Veränderte Rahmenbedingungen – Stadt und Land als Räume der Vita religiosa im 13. Jahrhundert

von Jürgen Dendorfer

Pforzheim, Stadtansicht von Süden, Matthäus Merian, Kupferstich, 1643. [Quelle: Landesarchiv BW, GLAK J-B Pforzheim 9]
Pforzheim, Stadtansicht von Süden, Matthäus Merian, Kupferstich, 1643. [Quelle: Landesarchiv BW, GLAK J-B Pforzheim 9]

Das 13. und mit Abstrichen das 14. Jahrhundert brachten noch einmal ein Vielfaches an geistlichen Gemeinschaften hervor. Wichtig ist es, sich die veränderten gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen zu vergegenwärtigen. Im 13. Jahrhundert kulminierte offenkundig in unseren Breiten ein starkes, seit dem 11. Jahrhundert anhaltendes Bevölkerungswachstum, das Landesausbau mittels Rodung auch in unwirtlichen und wenig ertragreichen Mittelgebirgslagen des Schwarzwalds oder der Alb sinnvoll erscheinen ließ. Dies brachte nicht nur zahlreiche neue Siedlungen hervor, sondern die bestehenden veränderten sich: um 1200 entstand das Dorf im eigentlichen Sinne, als genossenschaftlich organisiertes Gebilde, vor allem aber wurden nun Städte gegründet als wirtschaftliche, politische und religiöse Zentren. Gab es um 1100 im gesamten Berichtsraum des Klosterbuchs von Wertheim bis an den Bodensee mit der Bischofsstadt Konstanz nur eine Stadt, so entstanden danach bis ins 13. Jahrhundert fast alle bis heute existierenden Städte (mit der gewichtigen Ausnahme der barocken Residenzstädte Karlsruhe, Mannheim und Rastatt). Alle anderen aber, und gerade diejenigen, die über die größte Dichte an geistlichen Gemeinschaften verfügten, gewannen nun ihre Form. An der Spitze Freiburg, das neben Konstanz im Mittelalter am meisten, an die 30 Gemeinschaften zählte (von großen Bettelordensklöstern bis zu einfachen Schwesternsammlungen), aber auch Villingen mit zwölf oder Breisach mit elf Gemeinschaften. Daneben gab es zahlreiche Städte mittlerer Größe wie Heidelberg, Pforzheim, Neuenburg, Offenburg oder Überlingen mit fünf oder etwas mehr religiösen Gemeinschaften. Die Vita religiosa entfaltete sich im 13. Jahrhundert also vornehmlich in einem urbanen Kontext, den es so zuvor noch nicht gegeben hatte. Die früh- und hochmittelalterlichen Klöster und Stifte dagegen, von denen bislang die Rede war, standen für sich allein und bildeten durch ihre Größe und Komplexität selbst Zentralorte in einer rural geprägten Umwelt.

Gegründet wurden die Städte von hohen Adeligen wie den Herzögen von Zähringen (Freiburg, Neuenburg, Villingen), die eigene Territorien durch das Sammeln von Herrschafts- und Besitztiteln und die Anlage von Burgen, Klöstern oder Städten aufbauten. Sie sind nun die politisch entscheidenden Akteure. Territorien, die über das 13. Jahrhundert hinaus von Bedeutung blieben, formierten im Süden nach den Zähringern die Grafen von Freiburg-Urach, die Grafen von Fürstenberg, vor allem aber die Habsburger, die 1273 zur Königswürde aufstiegen und deren später Vorderösterreich genannte Gebiete am Ober- und Hochrhein sowie in der Schweiz nun Konturen bekamen. In der Mitte waren es die Markgrafen von Baden und die Herren/Grafen von Eberstein, im Norden die Pfalzgrafen bei Rhein oder die Grafen von Wertheim, und im Osten des Untersuchungsgebiets die Grafen von Zollern. Sie gründeten Klöster und Städte, die von ihnen geschaffenen Territorien bildeten weltliche Herrschaftsräume, in denen sich monastisches Leben entfaltete bzw. mit denen sich bestehende Einrichtungen zu arrangieren hatten. Die adelige Vogtei über bestehende Klöster war eines der Instrumente für diesen Herrschaftsaufbau. Die eigenständige Territorialpolitik geistlicher Herren und Frauen dagegen wurde im Raum zu keinem wesentlichen Faktor. Allein St. Blasien im Südschwarzwald oder die Zisterzen Salem und Tennenbach verfügten über umfangreichere Besitz- und Herrschaftskomplexe. Dem Bischof von Konstanz gelang keine größere Territorialbildung, das Hochstift des Bischofs von Basel lag außerhalb des Untersuchungsraums, allein das rechtsrheinische Stift des Bischofs von Straßburg in der Ortenau mit den Städten Ettenheim und Oberkirch ist hervorzuheben.

Der überwiegende Teil der neuen Klöster des 13. Jahrhunderts aber entstand in den Städten und sie waren strukturell auf diesen Lebensraum angewiesen. Die sogenannten Bettelorden oder Mendikanten, die nach ihren Anfängen und ihrem tragendem Charisma deutlich zu unterscheiden sind, lebten, da sie selbst über keinen Besitz verfügen sollten, von der Unterstützung der Gläubigen in den Städten. Ihr Anliegen waren Seelsorge und Predigt für deren wachsende Bevölkerung, womit sie durchaus in Konkurrenz zur Pfarrseelsorge traten. Die Verbreitung dieser neuen Orden des 13. Jahrhunderts ist am Oberrhein untrennbar mit dem Urbanisierungsprozess selbst verbunden, d. h. sie entstanden zeitgleich mit den Städten und es gab sie ausschließlich in diesen. Ein Blick auf die Karte zeigt zudem in welchen Dimensionen nun, ebenfalls seit der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, religiöse Frauengemeinschaften in den Quellen greifbar werden. Dabei reicht das Spektrum von der nur ein- oder wenige Male belegten Schwesternsammlung bis zu großen Abteien der Zisterzienserinnen oder den Klöstern der Dominikanerinnen mit ausgedehnter eigener Grundherrschaft. Bei Zisterziensern und Dominikanern kam auf ein Männerkloster jeweils ein Vielfaches an Frauengemeinschaften. Sie waren im Wesentlichen ein städtisches Phänomen, es gab sie aber auch in Kleinstädten, Märkten und Dörfern an Pfarrkirchen, im Bodenseeraum und im Hohenzollerschen seit dem 14. Jahrhundert auch auf dem Land. Neben Bettelorden und Frauengemeinschaften gehören die Ritterorden zum 13. Jahrhundert, in diesem Klosterbuch der Deutsche Orden, die Johanniter und die Lazariter. Beide hatten Kommenden in den großen Städten aber auch auf dem Land.

Die vollständigen Literaturangaben sowie die Auflösung der Abkürzungen finden Sie hier.

Zitierhinweis: Jürgen Dendorfer, Veränderte Rahmenbedingungen – Stadt und Land als Räume der Vita religiosa im 13. Jahrhundert, URL: […], Stand: 10.06.2025.

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