Remmele, Hermann 

Geburtsdatum/-ort: 15.11.1880;  Ziegelhausen bei Heidelberg
Sterbedatum/-ort: 01·1940-06-30.06.1938; erschossen oder in einer psychiatrischen Anstalt der UdSSR umgekommen
Beruf/Funktion:
  • Eisendreher, Mitglied des Reichstags – USPD und KPD, Verfolgter des NS-Regimes, Opfer der politischen Säuberungen in der UdSSR unter Stalin
Kurzbiografie: 1894-1898 Lehre als Eisendreher in Ludwigshafen, Gesellenprüfung und Wanderschaft
1897 Mitglied des Deutschen Metallarbeiterverbandes und Eintritt in die SPD
1906 Anschluss an die neu gegründete Arbeiterjugendbewegung
1907-1908 Besuch der Parteischule der SPD in Berlin
1908-1914 Funktionär der SPD in Mannheim
1914-1918 Teilnahme am I. Weltkrieg
1917 Übertritt zur USPD, Teilnahme an deren Gründungsparteitag
1918-1919 USPD-Führer in Mannheim: Leitung des Mannheimer Arbeiter- und Soldatenrats, Versuch zur Gründung einer Räterepublik
1920-1932 Mitglied des Reichstags – USPD (1920), dann KPD
1920-1933 Übertritt zur KPD, Mitglied der KPD-Zentrale bzw. des Zentralkomitees der KPD, wechselnde Positionen und Koalitionen in den innerparteilichen Auseinandersetzungen und Richtungskämpfen
1924 Jan.-Apr. Vorsitzender der KPD
1925-1932 Mitglied des Präsidiums des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale, 1930 Leiter des „Kampfbundes gegen den Faschismus“, 1931 Strafverfahren wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“, 1932 Versuche zum Sturz des Parteivorsitzenden Thälmann; Ausscheiden aus dem Zentralkomitee
1933-1934 Emigration nach Moskau, Kritik und Selbstkritik, Verlust der Parteiämter
1934 Ausbürgerung in Deutschland
1937 Verhaftung samt Frau und Sohn durch den NKWD
1939 7. Mär. Zum Tod verurteilt
gestorben nach Juni 1939
Weitere Angaben zur Person: Religion: konfessionslos
Verheiratet: Anna, geb. Lauer (1888-1947)
Eltern: Vater: Peter (1850-1891), Müller in Altneudorf
Mutter: Katharina, geb. Daub (1858-1941)
Geschwister: 4: 3 Brüder, darunter Adam; eine Schwester
Kinder: 2: ein Sohn, eine Tochter
GND-ID: GND/129413836

Biografie: Christoph Clasen (Autor)
Aus: Badische Biographien NF 5, 233-235

Noch während seiner Lehrzeit als Eisendreher trat Remmele dem Deutschen Metallarbeiterverband und der SPD bei. Remmele gehörte dem linken Flügel der SPD an, zählte dann zu den ersten, die in badischen Garnisonen 1901/03 illegal Werbung für die Sozialdemokratie betrieben und war einer der Mitbegründer der Arbeiterjugendbewegung in Süddeutschland. 1907/8 absolvierte Remmele die SPD-Parteischule in Berlin, bis 1914 war er dann Funktionär der Mannheimer Parteiorganisation, arbeitete an der „Leipziger Volkszeitung“ mit und wurde in diesem Jahr Redakteur der SPD-Zeitung „Mannheimer Volksstimme“.
Als Soldat im I. Weltkrieg an der Westfront eingesetzt, hatte er während eines Heimaturlaubs 1916 oppositionelle Gruppen der Mannheimer SPD gesammelt. Nach der Gründung der USPD führte er deren Mannheimer Organisation und war 1918 nach der Revolution Leiter des Mannheimer Arbeiter- und Soldatenrats. 1919 wirkte Remmele an Gründung und Aufbau einer kurzlebigen Räterepublik in Mannheim mit.
Nach Übersiedlung nach Stuttgart 1919 war Remmele hauptamtlicher Sekretär, Redakteur und Reichstagsabgeordneter der USPD, mit deren linkem Flügel er sich 1920 der KPD anschloss. Schon auf dem Vereinigungsparteitag wurde Remmele in die neue Zentrale der KPD gewählt und gehörte dieser bzw. dem Zentralkomitee der Partei ununterbrochen bis 1933 an. Er zog damals nach Berlin und hatte in der Folgezeit noch weitere Parteiämter inne, u. a. gehörte er der 1923 gewählten KPD-Leitung unter Führung Heinrich Brandlers an. Während der Beginn eines in der Herbstkrise der Weimarer Republik 1923 geplanten Aufstandes der KPD im übrigen Reichsgebiet gerade noch intern unterbunden werden konnte, erhielt Remmele, der bereits als Kurier mit dem Auslösungsbefehl für Hamburg unterwegs war, diese Nachricht nicht mehr, so dass die KPD hier unter seiner Beteiligung im Oktober 1923 isoliert und erfolglos zu kämpfen begann. Danach musste Remmele sich zeitweilig vor der Polizei verbergen; zusammen mit anderen Kommunisten wurde er wegen Vorbereitung zum Hochverrat mit Haftbefehlen und Steckbriefen des Staatsgerichtshofs zum Schutze der Republik gesucht.
Remmele blieb aber weiterhin aktiv und beteiligte sich in wechselnden Koalitionen an den KPD-internen Richtungskämpfen, verließ die Führung unter Brandler, war Mitglied der nachfolgenden, unter Vermittlung des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationalen (EKKI) aus Vertretern linker und mittlerer Gruppen gebildeten neuen Parteiführung und von Januar bis April 1924 selbst Parteivorsitzender. Remmele gehörte auch der auf dem IX. Parteitag 1924 aus denselben Richtungen hervorgegangenen neu gewählten Führung an, in der Ruth Fischer den Ton angab, und war bis 1932 Mitglied des Politischen Büros („Polbüro“). 1925/26 zeitweilig sogenannter „Polleiter“ der Bezirksorganisation Berlin-Brandenburg, wurde Remmele 1925 auch Chefredakteur der „Roten Fahne“, des Zentralorgans der KPD, und Mitglied des EKKI. In weiteren Auseinandersetzungen, in denen das EKKI mit einem „Offenen Brief“ gegen die Führung unter Ruth Fischer interveniert hatte und gegen die parteiinterne Linke schwere Angriffe gerichtet wurden, stieg Remmeles Einfluss weiter. Seine inzwischen über den deutschen Rahmen hinausreichende Bedeutung in der kommunistischen Bewegung hatte schon 1924 der Vorsitzende des EKKI, G. Sinowjew, unterstrichen, der Remmele zusammen mit Ernst Thälmann als „das Beste und Kostbarste, was die deutsche Partei besitzt, ... das Gold der Arbeiterklasse“ bezeichnete. 1928 erneut in das EKKI gewählt, weilte Remmele längere Zeit als KPD-Vertreter in Moskau. Als Beauftragter des EKKI vereitelte er Versuche der parteiinternen Rechten, den KPD-Vorsitzenden Thälmann zu stürzen, weil dessen Schwager Wittorf in Hamburg Parteigelder veruntreut hatte. Die bisherige Führung wurde abgesetzt, und Remmele übernahm 1928 zusammen mit Thälmann und Heinz Neumann die Parteiführung; er wurde Mitglied des Sekretariats des Zentralkomitees.
Seine Bedeutung lässt sich an den zahlreichen Ovationen erkennen, die ihm neben Thälmann von den Delegierten des XII. Parteitages 1929 bereitet wurden. Das Zentralkomitee rühmte ihn anlässlich seines 50. Geburtstags als „einen der besten der eisernen bolschewistischen Garde“. Die Partei vertrieb auch sein Buch „Die Sowjetunion“ in über 30 000 Exemplaren, daneben schrieb er zahlreiche Broschüren. Eine 1931 verhängte Festungshaftstrafe wegen Vorbereitung zum Hochverrat brauchte er vermöge seiner Immunität als Reichstagsabgeordneter nicht anzutreten. Remmele war neben Thälmann und Neumann einer der Hauptvertreter des nach dem Führungswechsel von 1928 unter dem Einfluss des EKKI eingeleiteten ultralinken Kurses. 1932 versuchte er zusammen mit Neumann, Thälmann zu stürzen und den Kurs gegen Nationalsozialisten und Sozialdemokraten zu verschärfen. Nachdem sich Neumann auf Grund eines von dem Mitarbeiter der Organisationsabteilung des Zentralkomitees, Herbert Wehner, eingeleiteten Untersuchungsverfahrens gegen Ende des Jahres 1932, u. a. wegen seines fehlerhaften Kurses gegenüber den Nationalsozialisten, parteiintern hatte rechtfertigen müssen und abgesetzt worden war, wurde auch Remmele verwarnt und aus dem Zentralkomitee-Sekretariat entfernt, behielt jedoch seinen Sitz im Zentralkomitee und im Polbüro. Die Machtübernahme der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 sah Remmele als die schwerste Niederlage der deutschen Arbeiterklasse seit 1914 an, verlangte dagegen Kampfaktionen und führte mit Neumann im Februar 1933 einen Briefwechsel über eine Spaltung der Partei im Interesse des verstärkten Kampfes gegen den Faschismus.
Als nach dem Reichstagsbrand am 28. Februar 1933 nach Remmele wie nach anderen führenden Kommunisten gefahndet wurde, emigrierte er schließlich nach Moskau und wurde im Frühjahr 1934 ausgebürgert, jedoch auch weiterhin in Karteien der Gestapo und des SD geführt. Nachdem der Briefwechsel zwischen Neumann und Remmele bei einer von Herbert Wehner veranlassten Durchsuchung von Remmeles Wohnung durch einen Mitarbeiter eines illegalen KPD-Apparats aufgefunden worden war, wurde Remmele abgesetzt; er musste wegen Äußerungen über den deutschen Faschismus Selbstkritik üben und ebenso seine Ansichten über den 30. Januar 1933 widerrufen. Faktisch geächtet lebte er dann zeitweilig als Verlagslektor in Moskau, angeblich auch als Instrukteur für ausländische Arbeiter in Charkow. Er versuchte zwar, sich in den Fraktionskämpfen der KPD im Moskauer Exil wieder ins Spiel zu bringen, war dabei aber genauso erfolglos wie in seinem Bemühen, den später zum Mitglied der KPD-Parteiführung und zum Mitarbeiter des EKKI aufgestiegenen Herbert Wehner mit einem Untersuchungsverfahren zu überziehen. 1937 wurde er zusammen mit Frau und Sohn verhaftet. Sein Sohn, leitender kommunistischer Jugendfunktionär, wurde bereits 1938 hingerichtet. Remmele wurde am 7. März 1939 zum Tode verurteilt; es ist unsicher, ob er danach hingerichtet wurde oder in einer psychiatrischen Anstalt starb. Seine Frau wurde zwar nach zwei Jahren freigelassen, starb jedoch 1947 als Verbannte im sibirischen Tomsk.
Remmele verkörpert gleichsam den schwankenden Kurs der KPD in der Weimarer Republik und ihre Abhängigkeit von den Einflüssen der Politik der sowjetischen Führung und der Kommunistischen Internationale. Darüber hinaus steht Remmele für jene deutschen Kommunisten, die in der Hoffnung auf Asyl vor der Verfolgung durch die Gestapo in die Sowjetunion kamen, dort jedoch Leben oder Freiheit verloren. Remmele wurde 1988 von der sowjetischen Justiz rehabilitiert.
Quellen: A d. sozialen Demokratie d. Friedrich-Ebert-Stiftung Bonn, Nachlass Paul Levi; Brandenburgisches LandeshauptA Potsdam Pr. Br. Rep. 41 Amtsbezirk Bötzow Nr. 79; BA Koblenz, Zeitgeschichtl. Sammlungen; Vorpommersches LandesA Greifswald Rep. 38 b, 65 c; Internationaal Instituut voor Sociale Geschiedenis Amsterdam, Bestände Heine 71/2-3 u. Kautsky D XIX/38.
Werke: Die Sowjetunion, 2 Bde., 1930 (Angaben nach Hermann Weber); Sowjetstern oder Hakenkreuz. Die Rettung Deutschlands aus dar Youngsklaverei u. Kapitalsknechtschaft (Broschüre), o. J. (um 1930); Kapitalistischer Zusammenbruch in Deutschland. Sozialistischer Aufbau in d. Sowjetunion. Versailler Diktat. Youngplan. Notverordnungen. Massenarbeitslosigkeit. Hungerlöhne. Rede auf dem Plenum des ZK d. KPD am 14. u. 15. Mai 1931 (Broschüre), o. J. (1931); Kommunismus, die einzige Rettung (Broschüre) o. J. (1931).

Literatur: Hermann Weber, Die Wandlung des deutschen Kommunismus. Die Stalinisierung d. KPD in d. Weimarer Republik, Bd. 2, 1969, 255; Ossip K. Flechtheim, Die KPD in d. Weimarer Republik, (1948), 1986 2. Aufl., 58, 126, 148, 182, 200, 209, 211-214, 220 f.; Robert Wagner, in: BBNF II, 225; Biogr. Lexikon zur Weimarer Republik, hg. von Wolfgang Benz u. Hermann Graml, 1988, 269; Hermann Weber, „Weiße Flecken“ in d. Geschichte. Die KPD-Opfer d. Stalinschen Säuberungen u. ihre Rehabilitierung. 2. überarb. u. erweit. Aufl. 1990, 90; M. d. R. Die Reichstagsabgeordneten d. Weimarer Republik in d. Zeit des Nationalsozialismus. Politische Verfolgung, Emigration u. Ausbürgerung 1933-1945, hg. von Martin Schumacher, 1994 3. Aufl., 458; desgl., Eine biogr. Dokumentation. Mit einem Forschungsbericht zur Verfolgung dt. u. ausländ. Parlamentarier im NS Herrschaftsbereich, hg. von Martin Schumacher, erweit. u. überarb. Aufl. 1994, 390; Reinhard Müller, Die Akte Wehner, Moskau 1937 bis 1941, 1994, 55, 62, 140, 161 ff.; Lautenschlager Bd. 6, 462.
Suche
Durchschnitt (0 Stimmen)