Die Bestände aus Klosterbibliotheken in heutigen wissenschaftlichen Bibliotheken
von Armin Schlechter
Die in der Folge der Säkularisationen in den Jahrzehnten um 1800 an weltliche Bibliotheken übergegangenen Klosterbibliotheken haben sich nur in Anteilen, auf verschiedene Standorte verteilt und zudem teils disloziert erhalten, wie das Beispiel des Übergangs der Sammlungen des Zisterzienserklosters Salem sowie des Benediktinerklosters Petershausen an die Universitätsbibliothek Heidelberg zeigt. Hinzu kommt in alle Welt verteilter Streubesitz. In der Hofbibliothek, der heutigen Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe, sind die Handschriften aus den einzelnen badischen Klöstern jeweils in separaten, größeren und kleineren Fonds aufgestellt. Die aus Salem und Petershausen stammenden Codices bilden in der Universitätsbibliothek Heidelberg ebenfalls einen eigenen Fonds, wobei die Petershausener Handschriften Salemer Signaturen tragen. In der Universitätsbibliothek Freiburg dagegen lässt sich die Handschriftensammlung heute als „bunt zusammengewürfelte[r] Bestand“ charakterisieren, in dem das Säkularisationsgut aufgegangen ist.[1] Da keineswegs alle Handschriften und Drucke Besitzvermerke ihrer ursprünglichen Institutionen aufweisen und die Übernahmen nicht immer dokumentiert wurden, lässt sich nicht mehr bei allen Codices die Provenienz ermitteln, was in Karlsruhe zum Fonds ›Unbestimmte Herkunft‹ geführt hat.[2] Auch die Universitätsbibliothek Freiburg besitzt etliche Handschriften, die sicher oder wahrscheinlich aus Klöstern stammen, sich aber keiner Institution mehr zuweisen lassen.[3] Während die Inkunabeln in Karlsruhe, Heidelberg und Freiburg separat aufgestellt oder später aus dem Hauptbestand extrahiert wurden, sind die Drucke ab 1501 jeweils dem systematisch aufgebauten Hauptbestand eingegliedert worden und teilten dessen Schicksale; hier ist mit der Erschließung der Provenienzen, die den systematischen Zugriff auf Bücher aus Klosterbibliotheken ermöglichen würde, erst begonnen worden.
Ein nicht geringer Teil der Drucke aus dem Besitz aufgehobener Klöster gelangte direkt auf den antiquarischen Markt; hinzu kamen die Dublettenversteigerungen vor allem der Universitätsbibliotheken Freiburg und Heidelberg, die für Auktionen bis weit ins 19. Jahrhundert hinein umfangreiche gedruckte Verzeichnisse herstellten.[4] Provenienzen spielten hierbei keine Rolle. Vor allem in Freiburg wurden schon kurz nach der Säkularisation schadhafte Holzdeckeleinbände vernichtet. Noch in den Jahrzehnten um 1900 kam es zur Auflösung von Sammelbänden aus Handschriften und Drucken, weiter wurden Originaleinbände an Buchbinder verkauft.[5] Ab 1834 schied die Universitätsbibliothek Freiburg Handschriften als unbrauchbare Makulatur aus.[6] Auch die für schulische Zwecke übernommenen alten Drucke erwiesen sich mehr und mehr als überholt und wurden wieder verkauft. So erwarb das Benediktinerkloster Engelberg in der Schweiz 1879 Inkunabeln aus dem aufgehobenen Franziskanerkloster in Offenburg, wohl über das dortige Gymnasium.[7] Aus der Bibliothek des Kurfürst-Friedrich-Gymnasiums in Heidelberg wurden 1961 392 alte Drucke unter anderem aus dem aufgehobenen Jesuitenkolleg an ein Auktionshaus verkauft, nachdem schon 1845 für den Unterricht unbrauchbare Bücher ausgeschieden worden waren.[8] Weitere Verluste der in den Hauptbestand eingereihten Bände aus Klosterbibliotheken brachten die Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg mit sich. So verlor die Badische Landesbibliothek Karlsruhe im September 1942, von den Inkunabeln abgesehen, mit etwa 365.000 Bänden fast ihren gesamten Druckschriftenbestand auf diese Weise.[9] Ähnlich gingen im April 1945 am Auslagerungsort Schloss Menzingen die dorthin geflüchteten Fachgruppen Klassische Philologie und Medizin sowie weitere Kostbarkeiten der Universitätsbibliothek Heidelberg, einem Umfang von fünf Lastwagenladungen mit Anhängern entsprechend, fast komplett unter.[10]
In ihrem Aufbau und ihrer Entwicklung waren die im heutigen Baden bestehenden Klosterbibliotheken von der Allgemeingeschichte der Institutionen abhängig. Der Elan der Gründung und die zyklischen Phasen der Reform sowie auch die Aufgeschlossenheit gegenüber der Entwicklung der Wissenschaften im 18. Jahrhundert führten zu einem Aufschwung. Dem gegenüber standen die Zyklen der Verluste aufgrund von Bränden, kriegerischen Einwirkungen, aber auch der Misswirtschaft im eigenen Haus. Vor diesem Hintergrund differenzierten sich Bibliotheken von einer Größe von hundert Titeln und weniger bis zu einem Umfang von Zehntausenden von Büchern aus. Der mit der Säkularisation gegebene Nutzungsbruch und die Tradition der Aufklärung ließen die Klosterbibliotheken zu reinen Steinbrüchen werden. Interessiert waren die weltlichen Bibliotheken einerseits an den Zimelien und andererseits an den für die moderne universitäre oder schulische Lehre tauglichen Bänden; der Rest wurde verkauft oder ging unter. Die Überlieferungsdichte bei Handschriften und Inkunabeln ist noch vergleichsweise groß. Aber schon die Inkunabeln wurden, wie dann auch alle Drucke ab 1501, auf verschiedene Einrichtungen verteilt und dort ohne Beachtung von Provenienzen dem Hauptbestand einverleibt. Die Dublettenverkäufe im 19. Jahrhundert und der Untergang von erheblichen Bibliotheksbeständen im Zweiten Weltkrieg haben die bereits fragmentierten Bestände weiter reduziert. Die vielgestaltige Klosterbibliothekslandschaft im heutigen Baden ist weitgehend untergegangen.
Anmerkungen
[1] Hagenmaier 1988, S. XV.
[2] Schlechter/Stamm 2000, S. 150–154.
[3] Hagenmaier 1988, S. XXXI.
[4] HHBD Bd. 7, S. 23, 101–103; Sack 1985, S. LXVI f.; Schlechter/Ries 2009, S. 5.
[5] Sack 1985, S. LXVII, LXXVII f.
[6] Hagenmaier 1988, S. XII.
[7] Fischer 2003, S. 1283, 1295 Anm. 93; Beck 1985, S. 22 f. Anm. 16.
[8] HHBD Bd. 7, S. 300–303.
[9] HHBD Bd. 8, S. 23; Syré 2006.
[10] Schlechter 2006, S. 114 f.
Die vollständigen Literaturangaben sowie die Auflösung der Abkürzungen finden Sie hier.
Zitierhinweis: Armin Schlechter, Die Bestände aus Klosterbibliotheken in heutigen wissenschaftlichen Bibliotheken, in: Badisches Klosterbuch, URL: […], Stand: 11.06.2025.

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