Die Seitenlinie Weiltingen (1617–1705)

Einleitung: Harald Schukraft (Lexikon des Hauses Württemberg, S. 188-190)

Brenz an der Brenz mit Umgebung auf einer Landtafel des 16. Jh. Beim Erbvergleich Herzog Johann Friedrichs im Jahr 1617 fiel der Ort zusammen mit dem heute bayerischen Weiltingen an seinen Bruder Julius Friedrich. Quelle: Landesarchiv BW, HStAS N 3 Nr. 17
Brenz an der Brenz mit Umgebung auf einer Landtafel des 16. Jh. Beim Erbvergleich Herzog Johann Friedrichs im Jahr 1617 fiel der Ort zusammen mit dem heute bayerischen Weiltingen an seinen Bruder Julius Friedrich. Quelle: Landesarchiv BW, HStAS N 3 Nr. 17

Durch den „Fürstbrüderlichen Vergleich“ vom 28. Mai 1617, in dem die Besitzungen des Hauses Württemberg unter den fünf überlebenden Söhnen des Herzogs Friedrich aufgeteilt wurden, bekam der dritte Bruder Julius Friedrich die Herrschaften Weiltingen an der Wörnitz und Brenz an der Brenz sowie ein Deputat aus der Herrschaft Heidenheim für sich und seine Nachkommen übertragen.

Das östlich außerhalb des Herzogtums Württemberg gelegene Weiltingen war erst 1605 in die Lehensabhängigkeit Württembergs gekommen, nachdem Herzog Friedrich die beachtlichen Schulden des damaligen Eigentümers Wolf Wilhelm von Knöringen übernommen hatte. Nach dessen kinderlosem Tod im Jahre 1616 zog Württemberg die Herrschaft als erledigtes Lehen ein und fand dessen Erben, die Mitglieder der Linie Knöringen-Kressberg, durch Übernahme aller verbliebenen Schulden sowie durch Zahlung einer Summe in Höhe von 8.000 Gulden ab. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts lebten in der gesamten Herrschaft Weiltingen, die neben dem Hauptort noch aus Veitsweiler und verschiedenen Anteilen an weiteren Dörfern und Weilern bestand, insgesamt nur knapp 1.400 Menschen.

Stammtafel der Seitenlinie Weiltingen.
Stammtafel der Seitenlinie Weiltingen. Quelle: Lexikon des Hauses Württemberg , S. 189. Zur Vergrößerung bitte klicken.

Auch Brenz war durch Übernahme der Schulden des bisherigen Eigentümers Hans Konrad Güß 1608 zunächst nur zum Teil, dann aber 1613 durch Auszahlung des Pfalz-Neuburger Anteils ganz an Herzog Johann Friedrich von Württemberg gekommen.

Nach der Erweiterung und Renovierung des Weiltinger Schlosses nahm Herzog Julius Friedrich mit seiner Familie am 13. Januar 1619 dort seinen ständigen Aufenthalt, zeitweise hielt er sich auch in Brenz auf. Als Julius Friedrich 1631 in Stuttgart als Herzog-Administrator die Regierung übernehmen mußte, zog die Familie nach Stuttgart. Nach der Schlacht von Nördlingen im Herbst 1634 floh sie ins Exil nach Straßburg, wo im folgenden Jahr Julius Friedrich starb. Damals wurde das Brenzer Schloß zerstört und erst 1672 wiederaufgebaut; Weiltingen blieb bis zum Friedensschluß 1648 bayerisch besetzt. Die Herzoginwitwe Anna Sabina schickte nun die Mehrzahl ihrer Kinder zur Erziehung an den Hof nach Gotha. Nach der Rückkehr nach Weiltingen wurde als Folge der Heirat des ältesten Sohnes von Julius Friedrich, Silvius Nimrod mit der Erbtochter des schlesischen Herzogtums Oels am 4. Juli 1650 ein Erbvergleich geschlossen, wonach Silvius Nimrod gegen Zahlung von 30.000 Gulden auf alle Ansprüche an Weiltingen und Brenz verzichtete.

Besonders unter Herzog Manfred (I.), dessen Witwe Juliana (® 4.2.9.) sowie deren Sohn Friedrich Ferdinand wurde in Weiltingen ein Hofleben geführt, dessen intellektuelles Niveau trotz der engen geografischen und finanziellen Grenzen sehr hoch entwickelt war. Wesentlichen Anteil daran hatte der von 1660 bis 1710 in Weiltingen als Beichtvater, Prinzenerzieher und Gesellschafter wirkende Pfarrer Tobias Nißlen, dessen zumeist unter dem Pseudonym „De La Grise“ erschienenes bemerkenwertes literarisches Werk ihn zu einem der ersten württembergischen Romanciers hat werden lassen. Seine Rolle am Weiltinger Hof kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Aus dieser Zeit steht noch die Peterskirche, deren völlig erhaltene Innenausstattung auf Herzogin Juliana und Tobias Nißlen zurückgeht.

Neben den Schlössern Weiltingen und Brenz standen den jüngeren Söhnen noch das Untere Schloß in Oggenhausen sowie das sogenannte Schlößchen (Gasthaus Hirsch) in Brenz zur Verfügung. Da die finanzielle Ausstattung der Linie Württemberg-Weiltingen gering war, konnten mehrere Söhne nicht auf die übliche Kavaliersreise geschickt werden. Stattdessen mußte Tobias Nißlen die „Erfahrung der Welt“ aus Büchern vermitteln.

Während der württembergischen Herrschaft über Weiltingen übten die Stuttgarter Herzöge die hohe Gerichtsbarkeit aus, während die niedere Gerichtsbarkeit in der Hand der jeweiligen Inhaber der Grundherrschaft lag. Immer wieder kam es jedoch zu Auseinandersetzungen mit den Grafen von Öttingen-Wallerstein und den Markgrafen von Brandenburg-Ansbach, die beide neben Württemberg ebenfalls die hohe Gerichtsbarkeit in Anspruch nahmen. Nicht selten wurden Weiltinger Untertanen wegen einer Straftat deshalb mehrfach vor Gericht gestellt.

Als mit dem Tode Herzog Friedrich Ferdinands im Jahre 1705 die Weiltinger Linie im Mannesstamm ausstarb, fielen die beiden Herrschaften an die Hauptlinie, d.h. an Herzog Eberhard Ludwig, zurück. Die Linie Württemberg-Oels, die vom ältesten Sohn Julius Friedrichs, Herzog Silvius Nimrod, abstammte, erhob trotz der 1650 erfolgten Abfindung Ansprüche auf das Weiltinger Erbe. Der Vormund von Carl Friedrich, König Friedrich I. von Preußen, wurde deshalb in Stuttgart vorstellig, allerdings ohne Erfolg. Herzog Carl Friedrich strengte 1714 beim Reichshofrat in Wien sogar einen Prozeß an, der schließlich 1726 zugunsten der Stuttgarter Hauptlinie entschieden wurde.

Bereits 1727 verschrieb Eberhard Ludwig sowohl Weiltingen und Oggenhausen als auch Brenz an Wilhelmine von Graevenitz, aber schon am 8. März 1729 verpfändete er die Herrschaft Weiltingen gegen die Übernahme von 330.000 Gulden Schulden und die Auszahlung von 72.000 Gulden in bar auf fünfzig Jahre an die württembergische Landschaft.

1778 schließlich wies Herzog Carl Eugen seinem nächstjüngeren Bruder Ludwig Eugen das Schloß in Weiltingen als Apanageresidenz zu, wo sich dann bis zu dessen Auszug 1792 ein reges Hofleben entwickelte. 1792 unternahm Preußen Versuche, Weiltingen zu annektieren, die jedoch  nach Protesten aus Stuttgart wieder aufgegeben wurden.

Das Schloß in Weiltingen wurde nach dem im Pariser Vertrag vom 18. Mai 1810 vereinbarten Übergang an Bayern für 14.000 Gulden auf Abbruch verkauft und bis 1814 vollständig abgerissen. Einzig die Schloßgräben und der riesige Keller zeugen noch von der einstigen Vierflügelanlage.

Quellen

  • Materialsammlung zur Geschichte Weiltingens von Johann Georg Philipp Jacob Bührer in der Pfarr-Registratur Weiltingen.

Literatur

  • Braun, Mark Weiltingen an der Wörnitz, eine lokalgeschichtliche Studie, Ansbach 1909. 
  • Rudolf Burkert, Markt Weiltingen an der Wörnitz, in: Nordschwaben – Der Daniel, 11. Jg., Heft 2 (1983), S. 71–74. 
  • R.O. Burkert, Die württembergische Herrschaft Weiltingen-Brenz, in: Alt-Dinkelsbühl, Mitteilungen aus der Geschichte Dinkelsbühls und seiner Umgebung, erscheint als Beilage der „Fränkischen Landeszeitung“, 56. Jg., Nr. 2, Mai 1980, S. 9–13. 
  • Manfred Koschlig, Wer war „De La Grise“? – Ein barocker Lustwandel zu Tobias Nißlen, Fürstl. Württemberg-Weilzingischem Informator, Pfarrherrn und Hofprediger aus Ulm (1636-1710), in: Zeitschrift für Württembergische Landesgeschichte, Jg. 32, 1973, S. 17–112. 
  • Günter L. Niekel, Das Schloß zu Weiltingen, in: Nordschwaben – Der Daniel, 11. Jg., Heft 2 (1983), S. 92–94. 
  • Theodor Pistorius, Ein Stück alter deutscher Rechtsgeschichte und Rechtsverworrenheit – Aus einer Betrachtung über „Württemberg-Weiltingen“, in: Württemberg – Monatsschrift im Dienste von Volk und Heimat, 6. Jg., 69. Heft, September 1934, S. 387–390.
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