„Die Männer hamm‘ gor kei Ahnung!“
Vorstellung von weiblicher Arbeit auf dem Land

Von Laura Rasche

Frau am Stricken von Alwin Tölle
Frau beim Stricken. Sammlung Alwin Tölle. [Quelle: Außenstelle Südbaden des Badischen Landesmuseums, Staufen. Signatur: BA 2004/1838]

In der Industrie wie in der Landwirtschaft werden bis heute Unterschiede hinsichtlich weiblicher und männlicher Arbeit gemacht. Die geschlechtliche Trennung besteht dabei nicht nur in den Köpfen, sondern wird auch durch praktisches Handeln permanent reproduziert und strukturell verfestigt.

Auch die volkskundliche Fotografie hat in der Vergangenheit dazu beigetragen, die geschlechtliche Teilung des Arbeitsalltags als Norm darzustellen. Dies zeigen exemplarisch die fotografischen Sammlungen von Alwin Tölle (1906–1998) zum Bauernleben im Schwarzwald der 1930er bis 1960er Jahre.

Alwin Tölle kam während des Zweiten Weltkriegs zum ersten Mal in den Schwarzwald. Für eine Zeitschrift sollte er das alltägliche Bauernleben im Schwarzwald dokumentieren. In dem daraus entstandenen Fotoband von 1942 und den Bildern aus den 1960er Jahren legte er Wert darauf, die „Seele des Schwarzwalds“ festzuhalten.

Die wichtige Rolle der Frauen ist in der Geschichte der Landwirtschaft kaum präsent. Die weibliche Arbeit, mit glei­chen Anstrengungen und Schwierigkeiten wie die der Männer, wurde häufig we­niger wertgeschätzt. Aussagen über ‚die‘ Lebens- und Arbeitsweisen einer Landwirtschaftsfamilie lassen sich aufgrund der eindimensionalen Quellenlage nur eingeschränkt treffen.

Der Alltag familiär betriebener Bauernhöfe im Schwarzwald in der Mitte des 20. Jahrhunderts wurde von der Bodenfruchtbarkeit und den Jahreszeiten be­stimmt. Der Aktionsraum der Familienmitglieder beschränkte sich auf das Hof­gebiet. So entstand eine emotionale und materielle Einheit: Alle auf dem Hof hatten spezifische Verantwortlichkeiten und das letzte Wort lag beim männli­chen Familienvorstand.

Die romantische Vorstellung vom Landleben

Die Aufnahme „Frau beim Sticken“ zeigt eine Frau bei der Handarbeit. Sie sitzt lächelnd und in ihre Arbeit vertieft auf einem Feld. Kleidung und Ge­sichtsausdruck weisen deutlich auf den Einfluss hin, den der Fotograf auf die Situation genommen hat. Das Bild ist der Inbe­griff einer romantischen Vorstellung von Frauen­arbeit auf dem Land. In der Mitte des 20. Jahr­hunderts teilten nicht nur Städter, die bereits den Bezug zur landwirtschaft­lichen Nutzung der Natur verloren hatten, diese verherrlichende Einstel­lung gegenüber weibli­cher Arbeit. Auch viele Männer aus ländlichen Gegenden unterschätzten die Arbeit der Frauen auf dem Land.

Doch das Landleben für Frauen in den 1940er Jahren war mit Sicherheit kein einfaches: „Das Leben, das sie zu führen gezwungen ist, ist viel unromantischer, nüchterner; es ist ein hartes Arbeits­leben“, schreibt die Ethnologin Siegrid Jacobeit. Die sogenannte „Erzeugungsschlacht“ der Nationalsozialisten verschlimmerte die Situation weiter, denn nun sollte die Frau eine Gefährtin im Kampf sein, die die Arbeitskraft der abwesen­den Soldaten ersetzt. Kaum eine Frau in einem landwirtschaftlichen Betrieb hätte die Zeit gefunden, in einem Feld zu sticken. Auch hatten Bäuerinnen keine Ressourcen, die es erlaubten, ihre feine Kleidung im Feld zu verschleißen. Bei­des verweist deutlich auf die Inszenierung der Darstellung.

Alwin Tölle kam das erste Mal zur Zeit des Nationalsozialismus in den Schwarzwald, um die scheinbare Rea­lität des Landlebens zu fotografieren. Das Regime legte großen Wert darauf, Heimatgefühle durch das Aufzeigen ‚traditioneller‘ Lebensweisen zu wecken. Dazu gehörte vor allem die landwirtschaftliche Arbeit. Bei ihr wurde eine heile Welt, eine glückliche Einheit von Natur, Kultur und Gemeinwesen fernab der Einflüsse der Großstadt-Deka­denz vermutet. Durch die Landflucht im Zuge der Industrialisierung gab es im­mer weniger Landwirtschaftsbetriebe. Um die nationale Produktion zu steigern und die propagierte „Nahrungsfreiheit“ zu ermöglichen, versuchte das NS-Re­gime Arbeitslosen und Jugendlichen das Leben auf dem Land schmackhaft zu machen.

Auch viele andere Bilder Tölles verherrlichen gleichermaßen das Landleben durch die Auswahl des Motivs und die Bildkomposition. Die arbeitenden Bäuerinnen und Bauern werden häufig vor einem Schwarzwaldpanorama gezeigt, das an Werke von Künstlern aus der Zeit der Romantik erinnert. Frauen, die schwere körperliche Arbeit verrichten, sind selten abgelichtet und wenn, dann mit einem Lächeln auf dem Gesicht.

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg blieb ein verklärter Blick auf die Landwirtschaft bestehen und ein Wunsch nach ländlichen Lebensweisen weit verbreitet. Er wurde genährt aus einer, so die Volkskundlerin Ingeborg Weber-Kellermann, „Art von zweiter Natürlichkeit, eine[r] Sehnsucht nach heiler Dorf Welt […], die es so nicht gegeben hat“. Denn die Imaginationen dieser dörflichen Welt sind den eigentlichen funktionalen Zusammenhängen entzogen. Die Technisierung und eine komplexer gewordene Welt lässt die Menschen einfache Lebenszusammenhänge suchen, die es so vielleicht nie gegeben hat.

Die Arbeitsteilung auf einem kleinbäuerlichen Hof

Pflügender Bauer mit Pferdegespann
Pflügender Bauer mit Pferdegespann. Sammlung Alwin Tölle. [Quelle: Außenstelle Südbaden des Badischen Landesmuseums, Staufen. Signatur: BA 2005/1102]

Die Aufnahme mit dem Titel „Pflügender Bauer mit Pferdegespann“ zeigt drei Personen beim Setzen von Kartoffeln. Im Vordergrund ist ein Pflug zu sehen. Ein Mann führt das Gespann, ein anderer lenkt dahinter die Maschine. Im Hin­tergrund steht eine Bäuerin. Im Arm hält sie einen Korb, in dem sich vermutlich die Saatkartoffeln befinden. Auf diesem Foto werden die Vormachtstellung des Mannes sowie die geschlechtliche Arbeitsteilung auf einem kleinbäuerlichen Betrieb im Schwarzwald deutlich. Die Fotosammlung Tölles zeigt Männer vor­rangig mit Maschinen bei der Feldarbeit. Die Frau wird meist im häuslichen Kontext bei der Handarbeit dargestellt. Ist die Frau mit auf dem Feld abgebil­det, bleibt sie meist im Hintergrund. Sie hat kein Werkzeug – oder zumin­dest kein größeres als der Mann. Dabei entsteht der visuelle Eindruck, dass die Arbeit von Frauen weniger verantwortungsvoll sei.

Dass diese klare Rollenverteilung kaum realistisch ist, wird im Vergleich zu Audioaufnahmen von Johannes Künzig (1897–1982) deutlich. Dieser wurde im badischen Frankenland geboren, wo sein Interesse am Sammeln von Volkslie­dern bereits früh geweckt wurde. Nach dem Studium der Volkskunde war er während der Zeit des NS-Regimes Referent für Volkstum und Heimat bei der NS-Organisation „Kraft durch Freude“. Nach dem Zweiten Weltkrieg forschte er unter anderem zum Dialekt im alemannischen Sprachraum. In diesem Zusammenhang entstanden auch Audioaufnahmen von Bäuerinnen und Bau­ern aus dem Schwarzwald. Die Aufnahmen machen unter anderem die Vielseitigkeit und Komplexität des weiblichen Arbeitsalltags auf dem Lande deutlich. Zur häusli­chen Arbeit kam die Zuständigkeit für Gemüsegarten und Stall. Häufig mussten Frauen ihre Arbeiten unterbrechen, weil sie vom Mann auf das Feld gerufen wur­den. Dort war ihre Arbeit zwar sichtbar, doch galt die Frau nur als Gehilfin, die dem Mann untergeordnet war.

Tatsächlich war die ‚Bauersfrau‘ häufig in gesamtwirtschaftlichen Fragen ausgeschlossen und ihr Mann ganz selbstverständlich der Repräsentant des Hofes. Dieses patriarchale System zeigte sich bereits in der Erbschaftsrege­lung der Höfe, welche die Töchter ausschloss. Trotz dieser untergeordneten Stellung scheint die Darstellung der Frau als bloße Gehilfin eher dem patriar­chalen Vorurteilsdenken als den Tatsachen zu entsprechen. Schließlich waren die von ihr verlangten Tätigkeiten keinesfalls trivial. Im Gegenteil, denn „ihr Bereich war – im Gegensatz zur physischen männlichen Kraft – durch größere Anforderungen an Geschicklichkeit bestimmt“.

Im Laufe des 20. Jahrhundert befreiten sich Frauen von diesen Zuschreibungen durch die Übernahme vieler Familienbetriebe. Während der Industrialisierung nahmen viele Landwirte eine Erwerbsarbeit auf, da der Hof alleine die Familie nicht mehr ernähren konnte. Der Betrieb wurde nun häufig von den Ehefrauen weitergeführt, was auch durch die Technisierung möglich wurde. Diese Entwicklung scheint sich jedoch visuell kaum niedergeschlagen zu haben.

Ein weiteres Bild von Alwin Tölle, „Vesper in einem Schwarzwaldhof im Gutachtal“, zeigt eine Frau, die einen Mann bedient. Er sitzt am Tisch, während sie mit einem Brotlaib im Arm hinter ihm steht. Die scheinbare Idylle zeigt, dass es für Frauen kaum eine Arbeitspause gab. Nach der Feld- oder Hausarbeit diente sie dem Mann. Kaum eine der von Tölle abgebildeten Frauen ist nicht bei der Arbeit. Auch scheinbar ‚freie‘ Zeit füllt sie mit notwendiger Haus- oder Handarbeit.

 Vesper in einem Schwarzwaldhof im Gutachtal. Sammlung Alwin Tölle
Vesper in einem Schwarzwaldhof im Gutachtal. Sammlung Alwin Tölle. [Quelle: Außenstelle Südbaden des Badischen Landesmuseums, Staufen. Signatur: BA 2005/1609]

Diese mehrfache Belastung der ‚Bauersfrau‘ wurde bis in die 1970er Jahre nur selten durch die Anschaffung haushaltstechnischer Geräte gemindert. Die Erzählungen einer Bäuerin weisen darauf hin, dass die fehlende Erfahrung der Männer mit häuslichen Arbeiten häufig der Grund für die Nichtanschaffung von technischen Hilfen in diesem Bereich war. Dabei zeigt sich, dass viele Männer sich auch dann nicht zur Hausarbeit verpflichtet fühlten, wenn ihre Frauen die zuvor männlich dominierten Arbeitsbereiche in der Landwirtschaft bereits übernommen hatten. So blieb Hausarbeit auch im landwirtschaftlichen Betrieb ganz selbstverständlich Aufgabe der Frau. Dies spiegelt die Ausbeutung eines biologistisch definierten, spezifisch weiblichen Arbeitsvermögens wider, das letztlich aus der Gebärfähigkeit der Frau abgeleitet wird. Die Verweigerungshaltung der Männer hängt sicher mit der geringen Wertschätzung von Hausarbeit zusammen.

Dafür ist unter anderem die Unsichtbarkeit häuslicher Tätigkeiten verantwortlich. Während der Mann auf dem Feld unter ständiger Beobachtung des Dorfes ist, kann die Arbeit im Innern des Hauses kaum nachvollzogen werden. Zudem wirken häusliche Arbeiten wenig produktiv, da sie keine längerfristigen Resultate hervorbringen: „[M]an sieht [im Haus] nur was nicht getan ist.“

Durch die Industrialisierung und der damit einhergehenden Verbreitung der Lohnarbeit verfestigten sich die oben erläuterten Verantwortlichkeiten. Auf Höfen, wo Produktion und Reproduktion noch länger verbunden blieben, entwickelten sich die beiden Sphären ebenfalls auseinander: Die als produktiv dargestellte Lohnarbeit erfolgte in zunehmendem Maße außerhalb und gegen Bezahlung. Auf der anderen Seite wurde der häuslichen Reproduktionsarbeit ihr Arbeitscharakter weiterhin abgesprochen.

Bauers-Frau oder Landwirtin?

Im gesamten 20. Jahrhundert bestand Frauenarbeit in der Landwirtschaft in der Verbindung von Produktion und Reproduktion. Die Anmerkung „Bauersfrauen haben es schwer!“ eines Bauern aus den 1950er Jahren ist jedoch eine Aus­nahme. Generell wird die starke Belastung von Frauen, die aus ganz verschie­denen Verantwortlichkeiten erwächst, unterschätzt und wenig anerkannt.

In den Fotografien Tölles spiegelt sich diese verklärte Außenansicht weibli­cher Arbeit wider. Die schweren, schmutzigen und belastenden Aufgaben, die in den Tonaufnahmen erwähnt werden, sind hier nicht zu sehen. Stattdessen wird eine Frau bei der Handarbeit in idyllischer Landschaft inszeniert. Hier schwin­gen historische Kontexte mit, welche die Sicht auf die Landwirtschaft beein­flussen. Diese Vorstellung von Landarbeit wird auch heute noch oft idealisiert. So erscheint die Natur für eine Bevölkerung, die in Deutschland mehrheitlich in der (Klein-)Stadt lebt, als positives Gegenbild zu den Unannehmlichkeiten der Großstadt.

Bereits Mitte der 1960er Jahre zeigte sich laut der Historikerin Barbara Watz ein Wandel in der Mitarbeit der Landfrauen, von einer rein physischen Ar­beitserledigung zur verantwortlichen Übernahme von Aufgaben der Betriebsleitung und der partnerschaftlichen Mitarbeit im landwirtschaft­lichen Betrieb.

Die Vorstellung von der ‚helfenden Bauersfrau‘ wandelt sich seit den 1970er­ Jahren immer stärker und die verantwortungsvolle Rolle der Landwirtinnen findet zunehmend Beachtung. Diese Entwicklung ist auch im 1989 entstandenen Fotoband von Alwin Tölle und Wolfgang Hug zu bemerken. Die Motive im Band von 1942 und von 1989 ähneln sich und bestechen durch ihre Darstellung der geschlechtlich getrennten Arbeitsfelder. In der Ausgabe von 1989 wird jedoch auf textlicher Basis auch auf die Überlastung der Landwirtin durch die vielen Aufgabenbe­reiche aufmerksam gemacht. Es steht nicht mehr nur der Bauer im Fokus, sondern es werden die verschiedenen Arbeitsbereiche der Hofgemeinschaft vorgestellt. Es ist also auch im Werk von Tölle eine Veränderung in der Darstel­lung zu verzeichnen, die neben der visuellen, romantischen Inszenierung der Landwirtschaft auch kritische Aspekte zulässt.

 

Literatur

  • Eichhorn, Cornelia, Geschlechtliche Teilung der Arbeit. Eine feministische Kritik, in: Thomas Atzert/Jost Müller (Hg.), Immaterielle Arbeit und imperiale Souveränität. Analysen und Diskussionen zu Empire, Münster 2004, S. 189-203.
  • Heintz, Bettina, Ungleich unter Gleichen. Studien zur geschlechtsspezifischen Segregation des Arbeitsmarktes, Frankfurt am Main 1997.
  • Inhetveen, Heide/Blasche, Margret, Frauen in der kleinbäuerlichen Landwirtschaft. „Wenn‘s Weiber gibt, kann‘s weitergehn …“, Opladen 1983.
  • Jacobeit, Sigrid, „... dem Mann Gehilfin und Knecht. Sie ist Magd und Mutter...“ Klein- und Mittelbäuerinnen im faschistischen Deutschland, in: Johanna Werckmeister (Hg.): Land-Frauen-Alltag. 100 Jahre Lebens- und Arbeitsbedingungen der Frauen im ländlichen Raum. Marburg 1989, S. 66-90.
  • Tölle, Alwin/Schwarzweber, Hermann, Bauernleben im Schwarzwald, Straßburg 1942.
  • Tölle, Alwin/Hug, Wolfgang, Im Schwarzwald daheim. Leben und Arbeit in alten Fotografien, Stuttgart 1989.
  • Watz, Barbara, Alltag im Wandel. Veränderungen der ländlichen Lebens- und Arbeitssituation seit 1945, in: Johanna Werckmeister (Hg.), Land-Frauen-Alltag. 100 Jahre Lebens- und Arbeitsbedingungen der Frauen im ländlichen Raum, Marburg 1989, 91-106.
  • Weber-Kellermann, Ingeborg: Alltag und Ausstellung. Die Kultur der Landfrauen und ihre museale Präsentation, in: Johanna Werckmeister (Hg.): Land-Frauen-Alltag. 100 Jahre Lebens- und Arbeitsbedingungen der Frauen im ländlichen Raum. Marburg 1989, S. 9-29.

 

Zitierhinweis: Laura Rasche, Vorstellung von weiblicher Arbeit auf dem Land, in: Alltagskultur im Südwesten, URL: […], Stand: 08.08.2020

 

Dieser Beitrag von Laura Rasche erschien unter dem Titel „Die Männer hamm‘ gor kei Ahnung!“ Vorstellung von weiblicher Arbeit auf dem Land in der Publikation: Karin Bürkert und Matthias Möller (Hg.): Arbeit ist Arbeit ist Arbeit ist … gesammelt, bewahrt und neu betrachtet. Tübingen: Tübinger Vereinigung für Volkskunde 2019, S. 92-101.