Die Mode des „kleinen Mannes“

Von Carmen Anton

Familienbild im Freien, Foto von Karl Weiß, um 1900 [Quelle: Bezirksmuseum Buchen]

Familienbild im Freien, Foto von Karl Weiß, um 1900 [Quelle: Bezirksmuseum Buchen]

Modezeitschriften, Lithographien, kunstvolle Gemälde und wertvolle Sammlungen historischer Gewänder: Sie alle neigen dazu, vorrangig einen Blick auf die Kleidung von Adel und wohlhabendem Bürgertum freizugeben.

Die Alltagskleidung von Mittel- und Unterschicht findet demgegenüber bloß wenig Repräsentation, obwohl sich die Frage stellen muss, was der größte Teil der Bevölkerung trug und ob, falls überhaupt, die Mode, wie sie die höfische Kleidung zeigt, Einfluss darauf nahm.

Ganz allgemein lässt sich diese Frage bejahen, allerdings unter Betrachtung bestimmter Einschränkungen. Modeströmungen waren immer an die Grenzen räumlicher und gesellschaftlicher Mobilität gebunden. Das bedeutet einerseits, dass es schon Monate, wenn nicht Jahre dauern konnte, bis die neueste Pariser Mode auch Einzug in Russland hielt. Andererseits konnte ebensoviel Zeit verstreichen, bis neue Akzente in der Kleidung ärmerer oder auch bloß abgelegen in ländlichen Regionen lebender Bevölkerungsschichten Einzug fanden. Diese waren vielfach finanziell gar nicht in der Lage, umgehend jeden neuen Kleidungsimpuls aufzugreifen. Außerdem überlieferte sich jede Kleidungsidee in Zeiten vor der Verbreitung von Massenmedien unterschiedlich schnell in Bevölkerungsschichten, die verschieden wenig Kontakt zu den in diesen Sachen maßgeblichen Höfen unterhielten. Handwerker und Händler, die direkten Austausch mit den Höfen pflegten, waren deutlich schneller von den dortigen Schwankungen in Geschmack und Interesse erfasst, als andere Gruppen, gaben diese Impulse jedoch auch an ihr eigenes Umfeld weiter. Dies gilt vor allem auch für das wohlhabende städtische Bürgertum, das finanziell der Aristokratie in nichts nachstand, mitunter sogar verarmte Adlige in seinen Möglichkeiten übertraf.

Es liegt allerdings auf der Hand, dass auch ein noch so modebegeisterter Bauer des 18. Jahrhunderts oder eine Fabrikarbeiterin des 19. Jahrhunderts aufgrund ihrer Lebensumstände nicht jedes modische Element unverändert aufgreifen konnte.
So glichen sich die Schnitte und Silhouetten von Bauern und Arbeitern zeitlich verzögert zwar, jedoch zuverlässig der Kleidung der Oberschicht an, nahmen allerdings pragmatische Anpassungen vor.

Großes Familienbild, Kupferstich/Radierung von Moritz Steinla, um 1815 [Quelle: Tobias-Bild Universitätsbibliothek Tübingen]
Großes Familienbild, Kupferstich/Radierung  von Moritz Steinla, um 1815 [Quelle: Tobias-Bild Universitätsbibliothek Tübingen]

Exemplarisch lässt sich dies gut an der Länge des Rockes bei Damen nachzeichnen. War im Adel ein bodenlanger Rock und sogar eine lange Schleppe beliebt, neigten Bauernfrauen dazu, ihren Saum eher schon an den Fußknöcheln enden zu lassen, damit er sie nicht bei der Arbeit behinderte. Teilweise konnte man den Überrock auch noch etwas weiter hochraffen, wodurch der Unterrock oder das oft weit über die Knie ragende Unterhemd, die Chemise, sichtbar wurde. Geschützt wurde der Rock nicht selten durch eine Schürze, die um die Taille geschlungen und im Rücken verknotet wurde.
Bürgerinnen, die sich aufgrund der Verfügbarkeit von Vorlagen sowie ihrer Lebensumstände genauer an der höfischen Mode orientieren konnten, sparten dennoch häufig an den opulenten Stoffmengen. So trugen sie statt Manteau, dem vorne offenen, robenartigen Übergewandt, das den Blick auf den Unterrock an der Vorderseite freigab, und Rock eher einen Rock mit Jacke, oder aber verzichteten beim Manteau auf den einen kostbaren Unterrock offenbarenden Durchbruch in der Front.

Auch Mieder und Schnürbrust wurden historisch vielfach abseits der höfischen Kultur getragen, da sie einerseits die Funktion eines modernen Büstenhalters erfüllten und die Brust stützten, andererseits aber auch bald synonym für ein gepflegtes Äußeres und Tugend standen. Entsprechend groß war auch das Interesse der Frauen, sich dieser Zuschreibungen durch entsprechende Kleidung zu versichern, besonders, wenn sie als direkte Mägde oder Hausdienerinnen direkt abhängig von der Anerkennung durch Adel oder Bürgertum waren. Allerdings waren die Mieder der arbeitenden Frauen in der Regel etwas weniger stark versteift und wurden auch nicht so eng gebunden wie ihre Pendants in der Hofmode.

Einen Einblick sowohl in die Damen- als auch Herrenmode der Bauern und Arbeiter des 18. und 19. Jahrhunderts erhält man, wenn man sich der Darstellung von Trachten dieser Jahrhunderte zuwendet. Neben den schon im 18. Jahrhundert verglichen mit der zeitgenössischen hohen Mode ungewöhnlich kurzen Röcke sind auch Mieder und Schürze geradezu obligatorisch, wie schon eine Darstellung der Trachten Ulms aus dem Jahr 1793 darlegt.
Hinzu kommen oft Akzente und Accessoires, die sich eindeutig auf frühere Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte zurückführen lassen, so beispielsweise der barocke Kragen mancher Schäppeltracht. Das Beispiel aus Ulm zeigt einen solchen eher barock anmutenden Kragen ebenfalls, dort allerdings als Kleidungsstück für den Herrn. Bei der Bauersfrau stellen vor allem der rund gepolstert wirkende Rock sowie die keulenartigen Ärmel den Bezug zum vorangegangenen Jahrhundert her. Das lange Nachwirken längst überholter Moden im bäuerlichen Milieu lässt sich hier exemplarisch  nachvollziehen.

Ferner können Kleidervorschriften indirekten Aufschluss über ein Modeinteresse breiter Bevölkerungsschichten geben, denn nur ein solches rechtfertigt überhaupt die Mühe entsprechende Vorgaben zu etablieren um den Status Quo zu erhalten.

Mit Abschaffung der Kleiderordnungen nach der Französischen Revolution blühte im 19. Jahrhundert eine bürgerlich dominierte Mode auf. Diese fand in den ausufernden Varianten der Krinoline zwar auch ihre eigenen Formen gänzlich unpraktischer Dekadenz, führte aber spätestens zur Wende zum 20. Jahrhundert zu weitgehend identischen Silhouetten in der Kleidung aller städtischen, teilweise auch ländlichen Bevölkerungsschichten. Eine Entwicklung, die vor allem auch durch die Industrialisierung begünstigt wurde, durch welche Stoffe günstiger und erschwingliche Konfektionsware käuflich wurden.Die qualitative Abstufung von Kleidung fand nicht länger vornehmlich durch die Form, sondern die verwendeten Stoffe, Arbeitsqualität und Zierden statt.
Praktisch bedeutete dies vor allem den Siegeszug des Sakkos und dreiteiligen Anzuges in der Tagesmode der Herren aller Bevölkerungsschichten, während in der alltäglichen Damenmode nun eine vergleichsweise erschwingliche, schmale Silhouette, hohe, durch Fischbein verstärkte Krägen und lange Ärmel in allen Schichten prägend wurden.

Dass historische Abweichungen der Kleidung vor allem seitens des bäuerlichen Milieus vorhanden waren und rezipiert wurden, lässt sich einerseits in entsprechender Genremalerei nachvollziehen, andererseits aber auch durch Anekdoten, wie jene um Königin Marie Antoinette von Frankreich, die es genoss sich mit ihrem engsten Umfeld in Landfrauen nachempfunde Gewänder zu kleiden und den Sommer in ihrem privaten Lustschloss zu verleben.

Beispiele für Mode der Mittel- und Unterschicht im 18. Jahrhundert

Ulmer Bauerntrachten, 1793 [Quelle: Landesmedienzentrum Baden-Württemberg]
Ulmer Bauerntrachten, 1793 [Quelle: Landesmedienzentrum Baden-Württemberg]

Im 18. Jahrhundert kleideten sich Frauen der arbeitenden Schichten im Alltag gewöhnlich in einen knöchellangen Rock und eine T-förmig geschnittene Jacke, die vorne um den Körper gewickelt und von einer in der Taille ansetzenden Schürze fixiert wurde. Hinzu kam die obligatorische Haube, die einerseits dem gängigen Kleidungsgeschmack entsprach, andererseits aber auch bei der Feldarbeit vor der Sonne schützte.
Als Unterkleidung diente ein mindestens die Knie bedeckendes und den Ausschnitt aussparendes Hemd sowie die für beide Geschlechter verbindlichen, kniehohen Strümpfe, denen Strumpfbänder den nötigen Halt gaben.

Die Schnürbrust wurde über dem Hemd getragen und konnte auch über Nesteln verfügen, die das Anbringen von Ärmeln ermöglichten und somit eine Jacke überflüssig machten. Die Ärmellänge entsprach jener der hohen Mode und erreichte somit in aller Regel die Ellenbogen, nicht aber das Handgelenk. So waren sie auch bei der Arbeit nicht hinderlich. Der im 18. Jahrhundert modische Ausschnitt wurde von vielen Damen gewöhnlich durch ein vor der Brust überkreuztes Halstuch bedeckt. Sie in der Öffentlichkeit zu entblößen wurde als unschicklich betrachtet und bei den freizügigeren Adelsmoden der Zeit durch das Volk oftmals kritisch beäugt.

Männer trugen eine Kombination aus einem Unterhemd mit langen Ärmeln, Kniehosen, den sogenannten Culottes, und wenn sie körperlich arbeiten mussten vielfach statt Rock und Weste die sogenannte Ärmelweste. Diese kennzeichnete sich durch das Aussparen von Schößen und Manschetten, was sie einerseits durch die hohe Stoffersparnis günstiger und andererseits praktischer als die Alternative aus zwei Kleidungsstücken machte. Je nach Arbeit waren die Hosen auch etwas weiter geschnitten, um größere Bewegungsfreiheit zu gewähren. Die Länge von Weste wie auch Ärmelweste variierte den zeitgenössischen Moden folgend im 18. Jahrhundert und wurde zusehends kürzer. Von vormals Knielänge reichte sie gegen Ende des Jahrhunderts bloß noch bis an die Taille.

Die wichtigsten Stoffe für die Produktion bürgerlicher und bäuerlicher Kleidung waren Leinen und Wolle. Je nach Feinheit der Webart waren sie besonders günstig und außerdem strapazierfähig. Seide hingegen war der kostbarste der verbreiteten Stoffe und blieb somit weitgehend der Oberschicht vorbehalten.

Zu besonderen öffentlichen Anlässen nahm sich das Bürgertum, soweit finanziell möglich, ein Vorbild an den höfischen Moden, die es nach Kräften zu solchen Gelegenheiten zu imitieren suchte. Dabei ersetzte besonders fein gewebtes Leinen häufig Seide für Zierelemente. Es war zwar bedeutend kostspieliger als einfaches Leinen, aber noch immer günstiger als Seide und erreichte optisch eine ähnliche Qualität.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts, ab etwa 1770, hielt mit der Robe à l’Anglaise die englische Mode in Kontinentaleuropa Einzug. Sie zeichnete sich durch größere Einfachheit als die vormals dominante französische Mode aus und konnte darum in der Silhouette in weiten Schichten der städtischen Gesellschaft übernommen werden. Typisch für die Robe à l’Anglaise ist der Verzicht auf die opulente Watteau-Falte im Rücken des Manteau sowie auf das Panier. Stattdessen erzielte man Rockfülle nun durch das in Falten legen des Unterrockes sowie den sogenannten Cul de Paris, welcher als Polster über dem Hinterteil der Dame für den gewünschten Fall des Kleides sorgte und somit die Breite zu den Seiten der Robe à la Francaise gegen einen Schwerpunkt zur Rückseite hin tauschte. Als Variante der l’Anglaise zählt die Robe à la Polonaise, welche sich vor allem dadurch von ihrem Vorgänger unterschied, dass der Überrock hinten durch Schnüre hochgerafft wurde.

Familienbild von Max Strenger in Uniform, seiner Ehefrau Emma, (geb. Kastner) und der gemeinsamen Tochter Emma (geb. 1909) im Sonntagsstaat, vereinigte Turnerschaft Karlsruhe-Hagsfeld 1895 e. V., 1914 [Quelle: Stadtarchiv Karlsruhe]
Familienbild von Max Strenger in Uniform, seiner Ehefrau Emma, (geb. Kastner) und der gemeinsamen Tochter Emma (geb. 1909) im Sonntagsstaat, vereinigte Turnerschaft Karlsruhe-Hagsfeld 1895 e. V., 1914 [Quelle: Stadtarchiv Karlsruhe]

Mit der Französischen Revolution setzte sich eine Mode durch, die in ihrer Frühform zunächst um 1780 durch Marie Antoinette publik gemacht und heftig kritisiert worden war: Die Chemise à la Reine war ein einfaches Gewand aus mehreren fließenden Schichten weißen Musselins, das aufgrund seiner Einfachheit als Unterwäsche in Verruf geriet und damit seine Trägerin diskreditiert hatte. Ihr wurde ferner vorgeworfen, durch solche unangebrachte und minimalistische Kleidung den Seidenwebern ihre Arbeitsgrundlage zu rauben, da diese traditionell vor allem die Höfe belieferten. Mit Directoire und Empire glich sich der Kleidungsstil jedoch zusehends diesem simplen, in Bauernromantik fußenden Schnitt an und entwickelte sich schließlich zu den charakteristischen, an die Antike angelehnten leichten Gewändern.

Für die Herrenmode brachte die Revolution vor allem das Aufkommen der langen Hosenbeine, vorangetrieben durch das Pariser Arbeitermilieu mit sich. Ursprünglich als „Sansculottes“ von Adel und Mitstreitern gleichermaßen verspottet, setzte sich diese Mode letztlich durch und bestimmte den Hosenschnitt der Männer bis weit in das 20. Jahrhundert hinein.

 

Literatur

  • Bende, Alexa, Bürgerliche Kleidung. URL: http://www.marquise.de/de/1700/buerger/ausbreitung.shtml (aufgerufen zuletzt am 05.11.2020).
  • Bönsch, Annemarie, Formengeschichte europäischer Kleidung. Wien 2001.
  • Bombeck, Marita, Kleider der Vernunft. Die Vorgeschichte bürgerlicher Präsentation und Repräsentation in der Kleidung, Münster 2005.
  • Hutter, Ernestine, Adrett geschnürt. Schnür- und Steppmieder vom Rokoko bis zur Gegenwart. Katalog zur Sonderausstellung im Volkskundemuseum des Carolino Augusteum. Carolino Augusteum, Salzburg 1999.
  • Koch-Mertens, Wiebke,  Der Mensch und seine Kleider, Teil1 : Die Kulturgeschichte der Mode bis 1900, München 2000.

 

Zitierhinweis: Carmen Anton, Die Mode des „kleinen Mannes“, in: Alltagskultur im Südwesten. URL: [...], Stand: 05.11.2020