münchner Konferenz „International Understanding through Children’s Books“ entstand die Idee zum 1953 in Zürich gegründeten International Board on Books for Young People. Zu den Gründungsmitgliedern gehörten neben Lepman u.a. Erich Kästner und Astrid Lindgren (1907–2002).
Nach ihrem Rücktritt als Direktorin der IJB 1957 führte sie in München noch ein zweites Rockefeller- Projekt durch und engagierte sich für die Sammlung und Förderung von Kinderliteratur für Entwicklungsländer. Lepman hatte gegenüber Freunden wiederholt von ihren Schwierigkeiten berichtet, sich in der Bundesrepublik Deutschland zurecht zu finden. Das Bundesverdienstkreuz lehnte sie 1957 nach einem Telefonat mit Theodor Heuss ab. Der Bundespräsident soll dies laut Lepman mit den dialektalen Worten „Ha noi, dann nemschs eba net o“ (Betten, 1992, S. 54) kommentiert haben.
1959 verlegte Lepman ihren Wohnsitz nach Zürich. Hier widmete sie sich als Ehrenpräsidentin der Arbeit des Internationalen Kuratoriums und der Hans-Christian-Andersen-Jury und übersetzte Werke von Richard Avedon, Truman Capote und Irving Penn.
Die zu ihrem 80. Geburtstag vorgesehene Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität Helsinki erlebte sie nicht mehr.
Quellen: StAL Ludwigsburg E 18 IV Bü 869, E 18 VIII Bü 1122, F 201 Bü 412; F 215 Bü 330; Internationale Jugendbibliothek München, Jella-Lepman Archiv.
Werke: Der verschlafene Sonntag, 1927; (Pseud. Katherine Thomas) Women in Nazi Germany, 1943; Mission for the Children, masch. 1948; Wer ist Lux? Eine Detektivgeschichte für die Jugend, 1950; Das Geheimnis vom Kuckuckshof – Eine Detektivgeschichte aus dem Schwarzwald, 1958; Die Katze mit d. Brille – Die schönsten Gutenachtgeschichten, 1959; (Hg) Kindheit, 1961; Die Kinderbuchbrücke, 1964; (Hg.) Kinder sehen unsere Welt – Texte u. Zeichnungen aus 35 Ländern, 1971; Der verhaftete Papagei, 1981.
Nachweis: Bildnachweise: Foto (nach 1945), in: Baden-Württembergische Biographien 6, S. 280, mit Genehmigung d. Internationalen Jugendbibliothek

Literatur: Organisationshdb. d. DDP, 1926, 368; Wilhelm Sternfeld, Eva Tiedemann, Dt. Exil-Literatur 1933–1945, 2. Aufl. 1970; Arianna Giachi, Kinder sind wichtiger als Karteikarten, in: Die Zeit vom 25.3.1966; Kürschner, Lit.-Kal., Nekrologe 1936–70, 1973; Klaus Doderer, Jella Lepman, in: Lexikon d. Kinder- u. Jugendliteratur II, 1977, 343f.; Walter Scherf, Jella Lepman, in: NDB 14, 1985, 305f.; Brigitte Jakobeit, Tiefschlaf im Bücherkerker, in: Die Zeit vom 10.5.1991; Klaus-Jürgen Matz, Reinhold Maier, 1989; Lioba Betten (Hg.), Mrs. Lepman: gebt uns Bücher, gebt uns Flügel, 1992; Astrid Fernengel, Kinderliteratur im Exil, 2008; Jörg Schweigard, Stuttgart in den Roaring Twenties, 2012; Gabriele Katz, Jella Lepman, in: dies., Stuttgarts starke Frauen, 2015, 196-206.
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