Madame Kaulla 

von Carmen Anton

Porträt Madame Kaulla, Kopie des Malers C. Berger nach einem Gemälde des Stuttgarter Hofmalers Johann Baptist Seele, Öl auf Leinwand, um 1805 [Quelle: Landesmuseum Württemberg]
Porträt Madame Kaulla, Kopie des Malers C. Berger nach einem Gemälde des Stuttgarter Hofmalers Johann Baptist Seele, Öl auf Leinwand, um 1805 [Quelle: Landesmuseum Württemberg]

Karoline „Chaile“ Kaulla, zumeist genannt „Madame Kaulla“, wurde 1739 in Bauchau als ältestes Kind des Hoffaktoren Isak Raphael in Diensten des Hauses Hohenzollern-Hechingen geboren. Hoffaktoren waren Kaufleute, die im direkten Dienst eines Herrschers zur Warenversorgung des Hofes wie auch des Heeres sowie zur Akquise von Kapital angestellt wurden. Viele von ihnen waren traditionell Jüdisch, was ihnen auch die Bezeichnung als „Hofjuden” einbrachte.

Unterrichtet wurde Kaulla ebenso wie ihre Geschwister von einem Hauslehrer, der den Kindern eine der zeitgenössischen jüdischen Oberschicht angemessene Bildung vermittelte.  

Karoline, die in Hechingen aufwuchs und dort das Geschäft ihres Vaters kennenlernte, zeigte bereits früh große kaufmännische Begabung und ging diesem als Assistentin zur Hand.

1757 heiratete sie mit 18 Jahren Akiba (Liefe) Auerbach. Dieser ging voll in einem Gelehrtendasein auf und widmete sich eingehend dem Studium von Thora und Talmud. Karoline hingegen nahm sich ab 1760 der Geschäfte ihres verstorbenen Vaters in Form von vornehmlich Juwelen-, Waren- und Pferdehandel, später auch Geldgeschäften an. Sie bewies umfassendes unternehmerisches Genie und konnte nicht nur das Unternehmen ihres Vaters nach dessen Tod weiterführen, sondern gemeinsam mit ihrem elf Jahre jüngeren Bruder Jakob auch ein beachtliches Vermögen aufbauen, das sich vor allem auf Heereslieferungen gründete.

1768 gelang es Madame Kaulla sich die Stellung einer Hoffaktorin der Fürsten zu Fürstenberg bei Donaueschingen zu sichern. Ihrem Bruder Jakob gelang dieser Schritt erst 1780.
1770 trat sie die Nachfolge des 1738 hingerichteten Joseph Süß Oppenheimer als Hoffaktor des Herzogs von Württemberg an. 

Bezeichnend für Karolines wirtschaftlichen wie auch gesellschaftlichen Erfolg ist der Umstand, dass sie in ihrem Hoffaktorenpatent als „Kaulla Raphael“ benannt wird, der Nachname ihres Mannes hingegen keinerlei Erwähnung findet. Auch ihre Brüder und die Nachfahren von Karoline und Akiba nahmen schließlich die in diesem Dokument erstmals belegte Schreibweise ihres Namens als ihren Familiennamen an.

Bis 1783 standen die Geschwister Kaulla im Hoffaktorendienst der Fürstenberg. Danach wurde ihr Patent nicht mehr verlängert. Für diesen Zeitraum lassen sich neben den bereits erwähnten Handelstätigkeiten auch Geldgeschäfte nachweisen.

Ab 1790 betätigte sich Kaulla vor allem als Heereslieferantin. Damals erhielt sie den von Herzog Karl Eugen von Württemberg vermittelten Auftrag große Menge Getreide für die in den Niederlanden stationierten habsburgischen Truppen an das General-Verpflegungsamt zu liefern. Diese Unternehmung markiert den Gewinn eines längeren Wirkens als Lieferantin der kaiserlichen Armee. Für ihre Dienste verlieh Kaiser Franz Kaulla 1807 die große kaiserliche Zivilverdienstmedaille an der goldenen Kette, ihr Bruder erhielt den Titel eines kaiserlichen und königlichen Rats.

Parallel zu dieser Tätigkeit lässt sich ab ungefähr 1800 auch eine steigende Anzahl an Geldgeschäften Kaullas feststellen, welche auf dem durch die Heereslieferungen gewonnenen Vermögen aufbauten. Diese mündeten 1802 in der Gründung des ersten privaten Bankinstituts Württembergs, der „M. & J. Kaulla“ in Stuttgart. Erst ab 1805 änderte diese ihren Namen zur „Königlich Württembergischen Hofbank”. Das Gründungskapital von stattlichen 300.000 Gulden wurde je zur Hälfte von Herzog Friedrich von Württemberg und von Kaulla getragen, was ihren Reichtum in Mitten der napoleonischen Kriege illustriert. Entsprechend verwundert es wenig, dass Madame Kaulla als die reichste Frau des Deutschen Reichs gehandelt wurde. Bereits 1807 stockte sie das Grundkapital um weitere 100.000 Gulden auf. Das Bankhaus blieb bis 1915 in der Hand der Familie Kaulla, ehe es 1922 zunächst in der Württembergischen Vereinsbank und 1924 in der Deutschen Bank aufging.

Grabmal der Madame Kaulla auf dem jüdischen Friedhof Hechingen [Quelle: Landauf - LandApp BW, Fotograf/in: David]
Grabmal der Madame Kaulla auf dem jüdischen Friedhof Hechingen [Quelle: Landauf - LandApp BW, Fotograf/in: David]

1806 nahm König Friedrich Madame Kaulla, ihren Bruder Jakob sowie weitere Verwandte samt all ihrer Nachkommen als württembergische Untertanen auf.

Doch Karoline Kaulla zeichnete sich nicht allein durch ihre außergewöhnliche Karriere als Unternehmerin, sondern auch durch ihre wohltätigen Projekte aus, die vor allem ihrer Heimat Hechingen zugute kamen. Dort stiftete sie unter anderem eine Talmudschule sowie ein jüdisches Obdachlosenheim und trat vor dem Fürstenhaus Hohenzollern-Hechingen als Fürsprecherin der jüdischen Bevölkerung auf, obwohl ihr als Frau der Zugang zu offiziellen Gemeindeämtern versagt blieb. Darüberhinaus pries man sie als Wohltäterin der Bedürftigen, die bei der Vergabe ihrer Zuwendungen nicht nach Religion unterschied.

Dieser Einsatz brachte ihr hohes Ansehen unter ihren Zeitgenossen ein. So verwundert es wenig, dass bis heute Straßen in Hechingen, Schwäbisch Hall und Stuttgart ihren Namen tragen.

Karoline Kaulla verstarb am 18. März 1809 in Hechingen. Ihr eindrucksvolles Grabmal, das als größtes Monument der Anlage von ihrer enormen Bedeutung für die Region kündet, ist bis heute auf dem Jüdischen Friedhof Hechingens erhalten. In hebräischen Buchstaben steht auf dem Grabstein zu lesen: 

„Hier liegt geborgen ein seltenes, reines Weib. Als Vorbild ihres Stammes wurde sie betrachtet. Eine vornehme Frau, die nach Gerechtigkeit strebte. Unter Königen erwarb sie einen guten Namen. An Weisheit, an Rat war sie bedeutender als jeder Mann. Ihr Haus zierte sie mit einem guten Namen. Einen guten Namen für die Ewigkeit hat sie vererbt.“ 


Literatur: 

 

Zitierhinweis: Carmen Anton, Madame Kaulla, in: Jüdisches Leben im Südwesten, URL: […], Stand: 03.09.2021.

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