Wilhelmine Canz (1815-1901) und die württembergischen Kinderschwestern

Schwestern und Kinder im Großheppacher Mutterhaus im ehemaligen Gasthof Löwen, nach 1860. Quelle Großheppacher Schwesternschaft.
Schwestern und Kinder im Großheppacher Mutterhaus im ehemaligen Gasthof Löwen, nach 1860. Quelle Großheppacher Schwesternschaft.

1855 kam die 40-jährige Wilhelmine Canz zusammen mit ihrer Nichte Amalie Rhode nach Großheppach im Remstal, um mit Unterstützung der Kirchengemeinde eine Kleinkinderpflege einzurichten. Zuvor hatte sie Regine Jolberg kennengelernt, die in Baden mit der Ausbildung von Kinderschwestern begonnen und damit die Voraussetzungen geschaffen hatte, ein Netz fachlich fundierter Einrichtungen entstehen zu lassen. Wilhelmine wurde am 27. Februar 1815 in Hornberg im Schwarzwald geboren, wo der Vater als Amtsarzt und Apotheker arbeitete. Zu den Vorfahren zählten mehrere Theologen. Auch Bruder Karl war als Pfarrer tätig und versuchte Wilhelmine, die ihm den Haushalt führte, für Philosophie und Religionsfragen zu begeistern. In Buchenberg, heute ein Ortsteil von Königsfeld, kam sie in Kontakt mit der Lehre der Herrnhuter Brüdergemeinde. Neue Aufgaben fand sie nach dem Umzug an den Kaiserstuhl, wo sie in Bischoffingen mit Kindern zu arbeiten begann. Nicht weit davon entfernt hatte Regine Jolberg in Nonnenweier ihre Ausbildungsstätte für Klinkinderpflegerinnen aufgebaut.

Als Wilhelmines Bruder 1854 starb, standen sie und ihre Nichte vor der Frage, wie es weitergehen sollte. Gestützt durch das Vorbild Regine Jolbergs und die Überzeugung, dass es für die Betreuung von Kindern geschulter Kräfte bedürfe, sollten auch in Württemberg Kinderpflegerinnen ausgebildet werden. Die kirchliche Obrigkeit sah das Vorhaben kritisch. Sowohl Sixt Karl Kapf, Prälat in Stuttgart, als auch der Pfarrer Jakob Heinrich Stadt in Korntal hatten Unterstützung abgelehnt. Selbst Wilhelmines persönliches Umfeld und die Familie reagierten nicht begeistert. Vor diesem Hintergrund entstand nur ein Jahr nach der Ankunft in Großheppach die erste Bildungsanstalt für Kleinkinderpflegerinnen in Württemberg. Das Interesse war geweckt. Auch andernorts sollten Kleinkinderpflegen aufgebaut werden. Die Bildungsanstalt erhielt regen Zulauf von jungen Mädchen, die einen guten und ehrenwerten Beruf erlernen wollten. 1860 zog die Einrichtung in das ehemalige Gasthaus zum Löwen. 1877 wurde daraus das Mutterhaus für evangelische Kleinkinderpflege in Großheppach. Die Schwesternschaft wuchs beständig. Um die Jahrhundertwende gehörten ihr rund 350 Schwestern an. Trotz des Ansehens, das sich die Schwestern im Lauf der Jahre erwarben – die Königin hatte Wilhelmine den Olga-Orden verliehen – blieb ihre Existenzgrundlage dürftig. Viele der Stellen konnten nur über private Spenden finanziert werden. Für mittellose Schwestern wurde das Großheppacher Feierabendheim ins Leben gerufen. Ungeachtet ihres Interesses an religiös-philosophischen Fragen blieb Wilhelmine ganz der sozialen Aufgabe verpflichtet. Ihr 1852 anonym veröffentlichter Roman Eritis sicut Deus (Ihr werdet sein wie Gott) wurde so heftig diskutiert, dass sie diesem Weg nicht weiter folgte. Wilhelmine Canz starb am 15. Januar 1901.

Heute hat die Großheppacher Schwesternschaft ihre Zentrale in Weinstadt-Beutelsbach. Neben dem Mutterhaus bestehen Fachschulen für Sozialpädagogik und Altenpflege, ein Wohn- und Pflegestift sowie ein Kinderhaus.

Zum Weiterlesen:
Andrea Kittel: Wilhelmine Canz. Württembergische Kirchengeschichte online. Einzelbiographien (aufgerufen am 24.02.2021).
Großheppacher Schwesternschaft. Geschichte (aufgerufen am 24.02.2021).

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