Wertvolle Quellen - Historische Adressbücher

 Karlsruher Adressbuch (Quelle: Badische Landesbibliothek)
Auch über fast ausgestorbene Handwerksberufe wie beispielsweise den Beruf des Feilenhauers können Adressbücher Auskunft geben (Quelle: Badische Landesbibliothek Karlsruhe)

Auf der Suche nach Privat-, Behörden- oder Firmenadressen befragen wir heute meistens zunächst das Internet. Im „vordigitalen Zeitalter“ waren hingegen Adress- und später Telefonbücher wichtigste Quelle für die Recherche nach Adressen. Nach einem Wort des Historikers Karl Schlögel bilden Adressbücher „Menschenlandschaften“ ab; sie stellen eine Form der Dokumentation dar, in der Städte Wissen über sich selbst organisieren, speichern und verbreiten. Die Entstehung solcher Adressbücher setzte zu einer Zeit ein, als die städtischen Zusammenhänge langsam unübersichtlich wurden und nach Ordnung verlangten. Am Beginn ihrer Geschichte stehen daher große Städte, in denen im ersten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts die Herausgabe eines Adressbuchs einsetzte. Kleinere Städte folgten diesen Beispielen, später auch Gemeinden.
 

 Karlsruher Adressbuch (Quelle: Badische Landesbibliothek)
Karlsruher Adressbuch 1875, alphabetisches Verzeichnis der Einwohner, (Quelle: Badische Landesbibliothek Karlsruhe)

Heute sind Adressbücher wertvolle Quellen, in der Forschung gelten sie als „Schlüssel zum Öffnen von Städten“. Adressbücher geben zunächst einmal Auskunft darüber, ob eine gesuchte Person in einer bestimmten Stadt gewohnt hat, wie lange sie dort gewohnt hat und unter welcher Adresse sie dort gelebt hat. Dabei gilt es allerdings zu beachten, dass in alten Adressbüchern oft nur der Hauseigentümer oder der Haushaltsvorstand ausgewiesen wurde. Frauen wurden namentlich dann genannt, wenn sie Witwen waren. Kinder fehlten ebenso wie Dienstboten oder Hausangestellte. Erst ab Ende des 19. Jahrhunderts gingen die Herausgeber dazu über, alle Bewohner eines Hauses aufzulisten, auch die Kinder, und dabei nach Stockwerken bzw. Wohnungen zu unterscheiden.

Doch Adressbücher lassen sich noch unter zahlreichen weiteren Fragestellungen auswerten: So lässt sich die flächenmäßige und bauliche Entwicklung einer Stadt an den aufgelisteten Straßenzügen und den beigefügten Stadtplänen ablesen; das Bevölkerungswachstum, mitgeteilt in den häufig abgedruckten statistischen Zahlenangaben; die räumliche Mobilität, nachvollziehbar anhand des Straßen- und Häuserverzeichnisses; die soziale Zusammensetzung der Einwohner und die Sozialstruktur eines Wohnquartiers, da im Adressbuch die Berufe und Gewerbe der männlichen Bürger angegeben wurden; die ökonomische Struktur und Entwicklung des Wirtschaftslebens, von der Vielfalt des Produzierens und Handeltreibens über den Grad der Arbeitsteilung, die Differenzierung innerhalb der Gewerbe, das Aufkommen und Verschwinden bestimmter Berufe, die Nachfrage nach spezifischen Materialien, Waren, Dienstleistungen und Bedarfsartikeln bis hin zum technischen Fortschritt und zur Weiterentwicklung der Verkehrsmittel; die kulturellen Einrichtungen und Angebote der Stadt wie Theater, Bibliotheken, Museen usw. Daneben spiegelt sich in einem Adressbuch politische Herrschaft wider, deutlich ablesbar im Wegweiser der Ämter, Behörden und öffentlichen Einrichtungen, einem Organigramm des politischen Apparates, erkennbar auch in der Benennung und Umbenennung von Straßennamen.

Dass ein Adressbuch auch Zivilisationsbrüche sichtbar macht, lässt sich in erschreckender Weise am Beispiel der Entrechtung, Verfolgung und Vernichtung der jüdischen Bevölkerung nachvollziehen. Adressbücher spiegeln diesen Vorgang nicht nur wider, sie wurden selbst ein Instrument zur Ausgrenzung der jüdischen Bürgerinnen und Bürger. Mehr über die Auswertungsmöglichkeiten der Adressbücher lesen Sie in unserem Themenmodul zur Südwestdeutschen Archivalienkunde. Darüber hinaus finden Sie auf der Seite der Badischen Landesbibliothek zahlreiche Digitalisate von Karlsruher und Offenburger Adressbüchern. (JH)

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