Württemberg, Johann Friedrich, Herzog 

Andere Namensformen:
  • Herzog
Geburtsdatum/-ort: 05.05.1582; Mömpelgard
Sterbedatum/-ort: 28.07.1628;  auf dem Weg nach Heidenheim; begr. in der Stiftskirche Stuttgart
Weitere Angaben zur Person: Religion: lutherisch
Verheiratet: 5.11.1609 Barbara Sophie von Brandenburg
Eltern: Vater: Herzog Friedrich I. von Württemberg(19.8.1557-29.1.1608)
Mutter: Sibylla, geb. Fürstin von Anhalt (28.9.1564-16.11.1614)
Geschwister: Sibylla Elisabeth (20.4.1584-30.1.1606)
Ludwig Friedrich (29.1.1586-26.1.1631)
Julius Friedrich (3.6.1588-25.4.1635)
Eva Christina (16.5.1590-5.4.1657)
Friedrich Achilles (5.5.1591-30.12.1631)
Agnes (7.5.1592-25.11.1629)
Barbara (14.12.1593-18.5.1627)
Magnus (12.12.1594-6.5.1622)
Anna (25.3.1597-4.11.1650)
Kinder: 9, Heinrich (12.12.1610-18.2.1623), Friedrich 15.3.1612-12.6.1612), Eberthal (4.9.1623-9.1.1624), Antonia (3.4.1613-11.10.1679), Eberhard III. (16.12.1614-2.7.1674), Friedrich (19.12.1615-24.3.1682), Ulrich (15.5.1617-5.12.1671), Anna Johanna (13.3.1619-15.3.1679), Sibylla (4.12.1620-21.5.1707)
GND-ID: GND/118712381

Biografie: Axel Gotthard (Autor)
Aus: Lexikon Haus Württemberg, S. 142-146.

Der Regierungsantritt des am Stuttgarter Hof, dann im Tübinger Collegium Illustre erzogenen Thronfolgers fiel mit der Vorkriegszeit zusammen. Als er im Februar 1608 zum ersten Mal seine Räte um sich versammelte, lag in Regensburg gerade ein Reichstag in Agonie. Ende April begann der Exodus der protestantischen Gesandten, der Reichstag scheiterte – ein Fiasko, das den Glauben an die Integrationskraft des Reichsverbandes nachhaltig erschüttern mußte. Das letzte Forum des Interessenausgleichs wirkte nur noch polarisierend, nicht mehr schlichtend, die letzte wichtige Reichsinstitution war blockiert. An die Stelle der Rechtsgarantien des Reiches hatten andere Faustpfänder des status quo zu treten. Es war die Stunde der konfessionellen Sonderbündnisse. Von Anfang an zeichnete sich deshalb ab, daß der junge Stuttgarter Regent den Großteil seiner Regierungstätigkeit den Außenbeziehungen des Herzogtums würde widmen müssen.
Nur wenige Wochen nach dem Scheitern des Reichstags schlossen sich zahlreiche protestantische Reichsstände zur Union von Auhausen zusammen. Unter ihnen auch Württemberg! Johann Friedrich war beileibe nicht irgendein Unionsfürst, er wurde rasch zur Leitfigur der prononciert reichstreuen, friedensliebenden Mehrheit der Auhausener. In der Union mußten zwei Denk- und Politikstile miteinander auskommen. Den einen etikettierten die Zeitgenossen als „calvinistisch“, das hieß in europäischen Zusammenhängen denken, überall nach Verbündeten für den großen Glaubenskrieg suchen. Denn „calvinistische“ Politiker waren davon überzeugt, daß sich der Krieg gar nicht mehr vermeiden ließ. Anders Johann Friedrich: Er glaubte an die Chance der systemimmanenten, friedensrettenden Reform, betonte stets seine Reichstreue, ohne diese jedoch in bedingungsloser Kaisertreue aufgehen zu lassen, wie etwa die Dresdner, die unter dem Etikett des dem Reichsoberhaupt schuldigen „Gehorsams“ eine prokatholische Reichspolitik betrieben. Der Stuttgarter Herzog rang um die Möglichkeit eines „dritten Weges“ zwischen Militanz und protestantischer Selbstaufgabe, suchte Glaubensfestigkeit, Reichspatriotismus und Friedensliebe nicht antithetisch werden zu lassen – eine große Herausforderung! Jene aus heutiger Sicht zukunftsweisende Politik schien ganz gegen die Tendenzen des Zeitalters gerichtet, dessen Kennzeichen die Polarisierung war.
Wer sich mit der Frage beschäftigt, welche Rolle die Union für die Reichspolitik des Vorkriegsjahrzehnts gespielt hat, muß verschiedene Wege gehen, muß sowohl nach dem Frieden fragen als auch nach dem Krieg. Beide Wegstrecken wurden wesentlich in Stuttgart mit abgesteckt. Der Vorbereitung auf einen eventuellen Glaubenskrieg sollte der Rückhalt bei den europäischen Gegnern Habsburgs dienen, bei Frankreich, England, den Generalstaaten. Mit allen drei Mächten schloß die Union Abkommen, alle drei Allianzverträge hat einer der Räte Johann Friedrichs, Benjamin Bouwinghausen, vorbereitet – er war der große „Westpolitiker“ der Union, so wie Christian von Anhalt ihr großer „Ostpolitiker“ gewesen ist. Französische Gesandte bezeichneten jenen Bouwinghausen in einem Bericht nach Paris einmal als „le plus intelligent“ unter allen Unionsdiplomaten.
Johann Friedrich ließ ihn gewähren, sehr selbständig auf der Bühne des „Theatrum Europaeum“ agieren, in kluger Einsicht in die eigenen Grenzen. Der Herzog regierte überhaupt alles andere als selbstherrlich. Zwar war er (nicht zuletzt durch ein dichtgeknüpftes Agentennetz) gut informiert und auch vielseitig interessiert; sein Interesse galt beispielsweise seltenen Vögeln im Neckartal, genauso wie holländischen Handelsstützpunkten. In schwierigen Jahren – also die meiste Zeit seiner Regentschaft – widmete er einen Großteil seiner Zeit der Außenpolitik des Herzogtums, ungleich weniger der inneren Verwaltung. Obwohl den gesellschaftlichen und vor allem den sportlichen Veranstaltungen des Hoflebens in fast naiv anmutender Freude zugetan, obwohl um ein intensives Familienleben bemüht (seit dem 5. November 1609 war er mit Barbara Sophie von Brandenburg verheiratet), empfing er doch unermüdlich Gesandte und interessierte sich noch für die kleinste Truppenbewegung. Freilich, an den Beratungen seiner mit der Außenpolitik betrauten Mitarbeiter nahm er nur selten teil, nicht aus Faulheit, sondern weil jene ohne seine autoritative Einmischung den Konsens finden sollten. Spektakuläre „Alleingänge“ des Herzogs über den Kopf seiner Mitarbeiter hinweg waren sehr selten.
Während Benjamin Bouwinghausen in London, Den Haag und Paris die europäischen Allianzen der Union für den Kriegsfall schmiedete, konzentrierte sich Johann Friedrich selbst auf die Kriegsverhütung. Nicht von den Wienern, gar von Melchior Khlesl, sondern vom Stuttgarter Hof sind die wohl interessantesten Versuche ausgegangen, den Riß, der das Reich teilte, doch noch zu kitten – zum Beispiel durch einen „Kompositionstag“, ein kleines Forum konzessionsbereiter Repräsentanten beider Seiten, das die Konfliktpunkte gütlich und ohne jeden Majorisierungsversuch aus dem Weg räumen sollte. Johann Friedrich warb jahrelang für jene Versammlung, beide Flügel der Union hätten ihn akzeptiert, er gehörte sogar bald zum „offiziellen“ Forderungskatalog der Auhausener; doch war die Bereitschaft der katholischen Stände, auf die sie favorisierenden Regeln (etwa die Majorisierung am Reichstag) zu verzichten, gering. Die von den Stuttgartern propagierten Kompositionsideen waren zukunftsträchtig, nahmen manches von jener Therapie vorweg, die der Westfälische Friede 1648 dem Reichsverband verordnen würde, aber in ihrer Zeit hatten sie noch keine Chance!
Johann Friedrich träumte nicht von einem protestantischen Kaisertum und von der Umgestaltung der europäischen Landkarte, aber er stand dem „Winterkönig“ bei seinem böhmischen Abenteuer doch mit Subsidien bei und suchte Truppendurchmärsche der Spanier zu verhindern. Zuvor die Leitfigur der Gemäßigten, nahm der Stuttgarter Herzog bei Kriegsausbruch 1618/1619 eher eine Mittelstellung zwischen „calvinistischen“ Reichspolitikern und denjenigen ein, für die protestantische Reichspolitik Kaisertreue plus Nachbarschaftspflege hieß, für die Böhmen weit jenseits ihres Interessenhorizonts lag. Johann Friedrich hoffte, daß sich die Kalamitäten der Habsburger in ihren Erblanden für erfolgreiche protestantische Interessenpolitik im nun sozusagen verwaisten Reich ausnutzen ließen, deshalb wollte er den Pfälzern den Rücken freihalten. Jene begrenzte Solidarität mit den „Calvinisten“ hatte eine Voraussetzung: die Überzeugung, vom Ausland, vor allem aus London tatkräftig unterstützt zu werden. Aber engagierten sich die vermeintlichen Beistände in Westeuropa auch wie erhofft? Johann Friedrichs Rat Bouwinghausen sollte deswegen in Den Haag, London und Paris sondieren. Daß er aufgebracht und abgrundtief enttäuscht an den Neckar zurückkehrte, war für die Geschichte der Union von elementarer Bedeutung. Die Stuttgarter erkannten im Gegensatz zu den Pfälzern, daß eine ambitionierte „calvinistische“ Europapolitik ohne massive englische und französische Unterstützung nicht realisierbar war. Aus diesem Grund gab Württemberg die böhmischen Ambitionen des Winterkönigs verloren und rückte von seinem (dosierten) Engagement für denselben wieder ab. So auf sich allein gestellt, erlitt der „calvinistische“ Flügel der Union das militärische Desaster am Weißen Berg. Die Union von Auhausen löste sich auf.
Johann Friedrich suchte sein Heil fortan in der „neutralitet“ – ein damals ziemlich neumodischer Begriff, der vielerorts nicht verstanden und nicht akzeptiert wurde; in zeitgenössischen politologischen Werken stehen als Synonyma für jenen „unteutschen“ Begriff „Zwitter“, „wetterwendische Leut“, mancher übersetzte auch einfach mit „untrew“. Um jener suspekten „neutralitet“ Rang und Würde, eine positiv gefüllte Legitimation zu verschaffen, versuchten sich die Stuttgarter deshalb als Vermittler, und zwar vor allem in jener Pfalzfrage, die während der 1620er Jahre der Motor des Kriegsgeschehens gewesen ist – Fortsetzung der württembergischen „Kompositionspolitik“ seit 1610 unter den Bedingungen der Kriegszeit, Vermittlungsdiplomatie, die ihren Wert, unabhängig von etwaigen spektakulären Durchbrüchen, in sich selbst trug. Denn die Mittelmacht Württemberg hatte nicht die finanziellen und militärischen Ressourcen, um sich im Niemandsland zwischen den verfeindeten Lagern mit Truppenhilfe zu behaupten, sie mußte zusehen, daß sie aus politischen Gründen respektiert, gar umworben wurde und also unangreifbar war.
Phantasievoll haben Johann Friedrich und seine Räte versucht, jener Mittelmacht, ganz gegen die Gesetzmäßigkeiten des Zeitalters, gegen seinen Polarisierungsdruck und gegen die wachsende Dominanz des Militärischen, einen gewissen Spielraum für eigenständige Reichspolitik zu behaupten. Besagter Versuch war, auch von der gewissermaßen handwerklichen Seite her, mehr als respektabel. Nicht etwaige Kunstfehler der württembergischen Außenpolitik waren verantwortlich dafür, daß sich das Herzogtum beim Tod Johann Friedrichs in einer prekären Lage – Bedrohung von Restitutionsprozessen, Besatzung katholischer Truppenkontingente – befand. Die katholischen Waffenerfolge seit 1627 haben den Status des vermittelnden Neutralen obsolet gemacht, die eine Kriegspartei hatte sich durchgesetzt und kannte nun nur noch Satelliten oder Gegner. Mit den katholischen Siegen war die Wiener Reichszentrale erstarkt. Es gab keine Spielräume mehr für „neutrale“ reichsständische Politik, nur noch bedingungslose Kaisertreue oder „Ungehorsam“. Württemberg war nicht mehr geschätzter Mittler zwischen den Fronten, sondern „nur“ noch ein Territorium mit vielen ehemaligen Klöstern, die als attraktive Siegestrophäen winkten. Potentielle Verbündete gegen die sich abzeichnende Restitutionskampagne waren besiegt oder hielten es wie Sachsen und Hessen mit dem Kaiser. Württembergische Sondierungen an den wichtigeren protestantischen Residenzen erbrachten nichts als die Einsicht, daß man auf sich allein gestellt, daß man den Siegern auf Gedeih und Verderb ausgeliefert war. Jene entschieden sich fürs Verderben.
Quellen: HStA Stuttgart, A- und G-Bestände.
Nachweis: Das Haus Württemberg: ein biographisches Lexikon / hrsg. von Sönke Lorenz ... In Zusammenarbeit mit Christoph Eberlein ... und dem Institut für Geschichtliche Landeskunde und Historische Hilfswissenschaften der Eberhard-Karls-Universität Tübingen. Stuttgart; Berlin; Köln 1997; Bildnachweise: Landesmuseum Württemberg

Literatur: Axel Gotthard, Konfession und Staatsräson. Die Außenpolitik Württembergs unter Herzog Johann Friedrich (1608–1628), Stuttgart 1992.
Ders., Benjamin Bouwinghausen, oder: wie bekommen wir die „Männer im zweiten Glied“ in den Griff?, in: FS für Karl-Heinz Ruffmann, Erlangen 1997.
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