Anleitung für Forschende

von Tim Laubscher

Im Rahmen des Projekts konzentrierte sich die wissenschaftliche Arbeit auf die Funktionsweise der Sondergerichte Mannheim und Freiburg als Teil des nationalsozialistischen Repressionsapparats. Anhand ausgewählter Fälle wurden die Sondergerichte als Institution, ihr Handeln und die beteiligten Akteure beleuchtet, um neue Erkenntnisse über den nationalsozialistischen Repressionsapparat in Baden zu gewinnen.

Das Themenmodul „NS-Justiz in Baden – Die Sondergerichte Mannheim und Freiburg 1933-1945“ bietet einen Überblick über die nationalsozialistische Sondergerichtsbarkeit in Baden und bildet zugleich eine fundierte Grundlage für eine weiterführende wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der NS-Justiz. Eine zentrale Funktion des Moduls ist die gezielte Fallrecherche über eine differenzierte Suchoberfläche. Mithilfe dieser können Forschende nach konkreten Kriterien wie Verfolgungsgruppe, Delikt, Tatort oder Zeitraum passende Fälle für ihre Untersuchung auswählen.

Das Themenmodul gliedert sich in drei Bereiche: Historischer Hintergrund, e-Guide und Fälle. Im Abschnitt Historischer Hintergrund werden die badischen Sondergerichte in einem Scrollytelling-Format in den Kontext der NS-Diktatur eingeordnet. Anhand zentraler Unrechtsmechanismen wird die Funktionsweise der nationalsozialistischen Rechtsprechung exemplarisch dargestellt und durch einzelne Biografien veranschaulicht.

Der e-Guide unterstützt Forschende dabei, die überlieferten Fallakten zu lesen, zu verstehen und einzuordnen. Dabei werden Aufbau und Funktion der einzelnen Aktenbestandteile erklärt und aufgezeigt, welche Informationen sich an welcher Stelle entnehmen lassen. Um eine kritische Reflexion der Quellen zu ermöglichen, werden zudem die Multiperspektivität der Akten, die Sprache der nationalsozialistischen Justiz sowie ausgelassene Informationen thematisiert. Diese Einordnung ist entscheidend, um sowohl die juristischen Abläufe als auch das Handeln der nationalsozialistischen Justiz nachvollziehen zu können. Ein ergänzendes Glossar erläutert zentrale Begriffe aus den Quellen und der juristischen Fachsprache und erleichtert so den Zugang zu den Dokumenten. Es umfasst über 200 Begriffe und ist über die Themennavigation abrufbar.

Neben der historischen Einführung und dem e-Guide bietet das Themenmodul die Möglichkeit, eine exemplarische Auswahl von 200 Fällen der Sondergerichte Mannheim und Freiburg in Form von Personen- und Fallseiten einzusehen. Diese können über eine interaktive Karte oder über die Suchfunktion unter Fälle aufgerufen werden. Zur Auswahl stehen die Fallsuche, die Personensuche, die Kartensuche und die Trefferlisten. Die Fallsuche eignet sich besonders, wenn bestimmte Tatorte, Delikte oder Zeiträume recherchiert und miteinander kombiniert werden sollen. Die Personensuche ist hilfreich, wenn gezielt nach einzelnen Personen oder nach Kategorien wie Beruf, Geschlecht, Religionszugehörigkeit oder Geburtsort gesucht wird. Mit der Kartensuche können Tatorte, Haftorte und Verhandlungsorte der badischen Sondergerichte direkt auf einer interaktiven Karte erkundet werden. Die Trefferlisten ermöglichen schließlich eine noch spezifischere Suche, etwa nach Verfolgungsgruppen, Staatsangehörigkeiten oder Haftentlassungen. Durch diese unterschiedlichen Suchmöglichkeiten können Nutzerinnen und Nutzer jeweils die für ihren Forschungsschwerpunkt relevanten Fälle gezielt auswählen und einsehen.

Zu jedem Fall steht eine kompakte Fallbeschreibung als PDF zum Download bereit. Sie enthält die wesentlichen Informationen zu den Verfahren und führt alle beschuldigten Personen auf. Für einen ersten Überblick können darüber hinaus die verfahrensschließenden Dokumente wie Urteile, Verfahrenseinstellungen oder -abgaben für jeden Fall direkt als PDF-Datei von den Detailseiten abgerufen werden. Die vollständig digitalisierten Fallakten sind auf den Personen- und Fallseiten verlinkt und können im Online-Findmittelsystem des Landesarchivs Baden-Württemberg eingesehen werden. Neben den Fällen aus dem Sample wurden zahlreiche weitere Fallakten digitalisiert, die ebenfalls im Online-Findmittelsystem des Landesarchivs abrufbar sind.

Die Fallauswahl basiert auf den Beständen 507 über das Sondergericht Mannheim im Generallandesarchiv Karlsruhe und 47/1 über das Sondergericht Freiburg im Staatsarchiv Freiburg. Beide Bestände umfassen zusammen rund 9.000 Verfahren mit etwa 14.000 Akten. Die Überlieferung ist jedoch nicht vollständig. Vor allem die frühen Jahre 1933 und 1934 sind nur lückenhaft dokumentiert oder lediglich in Form von Handakten überliefert. Diese bilden beispielsweise keine vollständige Darstellung der Ermittlungsverfahren ab. Dennoch gelten die Bestände der badischen Sondergerichte insgesamt als besonders umfangreich und gut erhalten.

Die Auswahl der Fälle für das Sample erfolgte nicht zufällig, sondern nach festgelegten Kriterien: Tatort, Verfahrensbeginn und Delikt. Da es im Rahmen des Samples nicht möglich war, alle Orte in Baden zu berücksichtigen, wurde eine Auswahl auf Ebene der Stadt- und Landkreise getroffen, um eine möglichst flächendeckende regionale Abbildung zu gewährleisten. So können Forschende gezielt mit regionalen Bezügen arbeiten. Zur Darstellung der zeitlichen Entwicklung wurden Verfahren aus dem gesamten Zeitraum von 1933 bis 1945 einbezogen. Die Einteilung der Delikte orientiert sich an der Kategorisierung von Christiane Oehler, die zwischen politischen, wirtschaftlichen, sonstigen und Gewaltdelikten unterscheidet. [1]

Zur Ermittlung der Verteilung dieser Kriterien wurden zwei Stichproben von jeweils 20 Prozent der Bestände erhoben und ausgewertet. Auf dieser Grundlage erfolgte anschließend die Auswahl der Fälle. Da das Sample im Verhältnis zum Gesamtbestand zu klein ist, handelt es sich dabei nicht um eine repräsentative, sondern um eine exemplarische Auswahl der Überlieferungen der badischen Sondergerichte.

Die anschließende, strukturierte Erfassung der Fälle erfolgte mithilfe eines Erhebungsbogens. Dieser diente als Grundlage für die Darstellung der Fall- und Personenübersichten im Themenmodul. Er enthält Angaben zu Tatort, Verfahrensbeginn und Delikt sowie biografische Daten der Betroffenen. Darüber hinaus umfasst er den Ablauf des Verfahrens vom Ermittlungsbeginn bis zum Urteil, Informationen zur Strafvollstreckung, zu beteiligten Behörden und Akteuren sowie – falls vorhanden – zu Urteilsaufhebungen oder Wiedergutmachungsmaßnahmen nach 1945.

Das Projekt macht deutlich, dass die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Sondergerichte und der NS-Justiz im regionalen Kontext bei weitem noch nicht abgeschlossen ist. Die intensive Beschäftigung mit den Fallakten hat zahlreiche Fragen aufgeworfen. Ein Aspekt, der noch genauer untersucht werden könnte, ist das Verhältnis zwischen Sondergerichten, Ermittlungsbehörden, der ordentlichen Gerichtsbarkeit und dem Reichsjustizministerium. Auch die Rolle der verschiedenen an den Verfahren beteiligten Akteure und Behörden bedarf einer vertieften und kritischen Analyse. Neben dem Gerichtspersonal sind davon die Gestapo, Kriminalpolizei, Gendarmerie und Zollfahndung betroffen. Eine bislang kaum erforschte Gruppe bilden die Denunziantinnen und Denunzianten, deren Meldungen weit zahlreicher waren als die tatsächlich geführten Verfahren. Ihre Motive und ihr Verhältnis zu den Denunzierten sind für Baden bislang weitgehend ungeklärt. Ebenso wenig erforscht ist das Haftnetzwerk im Kontext der Sondergerichte, das von Gefängnissen und Zuchthäusern über Konzentrationslager bis hin zu Arbeitshäusern und Heil- und Pflegeanstalten reichte.

Das Themenmodul ist somit nicht nur das Ergebnis abgeschlossener Forschung, sondern auch der Ausgangspunkt für weitere wissenschaftliche Untersuchungen zur Justiz im Nationalsozialismus.

Anmerkung

[1] Oehler, Christiane, Die Rechtsprechung des Sondergerichts Mannheim 1933-1945 (Freiburger Rechtsgeschichte Abhandlungen, 25), Berlin 1997, S. 130-136.

Zitierhinweis: Tim Laubscher, Anleitung für Forschende, in: NS-Justiz in Baden, URL: […], Stand: 13.11.2025.

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