Hirsch, Julius 

Geburtsdatum/-ort: 07.04.1892;  Achern
Sterbedatum/-ort: 31·1944-12-31.12.1941; Auschwitz (genaues Todesdatum unbekannt)
Beruf/Funktion:
  • Kaufmann, Fußballnationalspieler, Opfer des NS-Regimes
Kurzbiografie: 1902 Eintritt in den Karlsruher Fußballverein (KFV)
1904-1910 Kaufmännische Lehre
1909 Mitglied der 1. Mannschaft des KFV
1910 Deutscher Fußballmeister mit dem KFV
1912 Teilnahme an der Olympiade in Stockholm
1914 Deutscher Fußballmeister mit der SpVgg. Fürth
1914-1918 Soldat im I. Weltkrieg
1919 Eintritt in die Deutsche Signalflaggenfabrik, Karlsruhe
1923 Beendigung der aktiven Laufbahn als Fußballspieler
1933 Präventiver Austritt aus dem KFV wegen jüdischer Herkunft
1933-1934 Trainer einer elsässischen Fußballmannschaft
1938-1939 Zeitweiser Aufenthalt in psychiatrischen Krankenhäusern
1939-1943 Schuttplatzarbeiter in Karlsruhe (zwangsweise)
1943 Deportation nach Auschwitz
1950 Vom Amtsgericht Karlsruhe rückwirkend zum 8. 5. 1945 für tot erklärt
Weitere Angaben zur Person: Religion: isr.
Verheiratet: 1920 (Karlsruhe) Ella Karoline Wilhelmine, geb. Hauser, ev., (1893-1966), Modistin, Konfektionistin, 1942 geschieden
Eltern: Vater: Berthold Benjamin (1848-1931), Kaufmann
Mutter: Emma, geb. Erlanger (1850-1927)
Geschwister: 6:
Anna (geb. 1877)
Rosa (geb. 1878)
Hermann (geb. 1879)
Leopold (1880-1918)
Max (geb. 1887)
Rudolf (geb. 1891)
Kinder: 2:
Heinold Leopold (1922-1996)
Esther Carmen (geb. 1928)
GND-ID: GND/132819996

Biografie: Ludger Syré (Autor)
Aus: Badische Biographien NF 5, 124-126

Mit Hirsch ermordeten die Nationalsozialisten 1943 im Konzentrationslager Auschwitz einen Karlsruher Juden, der vor dem I. Weltkrieg badische und deutsche Fußballgeschichte geschrieben und zur Popularisierung der jungen, aus England stammenden Sportart in Deutschland beigetragen hatte. Welch radikale Zäsur die Judenverfolgung auch für den Fußballsport bedeutete, zeigt sich darin, dass Hirsch und sein Teamkollege Gottfried Fuchs 1933 aus der Chronik des deutschen Fußballs gestrichen wurden und bis heute die einzigen Juden im Trikot der deutschen Fußballnationalmannschaft geblieben sind.
Der am 7. April 1892 während des Aufenthalts seiner Mutter in der Psychiatrischen Heil- und Pflegeanstalt Illenau in Achern geborene Hirsch entstammte einer Karlsruher Kaufmannsfamilie. Nach dem Besuch der Oberrealschule, die er 1907 mit der Mittleren Reife verließ, entschied sich Hirsch für den Beruf seines Vaters, absolvierte die einjährige Pflichthandelsschule und danach eine zweijährige Lehre in einer Karlsruher Lederhandlung, die ihn nach der Lehrzeit übernahm. Im Anschluß an den einjährigen Militärdienst 1912/13 beim Badischen Leib-Grenadierregiment 109 wechselte er zu einer Nürnberger Spielwarenfirma. Unmittelbar nach Kriegsausbruch eingezogen, wurde er an verschiedenen Frontabschnitten, meist jedoch im Etappendienst eingesetzt, 1916 mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse und später als Angehöriger des Bayerischen Landwehrinfanterieregiments 12 mit der Bayerischen Dienstauszeichnung geehrt. Im November 1918 als Vizefeldwebel entlassen, kehrte Hirsch zunächst nach Nürnberg zurück, bevor er zum 1. April 1919 in die väterliche Firma, die Deutsche Signalflaggenfabrik, eintrat. 1931 wurden er und sein Bruder Max alleinige Gesellschafter der Firma, die sich nach Kriegsende auf die Produktion und den Vertrieb von Sportartikeln konzentriert hatte und ab 1929 unter dem Namen Sigfa Sport firmierte.
Fasziniert von der neuen, sich langsam auch auf dem europäischen Kontinent ausbreitenden und namentlich unter Schülern beliebten Sportart Fußball trat der zehnjährige Hirsch 1902 dem 1891 gegründeten Karlsruher Fußballverein (KFV) bei, der neben Phönix Karlsruhe (gegründet 1894) zu den ältesten Fußballklubs in Baden bzw. dem Deutschen Reich zählte. Mit 18 Jahren gelang dem talentierten, 1909 von der Juniorenabteilung in die Erste Mannschaft aufgestiegenen Nachwuchsstürmer der erste sportliche Erfolg: die Deutsche Meisterschaft 1910 durch einen 1:0 Sieg über Holstein Kiel. Nach weiteren Erfolgen mit dem KFV (Deutscher Vizemeister 1912, Süddeutscher Meister 1911, 1912, 1913) gewann er mit seinem neuen Verein, der Spielvereinigung Fürth, 1914 erneut die Deutsche Meisterschaft.
1911 wurde Hirsch in die Deutsche Fußballnationalmannschaft berufen, für die er in den kommenden Jahren sieben Mal spielte. Die ersten Gegner hießen Ungarn (1:4) und Holland (5:5). Vier Tore im Spiel gegen die Niederländer waren ein überzeugender Grund, Hirsch für die Olympiamannschaft zu nominieren. Die Teilnahme an der Olympiade in Stockholm 1912 mit Begegnungen gegen Österreich (1:5) und Ungarn (1:3) war sicherlich ein Höhepunkt in Hirschs Laufbahn. Nicht beteiligt war Hirsch am 16:0-Erfolg gegen Rußland, bei dem es zu dem spektakulären, bis heute nicht eingestellten Torrekord seines Klubkameraden Gottfried Fuchs kam, der zehn Tore erzielte. Es folgten 1913 drei Länderspiele gegen die Schweiz (1:2), Dänemark (1:4) und Belgien (2:6). Nach den Jahren des I. Weltkriegs, in denen der Spielbetrieb auf nationaler und internationaler Ebene geruht hatte, spielte Hirsch noch einige Jahre für den nun nicht mehr so erfolgreichen KFV, bevor er 1923 seine aktive Laufbahn beendete. Am Ende seiner Karriere konnte Hirsch auf zwei deutsche und vier süddeutsche Meisterschaften zurückblicken; sieben Mal war er in die deutsche, neun Mal in die süddeutsche Auswahl berufen worden.
Dem KFV blieb er weiterhin eng verbunden; er wirkte als Jugendtrainer und gehörte zwischen 1926 und 1933 dem Spielausschuss an. Erst der Aufstieg des Nationalsozialismus beendete seine Mitgliedschaft. Als im April 1933 die großen süddeutschen Vereine, darunter der KFV, erklärten, Juden ausschließen zu wollen, kam Hirsch „bewegten Herzens“ durch die Kündigung der Mitgliedschaft seinem Ausschluß zuvor. Aus der im Kicker-Verlag publizierten Neuauflage des Sammelalbums „Die deutschen Nationalspieler“ (1939) wurden er und Fuchs wegen ihrer jüdischen Abstammung eliminiert. Da er keinem DFB-Verein mehr angehören durfte, engagierte sich Hirsch im jüdischen Turnclub Karlsruhe 03. Sieht man von einem zehnmonatigen Vertrag beim elsässischen A.C. Illkirch-Graffenstaden ab, schlugen trotz bester Zeugnisse alle Versuche fehl, im Ausland eine Anstellung als Trainer zu finden.
Nachdem die Sigfa Sport im Februar 1933 Konkurs angemeldet hatte, mußte sich Hirsch auch beruflich neu orientieren. Bis Mai 1937 verdiente er seinen Lebensunterhalt als Vertreter für Bettwäsche und Stoffe, dann als Hilfslohnbuchhalter bei den Vogel & Bernheimer Zellstoff- und Papierfabriken Ettlingen und Maxau. Diese Stelle verlor er Ende Juni 1938 wieder, nachdem die Firma am 1. April „arisiert“ worden war. Nach Reisen ins Ausland und nach Aufenthalten in psychiatrischen Krankenhäusern, denen im November 1938 ein Suizidversuch vorausgegangen war, wurde Hirsch vom Tiefbauamt der Stadt Karlsruhe als Hilfsarbeiter zwangsverpflichtet und auf einem Schuttplatz am Rand der Stadt eingesetzt.
Der Deportation der badischen Juden nach Südfrankreich im Oktober 1940 entging Hirsch, weil er mit einer „Arierin“ verheiratet war. 1920 hatte er die Modistin Emma Hirsch geheiratet, die als Angestellte in Karlsruher Textilgeschäften tätig war. In der Annahme, seine beiden Kinder Heinold und Esther dadurch besser schützen zu können, stellte Hirsch den Antrag auf Scheidung, dem am 2. Dezember 1942 vom Oberlandesgericht entsprochen wurde. Er blieb aber weiterhin in Kontakt mit der Familie. Im Februar 1943 erhielt er den Befehl, sich zum Zweck des Arbeitseinsatzes im Osten des Reiches gemeinsam mit elf weiteren Juden am Karlsruher Hauptbahnhof einzufinden. Als ihm der Leiter des Karlsruher Postscheckamtes, ein Bekannter aus seiner Fußball-Vergangenheit, anbot, ihn im versiegelten Kurierwagen in die Schweiz schmuggeln zu lassen, nutzte er diese Chance aus Sorge um seine Familie nicht. Sein letztes Lebenszeichen war eine am 3. März 1943 in Dortmund aufgegebene Geburtstagskarte an seine Tochter. Der Transport der Karlsruher Juden endete in Auschwitz, wo Hirsch vermutlich wenige Tage nach der Ankunft ermordet wurde. Am 23. Juni 1950 erklärte ihn das Amtsgericht Karlsruhe rückwirkend mit Datum vom 8. Mai 1945 für tot. Seine beiden Kinder, die von den Nationalsozialisten im Sinne der Nürnberger Gesetze als „Mischlinge ersten Grades“ definiert wurden, überlebten das Konzentrationslager Theresienstadt, in das sie noch im Februar 1945 eingeliefert worden waren. Fuchs hatte 1937 die Gelegenheit zur Emigration genutzt und lebte bis zu seinem Tod 1972 in Kanada; Einladungen nach Deutschland schlug er unter Verweis auf das Schicksal seines Freundes Hirsch aus.
Hirsch blieb jahrzehntelang vergessen, bis 1998 die Sporthalle des Ludwig-Marum-Gymnasiums in Pfinztal-Berghausen nach ihm benannt und eine entsprechende Erinnerungstafel angebracht wurde. Eine zumindest indirekte Rehabilitierung seitens des Deutschen Fußballbundes erfuhr Hirsch im Jahre 2000 durch die Darstellung seines Lebensweges in der DFB-Jubiläumsausstellung. In das beim Stadtarchiv Karlsruhe geführte „Gedenkbuch der Karlsruher Juden“ wurde seine Biographie aufgenommen; ein kleiner Hinweis auf sein Schicksal im Dritten Reich findet sich auch in der Dauerausstellung des Badischen Landesmuseums.
Quellen: StadtA Karlsruhe 1/AEST/1237, 6/BZA 5767, 8/StS 17/310; GLA Karlsruhe 330/494, 501, 480/494; StA Freiburg B 821/2 Nr. 7741.
Nachweis: Bildnachweise: Der Ball ist rund. Katalog zur Fußballausstellung im Gasometer Oberhausen im Centro anlässlich des 100jährigen Bestehens des DFB vom 12.5. - 15.10.2000, 2000, 190-197.

Literatur: Werner Skrentny, Die Bilder, die im Nationalspieler-Album fehlen. Der Tod des „Juller“ Hirsch, in: Als Morlock noch den Mondschein traf. Die Geschichte der Oberliga Süd 1945-1963, 1993, 7-10; Josef Frey, 90 Jahre Karlsruher Fußballverein. Ein Kapitel Karlsruher u. Deutscher Fußballgeschichte, 1981.
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