Vom missionarischen Kakaokaufmann zum mundtot gemachten Kolonialpropagandisten

Ein „Opfer“ der NS-Propagandamaschinerie in den Akten des Reichskolonialbunds

Die Intervention des Gaupropagandaamts der NSDAP in Sachen Desselberger, Vorlage: Landesarchiv BW, StAL PL 520 Bü 558
Die Intervention des Gaupropagandaamts der NSDAP in Sachen Desselberger, Vorlage: Landesarchiv BW, StAL PL 520 Bü 558

Der Verlust der deutschen Überseeterritorien bedeutete mitnichten das Ende der Kolonialpropaganda im Mutterland. Dafür sorgten etliche Organisationen, die 1933 der Reichskolonialbund auffing, mit zuletzt (im Februar 1943) über zwei Millionen Mitgliedern, davon rund 49.000 im Gau Württemberg-Hohenzollern. Aus diesem Gauverband verwahrt das Staatsarchiv Ludwigsburg Schriftgutreste, überwiegend Personaldossiers von Mitarbeitern, aber auch Korrespondenz aus einigen Kreisen.

In beiden Überlieferungssträngen finden sich Hinweise auf Anstrengungen des Bundes, Referenten zu gewinnen, die aus eigener Anschauung vom friedlichen wie kriegerischen Leben in den vormaligen Schutzgebieten berichten konnten. Das Engagement prominenter Kolonialveteranen war nicht billig: Ein Star wie Paul von Lettow-Vorbeck nahm pro Auftritt zwischen 170 und 190 Reichsmark – auf heutige Verhältnisse umgerechnet also zwischen 700 und 780 Euro. Es lag daher nahe, sich in lokalen Mitgliederkreisen nach potenziellen Rednern umzusehen.

Im Ortsverband Bönnigheim wurde – bzw. schien – ein solcher in der Person Ernst Desselbergers gefunden. Seit 1912 für die Basler Mission als Kakaoeinkäufer in den kamerunischen Städten Duala und Victoria (dem heutigen Limbe) tätig, führte ihn der Krieg zwei Jahre später in den Dienst für das Vaterland, in den Einsatz bei der Küstenpatrouille und in einem Proviantamt, schon nach vier Monaten aber in eine fünf Jahre währende britische Gefangenschaft. Auch danach ließ ihn die Erinnerung an Afrika nicht los, leibhaftig durch ein chronisches Darmleiden im Gefolge einer dort erworbenen Amöbenruhr. Ein Souvenir, so nachhaltig wie nützlich, denn mehrere Heilaufenthalte im Tübinger Tropengenesungsheim erlaubten es ihm, im Erfahrungsaustausch mit Tropenrückkehrern eigene Kenntnisse zu vertiefen und zu aktualisieren.

Ernst Desselberger, dekoriert mit NS-Abzeichen an Krawatte und Revers, Vorlage: Landesarchiv BW, StAL PL 520 Bü 558
Ernst Desselberger, dekoriert mit NS-Abzeichen an Krawatte und Revers, Vorlage: Landesarchiv BW, StAL PL 520 Bü 558Z

Zugleich belebte dies seinen Drang nach Sensibilisierung der Öffentlichkeit, dafür, wie viel wir durch unsere Kolonien verloren haben und wie nötig es ist, daß wir dieselben an einem geeigneten Tag wieder bekommen müssen. Für die Überzeugungsarbeit konnte Desselberger zudem auf Fotoserien und Elaborate zurückgreifen, die sich unter Titeln wie Unser Kamerun und Nötige Rohstoffe aus deutschen Schutzgebieten Westafrikas in seiner Privatpropaganda schon bewährt hatten. Dass diese kolonialrevisionistische Vortragskarriere gleichwohl ein abruptes Ende fand, noch ehe sie recht in Schwung gekommen war, lag an den alten Beziehungen zur Mission. Das Gaupropagandaamt verfolgte den Kurs, alle früheren Missionskaufleute und ähnliche Geistesverwandte als Redner unter allen Umständen auszuschalten. Ermahnt, diese Leute für alles mögliche zu verwenden, aber niemals als Redner, legte der Reichskolonialbund das Mitglied Desselberger sogleich still.

 

Carl-Jochen Müller

Quelle: Archivnachrichten 58 (2019), S. 21