Pfeffer, Josef 

Geburtsdatum/-ort: 15.03.1879;  Heiligenzimmern (heute Stadtteil von Rosenfeld)
Sterbedatum/-ort: 30.11.1960;  Lörrach
Beruf/Funktion:
  • Städtischer Rechnungsdirektor, Bürgermeister
Kurzbiografie:

1900 Abitur in Rottweil

1900 – 1901 Militärdienst als Einjährig-Freiwilliger im badischen Infanterieregiment 113

1900 – 1901 Studium der Rechtswissenschaften in Freiburg (abgebrochen)

1901 – 1904 Eintritt in die badische Finanzverwaltung, Ausbildung zum Finanzassessor

1914 X – 1916 X Kriegsdienst in der Militärverwaltung, Dienst im Reserve-Infanterieregiment 239

1917 Stadtrechner bei der Stadt Lörrach

1922 Beförderung zum städtischen Rechnungsdirektor

1933 VIII Entlassung als Stadtrechnungsdirektor

1939 II 7 Verurteilung wegen Devisenvergehen

1945 V 2 – 1948 XII 31Bürgermeister der Stadt Lörrach

1953 – 1959 Mitglied (CDU) des Kreisrats Lörrach

Weitere Angaben zur Person: Religion: römisch-katholisch
Auszeichnungen: Ehrungen: „Hebeldank“ des Hebelbundes Lörrach (1953).
Verheiratet:

1905 Maria, geb. Streicher (1883 – 1965)


Eltern:

Vater: Anton (1843 – 1889), Landwirt und Steinmetz

Mutter: Sabina, geb. Schweizer (1845 – 1920)


Geschwister:

zwei


Kinder:

sechs, darunter Julius Adolf (1906 – 1986), Bürgermeister von Neustadt im Schwarzwald 1951 – 1971

GND-ID: GND/1325383384

Biografie: Robert Neisen (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 8 (2022), 292-294

Pfeffer gehörte zum nicht seltenen Typus kompetenter badischer Verwaltungsbeamter des späten Kaiserreichs und der Weimarer Republik, die sich durch Fleiß, Disziplin und Intelligenz aus eher bescheidenen Verhältnissen emporarbeiten konnten, ehe ihre Karriere durch die Säuberungspolitik des NS-Regimes ausgebremst wurde. Seine späte Rehabilitation erfuhr Pfeffer nach dem Ende der nationalsozialistischen Diktatur, als er in höherem Alter zum Bürgermeister der Stadt Lörrach berufen wurde.

Geboren in Heiligenzimmern im württembergischen Zollernalbkreis, absolvierte Pfeffer seine Gymnasialzeit in Sigmaringen und Rottweil. Nach dem Abitur im Jahr 1900 begann er zeitgleich zu seinem Militärdienst ein Studium der Rechtswissenschaften in Freiburg, das er jedoch aus finanziellen Gründen vorzeitig abbrechen musste. Ende 1901 trat er als Finanzgehilfe in die badische Zoll- und Steuerverwaltung in Karlsruhe ein. Wie in der badischen Finanzverwaltung üblich, durchlief er verschiedene Zweige der Zoll- und Steuerverwaltung, ehe er im Oktober 1912 dem Hauptsteueramt Lörrach zugeteilt wurde.

Kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde Pfeffer zur Militärverwaltung eingezogen. Begünstigt durch den großen Mangel an Beamten in der Zivilverwaltung, bewarb er sich im November 1916 erfolgreich um die Stelle des Stadtrechners von Lörrach. Dort bewährte sich Pfeffer bald als kompetenter, gewissenhafter Finanzfachmann, weshalb ihm 1920 auch die Rechnungsführung der städtischen Stiftungen übertragen wurde. Obschon sein gelegentlich etwas ruppigautoritärer Umgang mit den Stadtbediensteten einige Kritik innerhalb der städtischen Belegschaft hervorrief, wurde er im Jahr 1922 zum Stadtrechnungsdirektor befördert.

In den Jahren der Weltwirtschaftskrise oblag ihm die Aufgabe, die immer größer werdende Schere zwischen Einnahmen und Ausgaben im städtischen Haushalt im Zaum zu halten – im von der Krise der örtlichen Textilindustrie schwer getroffenen Lörrach ein nahezu unlösbares Unterfangen, standen doch den Ausfällen an Gewerbesteuern und Reichszuschüssen rapide steigende Ausgaben für die kommunale Arbeitslosenfürsorge gegenüber. Nur dank der Brüning’schen Notverordnungen, kurzfristig aufgenommener Kassenkredite und der Verzögerung städtischer Zahlungen an Dritte gelang es Pfeffer, die Stadt Lörrach vor der Zahlungsunfähigkeit zu bewahren. Zeitgleich setzten die ersten Angriffe der örtlichen Nationalsozialisten gegen Pfeffer ein, die das Zentrumsmitglied mit den üblichen haltlosen Vorwürfen – Bevorzugung von Zentrumsmitgliedern bei der Stellenbesetzung, illegale Nebenerwerbsquellen etc. – überzogen.

Als prominentester lokaler Vertreter der Zentrumspartei in Lörrach geriet Pfeffer nach der Machtübernahme unmittelbar ins Visier der lokalen NSDAP. Vor allem der neue NS-Bürgermeister Reinhard Boos betrieb mit aller Macht die Entlassung Pfeffers. Unter Verweis auf die veränderte politische Lage in Deutschland durch den Erfolg der „nationalen Erhebung“ und die angeblich 98-prozentige Besetzung des Rechnungsamts mit Zentrumsmitgliedern erklärte er Pfeffer für nicht mehr tragbar und veranlasste den inzwischen nationalsozialistisch dominierten Stadtrat, am 11. August 1933 dessen Absetzung zu beschließen. Hingegen drang Boos‘ mit seinen Bestrebungen, Pfeffer ein Dienststrafverfahren anzuhängen und die Pension abzuerkennen, bei Landeskommissär Schwoerer  und Innenminister Pflaumer zunächst nicht durch. Auch eine im März 1934 einberufene Stadtratskommission kam intern zu dem Ergebnis, dass Boos‘ Behauptungen, Pfeffer habe in seiner Zeit als Lörracher Rechnungsdirektor schwere Dienstvergehen begangen, nicht stichhaltig seien. Das Dienststrafverfahren wurde daraufhin fallen gelassen.

Erst ein Prozess gegen Pfeffer wegen Mithilfe bei einem Devisenvergehen im Jahr 1939 verschaffte Boos die späte Gelegenheit, sein Ziel doch noch zu erreichen. Durch persönliche Interventionen bei der Justiz sorgte Boos dafür, dass Pfeffer die Pension aberkannt wurde. Pfeffer und seine Familie verarmten in der Folgezeit. Nur mit Unterstützung von Freunden und einer Aufsichtsratstätigkeit für die schweizerische Pumpenfabrik Allweiler konnte Pfeffer sich und seine Angehörigen mühsam über Wasser halten.

Angesichts der willkürlichen Drangsalierung durch die Nationalsozialisten stellte es für Pfeffer eine große Genugtuung dar, dass ihn die französische Militärregierung nach dem Sturz des NS-Regimes wegen seiner antinationalsozialistischen Gesinnung und seiner großen Verwaltungserfahrung am 2. Mai 1945 als Bürgermeister von Lörrach einsetzte. Auch in formaler Hinsicht wurde Pfeffer rehabilitiert. Am 23. Dezember 1946 hob das badische Innenministerium den Beschluss der Aberkennung des Ruhegehalts wieder auf. Im Dezember 1957 wurde Pfeffer im Rahmen des Wiedergutmachungsverfahrens für die entgangene Pension ein höherer Wiedergutmachungsbetrag zugesprochen. Zuvor hatte die Stadt Lörrach bereits großzügige Vorschusszahlungen geleistet.

Als Bürgermeister von Lörrach sah sich Pfeffer mit den üblichen Schwierigkeiten der Nachkriegszeit konfrontiert: Beseitigung der Wohnungsnot, Bekämpfung des Hungers und Unterbringung vieler „Ostflüchtlinge“, zu denen in Lörrach zahlreiche aus der Schweiz ausgewiesene Deutsche hinzukamen. Trotz der Einschränkungen durch die strenge französische Besatzungspolitik gelang es Pfeffer, einen völligen Zusammenbruch der Lebensmittel- und Güterversorgung zu verhindern, wobei er auf das bereits in der Weltwirtschaftskrise etablierte kommunale Instrumentarium zur Bekämpfung der Armut und die Fortführung des nationalsozialistischen Bewirtschaftungssystems durch die französische Militärregierung zurückgreifen konnte.

Wenngleich auf sehr niedrigem Niveau, wurde die Ernährung der oftmals verarmten Bevölkerung, der Displaced Persons und der zahlreichen Flüchtlinge durch die Verpflegung in der städtischen Speiseanstalt und die Verteilung von Lebensmitteln über das staatliche Bezugsscheinsystem sichergestellt. Die durch den massiven Zuzug verschärfte Wohnungsnot vermochten Pfefferund das Wohnungsamt über die rasche Einrichtung von Sammelunterkünften, lokale Spendensammlungen für Möbel und die strikte Durchsetzung der Wohnungsbewirtschaftung einigermaßen in den Griff zu bekommen.

Um die Versorgung der Bevölkerung und der städtischen Einrichtungen aufrechtzuerhalten, intervenierte Pfeffer gelegentlich höchstpersönlich. So verfügte er des Öfteren selbst die Beschlagnahmung von Wohnraum wohlhabender Stadtbewohner. Zugute kamen Pfeffer in diesem Zusammenhang auch seine engen persönlichen Beziehungen in die Schweiz. Um die Aussöhnung mit den badischen Nachbarn bemühte sich Pfeffer erfolgreich – maßgeblich befördert durch seine hohe Glaubwürdigkeit bei den Schweizer Nachbarn als Gegner des Nationalsozialismus. So war es auf Pfeffers direkte Initiative zurückzuführen, dass die beiden Lörracher Krankenhäuser im November 1945 dringend benötigte Medikamente und Verbandsstoffe erhielten. Auch bei der Versorgung mit Lebensmitteln und Kleidung leistete insbesondere die Nachbarstadt Basel, oft auf Vermittlung Pfeffers, vielfältige Überlebenshilfe.

Nachdem Pfeffer Ende 1948 aus Altersgründen als Bürgermeister ausgeschieden war, widmete sich der zeitlebens tief im katholisch-kirchlichen Milieu verankerte, praktizierende Christ in erster Linie seinen ehrenamtlichen Tätigkeiten in katholischen Wohlfahrtsorganisationen, etwa im örtlichen Vinzentiusverein und im St. Bonifatiusverein, dem er seit 1945 vorstand. Ebenso war er im Hebelbund aktiv. Gleichzeitig saß er für die CDU, die er nach dem Krieg in Lörrach mitbegründet hatte, im Kreisrat. Ende der 1950er Jahre setzte er sich außerdem für die Gründung einer neuen katholischen Pfarrei in der Lörracher Nordstadt ein. Er starb Ende 1960 hoch angesehen in der Stadt Lörrach, die ihm längst zur Heimat geworden war.

Quellen:

StadtA Lörrach Personalakte Josef Pfeffer; Personalakte Reinhard Boos; HA Nr. 1233, 1357, 2653 f., 2656, 3077; VIII-4, Nr. 24; IX, Nr. 47 f., 50, 53 f.; XX, Nr. 17.

Nachweis: Bildnachweise: StadtA Lörrach 2.12.6 v (Foto 1947).

Literatur:

H. Ott, Lörrachs Weg zur Industriestadt, in: Lörrach. Landschaft, Geschichte, Kultur, hg. von der Stadt Lörrach, 1983, 283 – 476; R. Neisen, Zwischen Fanatismus und Distanz. Lörrach und der Nationalsozialismus, 2004, 58, 127 – 133.

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