Cades, Joseph 

Geburtsdatum/-ort: 15.09.1855;  Altheim (Oberamt Biberach)
Sterbedatum/-ort: 31.05.1943;  Stuttgart
Beruf/Funktion:
  • Architekt
Kurzbiografie: Ab 1869 Besuch der Präparanden- und Lateinschule in Munderkingen, dann Steinmetzlehre und Besuch der Winterbauschule in Biberach
1871 Aufnahme in die zweite Klasse der Baugewerkschule Stuttgart, später nach Absolvierung der fünften Klasse Eintritt in die Münsterbauhütte Ulm
1876/77 einjähriges Studium an der Polytechnischen Schule (Polytechnikum) in Stuttgart
1877 Rückkehr an die Münsterbauhütte Ulm
1883 Eintritt in das Erzbischöfliche Bauamt Freiburg
1885/86 Cades baut als seine erste Kirche St. Martin in Dotternhausen in neugotischem Stil
1887 Niederlassung als freischaffender Architekt in Stuttgart
1888-1921 Mitarbeit an der Inventarisation der Kunstdenkmäler Württembergs
1903 Entwurf für einen Neubau des Rottenburger Domes (nicht ausgeführt)
1907/11 Der Rottenburger Dombauentwurf wird leicht verändert in Landau/Pfalz als Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt realisiert
1914/15 Die Pfarrkirche in Hüttisheim ist die wohl letzte in der Reihe der rund 40 von Cades neu erbauten Kirchen
Weitere Angaben zur Person: Religion: rk.
Verheiratet: 10.7.1893 (Freiburg i. Br.) Marie Katharina, geb. Keller (geb. 25.4.1861 Freiburg i. Br., gest. 30.11.1940 Stuttgart)
Eltern: Vater: Georg Cades, Schuhmacher in Altheim
Mutter: Regina, geb. Wilhelm
Kinder: Robert Max Josef (geb. 3.8.1894 Stuttgart)
GND-ID: GND/12142734X

Biografie: Alfred Lutz (Autor)
Aus: Württembergische Biographien 1, 39-42

Joseph Cades wurde 1855 im oberschwäbischen Altheim (Oberamt Biberach) als Sohn eines Schuhmachers und späteren Landwirts sowie Gemeindepflegers geboren. Bereits im Kindesalter zeigte er großes Interesse an der Architektur und Ausstattung der Dorfkirche seines Heimatorts. Als um 1870 mit der Renovierung und Neuausstattung dieser Kirche begonnen wurde und auch ein neues Rathaus gebaut wurde, reifte in ihm der Entschluss, Architekt zu werden. Nach dem Besuch von Schulen in Munderkingen und Biberach und einer Steinmetzlehre ging Cades an die Baugewerkschule in Stuttgart. Praktische Erfahrung erwarb er sich in den Sommermonaten durch Tätigkeit beim Bezirksbauamt Biberach. Nach Absolvierung der 5. Klasse der Stuttgarter Baugewerkschule trat er in die Münsterbauhütte Ulm ein. Unter den Baumeistern Ludwig Scheu, einem seiner früheren Lehrer, und August Beyer arbeitete er an der bedeutenden und prestigeträchtigen Vollendung des Ulmer Münsters, vor allem an der Errichtung der beiden 86 Meter hohen Chortürme, mit. Nach einjähriger Unterbrechung dieser Arbeit durch ein Studium als „Außerordentlicher“ an der Polytechnischen Schule (Polytechnikum) Stuttgart kehrte er 1877 an die Ulmer Münsterbauhütte zurück. Weitere wertvolle Erfahrungen konnte er durch seine zeitweilige Tätigkeit bei den bekannten württembergischen Architekten Joseph von Egle (Mitarbeit an der Ausstattung der 1879 vollendeten katholischen Marienkirche in Stuttgart), Conrad von Dollinger und Felix von Berner sammeln.
1883 wurde Joseph Cades ins Erzbischöfliche Bauamt Freiburg unter Franz Baer berufen. Mit den dortigen Gegebenheiten jedoch offenkundig nicht zufrieden – so vermisste er insbesondere eine gute Einführung in den Bau kleinerer Kirchen – intensivierte er um so mehr seine Studienreisen, die ihn vor allem nach Frankreich, Italien, ins Elsaß und in die Schweiz führten. 1887 kehrte er auf Veranlassung seines großen Gönners und Förderers Paul Wilhelm Keppler, der von 1885 bis 1894 an der Spitze des „Vereins für christliche Kunst in der Diözese Rottenburg“ stand und 1898 zum Bischof von Rottenburg gewählt wurde (bis zu seinem Tode 1926), nach Württemberg zurück. Cades ließ sich als freischaffender Architekt in Stuttgart nieder und unternahm zur Weiterbildung immer wieder Studienreisen, unter anderem ins Rheinland und nach Norddeutschland. Von 1888 bis 1921 engagierte er sich als freier Mitarbeiter des Landesamtes für Denkmalpflege auf dem Gebiet der Inventarisation der Kunstdenkmäler Württembergs; mit Tausenden schöner Architekturzeichnungen wies er sich als hervorragender Kenner der Kunstgeschichte Schwabens aus. In den Jahrzehnten bis zum Ersten Weltkrieg avancierte der aus einfachen Verhältnissen stammende Cades, der wie sein Mentor Keppler fast ausschließlich die Stilrichtungen der späten Romanik und frühen Gotik bevorzugte, mit enormem Fleiß zum führenden und mit Abstand produktivsten Kirchenbaumeister des Bistums Rottenburg. Das Bevölkerungswachstum und der wirtschaftliche Aufschwung hatten einen Bauboom auch auf diesem Gebiet zur Folge.
Beginnend mit St. Martin in Dotternhausen (1885/86) errichtete Cades in schneller Folge in allen Teilen des Königreichs Württemberg 29 Dorfkirchen, darunter jene in Pfahlheim (1891/92), Salzstetten (1893), Stödtlen (1893/94), Lauterbach (1893/94), Rammingen (1895), Kirchberg an der Iller (1899/1900), Heudorf (1901), Bühl (1902), Mochenwangen (1903), Lützenhardt (1903/04), Hundersingen (1905/06), Nenningen (1910), Dettingen (1911/12) und Hüttisheim (1914/15). Zu den sieben von ihm realisierten kleineren Stadtkirchen zählen unter anderem jene in Schwenningen (St. Franziskus, 1892), Isny (St. Maria, 1902) und Kirchheim unter Teck (St. Ulrich, 1908/09). Cades war für seine verhältnismäßig kostengünstigen Entwürfe und die möglichst detailgetreue Übernahme mittelalterlicher Architekturformen, des weiteren auch für sein Einfühlungsvermögen in Bezug auf das jeweilige Orts- und Landschaftsbild bekannt; allerdings macht sich bei seinen Bauten hin und wieder eine Tendenz zum Seriellen und Typenhaften bemerkbar. Häufig weisen die Cades-Kirchen einen kreuzförmigen Grundriss, ein basilikales Schema und einen niedrigeren, abgesetzten, oft mit einer Apsis versehenen Chor auf. Teils zeigen sie unverputzte Ziegelflächen, teils sind sie von einem reizvollen Kontrast von verputzten und backsteinsichtigen Architekturgliedern geprägt. Nur sehr selten bewegte sich Cades in seinen späteren Schaffensjahren außerhalb der mittelalterlichen Traditionen, so beim Bau der Dorfkirche in Nenningen 1910 in barockisierenden Formen oder beim 1906 errichteten Glockenturm der katholischen Pfarrkirche im oberschwäbischen Wolfegg, den er dem Barockstil dieser einstigen Stiftskirche geschickt anpasste.
Von seinen sechs größeren und zumeist auch reicher ausgestalteten Stadtkirchen seien erwähnt: St. Elisabeth in Stuttgart (1899-1901), eine neuromanische kreuzrippengewölbte Basilika, die Herz-Jesu-Kirche im österreichischen Bregenz (Vorarlberg) von 1905/08, eine mächtige neugotische dreischiffige Basilika mit Querschiff und Doppelturmfassade, die Liebfrauenkirche in Stuttgart-Bad Cannstatt (1907/09), ein unverputzter neugotischer Ziegelbau, errichtet als dreischiffige Basilika mit Chorumgang und Querhaus und stark von französischen Vorbildern inspiriert, sowie schließlich die Heilig-Geist-Kirche in Schramberg (1912/14), eine neuromanische dreischiffige Basilika mit Querhaus und Chorflankentürmen. Immer wieder entwarf Cades auch Teile der Kirchenausstattungen wie Altäre, Monstranzen oder Leuchter selbst. Ferner führte der Architekt zehn Kapellenneubauten und mehrere Turmneubauten bzw. Turmerhöhungen aus.
Im Auftrag der Kirchengemeinde St. Eberhard in Stuttgart legte Cades zusammen mit dem Architekten Hugo Schlösser 1910 einen Entwurf für einen größeren Neubau der Kirche in der Königstraße vor. Der Plan sah unter anderem eine Doppelturmfront und, wie gewünscht, einen Baustil in Formen der Renaissance und des Barock vor; das Vorhaben wurde jedoch nicht realisiert. Auch ein entsprechend den Vorstellungen Bischof Kepplers in neuromanisch-neugotischen Stilformen gehaltener Entwurf Cades' für einen Neubau des Rottenburger Domes von 1903 (Basilika mit Doppelturmfassade und Querschiff, mehrfach variiert) kam schließlich – wie alle diesbezüglichen Pläne davor und danach – nicht zur Ausführung. In nur leicht abgewandelter Form und in den für Rottenburg geplanten Größenverhältnissen wurde der Entwurf jedoch 1907/11 in Landau in der Pfalz (katholische Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt) realisiert. Für den Bau der katholischen Garnisonskirche St. Georg in Ulm lieferte Cades nach Aufforderung 1897 einen Entwurf. Schließlich wurde die Kirche 1902/04 aber nach Plänen des erzbischöflichen Baudirektors Max Meckel aus Freiburg im Breisgau errichtet, der den vom Kriegsministerium verlangten Architektenwettbewerb gewonnen hatte. Cades hatte verärgert seine Teilnahme abgesagt.
Unter den insgesamt neun Kirchenumbauten und Renovierungen Cades' ragen heraus: Die Umgestaltung der im 14. Jahrhundert errichteten Liebfrauenkirche in Ravensburg 1891/95 in neugotischem Stil, der Umbau der romanischen Pfarrkirche in Hohenberg zur dreischiffigen Pfeilerbasilika 1894, die Restaurierung des berühmten gotischen Turmes der Rottweiler Kapellenkirche und 1898/99 die Erweiterung der im Kern romanischen St. Pelagiuskirche, ebenfalls in Rottweil.
Neben dem Bau von Kirchen und Kapellen nahm Cades nur sehr selten auch andere Bauaufgaben wahr. Dazu zählen der im Auftrag der Franziskanerinnen von Reute errichtete schlossartige Bau des neuromanischen Elisabethenkrankenhauses (1899/1901) in Ravensburg (infolge Umbau und Erweiterung einschließlich der Kapelle ab 1966 zu großen Teilen abgebrochen) und ein ebenfalls neuromanischer, an den Westflügel der Klausur des Klosters Sießen angefügter Schulneubau (1901/02). 1905/07 schließlich rekonstruierte Cades nach originalem Vorbild die 1837 abgebrochenen Ecktürmchen und die Balustrade am Ravensburger Blaserturm, einem 1553/56 anstelle des eingestürzten Vorgängers in der Stadtmitte errichteten Renaissanceturm; versehentlich führte der auf Sakralbauten spezialisierte Architekt jedoch die Schießscharten der Türmchen kopfstehend aus.
Seit 1885 hatte Cades dem Ausschuss des Kunstvereins der Diözese Rottenburg angehört; in den 1890er Jahren wurde er in den Vorstand gewählt, aus dem er schließlich 1911 nach Differenzen mit dem Ravensburger Bildhauer Prof. Theodor Schnell wieder austrat.
Waren vor dem Ersten Weltkrieg in Württemberg nur einige wenige katholische Kirchen in modernen Stilformen errichtet worden, so konnten sich in den 1920er Jahren die zeitgenössisch-modernen Bautendenzen, vertreten durch jüngere Architekten wie Otto Linder, Hugo Schlösser, Hans Herkommer und Clemens Hummel durchsetzen. Die Ära Cades war nun endgültig vorüber, seine späthistoristische, streng-dogmatisch an romanischen und gotischen Stilformen orientierte Architektur galt als überholt. Joseph Cades, der in der Inflation 1923 einen großen Teil seines Vermögens verloren hatte, starb hoch betagt und vereinsamt 1943 in einem Stuttgarter Altenheim.
Quellen: DAR Akten der jeweilige Pfarrarchive.
Werke: Autobiographische Notizen mit Werkverzeichnis, in: Heilige Kunst (1949), 58-60.
Nachweis: Bildnachweise: Fotos in: St. Elisabeth 1901-2001, FS zur Hundertjahrfeier (vgl. Lit.), 40; Heilige Kunst 24 (1988/91), 135; Foto einer Büste von Cades im StadtA Stuttgart.

Literatur: Paul Wilhelm von Keppler, Die Rottenburger Dombaufrage, in: ders., Aus Kunst und Leben, 1905, 288-310; Wilhelm Rau, Die Marienkirche zu Landau (Pfalz), Denkschrift zur Konsekration am 12. Juni 1911, 1911; Thieme/Becker, Allgemeines Lexikon der bildenden Künstler, Bd. 5, 1911, 342 f.; Anton Pfeffer, Hundert Jahre Kunstverein der Diözese Rottenburg, sein Werden, Wirken und seine Erfolge, in: Heilige Kunst (1952), FG des Kunstvereins der Diözese Rottenburg zur Hundertjahrfeier 1852-1952, 87-96; August Hagen, Geschichte der Diözese Rottenburg, Bd. 2, 1958, 335, 468, 474; Gottlieb Merkle, Kirchenbau im Wandel. Die Entwicklung des Kirchenbaus in der Diözese Rottenburg, 1973, 64; Erich Endrich, 150 Jahre Kirchliche Kunst in der Diözese Rottenburg, in: Heilige Kunst (1978), 153-180, hier 160; Karl Heinrich Koepf, Die Erneuerung der Pfarrkirche St. Leonhard in Stödtlen, in: Denkmalpflege in Baden-Württemberg 7 (1978), 68-70; Helga Ertelt, St. Elisabeth. Eine historistische Kirche in Stuttgart. Magisterarbeit Univ. Stuttgart, 1983; Rudolf Fendler, Marienkirche Landau i. d. Pfalz, 1986; Georg Ott, Zur Baugeschichte der St. Eberhardskirche in Stuttgart, in: Rottenburger Jb. für Kirchengeschichte 6 (1987), 195-220, hier 200-204; Otto Beck, Katholische Pfarrkirche Sankt Martin in Hundersingen (= Schnell & Steiner Kunstführer Nr. 1844), 1990; Heinz Georg Tiefenbacher/Wolfgang Urban/Egon Reiner, Raum schaffen für Gott. Kirchenbau und religiöse Kunst in der Diözese Rottenburg-Stuttgart, 1992; Georg Dehio, Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler: B-W I/II, bearb. von Dagmar Zimdars u. a. 1993/1997; Irina Baumgärtner-Wallerand, Die Rottenburger Dombaufrage, in: Rottenburger Jb. für Kirchengeschichte 14 (1995), 189-204; Wolfgang Rusch, Katholische Stadtpfarrkirche Herz-Jesu Bregenz (= Schnell & Steiner Kunstführer Nr. 1157), 2. Aufl. 1997; Werner Wolf-Holzäpfel, Der Architekt Max Meckel (1847-1910). Studien zur Architektur und zum Kirchenbau des Historismus in Deutschland, 2000, 298 f., 365 f.; Alfred Lutz, Der Architekt J. Cades (1855-1943) – seine Bauten in Ravensburg und Umgebung, in: Altstadtaspekte 7 (2001/02), hg. vom Bürgerforum Altstadt Ravensburg, 2001, 54-59; ders., Der Bau des Elisabethenkrankenhauses 1899/1901, in: 100 Jahre Krankenhaus St. Elisabeth 1901-2001, hg. von der Oberschwaben Klinik GmbH, 2001, 21-27; Norbert Bongartz, St. Elisabeth, der Kirchenbau, der einmal ein Prototyp war, in: St. Elisabeth 1901-2001. FS zur Hundertjahrfeier der Kirche St. Elisabeth in Stuttgart, 2001, 36-44.
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