Sein stilles Grab im heißen Sand

Erich von Woellwarth, ein junger Leutnant der Schutztruppe für Deutsch-Südwestafrika

Erich von Woellwarth (1876–1904), Vorlage: Landesarchiv BW, StAL PL 9/3 Bü 1632
Erich von Woellwarth (1876–1904), Vorlage: Landesarchiv BW, StAL PL 9/3 Bü 1632

Dem jungen Baron Erich von Woellwarth, geboren 1876, ist ein Lebensweg als Offizier vorbestimmt. Als 18-Jähriger tritt er als Fähnrich bei den 20. Ulanen in Ludwigsburg ein. Im Juni 1898 meldet er sich zur Schutztruppe für Südwestafrika, Anfang April 1900 bekommt er seine Einberufung. Ankunft am 29. Mai 1900 in Swakopmund: Das Abenteuer auf dem schwarzen Kontinent beginnt! Seine Lieben jenseits von Afrika lässt er intensiv an seinem Alltag in der fernen Kolonie teilhaben. An die 60 Briefe schreibt er in drei Jahren an seine Familie auf Gut Schnaitberg in Essingen und reichert als leidenschaftlicher Fotograf seine lebhaften Berichte mit vielen selbstentwickelten Fotografien an. Die – mit einer Ausnahme – nicht im Original erhaltenen Briefe hat Erichs Schwester Sophie später in einem Gedenkbuch veröffentlicht.

Hier einige Eindrücke daraus:

“Mir geht es ausgezeichnet, draußen auf der Station Omaruru ist es gar nicht so übel, wenn auch nicht so schön wie um Windhuk. Mit dem Kasernenbau ist jetzt begonnen worden, wir wohnen vorerst in Zelten. Die ganze Mannschaft brennt Ziegel und ist mit Maurerarbeiten beschäftigt. Der Bezirk von Omaruru ist so groß wie das Königreich Bayern, da hat man einen ziemlich großen Spielraum. Es ist hier die schöne Bestimmung, dass jeder Offizier, wenn er nichts anderes zu tun hat, sich in seinem Bezirk herumtreiben darf um das Land möglichst genau kennenzulernen.“

„Ich habe jetzt einen 14jährigen Bambusen (Diener) namens Wilhelm und als Ordonanz einen Hererosoldaten namens Otto. Ich hätte auch eine weiße Ordonanz haben können, aber die Schwarzen sind mir viel lieber. Die Weißen sind hier viel zu sehr Herren, außerdem sind auf der Jagd die Eingeborenen viel praktischer.“

„Alle Augenblicke wieder ein neues Panorama. Es ist geradezu fabelhaft, wie die Pferde hier über Felsen klettern. Ich jage Spring- und Steinböcke, Schakale und Hyänen durch Klippen und Dornbüsche, es gibt Unmassen von Perl- und Fasanenhühnern. Ich habe jetzt eine Decke von 30 ausgesuchten Schakalfellen. Ich habe es auf einen Leoparden abgesehen, der uns seit einiger Zeit nächtliche Besuche abstattet.“

„Feldlager Okuakatjiwi. Der Herr Kompanieführer beim Frühstück.“ Aufnahme: Erich von Woellwarth, Vorlage: Landesarchiv BW, StAL PL 9/3 Bü 1632
„Feldlager Okuakatjiwi. Der Herr Kompanieführer beim Frühstück.“ Aufnahme: Erich von Woellwarth, Vorlage: Landesarchiv BW, StAL PL 9/3 Bü 1632

„Mit dem Kasernenbau sind wir glücklich so weit, dass wir schießen und exerzieren können. Nachdem ich in den letzten Monaten so wenig Soldat gespielt habe und auf den Impfposten bei der Bekämpfung der Rinderpest aushalf, habe ich jetzt ziemlich viel Dienst und bilde im Feldlager Epako die neuen Mannschaften aus.“

„Ich erzähle euch von meiner Pad (Marsch) nach Outjo: Die größte Sehenswürdigkeit der Kolonie ist Kapitän Banjo, der schwerste Herero. Derselbe sitzt schon seit Jahren von morgens bis abends im Kreis seiner „Grootleute“. Er ist so korpulent, dass er seit 6 Jahren nur von 2 starken Männern gestützt werden kann. Er schickte ein Schaf als Geschenk und wollte dagegen Tabak, Schnaps und Tee haben. Am nächsten Vormittag kamen wir in eine andere große Herero werst zum Kapitän Kajewaro, früher einer der berüchtigtsten Wegelagerer, der keinen Frachtfahrer oder Kaufmann ungerupft vorüberließ. Jetzt ist er natürlich zahm geworden. Er hat anscheinend dabei recht gute Geschäfte gemacht.”

“Im Süden des Schutzgebiets soll eine fortgesetzte große Boereneinwanderung stattfinden. Jetzt ist’s aber bald genug, sonst kann es passieren, dass wir die Schutztruppe verstärken müssen, nicht gegen die Eingeborenen, sondern gegen die Boeren.”

„Im Mai 1902 habe ich nun nach 2 Jahren auch die Malaria, noch 39 Mann der Kompanie liegen auf der Nase.“

Nach einem Heimaturlaub von Februar bis Juli 1903 wieder zurück in Afrika, sollte es mit der afrikanischen Gemütlichkeit auf der Militärstation Omaruru bald vorbei sein. Erich berichtet ab November 1903 von Unruhen im Süden, die im Distrikt Warmbad unter den Bondelswart-Hottentotten ausgebrochen seien. Er wartet auf Marschbefehl, am 30. Dezember 1903 rückt seine Kompanie schließlich ins Feld aus. Der Kriegsschauplatz ist ungefähr 1.000 km entfernt. Am 13. Januar 1904 bricht ein allgemeiner Herero-Aufstand aus, alle Stationen sind stark belagert, auf den Farmen werden Gräueltaten verübt. Die Kerls schießen aber zu schlecht, sodass wir nur Leichtverwundete haben. Die Kugeln klatschten alle neben uns ins Wasser. Es sind gestern 25 Hereros gefallen, aber alle auf der Flucht, da ihre Stellungen so vorzüglich gedeckt waren. Wir erbeuteten 2 Pferde, eine Kiste Dynamit und gestohlenes Sattelzeug, schreibt er in seinem letzten Brief am 28. Januar. Vier siegreiche Gefechte, Gesund, Erich! Telegrafiert er noch am 3. Februar von Karibib nach Hause.

Die weiteren dramatischen Geschehnisse berichtet ein beteiligter Kamerad und Vetter: Nach den Gefechten in Okahandja erreicht Erichs Zug am Vormittag des 4. Februar nach vierstündigem scharfen Ritt die Ebene Omaruru um das felsige und mit Büschen ungleich bewachsene Gelände von den sich verschanzten Hereros, die ein tolles Feuer eröffnet hatten, zu säubern. Im Sturm geht es darauf zu. Erich liegt auf einmal da und ächzt nach Wasser. Eine Kugel hat den linken Oberschenkel durchschlagen und sitzt noch im Bein. Er wird in den Schatten getragen, endlich kommt ein Eselskarren. Neun Stunden muss er aushalten, bevor die Soldaten mit Aufbietung der letzten Kraft die Station Omaruru befreit haben. Am 11. Februar wird dem armen Woellwarth das Bein abgenommen. Die Ärzte sagen, dass er ohne Amputation sicher, voraussichtlich wegen Herzschwäche aber auch bei der Operation sterben würde. Die Amputation überlebt er nicht. Die ganze Kompanie ist geknickt, sie liebten ihn, den flotten, netten Kerl, alle zärtlich. Am 13. Februar 1904 wird Erich von Woellwarth unter einer mächtigen Dornakazie in Omaruru beigesetzt.

Ute Bitz

Quelle: Archivnachrichten 58 (2019), S. 10-11