Diktate eines Kriegsverbrechers

Porträt von Hubert Lanz als Oberstleutnant, um 1938/39. Vorlage: LABW, HStAS M 708 Nr. 1878.
Porträt von Hubert Lanz als Oberstleutnant, um 1938/39. Vorlage: LABW, HStAS M 708 Nr. 1878.

Ich habe mir damals alle erdenkliche Mühe gegeben und mit viel Geduld versucht, den General Gandin zur Einsicht zu bringen, die von seinem Oberbefehlshaber V[ecchiarelli] befohlene Kapitulation ohne Blutvergießen durchzuführen […] Ich flog selber wiederholt auf die Insel Kefalonia und bat den General Gandin eindringlich auf teleph[onischem] Weg, sich zu ergeben und die begonnenen Kampfhandlungen sofort einzustellen.

Die Textpassage klingt wie eine Beschwörung. Die Beschwörung einer Handlungsmöglichkeit, die – wie wir heute wissen – nicht ergriffen wurde und deren Nichtergreifen für viele hundert Menschen den Tod bedeutete. Das Zitat stammt aus den im Hauptstaatsarchiv Stuttgart überlieferten Lebenserinnerungen des Generals der Gebirgstruppe Hubert Lanz (1896–1982). Dieser hatte sie am 2. Oktober 1975, im Alter von fast 80 Jahren, auf Band gesprochen; später hatte er seine Tonband-Diktate mit Schreibmaschine zu Papier bringen lassen.

Lanz, in Entringen bei Tübingen geboren und in Stuttgart aufgewachsen, blickte im Herbst 1975 auf den Zweiten Weltkrieg zurück, genauer: auf seinen Einsatz als Kommandierender General des XXII. Gebirgs-Armeekorps an der Westküste Griechenlands. Nach dem Sturz Mussolinis im Juli 1943 und dem anschließenden Waffenstillstand zwi- schen Italien und den Westalliierten vom 3./8. September 1943 waren die seit längerem geplanten deutschen Maßnahmen gegen den bisherigen Verbündeten in Kraft getreten. In diesem Zusammenhang hatte Lanz als Vertreter des Deutschen Reiches am 9. September mit Carlo Vecchiarelli, dem Oberbefehlshaber der in Griechenland stationierten italienischen 11. Armee, vereinbart, dass dessen Streitkräfte entwaffnet werden sollten.

Während die Waffenabgabe bei den meisten Verbänden zügig vonstattenging, war dies bei der auf der westgriechischen Insel Kefalonia eingesetzten Division Acqui nicht der Fall. Die dortigen, von General Gandin geführten Soldaten nahmen am 15. September den Kampf gegen die Deutschen auf. Dies führte zu einem Blutbad. Nach einigen Anfangserfolgen wurden die italienischen Verbände binnen weniger Tage aufgerieben. An die Kämpfe schlossen sich Massaker an. Auf Befehl Hitlers und des Oberkommandos der Wehrmacht erschossen die Lanz unterstehenden Soldaten auch Italiener, die sich ergeben hatten. Insgesamt fielen den Kampfhandlungen und den anschließenden Massenerschießungen nach neuesten Forschungen etwa 1.600 bis 2.500 italienische Militärangehörige zum Opfer, darunter die große Mehrzahl der Offiziere der Acqui. Viereinhalb Jahre später wurde Lanz im Geiselmord-Prozess wegen der Vorfälle auf Kefalonia als Kriegsverbrecher zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Von diesen verbüßte er – die Untersuchungshaft eingerechnet – fünf.

Dass sich Hubert Lanz in den frühen 1970er Jahren entschloss, seine Lebenserinnerungen auf Band zu sprechen, mochte mit den auf Kefalonia begangenen Kriegsverbrechen zusammenhängen. Über das dortige Geschehen war 1969 im Spiegel berichtet worden. Lanz trieb augenscheinlich das Bedürfnis, eine eigene Interpretation seines Lebenswegs vorzulegen. Seine Diktate – insgesamt 14 – entstanden im Zeitraum zwischen November 1970 und November 1975, hinzu kamen im Sommer 1976 einige Nachträge. Lanz’ Arbeit an seinen Erinnerungen gelangte jedoch nicht zum Abschluss. Nachdem die Diktate verschriftlicht worden waren, führte der frühere Wehrmachtsgeneral noch einen Korrekturgang aus, stellte die Arbeit an seinem Text dann jedoch ein. Im Jahr 1980 wurden die Materialien schließlich durch Vermittlung des damaligen Präsidenten der Landesarchivdirektion Baden-Württemberg Eberhard Gönner, der mit Lanz verwandt war, an das Hauptstaatsarchiv Stuttgart abgegeben.

In seinen Diktaten blendet Lanz nicht nur die Massaker auf Kefalonia, sondern auch andere, von der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg begangene Verbrechen fast vollständig aus. Lanz stilisiert sich stattdessen als Teil des militärischen Widerstands. Er behauptet, mehrfach entgegen der Befehle Hitlers gehandelt und sogar ein Attentat auf den Führer geplant zu haben.

Auch wenn Lanz seine Lebenserinnerungen nicht im Druck vorlegen konnte, wurde seine persönliche Sicht der Ereignisse wirkmächtig. Die verschriftlichten Diktate, die er seinem amerikanischen Freund Charles B. Burdick zur Verfügung gestellt hatte, dienten diesem als Grundlage für eine Biografie des Wehrmachtsgenerals, die 1988 in Buchform erschien. Lanz’ Formulierungen kehren darin sinngemäß, zum Teil sogar wörtlich wieder.

Wolfgang Mährle

Quelle: Archivnachrichten 59 (2019), S. 10-11.