Württemberg, Carl Eugen, Herzog 

Geburtsdatum/-ort: 11.02.1728; Brüssel
Sterbedatum/-ort: 24.10.1793;  Hohenheim bei Stuttgart; begr. in der Gruft (Katholische Abteilung) der Schlosskirche Ludwigsburg
Weitere Angaben zur Person: Religion: katholisch
Verheiratet: 1748 Elisabeth Friederike Sophie, geb. von Brandenburg-Bayreuth
Januar 1785 Franziska, geb. von Bernerdin zum Pernthurn auf Pregrat
Eltern: Vater: Herzog Carl Alexander von Württemberg (24.1.1684-12.3.1737)
Mutter: Maria Augusta, geb. Prinzessin von Thurn und Taxis (11.8.1706-1.2.1756)
Geschwister: Ludwig Eugen (6.1.1731-20.5.1795)
Friedrich Eugen (21.1.1732-22.12.1797)
Augusta Elisabeth (30.10.1734-4.6.1787)
Kinder: 1; Friederike (19.2.1750-12.3.1751)
GND-ID: GND/118560158

Biografie: Gabriele Haug-Moritz (Autor)
Aus: Lexikon Haus Württemberg, S. 258-264.

Die Geschichte Württembergs im 18. Jahrhundert ist zu größten Teilen die Geschichte von „Herzog Karl Eugen von Württemberg und seine(r) Zeit“, wie das – bis heute in seiner Vielseitigkeit unübertroffene Standardwerk – zur württembergischen Historie dieses Zeitalters betitelt ist. Die Spuren, die er hinterließ, sind noch in unserer Gegenwart präsent: Sie sind zu sehen, man denke nur an Schloß Solitude bei Stuttgart oder die Stuttgarter Landesbibliothek, die auf eine Stiftung des Herzogs zurückgeht, und Episoden aus seiner Regierungszeit sind konstitutive Bestandteile des württembergischen Landesbewußtseins. So denken nicht wenige Württemberger, wenn sie die Geschichte ihres Landes Revue passieren lassen, an den von der Stuttgarter Hohen Carlsschule flüchtenden Schiller, an die – angeblich! – um den Freiheitsbaum tanzenden Tübinger Stiftler Hegel, Schelling und Hölderlin und manch einer vielleicht sogar an den berühmten württembergischen Staatsrechtler Johann Jacob Moser oder den Poeten-Rebellen Christoph Friedrich Daniel Schubart, beide von Herzog Carl Eugen auf den Landesfestungen Hohentwiel bzw. Hohenasperg in Verwahrung genommen. Gemeinsam ist diesem ansonsten in jeder Hinsicht amorphen Personenkreis eins – die Tatsache, daß seine Begegnung mit dem Herzog mehr oder weniger negative Folgen für das Leben des Einzelnen zeitigte. Und so kommt es, daß entgegen allen wissenschaftlichen Bemühungen, Herzog Carl Eugens Leben und Wirken größere Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, bis heute die negativen Konnotationen zu seiner Person überwiegen.
Carl Eugen wurde in Brüssel, im Familienpalais seiner Großeltern mütterlicherseits, geboren und verbrachte die ersten acht Lebensjahre in der Obhut seiner Großmutter in Brüssel. Seine Eltern hielten sich zuerst in Belgrad, seit 1734 – gemeinsam mit seinen jüngeren Brüdern – in Stuttgart bzw. Ludwigsburg auf. Zeit seines Lebens blieb das Französische, die Sprache seiner Kindheit, seine bevorzugte Form sich auszudrücken, nicht nur deswegen, weil es die Lingua franca der Politiker war. Im Frühjahr 1736 auf heftiges Bitten der Landschaft, nicht auf Wunsch der Eltern, nach Stuttgart gebracht, überstürzten sich die Ereignisse in seinem Leben: Es wurde zwar vom Freund seines Vaters, Friedrich Karl von Schönborn, ein Erziehungsplan aufgestellt, doch der frühe Tod seines Vaters und der Konflikt seiner Mutter mit der Vormundschaftsregierung machten eine kontinuierlich voranschreitende Erziehung des Neunjährigen unmöglich. Kreiste doch der Streit zu nicht geringen Teilen um das Problem, wer künftig Einfluß auf die Erziehung Carl Eugens und seiner jüngeren Brüder haben sollte. Die Wirren des 1740 ausgebrochenen Österreichischen Erbfolgekrieges, die Furcht der Vormundschaftsregierung und der Mitvormünderin Maria Augusta, der Erbprinz und künftige Regent Württembergs könnte von den Habsburgern für sich vereinnahmt werden, führten ein erstes Mal dazu, daß der Lebensweg des nunmehr Zwölfjährigen unmittelbar von politischen Erwägungen beeinflußt wurde. Als er im Dezember 1741 in Berlin eintraf – auf der Reise dorthin hatte er seine künftige Gemahlin kennengelernt – war er das Unterpfand des württembergisch-preußischen Einvernehmens. Zwar wurde er während seines Berliner Aufenthaltes, der bis zu seinem Herrschaftsantritt in Württemberg im Januar 1744 währte, mit allen erdenklichen Wohlgefallensbekundungen von seiten des preußischen Monarchen bedacht, aber die Tatsache, daß er sich nicht freiwillig dort aufhielt, wurde immer unabweislicher. Am Ende wurde das Drängen des Prinzen und seiner jüngeren Brüder, Berlin zu verlassen, so heftig, daß Friedrich II. sich gezwungen sah, der von der Mutter betriebenen Mündigkeitserklärung ihres ältesten Sohnes zuzustimmen. Die auf der Rückreise nach Württemberg zehn Tage nach seinem sechzehnten Geburtstag in Bayreuth gefeierte Verlobung mit der Nichte des Preußenkönigs sollte auch künftig ein gedeihliches Zusammenwirken der Vormacht des deutschen Südwestens und der aufstrebenden Großmacht des Nordens sichern.
Fragt man danach, inwieweit diese Jugenderfahrungen noch den regierenden Herzog prägten, so dürfte die aus dem Jahre 1763 stammende Charakterisierung seiner Persönlichkeit durch den kaiserlichen Gesandten in Stuttgart, Johann Wenzel von Widmann, in ihren Grundzügen auch für den jugendlichen Herzog zutreffen. Der Herzog sei, so schrieb Widmann, „sowohl in seiner Gemütsbeschaffenheit als Lebensart ausserordentlich und überhaupt als ein aus lauter sich untereinander widersprechenden Teilen und Eigenschafften zusammengesetztes Ganzes zu betrachten. Der Ehrgeiz dieses Fürsten ist ohnermesslich und ohnbeschreiblich, sein Herz aber aller Fühlung von Menschenliebe … verschlossen. … So würde ich noch vieles von ihme, Herzogen, anzuführen wissen, ich will aber den Beschluss … mit der Anmerkung machen, daß dieser Fürst gewiss grosse Gaben und sonderheitlich einen ohnvergleichlichen Begriff [Verstand] habe und bey allen Zerstreuungen in Lands- und Regierungsgeschäfften viles arbeite“. Das von Widmann entworfene Persönlichkeitsprofil benennt das zentrale Movens Carl Eugenscher Politik – seinen Ehrgeiz. Ehrgeizig zu sein, hieß, die für die „absolutistische Staatenwelt typischen Macht- und Vergrößerungsgelüste“ (Kunisch) zu teilen. Dies bedeutete, in konkrete Politik umgesetzt, danach zu streben, die Effizienz des Staatswesens im Innern so weit zu steigern, daß eine hinlängliche Streitmacht finanziert werden konnte. Die militärische Stärke sollte den Herzog zum gesuchten Partner der europäischen Großmächte machen, so das Kalkül, und es ihm erlauben, die Interessen seines Hauses und Landes besser zur Geltung bringen zu können. Die vornehmste Fürstenwürde im Reich zu erringen, den Rang eines Kurfürsten, und die territoriale Arrondierung seines durch reichsritterschaftlichen und geistlichen Besitz mannigfach „durchlöcherten“ Staatsgebildes voranzutreiben, bildeten die vorrangig verfolgten Ziele. Die herzoglichen Ambitionen, in deren Fluchtlinie das Bestreben stand, im Konzert der europäischen Mächte nicht nur Objekt, sondern aktiv gestaltendes Mitglied zu sein, bildet den roten Faden seiner nahezu fünfzigjährigen Regierungszeit. Die Formen und Mittel, dieses Ziel zu erreichen, wandelten sich, das Ziel selbst aber blieb bestehen.
Die ersten Jahre seiner Regierungszeit gaben die politische Handschrift Carl Eugens nur langsam, aber doch immer deutlicher Konturen gewinnend, zu erkennen. Seit Beginn der 1750er Jahre wurde offenkundig, daß der Herzog begann, das Verhältnis von „Zerstreuung“ und „Arbeit“ zugunsten der letzteren zu verschieben. Bis zu diesem Zeitpunkt freilich nahm sich Carl Eugen die Ratschläge, die ihm Friedrich II. von Preußen auf den Weg gegeben hatte, wenig zu Herzen. Von „Zerstreuungen“, Reisen und seiner neuen Rolle als junger Ehemann in Beschlag genommen, waren es seine „Diener“ und deren in den Landständen präsenten Vettern, die – wie schon seit 1737 – die Geschicke des Landes lenkten. Daß Carl Eugen sich zunehmend weniger mit den schönen Seiten des Lebens zufrieden gab und allmählich erkannte, daß er sich in einem goldenen Käfig befand, verweist ein erstes Mal auf seine intellektuelle Einsichtsfähigkeit. Denn auf diesen Umstand aufmerksam gemacht hatte ihn niemand. So prägte sich bereits dem Zwanzigjährigen ein, daß er in seiner Funktion als regierender Herzog auf sich allein gestellt war. Diese Erfahrung der Schwäche machte ihn zeitlebens wenig „menschenliebend“, vor allem aber gegen jede Form der Infragestellung seiner Autorität mehr als sensibel. Seine Mutter sollte der erste Mensch sein, der dies zu spüren bekam. Der sich aus dieser Grunderfahrung speisende Glaube, alles selbst tun zu müssen, verband sich – in für ihn unglücklicher Weise – mit seinem Hang zur Selbstüberschätzung. So schien es ihm, als müsse er nicht nur alles selber tun, sondern als könne nur er allein es tun. Dieser autokratische Zug seines Regiments, den er im übrigen mit zahlreichen seiner als aufgeklärte Absolutisten apostrophierten fürstlichen Zeitgenossen teilte, bestimmte seine ganze Regierungszeit. Und noch seine von den Kanzeln des Landes verlesene „Regierungserklärung“ anläßlich seines fünfzigsten Geburtstags 1778, die in der Landesgeschichtsschreibung als Selbstgeständnis oder Bußerklärung firmiert, war primär ein Appell an seine Diener und Untertanen, seinen „Geboten gehorsam“ zu sein.
Bezeichnend ist der Auftakt der herzoglichen „Selbstregierung“ (Eugen Schneider). 1752 unterschrieb der Herzog einen Subsidienvertrag mit Frankreich, der ihn zum ausgewiesenen Parteigänger der preußisch-französischen Koalition machte. Die Vertragsunterzeichnung erfolgte gegen den Willen seiner Geheimen Räte, die an ihrer seit fünfzehn Jahren erfolgreich praktizierten Politik des Lavierens zwischen den beiden deutschen Großmächten festhalten wollten. Die Entmachtung des Geheimen Rates 1755 stellt sich somit als – aus herzoglicher Perspektive betrachtet – notwendige Konsequenz dar, sollte es gelingen, die eigene politische Konzeption Wirklichkeit werden zu lassen. Die Einführung von Audienztagen, die den landschaftlichen Anspruch, die Interessen der Untertanen gegenüber der Herrschaft zu repräsentieren, in Frage stellte, markiert den zweiten innenpolitischen Wendepunkt. Was sich zu Beginn der 1750er Jahre ankündigte, eine aktive württembergische Außen- bzw. Reichspolitik und die damit aufgrund der innerwürttembergischen Machtverteilung zwangsläufig einhergehende Infragestellung der Position der territorialen Eliten, sollte zum beherrschenden Gegenstand der württembergischen Politik in den Jahren bis 1770 werden.
Die Mittel, derer sich Carl Eugen in dieser Zeit zu bedienen dachte, um seine hochfliegenden Pläne zu realisieren, lassen sich präzise umreißen: Höfische Prachtentfaltung sollte den anderen fürstlichen Dynasten Europas die Machtprätentionen des württembergischen Herzogs – im Wortsinn – vor Augen führen. In die Jahre 1755–1767 fällt der Höhepunkt des theatralischen, musikalischen und tänzerischen Kulturschaffens in Württemberg im 18. Jahrhundert. Das stehende Heer sollte das durch das kulturelle Kapital angehäufte herzogliche Prestige in politischen Nutzen ummünzen. Die für diese Form herzoglicher Politik notwendigen immensen Finanzmittel mußten unabwendbar zum Konflikt mit den über einen Großteil der württembergischen Staatsfinanzen disponierenden Landstände führen. Denn eine politische Konzeption zu unterstützen, die für sie mit keinerlei Nutzen, aber mit erheblichen Risiken behaftet war, dazu fanden sie sich nicht bereit. Den bürgerlichen Mitgliedern der Landschaft war es aufgrund ihrer sozialen Zusammensetzung, die ihnen den Zugang zum originär adligen Gebilde „Hof“ unmöglich machte, versagt, die sich im Hof konkretisierende fürstliche Patronage nutzbringend für die eigene Karriere einzusetzen. Die in ihren Anfängen bis ins 16. Jahrhundert zurückreichende Hofkritik stellte das argumentative Arsenal bereit, Hof und höfische Kultur, die in den Augen des Fürsten eine genuin politische Funktion erfüllten, als überflüssig zu kennzeichnen. Konfligierende Wert- und Normsysteme, die sich unter Carl Eugen auch noch konfessionell aufladen ließen, taten ein übriges, dieses Mittel herzoglicher Politik zu diskreditieren. Daß sie mit ihren Argumenten aber nicht nur bei den – von den finanziellen Lasten betroffenen – bürgerlichen Untertanen des Herzogs auf Resonanz stießen, hatten sie dem Zeitgeist zu verdanken. So intensivierten sich im literarischen Diskurs des 18. Jahrhunderts die hofkritischen Töne, man denke z.B. an Schillers „Kabale und Liebe“. Bedeutsamer aber war, daß mit Preußen ein – in der zweiten Jahrhunderthälfte als immer erfolgreicher wahrgenommenenes – Modell zur Verfügung stand, Macht militärisch und nicht kulturell zu repräsentieren. Demzufolge fiel es den Landständen auch erheblich schwerer, die militärische Komponente der herzoglichen Politik zurückzuweisen, die ihre Position viel konkreter gefährden konnte. Als ganz und gar aussichtslos stellte sich dieses Unterfangen in Zeiten kriegerischer Auseinandersetzung dar. So begünstigten überdies die Zeitumstände, der Ausbruch des Siebenjährigen Krieges (1756), die machtpolitischen Ambitionen Carl Eugens.
Nachdem der Herzog, mehr äußeren Notwendigkeiten als inneren Überzeugungen gehorchend, sich 1757 von der preußischen auf die Seite des Hauses Habsburgs geschlagen hatte, galt es, die Möglichkeiten, die die Ausnahmesituation Krieg lieferte, zu nutzen. Österreich, daran interessiert, seinen neu hinzugewonnen Verbündeten zu einem schlagkräftigen Partner zu machen, schloß sich der herzoglichen Lesart der württembergischen Landesverfassung an, die den finanziellen Spielraum des Herzogs erheblich vergrößerte. Die Macht der – wie man vermutete – mit Preußen konspirierenden Landstände zu brechen, war dem kaiserlichen Hof ein besonderes Anliegen. Die Verhaftung des Konsulenten Johann Jacob Moser, in dem man den landschaftlichen Rädelsführer ausgemacht hatte, geschah mit ausdrücklicher Billigung der Wiener Hofburg. Doch schon 1761 zeichnete sich ab, was der Herzog bis Jahresende 1766 nicht wahrhaben wollte – der Wiener Hof war nicht bereit, die ehrgeizigen Pläne Carl Eugens zu unterstützen. Nach 1756 aber, dem Jahr der diplomatischen Revolution, das die jahrhundertelangen Opponenten Österreich und Frankreich zusammengegeführt hatte, gab es zur politischen Unterstützung durch den Kaiser für drittrangige Territorialmächte in Süddeutschland keine Alternative mehr. Die Erfolglosigkeit der herzoglichen Politik in der ersten Hälfte der 1760er Jahre demonstriert so erstmals, was die weitere Geschichte des 18. Jahrhunderts immer offenkundiger werden ließ: das sogenannte Dritte Deutschland, das sind die mittelmächtigen Territorialstaaten des Reiches, konnten sich dem von den beiden deutschen Großmächten ausgehenden polarisierenden Sog nicht entziehen.
Herzog Carl Eugen brauchte lange, zu lange, um zu dieser Einsicht zu gelangen und auch nur Teile seiner seit Beginn der 1750er Jahre verfolgten Regierungskonzeption retten zu können. Mit ohnmächtiger Wut reagierte der Herzog auf seine sich nach Kriegsende 1763 immer unabwendbarer abzeichnende Niederlage, die nicht nur sein außen- und reichspolitisches Regierungsprogramm Makulatur werden ließ, sondern auch dessen innenpolitisches Korrelat – die Entmachtung der württembergischen Ehrbarkeit. Um die Jahreswende 1766/67 aber hat die verstandesmäßige Einsicht über die emotionalen Stürme obsiegt, die der Umstand hervorgerufen hatte, daß es ihm zum ersten Mal in seinem Leben nicht gelungen war, die politischen Gegebenheiten nach seinen Vorstellungen zu gestalten. Im Frühjahr 1767 wurden das französische Schauspielensemble und der größere Teil des Balletts aufgelöst, die Oper deutlich reduziert, die Truppenstärke der herzoglichen Haustruppen dramatisch verringert und die Beilegung des innenpolitischen Konflikts dem kaiserlichen Hof überlassen. Radikal, vor allem aber endgültig war die Wende, die Herzog Carl Eugen 1767 vollzog.
Die Lektion, die er zu Beginn der 1760er Jahre gelernt hatte, sollte er den Rest seiner Regierungszeit beherzigen. In diese Perspektive gerückt markiert weder der Erbvergleich von 1770, das ist die von Wien vermittelte Herrschaftsvereinbarung zwischen dem Herzog und den Landständen, noch seine Liaison mit Franziska von Hohenheim oder seine sogenannte Bußerklärung von 1778 die entscheidende Wende in seiner fünfzigjährigen Regierungszeit, sondern das Jahr 1767. Die Konsequenz, mit der er an der einmal gewonnenen Einsicht festhielt, daß sich seine politischen Ziele nicht kurzfristig durchsetzen ließen, bestätigt die „großen Gaben“, die ihm Widmann schon 1763 attestiert hatte.
Aus der richtigen Erkenntnis, daß er unter den gegebenen politischen Handlungsbedingungen seine Ambitionen nicht realisieren konnte, erwuchs eine weitgehende reichs- und außenpolitische Enthaltsamkeit. Sie äußerte sich, um nur zwei, völlig unterschiedlich geartete Beispiele anzuführen, indem er sich nach dem Tod seiner ersten Gemahlin 1780 allen Wiener Wünschen entzog, eine zweite, politisch vorteilhafte Ehe zu schließen, ebenso wie in seiner ablehnenden Haltung gegenüber dem preußischen Werben von 1785, mit dem Württemberg für den Fürstenbund gewonnen werden sollte. Daß er die nach dem Tod seiner ersten Gemahlin offene Situation nutzte, um 1782 nach Wien zu reisen und dort nochmals wegen des Wunsches, die Kurwürde zu erhalten, zu sondieren, zeigt jedoch auch, daß er seine ursprünglich verfolgten Pläne nur zurückgestellt, nicht preisgegeben hatte.
Noch weitreichender aber waren die innenpolitischen Konsequenzen, die der Herzog zog. Carl Eugen, der eingesehen hatte, daß es – vorläufig – zum Arrangement mit den Führungsspitzen der württembergischen Ehrbarkeit keine Alternative gab, wollte er sich wenigstens ein Minimum an politischer Gestaltungsmöglichkeit eröffnen, betrieb eine Innenpolitik, die auf die konsequente Einbindung der territorialen Eliten ausgerichtet war. Er tat dies mit Erfolg. Zwar führte die Carl Eugensche Politik des Sich-Arrangierens zu einer bislang nie dagewesenen Machtstellung der Landstände, was insbesondere seine jüngeren Brüder als Regierungsnachfolger zu spüren bekommen sollten, sie erlaubte es ihm aber auch, sein Programm der Modernisierung Württembergs, nicht ohne Reibungsverluste, aber doch ohne Konflikte voranzutreiben. Der gewichtigste und vom Herzog mit dem größten Nachdruck verfolgte Baustein dieses Programms war die Errichtung der Hohen Carlsschule. Erneut zeigt sich, daß Carl Eugen seine ursprünglich verfolgten Absichten nicht aufgab, sondern aufschob. Denn die wirksamste Art, die Schwäche der herzoglichen Position im territorialen Gefüge dauerhaft zu kompensieren, bestand darin, sich mit „Dienern“ zu umgeben, die auf die eigenen Grundsätze verpflichtet waren und in ihrer Loyalität treu zum Herzog standen.
Mit seinem pädagogischen Elan erweist sich der Herzog ganz und gar als ein Kind seiner Zeit. Denn der Aufklärungsbewegung in Deutschland eignete ein primär „utilitaristisch-pädagogischer Affekt“ (Duchhardt), in den sich die Bemühungen des Herzogs nahtlos einfügen. Carl Eugen gelang es in nur 11 Jahren, die 1770 noch mit bescheidenen bildungspolitischen Ansprüchen auf der Solitude gegründete „militärische Pflanzschule“ als Universität privilegieren zu lassen, die der alteingesessenen Alma mater Württembergs in Tübingen rasch den Rang abgelaufen hatte. Praxisorientiert, mit einem aufgeklärten, a-konfessionellen Bildungsprogramm und offen für die neuesten wissenschaftlichen Entwicklungen entstand eine sich auf der Höhe der Zeit befindliche Hochschule in Stuttgart. Der kritische Blick auf diese Bildungseinrichtung stammt nicht nur, aber doch mehrheitlich aus späterer Zeit, sieht man von den kritischen Stimmen der in ihren Interessen durch die Hochschule massiv beeinträchtigten württembergischen Ehrbarkeit ab. Gemessen an der Elle der Humboldtschen Bildungsideale vermag das strenge, für die reformabsolutistische Reglementierungssucht im übrigen typische Reglement der Carlsschule nicht zu genügen. In ihrer Zeit allerdings erfüllte sie die zweite Funktion, die ihr der Herzog neben ihrer Aufgabe als Staatsdienerschule zugedacht hatte, leidlich – sie mehrte das herzogliche Prestige in der aufgeklärten Öffentlichkeit.
Als Carl Eugen im Oktober 1793 nach längerer Krankheit starb, hatte er Entscheidendes dazu beigetragen, daß sich Württemberg in den großen Umbrüchen der napoleonischen Ära zu behaupten vermochte. „Groß im Großen“ zu sein, um das vielzitierte Diktum Friedrichs II. von Preußen, Carl Eugen sei „groß im Kleinen und klein im Großen“ gewesen abzuwandeln, aber war ihm nicht vergönnt. Doch was antwortete der Seewolf Jack Londons auf die Frage seines gelehrten Mitreisenden, warum er nichts Großes vollbracht habe? „… die Geschichte weiß von günstigen Gelegenheiten.…Niemand schafft sich solche Gelegenheiten selbst. Alles was die Großen taten, war, die Chance zu erkennen, wenn sie sich bot.“ Doch nicht immer bieten sich Chancen.
Quellen: HStA Stuttgart, A-, G-, L-Bestände.
Nachweis: Das Haus Württemberg: ein biographisches Lexikon / hrsg. von Sönke Lorenz ... In Zusammenarbeit mit Christoph Eberlein ... und dem Institut für Geschichtliche Landeskunde und Historische Hilfswissenschaften der Eberhard-Karls-Universität Tübingen. Stuttgart; Berlin; Köln 1997; Bildnachweise: Haus Württemberg

Literatur: Herzog Karl Eugen von Württemberg und seine Zeit, hrsg. vom Württembergischen Geschichts- und Altertumsverein, 2 Bde., Eßlingen 1907/09.
Gabriele Haug-Moritz, Württembergischer Ständekonflikt und deutscher Dualismus. Ein Beitrag zur Geschichte des Reichsverbands in der Mitte des 18. Jahrhunderts, Stuttgart 1992.
Gerhard Storz, Der Fürst und das „alte gute“ Recht, Stuttgart 1981.
Robert Uhland, Geschichte der Hohen Karlsschule in Stuttgart, Stuttgart 1953.
Jürgen Walter, Carl Eugen von Württemberg. Ein Herzog und seine Untertanen, Mühlacker/Irdning 1987.
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