Zum Welttag der Poesie - Digitale Angebote

 Ausschnitt Hölderlins Dichterberuf
Auszug aus der Ode „Dichterberuf“. Zum ganzen Gedicht geht es hier [Copyright: Württembergische Landesbibliothek Stuttgart Cod.poet.et.phil.fol.63,I,15]

Heute wird zum 22. Mal der UNESCO-Welttag der Poesie gefeiert. Der Welttag würdigt den Stellenwert der Poesie, die Vielfalt des Kulturguts Sprache und die Bedeutung mündlicher Traditionen. Auch in momentanen Zeiten ist es dank digitaler Angebote möglich, in den Genuss von Lyrik-Lesungen zu kommen.

So bietet beispielsweise das Schauspiel Stuttgart an jedem Wochentag (außer mittwochs) jeweils von 17 bis 19 ein sogenanntes Lyrik-Telefon an. Inspiriert wurde diese Idee vom sogenannten Théatrophone, das vor allem Anfang des 20 Jahrhunderts äußerst beliebt war: Mit Hilfe des Telefons wurden damals Opern- und Theateraufführungen in die Salons des Pariser Bürgertums übertragen – live. Nicht nur der Schriftsteller Marcel Proust gehörte zu den begeisterten Zuhörern dieses telefonischen Theaters. Über ein digitales Ticketsystem können sie 20minütige Time-Slots buchen, in denen Ihnen dann kostenlos Lyrik von Schauspielerinnen und Schauspielern vorgelesen wird. Für das Lyriktelefon kooperiert das Schauspiel Stuttgart mit dem Deutschen Literaturarchiv Marbach, das im Literaturmuseum der Moderne die Ausstellung „Hölderlin, Celan und die Sprachen der Poesie“ zeigt.

Die Ausstellung des Literaturmuseums ist auch digital zu besuchen und widmet sich den großen Fragen rund um Poesie: Was ist Poesie überhaupt? Was machen wir mit Gedichten? Wie verwandeln sie uns und unsere Wahrnehmung, vielleicht sogar ein wenig unser Leben? Welche Verse lösen Gänsehaut aus, welche rühren uns zu Tränen, welche lassen uns kalt? Dazu eröffnet die Ausstellung sehr unterschiedliche Perspektiven auf Hölderlins Gedichte: von ihrer Entstehung über ihre Machart bis hin zu ihrer Wirkung.

Mehr Hölderlin gibt es außerdem vom Museum Hölderlinturm in Tübingen. Gerade einmal 13 Quadratmeter umfasste Hölderlins Zimmer im Tübinger Turm, in dem der Dichter die zweite Hälfte seines Lebens verbrachte. Heute ist sein Wirkungsradius deutlich größer. Als Ort der Vermittlung von Friedrich Hölderlins Leben und Werk öffnet sich der Hölderlinturm ins Netz – und damit neuen Vermittlungsformaten und -wegen. So finden Sie dort Lesungen, Podcasts und sogar das sogenannte Turm-TV, in dem Expertinnen und Experten aus der Kunst und Kultur die Machart und Wirkung von Hölderlins Werken sowie die zeitgeschichtlichen Ereignisse, vor denen sie entstanden sind, veranschaulichen. Viel Spaß beim Stöbern! (JH)

Zum 90. Todestag von Hermann Georg Müller (1876-1931)

 

Hermann Georg Müller (1876-1931), Quelle Lebendiges Museum online LeMO
Hermann Georg Müller (1876-1931), Quelle Lebendiges Museum online LeMO

Von den politischen Verdiensten Hermann Georg Mülles, des letzten parlamentarisch legitimierter Kanzlers der Weimarer Republik, ist wenig in Erinnerung geblieben. Zu sehr wurde diese Amtszeit von der politischen Zerrissenheit der Mandatsträger geprägt, auf die die Serie der Präsidialkabinette und schließlich das endgültige Scheitern der Demokratie folgte.

Müller wurde am 18.05.1876 in Mannheim geboren. 1888 zog die Familie nach Niederlößnitz bei Dresden, vier Jahre später starb der Vater. Hermann musste das Gymnasium verlassen und begann in Frankfurt am Main eine Kaufmannslehre. 1893 trat er in die damalige Arbeiterpartei SPD ein. Müllers journalistische Begabung führte ihn 1899 nach Görlitz, wo er die Redaktion der Parteizeitung übernahm und 1904 SPD-Ortsvorsitzender wurde. Auf dem Reichsparteitag in Mannheim 1906 wurde Müller in den Vorstand gewählt. Das hier beschlossene Mannheimer Abkommen markierte eine Kursänderung hin zu einer weniger revolutionären und mehr sozialreformerischen Ausrichtung. Als Vertreter dieser Ziele operierten Hermann Müller und der spätere Reichspräsident Friedrich Ebert. Müller verfügte über gute Fremdsprachenkenntnisse und internationale Kontakte. In der Folgezeit suchte er trotz widriger Umstände immer wieder den Dialog und vertrat die Notwendigkeit von Kompromissen. 1902 heiratete er in erster Ehe Frieda Tockus, die jüdischer Herkunft war und die bereits 1905 im Kindbett verstarb.

1916 wurde Müller Mitglied der Reichstags. 1917 erlebte er die Spaltung der SPD. Nach dem Ende des Kaiserreichs sorgte er als Mitglied verschiedener Räte maßgeblich dafür, dass eine demokratisch-parlamentarische Richtung eingeschlagen wurde. In der jungen Weimarer Republik übernahm er das Amt des Außenministers und gehörte zu den Unterzeichnern des Friedensvertrags von Versailles. Gleichzeitig bemühte er sich um eine diplomatische Verständigung, die Gustav Stresemann und den außenpolitischen Erfolgen der kommenden Jahre den Weg ebneten. Nach dem Kapp-Lüttwitz-Putsch von 1920 stand er erstmals als Kanzler einem Übergangskabinett vor. Bis 1928 übernahm Müller den Vorsitz der SPD-Reichstagsfraktion. Nach den Reichstagswahlen von 1928 kam es zur Bildung einer großen Koalition unter Beteiligung der DVP und Führung der SPD mit Müller als Reichskanzler und einer weiteren Amtszeit Stresemanns. Die Unterzeichnung des Young-Plans 1929 brachte spürbare wirtschaftliche Erleichterungen, die Wiederherstellung der wirtschaftlichen Souveränität sowie die Räumung des Rheinlands. Obwohl der Young-Plan 1932 wieder aufgehoben wurde, gehört er zu den großen außenpolitischen Erfolgen jener Jahre. 1929 starb Gustav Stresemann. Im März 1930 scheiterte das Kabinett Müller. Nur rund ein Jahr später, am 20. März 1931, erlag Hermann Müller im Alter von knapp 55 Jahren den Folgen einer Gallenoperation.

Die gesamte Biographie von Hermann Georg Müller finden Sie auf LEO-BW,

mehr zur Weimarer Republik im Themenmodul Von der Monarchie zur Republik

Alte Nutzpflanzen - Zum Anbau von Hanf in Baden

 Die Hanfbereitung bei Lahr
Die Hanfbereitung bei Lahr. Abbildung aus: Aloys Schreiber: Trachten, Volksfeste und Volksbeschäftigungen im Großherzogtum Baden in XII malerischen Darstellungen und mit historisch-topografischen Notizen, Freiburg 1823. [Quelle: Landesarchiv BW, GLAK J-L L 1]

Weit mehr als die zumeist von der Obrigkeit geförderten Sonderkulturen holten im 17. und 18. Jahrhundert die Faserpflanzen Flachs und Hanf Geld nach Württemberg und Baden. Flachs wurde damals fast überall dort angebaut, wo der Wein und andere Sonderkulturen nicht gediehen und ein Zwang zur Erschließung zusätzlicher Erwerbsquellen bestand: zumeist in den Tälern des Nord- und Südschwarzwaldes, des Mainhardter und Welzheimer Waldes, der Schwäbischen Alb, an der oberen Jagst, auf den Fildern, in den Donau- und Illerniederungen und im südlichen Oberschwaben. Etwa 1-2 % der landwirtschaftlichen Nutzfläche innerhalb der Grenzen des späteren Königreichs Württemberg war dem Anbau von Faserpflanzen eingeräumt, wobei der Flachs vorherrschte.

In Baden, in der Ortenau und im Breisgau verlagerte sich der Anbau von Faserpflanzen auf den Hanf, der dank einer immer stärkeren ausländischen Nachfrage bald eine dominierende Stellung einnahm. Flachs, so berichteten die Quellen, würde dort nicht oder nur schlecht geraten. Schon 1735 exportierte Baden-Durlach an erster Stelle Hanf, vor allem nach Holland. Er wurde meist zu Schiffstauen und Segeltüchern verarbeitet, da sich die Faser sehr widerstandsfähig gegenüber Salzwasser erwies und weniger Wasser aufnahm als beispielsweise Baumwolle – Baumwollsegel wurden bei Regen derartig schwer, dass die Masten brechen konnten. Auch Flachsleinen war ein schlechter Ersatz, da es bei Kontakt mit Wasser anders als Leinwand aus Hanf binnen weniger Monate verrottet. Aber auch Kleidung und Papier wurden aus Hanf hergestellt und das aus den Samen gewonnen Öl diente als Brennstoff für Lampen und Rohstoff für Farben.

Doch mit Beginn der Industrialisierung wurde Hanf – wie übrigens viele andere Sonderkulturen auch – vom Markt verdrängt, denn damals konnte man Hanf noch nicht maschinell ernten und brechen. Hanfverarbeitung war Handarbeit, so zeigt es auch die Abbildung aus dem Jahr 1823, und daher aufwendig, mühsam und teuer. Günstigere Rohstoffe wurden entdeckt, die rationeller weiterverarbeitet werden konnten.

In den letzten Jahren kam es jedoch wieder zu einem vermehrten Anbau von Nutzhanf in Baden-Württemberg, da dieser vor allem in der Industrie und im Baugewerbe als alternatives Dämm- und Isoliermaterial zur Ressourcenschonung beitragen kann.

Mehr über den Anbau von Sonderkulturen im 18. Jahrhundert finden Sie auch im Historischen Atlas Baden-Würrtemberg. (JH)

Von Rechenstäbchen und Rechenmaschinen

 Rechenstäbchen
Nepersche Rechenstäbe 17. Jahrhundert [Quelle: Landesmuseum Württemberg]

Seit dem 17. Jahrhundert erhöhten immer komplexer werdende Rechnungen wie Steuererhebungen, astronomische Berechnungen, Ingenieursarbeiten oder Landvermessungen den Bedarf an Rechenhilfen. Die meisten der Innovationen, die in diesem Zusammenhang entstanden, erlaubten die Zerlegung eines komplizierten Rechenverfahrens in viele kleine Schritte und dienten dabei vor allem als Gedächtnisstütze und weniger als Taschenrechner im heutigen Sinne. Die hier abgebildeten, sogenannten Neperschen Rechenstäbe stammen aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts und werden heute im Landesmusem Württemberg ausgestellt. Das mathematische Prinzip der Stäbchen geht auf den schottischen Mathematiker John Napier zurück, der seine Erfindung 1617 veröffentlichte. Das Prinzip der Rechenstäbchen ist nicht ganz einfach: Auf der Längsseite der zehn Stäbe ist jeweils eine Reihe des Einmaleins notiert, die Ziffer auf dem Kopf gibt an welche. Für kompliziertere Multiplikationen wurden die Stäbe nebeneinander gelegt und die einzelnen Ergebnisse konnten schließlich addiert werden.

Die erste urkundlich erwähnte "Rechenmaschine" stammt hingegen von Wilhelm Schickard, der seit 1619 Hebräisch und Astronomie an der Universität Tübingen lehrte. In einem Brief an Johannes Kepler aus dem Jahr 1623 wird die Funktionsweise dieser Maschine knapp beschrieben. Die Rechenmaschine beherrschte das Addieren und Subtrahieren von bis zu sechsstelligen Zahlen, einen „Speicherüberlauf“ signalisierte sie durch das Läuten einer Glocke. Um komplexere Berechnungen zu ermöglichen, waren die Neperschen Stäbchen darauf angebracht. Man vermutet, dass diese Maschine später während eines Brandes von Schickards Haus verloren gegangen ist. In den Jahren 1957-60 rekonstruierte der Tübinger Philosophie-Professor und Mathematiker Bruno von Freytag-Löringhoff nach überlieferten Skizzen und Beschreibungen eine funktionierende Replik einer solchen Rechenmaschine, die heute im Stadtmuseum Tübingen ausgestellt ist. Eine kleine Vorführung der Funktionsweise der Rechenmaschine finden Sie auf der Seite der Digitalen Mechanismen- und Getriebebibliothek. (JH)

Zur Geschichte der Zeugmacherei in Württemberg

 Handwerksordnungen
Auch in der Sammlung der Handwerksordnungen des Herzogtums Württemberg aus dem Jahr 1758 war die Zeugmacherei mit einer eigenen Ordnung vertreten [Quelle: Universitätsbibliothek Württemberg]
Sogenannte Zeugmacher waren spezialisierte Tuchmacher, die aus gekämmter Schafwolle leichte Stoffe herstellten. Vor allem Calw war ein Zentrum der Zeugmacherei. Obwohl das Städtchen abseits der großen Verkehrswege lag, entwickelte sich dort mit der Calwer Zeughandlungskompagnie das größte gewerbliche Unternehmen Altwürttembergs. Wolltuchmacher gab es in Calw und im ganzen nördlichen Schwarzwald schon im 15. und 16. Jahrhundert. Die erste württembergische Tuchordnung wurde 1510 für die Stadt Calw erlassen. Der relativ karge Boden der Gegend und eine gewisse Überbevölkerung begünstigten die Entwicklung eines solchen in der Form der Heimarbeit betriebenen Gewerbes. 1582 gab es 36 Webermeister in Calw, die sich auf die Herstellung von Engelsait (hierbei handelt es sich um eine Verballhornung von Englisch Satin), einem glatten, nicht gewalkten, langhaarigen Wollgewebe (Zeug), spezialisiert hatten. Nur sechs Jahre später wurden bereits 120 Webstühle für Engelsait allein in Calw gezählt, 1608 war die Zahl der Zeugmacher auf 150 gestiegen. Schnell erschienen die Produkte der Calwer Zeug- und Tuchmacher auf den Messen und Märkten von Basel, Straßburg, Worms, Frankfurt am Main, Würzburg und Nürnberg. Die württembergischen Herzöge Friedrich I. und Johann Friedrich förderten das neue Gewerbe entschieden, und dieses Wohlwollen des herzoglichen Hauses gegenüber der Calwer Zeugmacherei erhielt sich bis tief ins 18. Jahrhundert hinein. Das rapide Wachstum des neuen Gewerbezweiges machte eine Neuregelung der Produktions- und Vertriebsverhältnisse erforderlich und die Zeugmacher wurden 1611 auf die reine Weberei beschränkt, wohingegen die Färber, die mit dem von der Mode abhängigen und sich ständig wandelnden Bedarf eher vertraut waren, im Handel tätig blieben. Doch der Wechsel der Mode zugunsten von einfachen Baumwollgeweben und die napoleonischen Kriege führten schließlich zum Niedergang der Zeughandelskompagnie und deren Auflösung im Jahr 1797. Fast 200 Jahre lang hat die Calwer Gesellschaft als größte Exportfirma bis zum Ende der altwürttembergischen Zeit in verschiedenen Formen das Wirtschaftsleben Altwürttembergs mitgeprägt.

Mit der Industrialisierung und der Verbreitung modernerer Maschinen, Materialien und Chemikalien verloren sich diese feinen Unterscheidungen in der Bezeichnung der Handwerker und der Färbung von Stoffen.

Mehr über die die Calwer Zeughandlungskompagnie erfahren Sie auch im Historischen Atlas Baden-Württemberg und im ausführlichen Beiwort zur Karte 11,3 von Peter Eitel. (JH)

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