Bettelorden sowie gotische Kirchen und Klöster
von Matthias Untermann
Die Klöster der Bettelorden
Im frühen 13. Jahrhundert entstanden in Italien und Frankreich neue religiöse Bewegungen, die sich teilweise nicht oder nur schwer in die bestehenden kirchlichen Strukturen einbinden ließen. Franziskaner (»Barfüßer«) und Dominikaner (»Prediger«) gründeten schon seit den 1220er Jahren Niederlassungen im deutschen Gebiet, die 1256 approbierten Augustinereremiten folgten in Konstanz um 1268. Ihre Klöster sind oft eigentümlich gestaltet, da die Orden zwar im Prinzip jeden Bauluxus ablehnten, wie zuvor schon Kartäuser und Zisterzienser, aber ihr geistlicher Erfolg reiche Stifter motivierte. Viele Bettelordensniederlassungen bezogen schon im späten 13. Jahrhundert große Kirchen und ausgedehnte Klöster. Dass zahlreiche dieser Klöster an den Stadtmauern liegen, hat die ältere Forschung damit erklärt, dass die Brüder sich den marginalisierten Bevölkerungsschichten der Städte zuwenden wollten. Tatsächlich aber lagen große Adels- und Patriziersitze häufig nahe den Mauern und wurden diesen Orden zum Klosterbau zur Verfügung gestellt.[1] Unter Dominikanerkirche und Augustinereremitenkirche in Freiburg sind die für den Klosterbau abgebrochenen städtischen Wohnhäuser ausgegraben worden. In Konstanz besetzte das Dominikanerkloster die städtebaulich hervorragend positionierte stadtnahe Insel im Bodensee. Das schräg begrenzte Langhaus der Franziskanerkirche in Freiburg dokumentiert hingegen die Weigerung des Stadtrats, dem Orden mehr Bauplatz zur Verfügung zu stellen. Ausgrabungen an der Dominikanerkirche in Freiburg und an der Franziskanerkirche in Basel[2] zeigen in überraschender Weise, dass schon die um 1250 gebauten Kirchen dieser Niederlassungen groß waren und dennoch nach wenigen Jahrzehnten durch Neubauten erheblich vergrößert wurden.
Während die Forschung früher die gotische Bettelordensarchitektur als Einheit ansah, ihre demonstrativ spartanische Abkehr von der reichen Gotik der Kathedralen betonte[3] und den Begriff »Reduktionsgotik« benutzte, wird inzwischen hervorgehoben, dass die Baukunst der gotischen Kathedralen eine bestimmte »Stilhöhe« definierte, die auch nicht für kommunale Bauherren und Bauaufgaben relevant war.[4] Dominikaner waren überdies nach Regel und Selbstverständnis eher Kanoniker.[5] Die Dominikanerkirche in Konstanz bildet entsprechend diesem Anspruch mit Säulen und achteckigen, archaisierenden Kapitellen das Langhaus der viel älteren Konstanzer Domkirche nach; auch das 7/12-Polygon am Langchor der Pforzheimer Dominikanerkirche ist damals eine dezidiert hochrangige Bauform.
Große Bettelordenskirchen blieben in Baden und Hohenzollern nur vereinzelt erhalten. Charakteristisch sind die Franziskanerkirchen in Freiburg, Offenburg, Überlingen und Villingen, einige weitere sind in Bauresten (Konstanz, Pforzheim) oder durch Ausgrabungen (Heidelberg) bekannt. Dominikanerklöster sind in Pforzheim ergraben; in Heidelberg durch historische Pläne überliefert. Kirchen der Augustinereremiten blieben in Freiburg und Konstanz erhalten, in Heidelberg ist das Kloster ausgegraben. Trotz der propagierten Zuwendung zum einfachen Volk und der Predigt in der Volkssprache zogen sich die Brüder für ihren eigenen Gottesdienst hinter hohe Abgrenzungen durch Chorschranken und Lettner in einen vom sonstigen Kirchenraum abgeschlossenen Langchor zurück, anders als die Dom- und Stiftsherren oder Benediktiner, deren Chorbereiche oft sogar zeitweise für Laien zugänglich waren. Diese Bauform des »Langchors« wurde zwar nach 1250 von den Bettelorden übernommen, entstand aber wohl im Kontext von Konventen der Prämonstratenser.[6] Eine viel kleinere, aber sogar ausgemalte Franziskanerkirche entstand vor der Kleinstadt Hausach.
Da Franziskaner und Augustinereremiten das benediktinisch geprägte Klosterleben ablehnten, sehen ihre Klöster oft ungewöhnlich aus,[7] haben zwar einen Kreuzgang, aber dieser liegt oft nicht neben der Kirche (Konstanz, Augustinereremiten), und die Wohngebäude sind geradezu beliebig angeordnet (Freiburg, Augustinereremiten; Überlingen, Franziskaner). Bei Ausgrabungen ist es deshalb oft schwierig, ein Bild der Klosteranlage zu gewinnen (Pforzheim, Dominikaner). Erhalten sind Reste franziskanischer Klosteranlagen in Freiburg, Überlingen und Villingen.
Gotische Kirchen- und Klosterbauten
Die modernen Bauformen des 13. Jahrhunderts, die heute »gotisch« genannt werden, waren vielerorts Anlass, altmodische Kirchen und Klöster neu bauen zu lassen. Attraktive frühe gotische Formen, wie sie die Klöster in Maulbronn und Ebrach (bei Bamberg) prägen, finden sich im Bearbeitungsgebiet nur im Zisterzienserkloster Bronnbach. Aus dem Umfeld des so genannten Naumburger Meisters kamen die hervorragenden Werkleute und Bildhauer, die in Konstanz den Kreuzgang am Dom und das Heilige Grab in der Stiftskirche St. Mauritius schufen. Die prächtigen Formen des Straßburger Münsters wurden um 1280/90 an der Zisterzienserkirche Salem mit großem Aufwand phantasievoll weiterentwickelt. Das Stift Säckingen ließ 1343–1360 eine große Kirche mit acht Altären neu bauen (s. Abb. oben), in deren Langchor das Gestühl des Konvents aufgestellt wurde. In der Zeit um 1400 entstanden an der Stiftskirche in Heidelberg und mit dem Glockentürmchen der Dominikanerinnen in Pforzheim wegweisende Architekturschöpfungen damals bedeutender Werkmeister.
In einer eigentümlichen Tradition wurde das hochmittelalterliche Kloster Petershausen bei Konstanz im Spätmittelalter umgestaltet. Der spätgotische Kreuzgang lief nicht mehr vierseitig um, neben dem Kapitelhaus stand eine dreischiffige Nikolauskapelle, westlich der Klosterkirche wurde 1551 das Abtshaus gebaut. Eine stiftsartige Auflösung des benediktinischen Gemeinschaftslebens ist damals an vielen alten Klöstern zu beobachten. Auf der Reichenau bewohnten die wenigen Mönche des 13. Jahrhunderts individuelle »Herrenhöfe«. Der nach 1306 begonnene Klausurneubau hat daran nichts geändert. Immerhin erhielt die Kirche ab 1447 einen aufwändigen neuen, spätgotischen Altarraum, der belegt, dass dem Gottesdienst und der Heiligenverehrung weiterhin große Bedeutung zukam. Einen neuen, gewölbten Altarraum erhielt auch die alte Kirche der Benediktiner in St. Trudpert. Die Auflösung der Klausur betraf auch andere Orden: Das Augustinerchorherrenstift Öhningen bildete nach Neubauten im 15. Jahrhundert eine mehrteilige, unregelmäßige Baugruppe viergeschossiger Gebäude. Andernorts wurde das Gemeinschaftsleben neu betont: Das Zisterzienserinnenkloster Wald erhielt im 15. Jahrhundert Neubauten für Klausur und Kreuzgang. Für den großen Konvent der Dominikanerinnen in Pforzheim wurde im Spätmittelalter ein »langes Haus« errichtet. Spätgotisch neugebaut wurde auch die Propsteikirche in Weitenau.
Der Konstanzer Dom erhielt im 13. Jahrhundert einen neuen Kreuzgang und neue Westtürme. Im 15. Jahrhundert wurde die romanische Domkirche demonstrativ konserviert, aber durch reiche spätgotische Gewölbe, Kapellenanbauten, Chorgestühl und Glasfenster modernisiert. Im Norden entstand ein neues Gebäude für Domschule und Dombibliothek, mit einer filigranen Zugangstreppe im Nordquerarm.
Ganz andere Bauformen zeigen die gotischen Stiftskirchen des späten 13./14. Jahrhunderts im Bearbeitungsgebiet. Sie verbinden einen gewölbten Langchor mit einem holzgedeckten Langhaus; ein Lettner trennte Chor und Laienraum. Auffallend ähnlich sind deshalb die Stiftskirchen St. Johann und St. Stephan in Konstanz, in Markdorf sowie in Mosbach, die auch ihren Lettner bewahrt hat; auch die Stiftskirche in Radolfzell wurde ab 1436 in dieser Gestalt neugebaut.
Große, vollständig gewölbte Stiftskirchen entstanden erst im 15. Jahrhundert in den Residenzstädten Baden-Baden und Heidelberg. Da die Pfarrkirchen bedeutender Städte den Bauformen von Stiftskirchen angeglichen wurden,[8] war es problemlos möglich, die Stadtkirchen in Ettlingen, Pforzheim und Wertheim, später auch die in Überlingen zu Stiftskirchen umzuwandeln und das Stift Odenheim 1507 an die Pfarrkirche von Bruchsal zu transferieren. Neugebaut wurden dabei allenfalls große Stiftschöre. Als Kapitelshäuser und Kurien wurden jeweils umliegende Stadthäuser angekauft.
Das erste Karmelitenkloster des Bearbeitungsgebiets in Weinheim konnte in eigentümlicher Weise eingeengt zwischen Straße und Schlossküche eine schlichte, holzgedeckte dreischiffige Klosterkirche erbauten werden. Nach 1470 wurde diese Kirche mit Spenden des örtlichen Adels und der Bürger eingewölbt; die 18 Schlusssteine sind mit deren Wappen versehen. Auch die kleine Prämonstratenserstiftskirche in Wyhlen blieb holzgedeckt.
Eremitisches, schweigsames Wohnen und Arbeiten verbanden die Mönche des Kartäuserordens mit regelmäßigen gemeinsamen Gottesdiensten und Versammlungen.[9] In charakteristischer Weise sind ihre Eremitenzellen an einem großen Kreuzgang angeordnet, der zur Kirche führt. Laienbrüder versorgen die Mönche mit Nahrung und Arbeitsmaterialien. Während die frühen Klöster dieses Ordens in größter Stille und Einsamkeit lagen (Grande Chartreuse bei Grenoble), wurden sie seit dem 14. Jahrhundert oft nahe von großen Städten (Freiburg, Mainz) oder sogar innerhalb der Stadtmauern (Basel, Nürnberg) gegründet. In Freiburg, dem einzigen Kartäuserkloster im Bearbeitungsgebiet, ist die in Resten noch erhaltene Anlage des 14.–18. Jahrhunderts mit ihren anfangs sechs, später 13 Zellen umfangreich archäologisch erforscht. Anders als in der Frühzeit wurde der Wirtschaftshof für die Laienbrüder neben der Kirche gebaut, und der Prior erhielt ein großes Amtshaus.
Anmerkungen
[1] Baeriswyl 2011.
[2] Rippmann u. a. 1987, S. 24–38.
[3] Konow 1954.
[4] Philipp 1987.
[5] Zu den Augustinereremiten: Schmelz/Untermann 2019; zu den Franziskanern: Untermann/Silberer 2012.
[6] Grzybkowski 1983; Descœudres 2003; Untermann/Silberer 2012, S. 117–128.
[7] Silberer 2016.
[8] Untermann 1996; 2007.
[9] Zadnikar 1983; Früh/Ganz 1995.
Die vollständigen Literaturangaben sowie die Auflösung der Abkürzungen finden Sie hier.
Zitierhinweis: Matthias Untermann, Bettelorden sowie gotische Kirchen und Klöster, in: Badisches Klosterbuch, URL: […], Stand: 10.06.2025.

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