Württemberg, Wilhelm II., König / seit 1918 Herzog 

Geburtsdatum/-ort: 25.02.1848;  Stuttgart
Sterbedatum/-ort: 02.10.1921; Bebenhausen; begr. auf dem Alten Friedhof in Ludwigsburg
Weitere Angaben zur Person: Religion: evangelisch
Verheiratet: 15.2.1877 Marie, geb. von Waldeck-Pyrmont
8.4.1886 Charlotte, geb. von Schaumburg-Lippe
Eltern: Vater: Herzog Friedrich von Württemberg (21.2.1808-9.5.1870)
Mutter: Katharina, geb. Prinzessin von Württemberg (24.8.1821-6.12.1898)
Kinder: 2; Pauline (19.12.1877-7.5.1965), Ulrich (28.7.1880-28.12.1880)
GND-ID: GND/11910539X

Biografie: Dieter Langewiesche (Autor)
Aus: Lexikon Haus Württemberg, S. 330-334.

Deutschland hat zwei Revolutionen erlebt. Als die erste begann, wurde Prinz Wilhelm geboren, als die zweite endete, mußte er als König abdanken. Thronfolger wurde er, da die Ehe seines Vorgängers kinderlos blieb, und den Thron verlor er, weil unter seinem preußischen Namensvetter, Kaiser Wilhelm II., das deutsche Kaiserreich im Ersten Weltkrieg seine Legitimitätsgrundlage einbüßte.
Wilhelms Erziehung verlief in den traditionellen Bahnen. Als Prinz erhielt er eine standesgemäße Erziehung durch einen Hofmeister. Studiert hat er zunächst seit 1865 in Tübingen und ab 1867 in Göttingen. Zum eigentlichen Lehrmeister wurde dem jungen präsumtiven Thronfolger jedoch nicht die „bürgerliche“ Universität bestimmt – das wäre damals für ein Mitglied des Hochadels völlig ungewöhnlich gewesen –, sondern die für einen Prinzen ohne Beruf bzw. einen König im Wartestand übliche Institution: das Militär. 1862 war er bereits zum Leutnant ernannt worden. In diesem Rang hatte Wilhelm gegen Preußen einzurücken, als sich Württemberg 1866 im deutschen Bundeskrieg an die Seite Österreichs stellte. Der preußische Sieg entschied zunächst über den weiteren Lebensweg des Prinzen und bereitete eine nationalpolitische Entscheidung vor, welche die Position aller einzelstaatlichen Monarchen in Deutschland grundlegend verändern sollte: Österreich schied aus Deutschland aus und Preußen stieg zur alleinigen deutschen Führungsmacht auf. Deshalb trat Wilhelm 1869 in ein vornehmes Potsdamer Garderegiment ein. Im deutsch-französischen Krieg 1870/71 tat er als württembergischer Offizier Dienst im Hauptquartier des preußischen Kronprinzen. 1875 schied er nach raschem Avancement, das einem Prinzen zustand, im Rang eines Regimentskommandeurs aus dem preußischen Militär aus, und 1882 zog er sich, inzwischen zum Kommandeur einer württembergischen Kavallerie-Brigade aufgestiegen, völlig aus dem Militärdienst zurück. Ein Leben in der Sonderwelt des Militärs, sozial hoch angesehen zwar, doch abgeschlossen von den gesellschaftlichen und kulturellen Strömungen der Zeit, erfüllte ihn offensichtlich nicht. Militärischen Verhaltensformen blieb er zeitlebens abgeneigt. Der operettenhaften Leidenschaft des letzten deutschen Kaisers für phantasievolle Uniformen setzte er später als König bürgerliche Kleidung und einen zivilen Lebensstil entgegen.
Eine gewisse Distanz zu den Lebensformen, die traditionell von einem Mitglied des Hochadels und erst recht von einem Thronfolger erwartet wurden, läßt auch das Privatleben des Prinzen erkennen. Er vermehrte nicht, wie viele erwarteten, Glanz, Einfluß und Vermögen der württembergischen Monarchie durch eine Heiratsverbindung mit einer der großen europäischen Dynastien, sondern vermählte sich 1877 mit der Prinzessin Marie von Waldeck-Pyrmont. Aus dieser Ehe gingen zwei Kinder hervor. 1877 wurde die Tochter Pauline geboren und 1880 der Sohn Ulrich, der nur wenige Monate überlebte. 1882 starb Marie nach einer Totgeburt. Prinz Wilhelm ließ beide nicht in der königlichen Familiengruft im Schloß Ludwigsburg beisetzen, sondern auf dem Friedhof der Stadt, den er auch für sich zur letzten Ruhestätte wählte. Auch darin wird man einen Abschied von der Adelswelt Alteuropas sehen dürfen.
Die Staatsräson verpflichtete den Thronfolger, erneut zu heiraten. 1886 wurde Prinzessin Charlotte zu Schaumburg-Lippe seine zweite Gemahlin. Die Ehe blieb ohne Kinder, so daß mit einem Nachfolger aus der katholischen Linie des Hauses Württemberg, durch Heirat und Wohnsitz mit Österreich verbunden, zu rechnen war. In eine der führenden Dynastien zu heiraten, hatte Wilhelm wieder abgelehnt. Er werde sich nicht, wie er sagte, durch eine „Konvenienzheirat“ unglücklich machen und dem „Lande nicht das Beispiel einer kalten, liebleeren Ehe geben“. Das Ideal der Liebesheirat, ursprünglich ein Moralargument im bürgerlichen Kampf gegen den gesellschaftlichen Überlegenheitsanspruch des Adels, hatte nun auch den regierenden Hochadel erreicht. Wilhelm heiratete standesgemäß, aber nicht machtbewußt. Die Zeit der Mätresse, die den Fürsten für die Vernunftehe zum Wohle der Dynastie und des Staates entschädigte, war vorbei. Wilhelm erwartete sein privates Lebensglück in der Ehe. Das bürgerliche Zeitalter belohnte es mit dem Bild des bürgernahen „guten Königs“.
Auch nach dem Thronwechsel reduzierte Wilhelm die monarchische Repräsentation auf ein Mindestmaß. Er residierte nicht im Neuen Schloß, sondern lebte mit seiner Gemahlin im Wilhelmspalais, mit dem großbürgerliche Villen durchaus mithalten konnten. Es gab nur einen Festsaal, und der bot Raum für nicht mehr als vierzig Personen. Wilhelm soll sich ohnehin das Fegefeuer als einen endlosen Hofball vorgestellt haben. Orden zu tragen und zu verleihen, Recht und Pflicht des Monarchen, war ihm lästig, wie seine Tochter berichtete. Militärische Pracht mochte er nicht – der deutsche Kaiser hieß am Stuttgarter Hof der „Säbelrassler“ –, und den Personaladel, mit dem vor allem hohe Beamte geehrt wurden, schaffte er ab. Kontakt zur nicht hoffähigen Gesellschaft suchte er auch auf den Herrenabenden, zu denen er jeweils etwa dreißig Personen ins Wilhelmspalais einlud. Selbst die Amtsformulare lassen erkennen, wie sehr sich Wilhelms Auffassung von monarchischer Würde von der seines preußischen Amtskollegen unterschied. Während man in Württemberg mit dem Aufdruck „Der Koenig“, umflossen durch geschwungene Linien, auskam, verzichteten der Preuße, aber auch der Großherzog von Hessen-Darmstadt nicht auf das Prädikat „von Gottes Gnaden“. Als ein König von Gottes Gnaden sah sich Wilhelm nicht. Er wußte, daß sich diese Vorstellung überlebt hatte. Seine präsidiale Amtsführung sicherte ihm den Respekt der Bürger quer durch alle politischen Richtungen. Die Demokraten und erst recht die Sozialdemokraten waren Republikaner aus Prinzip, doch im König von Württemberg sahen sie kein Hindernis auf dem Weg zu mehr Demokratie. Ganz anders urteilte, wer die traditionelle Rolle von Adel und Dynastie gegen den republikanischen Grundzug der Staatsbürgergesellschaft verteidigen wollte. Für sie sprach die Freifrau von Spitzemberg, scharfzüngige Beobachterin des gesellschaftlichen Lebens, als sie 1897 nach einem Besuch in Marienwahl, der Ludwigsburger „Klitsche“ des württembergischen Königspaares, in ihrem Tagebuch notierte: „Sie sind eben keine Fürsten mehr von Gesinnung, diese Herren; sie mögen nicht mehr herrschen noch beschützen und geben sich selber auf, noch ehe sie aufgegeben werden.“ Das ist ein ungerechtes Urteil, wenngleich es ausspricht, was nicht zu übersehen war: Der letzte württembergische König entzog sich dem traditionellen hochadligen Lebens- und Repräsentationsstil, den der letzte preußische König und deutsche Kaiser gegen die bürgerliche Welt zu bewahren suchte. Beide fügten sich auf unterschiedliche Art in die neuen Bedingungen, unter denen monarchische Amtsführung zu geschehen hatte. Der Württemberger näherte sich einem neuen Amtsverständnis, das die künftige Rolle des Monarchen in einem demokratisierten Staat auslotete. Der Preuße hingegen suchte die Demokratisierung von Staat und Gesellschaft zu blockieren und nutzte virtuos den Glanz höfischer Repräsentation, um die Monarchie auf die Anforderungen des neuen politischen Massenmarktes einzustellen. Beide Monarchen hatten Erfolg. Wilhelm II. von Württemberg wurde als zurückhaltender „Bürgerkönig“ geachtet, Wilhelm II. von Preußen verkörperte als Medien-Kaiser einen neuen monarchischen Typus, der zur gleichen Zeit mit Kaiserin Victoria auch in Großbritannien entstand: als oberster Repräsentant der Nation allgegenwärtig, sei es im großen öffentlichen Auftritt, über den die Zeitungen ausführlich berichteten, als Nippes in der guten Stube oder im Habitus und als Barttracht im bürgerlichen Leben ständig kopiert. Während der württembergische König die Sommermonate im bescheidenen Friedrichshafen verbrachte und sich mit der herbstlichen Jagd in Bebenhausen begnügte, wirkte der deutsche Kaiser mit seinen Nordlandreisen als touristischer Trendsetter oder beflügelte mit seiner Palästinareise die deutschen Pilgerfahrten zu den heiligen Stätten. Selbst in Stuttgart konnte der württembergische König mit dem Medieninteresse an den Auftritten des Kaisers nicht im entferntesten konkurrieren. Die Öffentlichkeit der württembergischen Hauptstadt war fasziniert von der herrscherlichen Aura, mit der sich der Kaiser medienwirksam umgab, und sie achtete zugleich die Bescheidenheit des eigenen Monarchen. Beides ließ sich miteinander vereinbaren. Denn König und Kaiser repräsentierten zwei Typen des modernen Monarchen, die sich nicht wechselseitig ausschlossen. In ihrer Gegensätzlichkeit lassen sie vielmehr die Spannweite gesellschaftlicher Erwartungen an den Monarchen der Zukunft erkennen und an welche politischen Bedingungen die beiden Typen gebunden waren. Denn es wäre falsch, ihre gegensätzlichen Verhaltensweisen nur auf individuelle Charaktereigenschaften zurückzuführen, so wichtig diese auch waren.
Lebensstil und Amtsführung König Wilhelms II. entsprachen dem Bedeutungsverlust Württembergs wie aller anderen Einzelstaaten, einschließlich Preußens, seit der Gründung des Deutschen Reiches. Die föderative Ordnung sicherte ihnen erhebliche Kompetenzen vor allem in der inneren Verwaltung, bei den Finanzen und zuvorderst der Kultur, doch die Entwicklungsdynamik ging vom Reich und seinen wachsenden Institutionen aus. Sie bestimmten die Außenpolitik, bauten die Flotte auf, das militärische Symbol des jungen Nationalstaates, und auch das Heer wurde mehr und mehr vereinheitlicht. Das Rechtswesen trug ebenso zur Nationalisierung der Lebensverhältnisse bei wie die Sozialgesetze der achtziger Jahre oder die steigende Bedeutung des Reichstags. Der württembergische König akzeptierte dies, doch er trug zugleich durch seine präsidiale Amtsführung persönlich dazu bei, eine spezifische württembergische Identität zu wahren. Sein Kurs lautete nicht „Im Reich wider das Reich“ – mit diesem Verweigerungsprogramm waren die antipreußischen württembergischen Demokraten in den siebziger Jahren gescheitert. Wilhelm II. fügte sich vielmehr ohne jeden Vorbehalt der Reichspolitik und gewann damit Handlungsspielräume, die er zur Stärkung der föderativen Grundstruktur Deutschlands nutzte. Seine ausgleichende Haltung gegenüber der württembergischen Sozialdemokratie gehörte ebenso dazu wie seine Zurückhaltung in der Landespolitik. Er ernannte die Minister, doch er unternahm keinen Versuch, gegen die Parlamentsmehrheit regieren zu lassen. Am stärksten profilierte er sich als „Kulturkönig“. Im Hoftheater oder im Kunstgebäude wurde dieses Engagement in der Topographie der Landeshauptstadt für alle sichtbar. Kulturförderung und Mäzenatentum gehörten zu den traditionellen Aufgabenfeldern des Hochadels und insbesondere des Landesherrn. Sie wurden nun zu Refugien monarchischer Wirkungsmöglichkeiten. Wilhelm II. nahm sie wahr, und er setzte eigene Akzente, die sein Handeln von dem anderer Landesherrn abhoben. Im Unterschied zu Großherzog Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt griff er seltener direkt ein, sondern verließ sich in der Regel auf die Experten. Und anders als die bayerische Monarchie betrieb er keinen dynastischen Kult, um die Rolle des einzelstaatlichen Monarchen gegen das dynamische Reich und sein kaiserliches Oberhaupt sichtbar zu halten. Als sich die Erhebung Württembergs zum Königtum zum hundersten Mal jährte, war ihm das kein großes Fest wert. Er vertraute auf eine gefestigte politische Kultur, die Württemberg im Nationalstaat bewahren sollte. Diese Hoffnung erfüllte sich über den Untergang der Monarchie hinweg.
Die württembergische Monarchie ging unter, obwohl keine der entscheidenden politischen Kräfte dies für notwendig hielt. Nicht der König hatte versagt, sondern die Monarchie als Herrschaftsform hatte im Ersten Weltkrieg ihre Legitimation in weiten Kreisen der Bevölkerung eingebüßt. „s’ ischt aber wege dem Syschtem“, erklärte eine schwäbischer Spartakist, warum auch in Württemberg die Monarchie nicht mehr tragbar sei. Das Bild des „monarchischen Systems“ wurde im Reich geformt, nicht in den Einzelstaaten. Darin dokumentiert sich erneut deren politischer Bedeutungsschwund. Gleichwohl blieben sie als Hort des historisch gewachsenen Föderalismus im Bewußtsein der Bevölkerung so stark verankert, daß sie die nationalstaatlichen Zentralisierungstendenzen wirksam begrenzten. Wilhelm II. hat daran mitgewirkt. Das hohe Ansehen, daß der ehemalige König auch nach seiner Abdankung im Lande genoß und die große Anteilnahme bei seiner Beisetzung im Oktober 1921 – über 100.000 Menschen sollen ihm die letzte Ehre erwiesen haben –, bezeugen es.
Quellen: Archiv des Hauses Württemberg Altshausen.
HStA Stuttgart.
StA Ludwigsburg.
Nachweis: Das Haus Württemberg: ein biographisches Lexikon / hrsg. von Sönke Lorenz ... In Zusammenarbeit mit Christoph Eberlein ... und dem Institut für Geschichtliche Landeskunde und Historische Hilfswissenschaften der Eberhard-Karls-Universität Tübingen. Stuttgart; Berlin; Köln 1997

Literatur: Brigit Janzen, König Wilhelm II. als Mäzen. Kulturförderung in Württemberg um 1900, Frankfurt/Main 1995.