Mannheim, Jesuiten
| Kurzbeschreibung: | 1720 Gründung – 1729 Erhebung zur Residenz – 1730 Baubeginn von Kolleg und Kirche – 1735 Erhebung zum Kolleg – 1760 Weihe der Kirche – 1773 Aufhebung – 1781 Übertragung der kurpfälzischen Güter und Liegenschaften des aufgehobenen Jesuitenordens an die Lazaristen – 1796 Aufhebung Patrozinium: Ignatius und Franz XaverOrdensgliederung: Oberrheinische Provinz (Jesuiten); Kurpfälzische Kongregationsprovinz (Lazaristen)Kirchliche Zugehörigkeit: Bistum Worms, Archidiakonat des Propstes von Neuhausen, Landkapitel Heidelberg |
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| Beschreibung: | Name: PP. Societatis Jesu (Jesuiten, 1727);1 collegium Societatis Jesu zu Mannheim (Jesuiten, 1747);2 priester der congregation von der mission (Lazaristen, 1782)3 GeschichteHistorische EntwicklungNach Streitigkeiten mit dem reformierten Oberrat in Heidelberg wegen der Heilig-Geist-Kirche, die der katholische Fürst für sich als Hofkirche beanspruchte, und wegen des 80. Artikels des Heidelberger Catechismus, in der die römische Messe als vermaledeyte Abgötterei bezeichnet wurde, verlegte Kurfürst Karl III. Philipp (1716–1742) 1720 seine Residenz nach Mannheim. Der Magistrat der Stadt hatte bereits 1713 einen Jesuiten für die Verwaltung der Pfarrei erbeten. Dorthin begleiteten den Kurfürsten auch drei Väter der Gesellschaft Jesu, Nikolaus Staudacher als Hofbeichtvater, Georg Löfferer als Hofkaplan und Franz Pfiffer als Kaplan, dazu kam bald Matthäus Vogel. Schon als kaiserlicher Statthalter in Innsbruck war Karl Philipp aus dem Haus Pfalz-Neuburg, der in Neuburg wie seine Brüder von Jesuiten erzogen worden war und den berühmtesten lateinischen Dichter des Ordens Jakob Balde († 1668) kennengelernt hatte, mit den Jesuiten eng verbunden, ja verstand sich sogar als einer von ihnen. Die Jesuiten wohnten zunächst neben der Interimsresidenz des Kurfürsten, dem Hillesheimschen Palais am Marktplatz. Da Pater Staudacher den Kurfürsten in einer Mission an den Wiener Kaiserhof sehr unterstützt hatte, erhielt er von Karl Philipp 70.000 Gulden, die er zum Bau eines Kollegs verwendet wissen wollte. Sein Briefwechsel mit dem Ordensgeneral Retz über den Bau des Kollegs ist erhalten.4 Dazu kamen später weitere 30.000 Gulden. Als Hofbeichtväter waren die Jesuiten von nicht zu unterschätzender Bedeutung, nach dem Tod Pater Staudachers übte P. Franz Seedorf (eigentlich Fegeli † 1758) einen wesentlichen Einfluss auf Karl Theodor (1742–1777) aus, dessen Erzieher er gewesen war. Für ihn ließ Karl Theodor 1748 das heute sogenannte Palais Hirsch in Schwetzingen bauen. Nachdem drei weitere Jesuitenpatres bereits 1721 in ihrer Behelfsunterkunft mit dem Unterricht für die Söhne der Beamtenelite nach der Ratio Studiorum von 1599 begonnen hatten und rasche Erfolge erzielten, wurde ihnen durch Schenkung vom 26. Mai 1727 ein kostenloser Bauplatz für ein künftiges Kolleg und eine Kirche in unmittelbarer Nähe des neuen Schlosses übereignet. Dessen Bau hatte Karl Philipp bereits nach seinem Umzug nach Mannheim beginnen lassen, konnte es aber erst 1731 beziehen. Am 23. April 1729 unterzeichnete Karl Philipp den Fundationsbrief für das Kolleg.5 Schon diese räumliche Nähe signalisiert die Bedeutung, die der Kurfürst dem Jesuitenorden für seine nicht zuletzt konfessionell motivierte Politik beimaß. Am 10. Mai 1730 legte er den Grundstein für das neue Kolleg. Kelle und Hammer, die dabei verwendet wurden, liegen noch heute im Archiv der Oberen Pfarrei. Das Kolleg (1735 zu einem solchen erhoben, zunächst noch Missio bzw. seit 1729 Residenz), wurde 1734 vollendet, das Gymnasium in der »Kalten Gass« kam seit 1738 hinzu. Im selben Jahr wurde mit dem Bau der Kirche begonnen, deren Grundstein bereits 1733 gelegt worden war. Sie konnte freilich erst unter Karl Philipps Nachfolger Karl Theodor, auch wegen finanzieller Engpässe, 1760 vollendet werden. Die Mannheimer Jesuitenkommunität feierte den Bau der Basilica Carolina mit einer prachtvollen, von den Augsburger Brüdern Glauber mit zahlreichen Kupferstichen geschmückten Festschrift in kunstvoller lateinischer Prosa und Dichtung. Diese Festschrift – zugleich ein historischer Aufriss6 und Leistungsnachweis des Ordens – stellt im Wesentlichen eine Lobschrift auf die katholischen Pfalz-Neuburger Kurfürsten dar und unterstreicht die enge Verbindung des Ordens zu Karl Philipp und Karl Theodor, die als neuer David und neuer Salomon gefeiert werden. Nachdem schon in den Jahren seit 1758 europaweit der Druck von führenden Aufklärern auf den Orden gewachsen war und 1762 zu dessen Ende in Frankreich geführt hatte, hob Papst Clemens XIV. auf Betreiben der bourbonischen Höfe in dem Breve Dominus ac Redemptor vom 16. August 1773 den Orden auf. Der Pfälzer Kurfürst reagierte darauf zögerlich, bestand auf seiner Verfügungsgewalt über das Vermögen des Ordens und erlaubte den Jesuiten teilweise die Weiterführung ihrer Arbeit in Schule und Kirche. P. François Terrasse Desbillons etwa wurde kurfürstlicher Hofkaplan, Christian Mayer blieb Hofastronom. Auf Initiative seines Hofbibliothekars Nicolas Maillot de la Treille und des Ex-Jesuiten Desbillons berief der Kurfüst 1781 die französische Kongregation der Priester der Mission (Lazaristen), die sich als Weltpriester verstanden, in die Kurpfalz und übertrug ihnen alle Aufgaben und Liegenschaften der Jesuiten. Ein Problem stellte dar, dass viele der Ankommenden kaum oder gar kein Deutsch verstanden und wenig Erfahrung mit dem höheren Schulwesen hatten, da sie bisher nur Erfahrungen im Bereich der Elementarschulen und der Volksmissionen gesammelt hatten. Sie mussten also für diesen Bereich auf kongregationsfremde Mitarbeiter zurückgreifen. Gleichwohl nahmen sie in Mannheim eine Reform des Bildungswesens, besonders für das Gymnasium, in Angriff. Ein weiteres Problem war ein finanzielles: Aus den Einkünften der Kongregation mussten unter anderem auch die Pensionen der Ex-Jesuiten bezahlt werden. Dazu kamen interne Auseinandersetzungen: Arnold Mathy erhob in einer Schrift, die eine wichtige, wenn auch nicht unkritisch zu benutzende Quelle darstellt, schwere Vorwürfe gegen seine Mitpriester, die das Bild der Lazaristen lange bestimmen sollten. Die Französische Revolution, die zum zeitweiligen Untergang der Kongregation führte, hatte auch auf die Ordensangehörigen in der Kurpfalz gravierende Auswirkungen. Mathy konvertierte zum Protestantismus, weitere Priester kehrten nach Frankreich zurück und leisteten den Eid auf die Verfassung oder kehrten der katholischen Kirche ganz den Rücken. Eine wichtige Rolle spielten die Lazaristen P. Peter Ungeschick und P. Roger Barry als Nachfolger des Jesuiten Christian Mayer als Hofastronomen und Leiter der Mannheimer Sternwarte über das Ende der Kurpfalz hinaus. Im Jahr 1796 wurde die kurpfälzische Kongregationsprovinz aufgehoben. Erst 1947 kehrten die Jesuiten nach Mannheim zurück, vor allem, um beim Wiederaufbau der Jesuitenkirche zu helfen. Besitz und WirtschaftDie materielle Grundlage für das Mannheimer Kolleg stellte zunächst der Kauf des Gutes Petersau nordöstlich von Frankenthal sicher (1737), später kamen Güter in Pforzheim, Ladenburg und Edingen7 hinzu, weitere Erwerbungen folgten. Religiöses und kulturelles WirkenSchon 1727 trat der Orden mit Beteiligung des Kurfürsten an die Mannheimer Öffentlichkeit bei einer Feier zu Ehren der jesuitischen Jugendheiligen Stanislaus Kostka, von dem eine Reliquie öffentlich gezeigt wurde, und Aloysius Gonzaga. Bereits vor Fertigstellung des Gymnasiumgebäudes in der »Kalten Gass« waren die Jesuiten als Lehrer sehr erfolgreich, obgleich die Katholiken anfänglich höchstens ein Drittel der Mannheimer Einwohnerschaft stellten. Bis zur Aufhebung des Ordens unterrichteten von den insgesamt etwa zweihundert Mannheimer Ordensmitgliedern über einhundert Jesuiten an der Schule. Einen wesentlichen Schub erhielt der gymnasiale Unterricht dadurch, dass der führende Pädagoge des Ordens in der Oberrheinischen Provinz, Hermann Goldhagen, der seit 1746 in Mannheim und dann Mainz lehrte, wichtige Lehrbücher für den Latein- und Rhetorikunterricht in der kurfürstlichen Hofdruckerei publizierte. In diesen Lehrbüchern, die in der gesamten Oberrheinischen Provinz Verwendung fanden, orientierte sich der gründliche Philologe zwar an den Richtlinien der Ratio Studiorum von 1599, die für die Ordensschulen verbindlich waren, modifizierte allerdings den Kanon der in den fünf Klassen des Gymnasiums zu lesenden Autoren, indem er neulateinische und zeitgenössische Autoren selbst protestantischer Konfession wie Heineccius, dazu nicht wenige lateinische Dichter des eigenen Ordens als mögliche Lektüren bereitstellte. Bis zur Aufhebung des Ordens und wohl auch darüber hinaus blieben diese Lehrbücher, die sich zum Teil auch an Predigtkandidaten wandten, im Gebrauch. Goldhagen beteiligte sich nach der Aufhebung des Ordens an Reformvorschlägen für den Gymnasialunterricht, ohne dass diese freilich zum Tragen kamen. In einem eigenen Seminarium Musicum unter dem Präfekten P. Alexander Keck wurden begabte arme Knaben als Sänger für den Gottesdienst und für die Hofkapelle ausgebildet. Wie in allen Schulen des Ordens spielte das Schultheater eine große Rolle. Bereits 1721 fand nach Ausweis der Historia Domus eine erste Aufführung statt, weitere, darunter ein Jonatha (1747) und ein Genesius (1759) sind durch Theaterzettel, sogenannte Periochen, belegt, die zugleich Schauspielerverzeichnisse bieten. Aus ihnen geht hervor, dass die Söhne der kurpfälzischen Beamtenelite das Gymnasium besuchten. Zahlreiche – wohl in Mannheim entstandene – Dramenentwürfe, darunter ein weitgehend ausgeführter Thomas Morus – sind überliefert, darunter Periochen in der Bibliothek des Bonner Beethoven-Gymnasiums und ein handschriftlich erhaltenes vollständiges Drama in der Bayerischen Staatsbibliothek München.8 Aber nicht nur im Gymnasialunterricht waren die Jesuiten nach eigenem Bekunden in Mannheim erfolgreich. Sie kümmerten sich intensiv – etwa in der Unterstadt – um sozial benachteiligte Bewohner und um straffällig gewordene, und begleiteten zum Tod Verurteilte zum Galgen. Besonders der als Volksmissionar tätige Matthäus Vogel († 1766), religiös ein sehr konservativer Mann, erwarb sich bei dieser Seelsorge einen ausgezeichneten Ruf. Er war es auch, der die Wallfahrt nach der Loretto-Kapelle in Oggersheim (heute Ortsteil von Ludwigshafen) entschieden förderte. Sie war 1729 von Pfalzgraf Joseph Karl von Pfalz-Sulzbach errichtet worden und zog zahlreiche Wallfahrer gerade auch über den Rhein an – eine eindrucksvolle Demonstration der neuen konfessionellen Ausrichtung der Kurpfalz in gegenreformatorischem Sinn. Aktivitäten des Ordens riefen Kritiker auf den Plan. In einer anonymen, zunächst 1738 in Lüttich in französischer Sprache publizierten Satire unterstellt der anonyme Autor, der sich mit den Verhältnissen in Mannheim und am Hof bestens vertraut zeigt, den Jesuiten, sie beeinflussten als Beichtväter der Mannheimer katholischen Frauen entschieden deren Männer und erreichten dadurch in ihrem »Neuen Jerusalem« entscheidenden Einfluss – nicht zuletzt auch auf den Kurfürsten, der ihren Einflüsterungen erlegen sei. Eine bedeutende Rolle bei der jesuitischen Seelsorge spielten die Sodalitäten bzw. Marianischen Kongregationen, die zunächst am Römischen Kolleg des Ordens 1563 als Gemeinschaften von Gymnasialschülern begründet worden waren. Ihr Fokus lag auf der gegenreformatorisch begründeten Marienverehrung und Selbsttätigkeit der Sodalen im Hinblick auf die Entwicklung der sittlichen Persönlichkeit. Bald traten zu den Schülersodalitäten auch solche für Erwachsene. Ab 1739 waren die Mannheimer Sodalitäten unter Leitung eines Präses aktiv, etwa bei Lichtprozessionen an Mariä Heimsuchung 1741 oder zur Wallfahrt nach Oggersheim. Maria wurde zur Stadtpatronin erhoben. Der Kurfürst selbst wurde Mitglied der Herrensodalität, die über 400 Mitglieder zählte, und ließ seine Weiheformel nach Ausweis der Historia Domus vom Jahr 1742 auf dem Altar hinterlegen, ebenso im Folgejahr sein Nachfolger Karl Theodor. Die Sodalitäten erhielten 1754 eine eigene Kirche, erbaut von Franz Wilhelm Rabaliatti auf dem heutigen Quadrat A3 (jetzt Universitätsbibliothek). Sie wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Wichtig ist der Beitrag von Mannheimer Jesuiten zur Astronomie. Der Ordensangehörige, Physiker, Geodät und Kartograph Christian Mayer seit 1751 Professor an der Universität Heidelberg und seit 1763 Hofastronom Karl Theodors in Mannheim, initiierte 1771 den Bau der Sternwarte, noch heute ein Wahrzeichen Mannheims (Abb. 5), machte zahlreiche astronomische Entdeckungen und führte eine geodätische Vermessung der Kurpfalz durch. Karl Theodor ernannte ihn zum Direktor der Sternwarte, die europaweiten Ruhm erlangte. Als Ordensmitglied konnte er nicht ordentliches Mitglied der 1763 gegründeten Kurpfälzischen Akademie der Wissenschaften werden. Erst 1773 wurde er zum außerordentlichen Mitglied ernannt. Mayer hat in Alexander Moutchnik einen kundigen Biographen gefunden. Die Arbeit Mayers wurde nach Übernahme des Mannheimer Jesuitenkollegs durch die Lazaristen von Astronomen aus deren Kongregation übernommen. Ebenfalls europaweiten Ruhm erlangte ein französischer Exiljesuit, der seit Aufhebung des Ordens in Frankreich (1762) seit 1764 im Mannheimer Jesuitenkolleg Zuflucht fand: François Terrasse Desbillons. Er hatte in Frankreich unter anderem Rhetorik unterrichtet und vor allem am Pariser Kolleg des Ordens eine umfangreiche Bibliothek zusammengetragen, darunter zahlreiche Schriften der von ihm verabscheuten Aufklärer und lateinischer und neulateinischer Autoren. Eine »Figur des Übergangs« ist das aus dem Elsass stammende Ordensmitglied Anton von Klein. Seit 1764 Mitglied des Ordens, war er unter anderem in Mannheim, Würzburg und Erfurt tätig. Er trat im Widerspruch zu zahlreichen Ordensbrüdern entschieden für den Gebrauch der Muttersprache im Unterricht ein und verfasste im Gegensatz zu den Vorschriften der Ratio Studiorum deutschsprachige Schauspiele wie das Trauerspiel Jakob, der jüngste unter den sieben makkabäischen Helden 1769. Nach Aufhebung des Ordens 1773 wurde er von Karl Theodor zum Professor der Schönen Künste ernannt und entfaltete eine rege Tätigkeit als Autor, Verleger und Sammler. 1790 wurde ihm der Adelstitel verliehen. Bibliothek und ArchivMit finanzieller Unterstützung des Kurfürsten konnte Desbillons seine viele tausend Bände umfassende Bibliothek nach Mannheim transferieren und sie dort noch beträchtlich vermehren auf schließlich über 17.000 Bände, die heute der Universitätsbibliothek Mannheim inkorporiert sind (wie auch die Bibliothek der Jesuiten). Die Desbillonssche Bibliothek ist wohl die größte Bibliothek zur französischen Aufklärung außerhalb Frankreichs. Desbillons, ein entschiedener Gegner Voltaires, sammelte das Schrifttum der Aufklärer, um es zu widerlegen. Zeitgenössisch beträchtlichen Ruhm erwarb Desbillons als lateinischer Dichter, den sein Biograph Maillot de la Treille mit La Fontaine verglich. Seine zunächst fünf Bücher lateinischer Fabeln (Fabulae Aesopiae), die in der 1768 in der kurpfälzischen Hofdruckerei prachtvoll gedruckten Edition auf fünfzehn Bücher anwuchsen (Desbillons übertrug sie selbst ins Französische) wurden nicht nur ins Deutsche übersetzt, sondern dienten bis in das 19. Jahrhundert hinein in Frankreich und Deutschland als Schullektüre. Über Materialsammlungen, die in der Universitätsbibliothek Mannheim verwahrt werden, nicht hinaus kamen Arbeiten zu einer Geschichte der lateinischen Sprache, zwei Lehrdichtungen (Ars bene valendi und Carmen de pace Christiana) erschienen in seinen letzten Lebensjahren, postum weitere Gedichte und Komödien in lateinischer Sprache, herausgegeben von Maillot de la Treille. Seine kostbare Bibliothek vermachte Desbillons nach der Aufhebung seines Ordens in einem in lateinischen Versen verfassten Testament den Lazaristen. Das Archiv der Mannheimer Jesuiten ist nicht erhalten, kleinere Teile gingen an das Generallandesarchiv Karlsruhe und das Stadtarchiv Mainz. Bau- und KunstgeschichteLageDas Jesuitenkolleg wurde auf Wunsch von Kurfürst Karl Philipp im Nordwesten an den Westflügel des kurfürstlichen Residenzschlosses angebaut. Es nahm das nach Norden und Westen vergrößerte Quadrat A 4 ein. Die monumentale Kirche bildete die Ecke und wurde entsprechend dem Stadtgrundriss nach (Nord-)Westen hin ausgerichtet. Sie erhob sich zwischen dem als Collegium genutzten Südflügel und dem als Gymnasium und Seminarium dienenden Westflügel. Im Garten der Anlage, der an die Stadtbefestigung grenzte, stand die Sternwarte. Der Südflügel wurde 1901/02 für den Bau der breiten Bismarckstraße teilweise abgebrochen, die seitdem das Areal quert. Nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs wurde nur die Kirche wiederhergestellt; der Garten ist mit dem Ursulinengymnasium überbaut, die Sternwarte blieb erhalten. Die ehemaligen Flügel der Konventsbauten sind durch verschieden genutzte, kleinere Neubauten ersetzt. Der schmale Platz vor der Kirche wurde erst nach 1945 geschaffen. KircheDie Mannheimer Jesuitenkirche ist der größte und prächtigste barocke Kirchenbau der Kurpfalz. Mit ihrer hochaufragenden Kuppel prägte sie das Mannheimer Stadtbild auch aus der Ferne gesehen. An ihrer reichen Ausstattung waren alle Hofkünstler des pfälzischen Hofs maßgeblich beteiligt. Ihr durch zahlreiche Quellen detailliert dokumentierter Bau wurde erst nach Errichtung des Collegiums mit einer Grundsteinlegung durch den Kurfürsten am 12. März 1733 begonnen; die Planungen waren damals noch nicht abgeschlossen und sind mit Varianten überliefert. Der eigentliche Bau begann erst 1738 und wurde mit einigen Unterbrechungen bis 1748 vollendet; der Innenausbau begann 1749. Den Planentwurf lieferte Alessando Galli da Bibiena aus Parma, die Bauleitung hatte ab 1747/48 Franz Wilhelm Rabaliatti. Der Kurfürst warb den berühmten Maler und Stuckateur Egid Quirin Asam in München an. Am Innenausbau arbeiteten unter der Leitung von Nicolas de Pigage außerdem als bedeutende kurpfälzische Hofkünstler die Maler Lambert Krahe, Philipp Hieronymus Brinckmann und Felix Anton Besold sowie die Bildhauer Paul Egell und Peter Anton Verschaffelt; daneben sind weitere Mannheimer Künstler und Handwerker belegt, u. a. Georg Augustin Egell, Graff und Ridinger. Am 18. Mai 1760 konnte die Kirche geweiht werden. Das 1943/45 teilzerstörte Bauwerk wurde 1949–60 mit Rückgriff auf einen Entwurf Rabaliattis wiederaufgebaut. Teile der Ausstattung sind durch Auslagerung bewahrt geblieben. 1986–97 wurden der Hochaltar und die Oratorien, 2002/03 die Wandfassung rekonstruiert. Der Bautyp der tonnengewölbten Wandpfeilerkirche folgt den frühbarocken Jesuitenkirchen Il Gesù und San Ignazio in Rom; die Proportionen sind aber deutlich steiler, die Fassade ist ganz anders gestaltet. Ein Saalraum, der fast 80 m lang und mit 17 m sehr breit ist, wird seitlich von je zwei schmalen, niedrigen Kapellen begleitet. Die Vierung trägt eine 75 m hoch aufragende Tambourkuppel. Querarme und Ostjoch sind kurz, die Apsis mit dem Hochaltar wird von niedrigen Sakristeiräumen umschlossen. Unter dem Ostbau liegt die große kurfürstliche Gruft (heute Kapelle). Die Jesuiten hatten ihre Begräbnisgruft unter dem Collegium. Die zweitürmige Fassade war wegen der engen Straßensituation hauptsächlich über Eck zu sehen. Die untere Wandzone wird umlaufend von toskanischen Kolossalpilastern gegliedert. Über der vorspringenden Vorhalle und am Nordturm tragen sie über einem hohen, verkröpften Gebälk jeweils einen Tempelgiebel. An der Vorhalle sind über den drei Durchgangsbögen mit ihren prächtigen schmiedeeisernen Gittern Figurennischen angeordnet, für die die Hll. Franz Xaver und Ignatius vorgesehen waren, dann aber die Personifikationen der Mäßigkeit, der Tapferkeit und in der Mitte der Fama aufnahmen (Verschaffelt 1752/53), die auf der Balustrade darüber stehen sollten. Das Tympanon zeigt im Flachrelief das jesuitische IHS zwischen zahlreichen Putten und Engeln, die die Arma Christi präsentieren (Egell 1749/50). In der oberen Wandzone stehen in Superposition ionische Pilaster, die an den Türmen zweiseitig von Segmentgiebeln bekrönt werden. Das große Ostfenster wird von zwei Figurennischen mit Statuen der Hll. Philippus Neri und Karl Borromäus gerahmt. Die dritte Ordnung bildet über dem Mittelschiff eine mittlere Ädikula mit korinthischen Pilastern, die einen zweiten Tempelgiebel tragen; das obere Fenster ist mit Kurvenlinien gezeichnet. Erst in dieser Höhe werden in der Fassadenansicht die kleinen Türme erkennbar, deren achteckige dritte Geschosse gleichartig mit Pilastern und kleinen Giebeln gegliedert sind und kaum das Langhausdach überragen. Ihre Zwiebeldächer rahmen im Fassadenentwurf den hohen Tambour über der Vierung, der aber von der Straße aus nicht sichtbar ist. Die übrigen Außenwände der Kirche sind mit Doppelpilastern und großen, im Erdgeschoss rundbogigen, im Obergaden segmentbogigen Fenstern gegliedert. Die Apsis weist in zwei Geschossen jeweils fünf große Fenster auf. Im hellen Innenraum tragen korinthische Pilaster, einzeln, zu zweit oder zu dritt das ringsumlaufende, stark verkröpfte Gurtgesims. Gurtbögen auf Postamenten tragen darüber die Vierung und gliedern die Gewölbe. Die Pilaster und Gesimse bestanden aus Stuckmarmor, die Gewölbe waren bemalt und stuckiert (Asam 1749/50). Die Langhausgewölbe zeigten das missionarische Wirken des Hl. Jesuiten Franz Xaver in Afrika und Asien. In den Pendentifs der Vierung befinden sich die einzigen erhalten Fresken; sie stellen die vier Erdteile dar (Brinckmann). Asam hatte hier die vier Evangelisten vorgesehen. Bildthema der acht Kappen der Kuppel war das Leben des Hl. Ignatius. Die Bögen des Altarraums wurden mit dem Jesuitenmonogramm und Engeln geschmückt. Teile der Ausmalung blieben unvollendet. Die Laterne des Tambours erhielt im unteren Bereich große Scheinfenster aus Spiegelglas. Die Malereien waren vor ihrer weitgehenden Zerstörung 1943 fotografiert worden. An den Seiten des Altarraums befanden sich hochliegende, als hölzerne, verglaste Erker (P. Egell) vorkragende Oratorien für den Kurfürsten und seine Familie; schmale Emporen, die durch Querarme und Kapellen geführt sind, verbinden sie mit dem Collegium und der Orgelempore. BauausstattungDer Hochaltar hatte einen Aufbau aus sechs freistehenden Marmorsäulen, die über einem halbrunden Gebälk vier zierliche Voluten aufnahmen, die den zentralen, die Gloriole rahmenden Baldachin trugen (Verschaffelt 1758/59) (Abb. 6). Zwischen den Säulen standen Figuren des Hl. Ignatius, der den Hl. Franz Xaver auf Mission entsandte, daneben Personifikationen der Ecclesia und der Asia; auf dem Gebälk hielten zwei große Engel Blumengirlanden. Mit wenigen erhaltenen Fragmenten, u. a. dem Relief des Emmausmahls am Tabernakel, wurde der Altar 1986–97 rekonstruiert. Ursprünglich sollten in der Kirche zehn Seitenaltäre aufgestellt werden; ausgeführt wurden in den Kapellen und Querarmen sechs 1760 geweihte Altäre, die erhalten blieben (Verschaffelt 1753). Die ersten beiden Altäre waren dem Hl. Aloisius und dem Hl. Stanislaus Kostka geweiht, die beiden folgenden den Namenspatronen des Kurfürstenpaars, dem Hl. Karl Borromäus und der Hl. Elisabeth von Thüringen. Die Altarblätter dieser vier Säulenaltäre malte Krahe 1753/54. In den Querarmen standen die Altäre des Hl. Kreuzes und der Hl. Maria mit Gemälden von Besoldt und Brinckmann (1754). Verschaffelt ließ schon 1755–58 mehrere Altäre umbauen und begann, sie statt dessen mit Engelsskulpturen und Flachreliefs auszustatten. Die Altäre vor den westlichen Vierungspfeilern und an den Querseiten des Altarraums kamen nicht zur Ausführung, damit fehlen die jesuitentypischen Patrozinien der Hll. Ignatius, Franz Xaver, Joseph und Johannes Nepomuk. Die 1948 in Resten erhaltenen Altäre wurden verändert wiederhergestellt. Wichtige Ausstattungselemente der heutigen Jesuitenkirche stammen aus anderen Kirchen oder wurden neu beschafft. Nicht erhalten sind die Kanzel von P. und G. A. Egell sowie die acht 1752–57 angefertigten Beichtstühle. Unzerstört blieben die großen, aus dreierlei Marmor 1758 fein skulptierten Weihwasserbecken von Verschaffelt, an denen Putten eine Draperie halten, sowie die aus Ranken, Girlanden und Muschelornament bestehenden eisernen Gittertore der Westfassade; Philipp Reinhard Sieber hat sie wohl nach Entwurf von Rabaliatti 1754 gefertigt. Das mittlere Gitter zeigt die Monogramme des Kurfürstenpaars. Die große Orgel war 1753–56 durch Johann Georg Rohrer in Straßburg gebaut worden (1893 ersetzt); das erhaltene Gehäuse folgte einem Entwurf von P. Egell. Auf geschwungenem Grundriss erheben sich über einer Sockelzone drei hohe und zwei niedrige Pfeifentürme, bekrönt vom Monogramm des Kurfürsten. Von den sechs 1754/55 von Johann Michael Steiger gegossenen Glocken sind zwei erhalten, die Francisca-Glocke und die Karl-Borromäus-Glocke. Vom Kirchenschatz, dem liturgischen Gerät und den Paramenten sind trotz großer Verluste im 19. Jahrhundert und 1943–45 zahlreiche, teils reich verzierte Stücke erhalten geblieben, u. a. drei Altarkreuze der Nebenaltäre, Leuchter und große Monstranzen. Bedeutend sind zwei Kelche der Augsburger Goldschmiede Franz Ignaz Berdolt von 1716/18 mit Szenen des Alten Testaments und Franz Thaddäus Lang von ca. 1730, eine Strahlenmonstranz von Joseph Ignaz Saler von 1737/39 sowie die fünf einzigartigen »Wundmale Christi« von 1759 aus derselben Werkstatt, die sein Herz, seine beiden Hände und Füße in monstranzartiger Form darstellen. Bewahrt ist auch der 1733 vom Kurfürsten benutzte silberne Grundsteinhammer mit Kelle. KollegsbautenDas Jesuiter-Collegium bestand aus einem 120 m langen, 30–achsigen, dreigeschossigen Baukörper, der im Norden an die Kirche, im Süden mit einem Torfahrt-Gebäude an das Ende des Schloss-Westflügels anstieß. Nach einem Plan von da Bibiena wurde es 1730–34 erbaut. Straßen- und Gartenfassade wiesen gleichmäßig gereihte, große Fenster auf, die im Erdgeschoss und ersten Obergeschoss geohrt, im oberen Geschoss segmentbogig abgeschlossen waren; auch der Keller erhielt in jeder Achse ein kleines Fenster. Bis auf schmale Stockgesimse und einen südlichen Eckpilaster fehlten Giederungen. Das Hauptportal öffnete sich nahe der Kirche und war durch beiderseits zwei Säulen, ein stark verkröpftes Gebälk und einen gebrochenen Segmentbogengiebel ausgezeichnet. Das Inschriftfeld darüber zeigte das Jesuitenzeichen, und das Dekor setzte sich am Fenster darüber fort. Zum Hof hin sprang das große, zwei Geschosse hohe Refektorium vor. Dem dreigeschossigen Verbindungsbau zum Schloss war gartenseitig ein wohl älterer Turm mit Belvedere vorgelagert. Innen verliefen die Flure jeweils auf der Straßenseite, die Räume lagen zum Garten hin. Im ersten Obergeschoss führte ein Gang zum Schloss hinüber. Architektonisch ausgezeichnet war das offene Haupttreppenhaus mit dorischen Rustikapfeilern und Balustraden. Das Refektorium war innen mit giebeltragenden Stuckpilastern gegliedert, wies eine Empore auf und war mit einem Spiegelgewölbe überdeckt; ein großes Deckenbild von Asam (1737) zeigte in starker Untersicht, den offenen Himmel rahmend, die Speisung der Fünftausend. Über dem Eingang zum Refektorium war die Vision des Hl. Ignatius gemalt. Auch der Bibliothekssaal hatte ein Deckengemälde. Die übrige Raumteilung ist noch nicht erschlossen. Von der Skulpturenausstattung des Collegium sind Statuen der Hll. Ignatius und Aloisius von P. Egell (um 1735) erhalten (Mannheim, Reiss-Engelhorn-Museen). Weitere Bauten und AnlagenSigismund Zeller, dessen Planung für das Collegium nicht angenommen wurde, konnte 1737–39 das westlich an die Sakristei der Kirche anschließende, 72 m lange Schulgebäude errichten. Es bestand aus zwei Baukörpern, dem zweieinhalbgeschossigen Gymnasium von zehn Achsen und dem nur zweigeschossigen und etwas schmaleren, neunachsigen Seminarium Aloisianum im Westen. Das Gymnasium erhielt ein Satteldach, das mit einem Glockentürmchen bekrönt war, das Seminarium wurde mit einem Mansardwalmdach versehen. Zwei mit Inschriftfeldern und segmentbogigen Giebeln ausgezeichnete Portale führten in das Gymnasium, dessen Fassaden im Erdgeschoss geohrt, im ersten Obergeschoss segmentbogig und im Mezzanin oval gestaltet waren. Das Erdgeschoss nahm sechs aufwändig beheizte Schulräume auf, im Obergeschoss befand sich die große Aula mit einem Bühnengebäude. 1790 wurde sie in kleinere Räume unterteilt, das Mezzaningeschoss hat man damals abgetrennt und ausgebaut. Fassaden und Innenräume des Seminarium waren schlichter gestaltet. Die Gestaltung des Klostergartens, der vom Schlossgarten durch eine Mauer mit Durchgang getrennt war, ist in einem Plan überliefert; er war als formaler Garten gestaltet. Der als Geodät und Astronom tätige Jesuitenpater Christian Mayer veranlasste 1772 den Bau einer Sternwarte im Jesuitenkloster. Nach erstem Plan von Rabaliatti sollte dafür der Turm zwischen Kloster und Schloss umgebaut werden;9 neugebaut wurde sie dann aber bis 1773 nach einem Plan von J. C. Lacher im Jesuitengarten am Gymnasium, unter Leitung von Rabaliatti, mit Bildhauerarbeiten von Augustin Egell. Der achteckige Turm hat über der Eingangshalle vier unterschiedlich hohe Etagen und Balkone für Wohnung, Arbeitsräume und Observatorien. Die auf Mayer folgenden Hofastronomen Karl König und Johann Nepomuck Fischer waren ebenfalls Jesuiten, Peter Ungeschick und Roger Barry dann Lazaristen. 1789–91 erhielt die Sternwarte einen Anbau für weitere Instrumente. Der wissenschaftsgeschichtlich hochbedeutende Turm ist erhalten, seine Ausstattung wurde 1880 an die Sternwarte Karlsruhe verlagert. BibliographieHandbücher und Lexika: Dehio, Baden-Württemberg Bd. 1, S. 498–501 (Dietrich Rentsch); KB Heidelberg/Mannheim Bd. 3, S. 70 f. (Hildegard Schaab); KDM Bd. 10,1, S. 562–646, 789–796 (Hans Huth); kloester-bw, Jesuitenkolleg Mannheim (Nicole Priesching); kloester-bw, Lazaristenniederlassung Mannheim (Günther Saltin). Literatur: Haas 1960; Müller 1972; Weich 1997 (a), (b); Budde 2006, S. 93–103; Wiegand 2006; Albert 2009; Wiegand 2013; 2020; Günther/Kaufmann 22021; Boecking u. a. 2022. Anmerkungen
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| Objekttyp: | Konvent |
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Literatur + Links
| Weiterführende Links: |
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