Farny, Oskar 

Geburtsdatum/-ort: 09.04.1891;  Gut Dürren, Kreis Ravensburg
Sterbedatum/-ort: 19.06.1983;  Kreiskrankenhaus Wangen, Landkreis Ravensburg
Beruf/Funktion:
  • Landwirt, Z- und CDU-Politiker, MdL/MdR, Landesminister Baden-Württemberg
Kurzbiografie: 1897-1910 Volksschule Ratzenried, Lateinschule Wangen, Gymnasium Ravensburg, Abitur
1910-1911 Einjährig-Freiwilliger
1911-1913 Studium der Rechtswissenschaft an der Universität Tübingen
1913-1919 Aktiver Offizier, 1913 Leutnant im Infanterieregiment 124 in Weingarten bei Ravensburg, Kriegsdienst an der Westfront
1914-1918 Kompaniechef, Bataillonsadjutant, Eisernes Kreuz I. und II. Klasse, 1918 Generalstabsanwärter im Stab der 27. Infanteriedivision, 1919 als Hauptmann verabschiedet
1919 Gutsbesitzer in Dürren
1919-1976 Vorsitzender der genossenschaftlich vereinigten Käsereien des württembergischen Allgäu, 1976-1983 Ehrenpräsident
1920-1921 Z-Mitglied des Württembergischen Landtags (Wahlkreis Waldsee-Leutkirch-Wangen)
1930-1933 MdR (Z), 25.03.1933 Austritt aus der Z-Fraktion des Reichstags, Hospitant bei der NSDAP-Fraktion, 23.06.1933 Niederlegung des Mandats
1933 (12.11.) Hospitant der NSDAP-Fraktion des Reichstags, Mandat erneuert am 29.03.1936 und 10.04.1938, 1939 Verlängerung der Wahlperiode des Deutschen Reichstags bis 1943, 1943 Verlängerung bis 1947, 1945 (09.05.) Beendigung des Mandats
1933-1945 Leiter der Fachgruppe Milchindustrie und Reichsfachschaftsleiter der Schmelzkäsehersteller im Reichsnährstand, Mitglied im Verwaltungsrat der Deutschen Milchwirtschaft, 1937 aus dieser Funktion entlassen
1935, 1936 Reserveübungen, 1936 Major der Reserve
1939-1940 Bataillonskommandeur im Infanterieregiment 290 an der Westfront, Spange zum Eisernen Kreuz II. Klasse
1940 (12.05.)-1941 (15.01.) wegen Krankheit Lazarettaufenthalte in Heidelberg und Ravensburg
1941-1945 Stabschef beim Kommandeur für Kriegsgefangenenwesen im Wehrkreis V, Stuttgart, 1942 Oberstleutnant der Rerserve
1945 Vizepräsident des Zentralernährungsausschusses der französischen Besatzungszone, ab 1949 Präsident, Vorstands- oder Aufsichtsratsmitglied in zahlreichen berufsständischen Vereinigungen, in Banken und Firmen
1953 (06.09.-11.11.) CDU-MdB; (07.10.) Minister für Bundesangelegenheiten des Landes Baden-Württemberg, Mitglied des Bundesrates, Vorsitzender des Ständigen Beirats des Bundesrates, 1960 Rücktritt
1954-1969 Präsident des Württembergischen Landesverbands landwirtschaftlicher Genossenschaften-Raiffeisen e.V.
1954 Präsident des Verbands der deutschen Milchwirtschaft
1961 Mitglied des geschäftsführenden Präsidiums, später Präsident des Deutschen Raiffeisen-Verbands
Weitere Angaben zur Person: Religion: römisch-katholisch
Auszeichnungen: 1956 Dr. h.c. der Landwirtschaftlichen Hochschule Hohenheim
1957 Goldene Ehrennadel des Württembergischen Landesbauernverbandes
1959 Großes Verdienstkreuz des Bundesverdienstordens mit Stern, 1960 mit Schulterband
1966 Verfassungsmedaille des Landes Baden-Württemberg in Gold
1969 Raiffeisenmedaille in Gold
1975 Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg
1977 Großkreuz des päpstlichen Silvesterordens
Verheiratet: 1917 (Oberrotweil) Elisabeth, geb. Vögtle (1898-1984)
Eltern: Vater: Hugo Farny (1849-1913), Gutsbesitzer, Ökonomierat
Mutter: Rosalie Theresia Luise, geb. Boleg
Geschwister: 9, 2 starben früh, Oskar Farny war das dritte Kind
Kinder: keine
GND-ID: GND/130321788

Biografie: Horst Ferdinand (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 2, 124-128

„Vom Ministranten zum Minister“ hatte Farny als Titel für seine Lebenserinnerungen vorgesehen. Er hat sie, obwohl er bei guter Gesundheit ein hohes Alter erreichte, leider nicht geschrieben, so daß auch bei sorgfältiger Auswertung der Quellen der eine oder andere Vorgang in seinem in mehrerer Hinsicht einmaligen Lebensweg im Halbdunkel bleibt. Dies gilt insbesondere für die Zeit zwischen 1933 und 1945.
Die Finessen des rechtswissenschaftlichen Studiums vermochten einen so sehr auf die Praxis des ländlichen Alltags – in der er aufwuchs – ausgerichteten jungen Mann wohl nicht auf Dauer zu fesseln, so daß er sich zu dem ihm näherliegenden Offiziersberuf entschloß. Er war von 1914 bis 1918 ein tapferer Soldat und bewährter Offizier; die Berufung in den Generalstab war damals die Eintrittskarte für eine zu hohen militärischen Würden führende Karriere. An der Westfront hatte Farny die Bekanntschaft eines später weltberühmten Mannes gemacht, Erwin Rommel (1891-1944). Die beiden gleichaltrigen Schwaben verband eine lebenslange unverbrüchliche Freundschaft, die sich auf Vaterlandsliebe, die gemeinsame Herkunft und auf damit verbundene gewisse hausväterliche Prinzipien gründete, aber auch auf die beiden gemeinsame selbstverständliche Autorität der Befehlsgebung des geborenen Truppenführers und auf die bei beiden gleiche Tatkraft und Energie, vielleicht auch auf die beiden gemeinsame Körpergröße: 1,64 m. Wie Rommel beabsichtigte auch Farny, seinen militärischen Dienst in der Reichswehr fortzusetzen. Aber der für die Übernahme des elterlichen Gutes vorgesehene älteste Bruder wandte sich dem Studium der Theologie zu, so daß Farny „brummend“, wie er später erzählte, Gut Dürren übernahm und schnell Freude an der Selbständigkeit der Position gewann. Er wurde bald zu einem gesuchten und gefragten Experten auf dem Gebiet der Milchwirtschaft und Käserei. Im Stall arbeitete er ebenso hart wie in der Verwaltung des Guts und beim Aufbau des Genossenschaftswesens. Gut Dürren wurde zu seinem Lebensmittelpunkt für über 60 Jahre; zu dem mustergültig geführten und ertragreichen Betrieb gehörten auch eine moderne Brennerei und eine Brauerei.
Ein Mann mit dem Aktionsradius Farnys kam mit einiger Zwangsläufigkeit zur Politik. Erste parlamentarische Erfahrungen sammelte er auf dem regionalen Sektor, aber schon 1920/21 als jüngstes Mitglied des Württembergischen Landtags. Das große Ansehen, das sich der Dreißigjährige in der Region zu verschaffen wußte, führte ihn dann auch bald zu höheren politischen Ehren: Im Jahre 1930 wurde er in den Deutschen Reichstag gewählt. Vorausgegangen war allerdings eine Auseinandersetzung innerhalb des württembergischen Zentrums, die eine charakteristische Eigenschaft Farnys erkennen läßt, sein unbekümmertes und mit harten Bandagen ausgestattetes Durchsetzungsvermögen. Der Vorgänger als MdR, Franz Feilmayr (1870-1934), stammte aus dem schwäbischen Unterland, und das Oberland pochte darauf, auch einmal einen Vertreter in den Reichstag zu entsenden. Farny trat als Gegenkandidat Feilmayrs auf und hatte den Vorteil, daß er zwanzig Jahre jünger war und, im Gegensatz zu Feilmayr, der ein Mann der Mitte war, als Vertreter einer national betonten Haltung „keinerlei Berührungsängste mit den rechtsextremen Parteien“ hatte (Günter Buchstab), d.h. mit den Nationalsozialisten und den Deutschnationalen. Feilmayr wehrte sich, vergeblich, gegen den innerparteilichen Rechtsruck, Farny wurde gewählt, der in der Zeit von 1930 bis 1933 vor allem die landwirtschaftlichen Belange im Reichstag vertrat und als Sprecher seiner Fraktion bei der Beratung des Reichsmilchgesetzes im Jahre 1931 besondere Beachtung fand.
Noch vor der Auflösung der Zentrumsfraktion am 5.7.1933 trat Farny am 25.3.1933 aus der Fraktion aus, wurde Hospitant bei der NS-Fraktion und legte – ohne Angabe von Gründen – am 28.6.1933 sein Reichstagsmandat nieder. Die folgenden, mit der im Herbst 1933 erfolgten Berufung Farnys als Hospitant der NSDAP-Fraktion zusammenhängenden Vorgänge lassen sich keineswegs als „Zwangseinweisung zu den Heilrufern“ darstellen, wie dies in der von Farny autorisierten Beschreibung Kurt Gayers (Literatur) geschehen ist. Auch nicht, wenn man die von Farny selbst benutzte Bezeichnung „Status eines Gastes“ der NSDAP-Fraktion verwendet.
Der Z-Abgeordnete Albert Hackelsberger (1877-1940) versuchte im Bestreben, zu retten, was nicht mehr zu retten war, für die am 12.11.1933 vorgesehene Reichstagswahl eine möglichst große Zahl früherer Zentrumsabgeordneter auf dem Reichswahlvorschlag der NSDAP unterzubringen. Dabei kam ihm der Umstand zu Hilfe, daß er Kriegskamerad des Führers der NSDAP-Fraktion, Wilhelm Frick (1877-1946), war. Ihm legte er im Sommer 1933 eine Liste mit den Namen von 27 Hospitantenanwärtern der früher 73köpfigen Z-Fraktion vor. Frick schob die Entscheidung darüber immer wieder hinaus. Hackelsberger sah sich in seinem Bestreben von dem früheren Vorsitzenden der Z-Fraktion, Prälat Ludwig Kaas (1881-1952), unterstützt, der sich, in damals völliger Verkennung der Situation, bemühte, den Widerständen entgegenzuwirken, „die den Weg des neuen Deutschlands zu blockieren suchen“. Frick beauftragte schließlich Hackelsberger, ihm für die Novemberwahl eine neue Liste vorzulegen, und dieser nannte am 18.10.1933 20 Hospitantenkandidaten. Davon wählte Frick zwei aus: Hackelsberger und Farny, die schon vor 1933 in Opposition zum linken Flügel des Zentrums standen. „Sie zählten zu den 22 ‚Gästen‘ der NSDAP-Fraktion, die mit ihren 629 Mitgliedern zwei abtrünnige Zentrumsmandatare verkraften konnte“ (Rudolf Morsey). Hackelsberger wurde bald darauf Opfer des Systems, das er im guten Glauben unterstützt hatte; Farny blieb als einziger der früheren Z-Abgeordneten bis 1945 im „Großdeutschen“ Reichstag, der im Jahre 1943 869 NSDAP-Mitglieder und 7 „Gäste“ zählte. Ohne die Zwänge der Situation zu unterschätzen: Farny hatte in dem sich über viele Monate hinziehenden Benennungsverfahren vielfach die Möglichkeit des Ausstiegs. Eine „Zwangseinweisung“ war dies nicht.
In seinem Entnazifizierungsverfahren erklärte Farny am 29.10.1946, er habe den ihm mit Eil-Einschreiben vom 15.10.1933 zugegangenen Vordruck des Reichswahlleiters Frick über die Annahme des Mandats unterschrieben. Über Annahme oder Ablehnung hätte Stillschweigen bewahrt werden müssen. Er habe selbstverständlich gewußt, daß die NSDAP mit der Hereinnahme von Nichtparteigenossen in den Reichstag propagandistische Ziele verfolgt habe. Deshalb habe er sich nach 1933 geweigert, einen Wahlaufruf für Hitler zu unterschreiben. „Aus dem Reichstag auszutreten, wäre für mich ... glatter Selbstmord gewesen und hätte überdies keinen Wert gehabt.“
In diesem Zusammenhang schilderte Farny auch seine aktive Betätigung gegen den Nationalsozialismus. Generalfeldmarschall Rommel sei „unzählige Male“ bei ihm gewesen. Mit Dr. Carl Friedrich Goerdeler (1884-1945), dem Kopf des bürgerlichen Widerstands gegen Hitler, habe er sich nach 1944 wiederholt getroffen, und fortwährend sei er mit dem später hingerichteten früheren württembergischen Staatspräsidenten Dr. Eugen Bolz (1881-1945) zusammengekommen. Er habe sich bemüht, einen Kreis gleichgesinnter Männer um sich zu versammeln, und er sei „unter Ausnutzung seiner militärischen Dienststellung für die Sicherstellung von Waffen zur Durchführung des gewaltsamen Umsturzes besorgt gewesen“.
Die Kammer unter Vorsitz des Regierungsassessors Wax befand, daß der „Vortrag des Betroffenen durch die bei den Akten befindlichen Urkunden ... lückenlos und einwandfrei belegt“ sei.
Ob Farnys Mitgliedschaft im Reichstag „völlig bedeutungslos“ war, wie er vor der Kammer bekundete, muß dahingestellt bleiben. Das Kürzel „MdR“ hatte auch während des „Dritten Reichs“ in der Bevölkerung einen durchaus respektablen Klang, handelte es sich doch bei den Mitgliedern des Großdeutschen Reichstags um, wie es hieß, „als mit dem besonderen Vertrauen der Parteileitung und damit des Führers vor dem ganzen Deutschen Volk ausgezeichnete Nationalsozialisten“.
Die Gegnerschaft zum Nationalsozialismus wirkte sich auf die weitgespannte wirtschaftliche Tätigkeit Farnys nicht nachteilig aus, obwohl ihm am 21.7.1937 die Hauptvereinigung der Deutschen Milchwirtschaft in Berlin mitteilte, daß er vom Landesbauernführer Württemberg und vom Gauleiter Wilhelm Murr (1888-1945) als „untragbar“ bezeichnet worden sei. Er wurde aus dem Verwaltungsrat der Organisation entlassen. Aber der überaus gewandte Meister der taktischen Anpassung blieb auch in der NS-Zeit in führenden Funktionen des Reichsnährstandes unangefochten. Von 1939 an dürfte es noch schwieriger als zuvor gewesen sein, dem hohen Offizier in der hochangesehenen Deutschen Wehrmacht von NS-Seite aus etwas anzuhaben.
Im Oktober 1944 wurde Farny aus allernächster Nähe Zeuge jenes Staatsmords, der an dem beliebtesten deutschen Heerführer des Zweiten Weltkriegs, dem persönlichen Freund Farnys Erwin Rommel, verübt wurde. Am 13.10.1944 besuchte der Feldmarschall letztmals Farny auf Gut Dürren „mit einem hastig gepackten Koffer, der seine persönlichen Tagebücher, Akten, Filme und den Schmuck seiner Frau enthielt“ (Kurt Gayer). Er informierte Farny über den für den folgenden Tag angekündigten Besuch der Generale Burgdorf und Maisel, die über seine zukünftige Verwendung mit ihm sprechen sollten. Sie bestehe darin, sagte Rommel, „daß ich mich umzubringen habe“. Er war der Verbindung zu den Verschwörern des 20. Juli beschuldigt worden. Farny wollte ihn retten; von seinem Jagdgebiet aus sei er „mit einem Schritt in der Schweiz“, aber Rommel lehnte wegen der dann zu befürchtenden Sippenhaft ab. Beim Staatsbegräbnis Rommels in Ulm bot Farny der Witwe seines Freundes seinen Arm und geleitete sie – Zeitgenossen mögen die unheimliche Spannung ermessen, die über der verlogenen Staatsaktion lag, aber auch das Risiko, das Farny einging, als er sich in dieser eindeutigen Weise zu seinem Freund bekannte. In der Tat sollte auch er bald darauf verhaftet werden; dank der Hilfe guter Freunde fand er ein Versteck und überlebte.
In der Nacht vor dem Einmarsch der französischen Truppen in Dürren am 29. April 1945 verhinderte er die Sprengung der Argenbrücke an der Straße Dürren-Wangen, indem er, zusammen mit einem Freund, die Sprengkörper stahl und die zu den Sprengkammern führenden Kabel durchschnitt. Die Brücke wurde von Posten unter Gewehr bewacht. Der an sich im Fall hoher Offiziere obligatorischen Gefangenschaft entging er: „Ich stehe mit dem französischen Gouverneur auf allerbestem Fuße“, schrieb er am 25.9.1945 elsässischen Freunden.
Im Entnazifizierungsverfahren wurde er als „entlastet“ eingestuft, trotz der Reichstagsmitgliedschaft in der NS-Zeit. So bemühte er sich bald nach dem Zusammenbruch, wieder in der Politik Fuß zu fassen, und bewarb sich um die Aufnahme in die CDU; seine Aufnahmeanträge wurden aber in der Zeit von 1946 bis 1952 abgelehnt, „weil er sich politisch 1933-1945 kompromittiert habe“ (Walter Münch). Warum er nicht den amtlich nachgewiesenen Widerstand gegen den Nationalsozialismus zugunsten seiner „Entlastung“ bei den wiederholten Aufnahmeanträgen ins Feld führte, hätte wohl nur er selbst beantworten können – aber seine Selbstbiographie blieb ja ungeschrieben.
Diese Zurückweisung hinderte Farny – den „Bauern mit Leib und Seele“, wie ihn viele nannten – natürlich nicht daran, sich mit aller ihn auszeichnenden Energie sofort nach dem Zusammenbruch wieder seinen Fachgebieten, der Landwirtschaft und Milchwirtschaft, intensiv zu widmen. Er scheute auch nicht davor zurück, das undankbare Amt des Vizepräsidenten des Zentralernährungsausschusses der Französischen Zone zu übernehmen, in dem es mehr oder weniger um die Verwaltung des Mangels ging. Schon 1949 nahm er als Präsident des Milchwirtschaftlichen Vereins Baden-Württemberg eine ausschlaggebende Stellung ein, und im Lauf der Zeit kamen noch ein Dutzend oder mehr wichtiger Ämter in der Landwirtschaft, im Bankwesen und Wirtschaftsleben dazu, die den ihm beigelegten scherzhaften Titel des „Königs des Allgäus“ verständlich machen. Ganz besonders lag ihm nach dem Krieg am Wiederaufbau und -ausbau des ländlichen Genossenschaftswesens, und er verstand es, seine feste Überzeugung, daß nur der genossenschaftliche Zusammenhalt der Landwirtschaft erlaube, mit der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung Schritt zu halten, in die Tat umzusetzen: während sein Vater im Jahre 1901 erstmals sieben Sennerei-Genossenschaften zusammenfaßte, waren es in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg unter Farnys Regie über hundert.
Nachdem der sechsjährige Bann gebrochen war, begann Farny eine zweite erstaunliche Laufbahn in der Politik. Er hatte sich in der in der zweiten Hälfte der vierziger Jahre beginnenden heftigen Auseinandersetzung um das Schicksal der alten Länder Baden und Württemberg auf die Seite der Südweststaatbefürworter geschlagen und den Vorsitz des Südweststaatkomitees in Südwürttemberg übernommen. Einer der mächtigsten Gesinnungsfreunde Farnys in dieser Auseinandersetzung, Gebhard Müller, veranlaßte, daß Farny auf die Landesliste der CDU für die zweite Bundestagswahl gesetzt wurde. Er wurde am 6.9.1953 auch gewählt, legte jedoch schon nach wenigen Wochen das Mandat nieder, da ihn Freund und Ministerpräsident Gebhard Müller zu Höherem berief: am 7.10.1953 wurde er Minister für Bundesangelegenheiten des Landes Baden-Württemberg.
Sieben Jahre lang übte er dieses Amt aus, was übrigens nur ging, weil er eine enge Mitarbeiterin hatte, die als Haus- und Hofherrin während seiner häufigen Abwesenheit die Geschäfte des Gutes mit kundiger Hand führte: seine Ehefrau. In der mit dem Ministeramt verbundenen Funktion des Bundesratsmitglieds wurde er Vorsitzender des Verteidigungs- und Landwirtschaftsausschusses des Bundesrates. In diesen höchst einflußreichen Positionen konnte er die Westbindung Adenauers in den verschiedenen Verträgen, aber auch die Regelung der landwirtschaftlichen Fragen in den Römischen Verträgen in seinem Sinne fördern, wobei ihm seine Qualitäten als profunder Sachkenner, glänzender Rhetor und jovialer Causeur sehr hilfreich waren. Die Medienvertreter schätzten besonders seinen immer volkstümlichen Umgangston, aber auch, neben anderen eher flüssigen Landesprodukten, die von ihm aus Dürren mitgebrachten Käsesorten: „Räumet ab, meine Herren, Käs’ essen ist besser als Käs’ verzapfen!“ Das Haus der Landesvertretung in der Bonner Schlegelstraße machte er zu einem der politischen und gesellschaftlichen Zentren der provisorischen Bundeshauptstadt. Als Ministerpräsident Gebhard Müller 1958 zum Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts gewählt wurde, wollte er seinen engen Freund Farny als Nachfolger vorschlagen, aber dieser winkte ab: „Der Mensch muß auch seine Grenzen kennen!“ Schon früher hatte er Angebote, das Amt des Bundeslandwirtschaftsministers zu übernehmen, abgelehnt. Freiwillig schied er im Jahre 1960 aus dem Ministeramt aus. In seiner Bonner Amtszeit wußte der gewiefte Diplomat und geschickte Unterhändler das Gewicht des drittgrößten Bundeslandes bei den seinerzeit anstehenden Entscheidungen voll in die Waagschale zu werfen. Nicht nur vom Alter her war er der hochgeschätzte „Doyen“ der Landesvertreter in Bonn. Als Schlüsselstellung in der Bonner Gesetzgebungsmaschinerie ist seine Position als Vorsitzender des Ständigen Beirats des Bundesrates zu bezeichnen. Dieses Gremium, tagend in dem berühmt gewordenen Zimmer 13 des Bundesrates und zusammengesetzt ausschließlich aus den Bevollmächtigten der Länder in Bonn, ohne Mitarbeiter oder Berater, bereitet für das Präsidium des Bundesrates dessen Vollsitzungen vor. Sieben Jahre lang war Farny der über Parteigrenzen hinweg respektierte Vorsitzende des Beirats.
Das Alter brachte weitere hohe Ämter und Ehrungen. Bis zuletzt blieb Farny aktiv, das Wort „Altenteil“ kam in seinem Wörterbuch nicht vor. In vielen Gremien wirkte er nach wie vor an leitender Stelle in der Regional- und Landespolitik mit. Besondere späte Freuden waren für ihn die Ehrenbürgerschaften seines Heimatdorfes Waltershofen (1947), der Kreisstadt Wangen (1971) und von Kißlegg (1972). An seinem 80. Geburtstag wurde die Staatliche Milchwirtschaftliche Lehr- und Forschungsanstalt Wangen im Allgäu „Dr.-Oskar-Farny-Institut“ genannt.
Quellen: Mitteilungen von Dr. jur. Albert Pfitzer, Direktor des Bundesrates i.R., Bonn, und von Dr. phil. Frank Raberg, Aichwald; Nachlaß Oskar Farny im Archiv der Konrad-Adenauer-Stiftung in Sankt Augustin bei Bonn; Amtliches Handbuch des Deutschen Bundestages, 2. Wahlperiode, hg. von der Bundestagsverwaltung, 1953.
Nachweis: Bildnachweise: Amtliches Handbuch des Deutschen Bundestages, 2. Wahlperiode; viele Fotos im Nachlaß Oskar Farny (Quellen).

Literatur: (Auswahl) Robert Vols, Reichstagshandbuch der Deutschen Gesellschaft, Das Handbuch der Persönlichkeiten in Wort und Bild, 1930/31; Der Großdeutsche Reichstag 1938, IV. Wahlperiode, hg. von E. Kienast, 1938; Kurt Gayer, Ein Mann wie ein Baum – Oskar Farny, in: ders., Die Schwaben in Bonn, 1968; Rudolf Morsey (Bearb.), Die Protokolle der Reichstagsfraktion und des Fraktionsvorstandes der Deutschen Zentrumspartei 1918-1934, 1970; David Irving, Rommel, Eine Biographie, 1977; Rudolf Morsey, Der Untergang des politischen Katholizismus, Die Zentrumspartei zwischen christlichem Selbstverständnis und „nationaler Erhebung“ 1932/33, 1977; Albert Hackelsberger, Oskar Farny, Ernst Schnitzler, in: M.d.R., Die Reichstagsabgeordneten der Weimarer Republik in der Zeit des Nationalsozialismus, Eine biographische Dokumentation, hg. und eingeleitet von Martin Schumacher, 3. Aufl. 1994; Der Weg zum Südweststaat, hg. von der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, Bearb. und Red.: Jörg Thierfelder, Uwe Uffelmann, 1991; Peter Hubert, Uniformierter Reichstag, Die Geschichte der Pseudo-Volksvertretung 1933-1945, 1992; Rudolf Morsey, Das „Ermächtigungsgesetz“ vom 24. März 1933, 1992; Günter Buchstab, Franz Feilmayr – ein bedeutender Bürger Westerhofens, in: Ellwanger Jahrbuch 35 (1993-1994); Andreas Dornheim, Adel in der bürgerlich-industrialisierten Gesellschaft, 1993, 375-379; Munzinger 43/1983; WGL 1960.
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