Rationalisierung und Technisierung

Von Inka Friesen

Küchenmaschine
Küchenmaschine Starmix aus den 1950er-Jahren [Quelle: Heimatmuseum Reutlingen]

Waschen ohne Waschmaschine, Kochen auf dem Kohleherd und der Hausputz ohne Staubsauger: Hausarbeit ist heutzutage ohne den Einsatz diverser großer und kleiner technischer Helfer kaum mehr vorstellbar. Sie haben innerhalb der letzten 70 Jahre Arbeitsabläufe und -organisation, zeitliche Strukturen und die Haushaltsausstattung stark verändert.

Technik, die (schon) begeistert?

Die ersten elektrischen Hausgeräte wie Heiz- und Kochapparate, Bügeleisen und Brennscheren wurden Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt und in geringer Stückzahl produziert. Sie waren allerdings technisch noch nicht ausgereift, unhandlich und teuer. Der hohe Anschaffungspreis verbunden mit hohen Stromkosten machte sie zum Luxusartikel für gut situierte Haushalte – ein Phänomen, das sich bei vielen technischen Innovationen beobachten lässt. Viele Privathaushalte, vor allem im ländlichen Raum, waren um die Jahrhundertwende noch gar nicht an das öffentliche Stromnetz angeschlossen. Hinzu kam: War Elektrizität in den Wohnungen und Häusern verfügbar, wurde sie vornehmlich für die Beleuchtung genutzt.

Die Küche als rationeller Arbeitsplatz

Einbauküche Weißenhofsiedlung Stuttgart
Klar strukturiert und einfach: Die Einbauküche der Stuttgarter Weißenhofsiedlung, 1987 [Quelle: Landesmedienzentrum Baden-Württemberg]

Erste Bemühungen, den Technikeinsatz in deutschen Haushalten in größerem Stil zu befördern, setzten in den 1920er Jahren ein. Sie waren Teil eines von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie Architektinnen und Architekten angestoßenen Rationalisierungsprojektes der Hausarbeit. Der Haushalt und die darin sattfindenden Arbeiten sollten möglichst rationell, praktisch und ergonomisch gestaltet sein. Als Vorbild diente die Optimierung von Arbeitsabläufen in der Industrie, wie sie der US-Amerikaner Frederick Winslow Taylor mit dem „Scientific Management“ Anfang des 20. Jahrhunderts begründet hatte. Zum Inbegriff für die Rationalisierung des bis dahin privaten Bereichs der Hausfrau wurde die Frankfurter Küche. Der Vorläufer unserer heutigen Einbauküche war als platzsparender Arbeitsraum der kurzen Wege konzipiert. Alle wichtigen Dinge waren durchdacht und in Griffweite angeordnet. Außerdem konnte durch eine Vielzahl von Einbauten in der Küche nicht nur gekocht und gespült, sondern zum Beispiel auch gebügelt werden.

Rationalisierung bedeutete in der Weimarer Republik Modernität, Fortschritt und Zeitersparnis in einer immer komplexer und schneller werdenden Welt. Der amerikanische „lifestyle“ und sein Versprechen eines besseren, bequemeren Lebens galt als nachahmenswertes Beispiel. Gleichzeitig stiegen die Ansprüche an Hygiene, Gesundheit und Ernährung seit dem Ende des 19. Jahrhunderts. Diese Entwicklung betraf nicht nur den öffentlichen Bereich, sondern auch die eigenen vier Wände. Vor dem Hintergrund wurde diskutiert, wie Frauen – egal ob berufstätig oder nicht – das umfangreiche Arbeitspensum im Haushalt ohne fremde Hilfe bewältigen können. Die herkömmliche Organisation der Hausarbeit erschien dafür nicht mehr geeignet, ja geradezu ineffizient. Margarete Schütte-Lihotzky, die Architektin der Frankfurter Küche, schrieb 1927 in der Zeitschrift „Das neue Frankfurt“ über die „Rationalisierung im Haushalt“:

Jede denkende Frau muß die Rückständigkeit bisheriger Haushaltsführung empfinden und darin schwerste Hemmung eigener Entwicklung und somit auch der Entwicklung ihrer Familie erkennen. Die Frau, an die das heutige hastige Großstadtleben weit höhere Ansprüche stellt, als das beschauliche Leben vor 80 Jahren, ist dazu verdammt, ihren Haushalt, einige wenige Erleichterungen ausgenommen, noch immer so zu führen wie zu Großmutters Zeiten.“

„Elektrizität in jedem Gerät“

Arbeitserleichterung und mehr Zeit für Heim und Familie – mit diesen Argumenten versuchte eine Vielzahl von Ratgebern und Zeitschriften Frauen vom modernen, rationalisierten Haushalt zu überzeugen. Neben der Wohneinrichtung sollten auch alltägliche Gebrauchsgegenstände funktional und effizient sein. Elektrotechnikhersteller lieferten dafür die passenden, zeit- und kraftsparenden Geräte. Parallel dazu warben die Elektrizitätswerke ab Mitte der 1920er Jahren verstärkt um den Privathaushalt als Strom-Abnehmer. Mit neuen, günstigen Grundpreistarifen und Ratenzahlungen für den Kauf von Elektrogroßgeräten wie zum Beispiel Küchenherden wollte man die Elektrifizierung der deutschen Haushalte vorantreiben. „Elektrizität in jedem Gerät“ war ein bekannter Werbeslogan der Energieversorger dieser Zeit. Im Südwesten starteten Elektrizitätsgesellschaften wie die Neckarwerke Esslingen auch eigene Kampagnen. „Wohne und arbeite elektrisch!“ wurde 1937 zu ihrem Slogan.

Tatsächlich fanden in den 1920er und 1930er Jahren erste kleinere elektrische Geräte den Weg in städtische Haushalte. Dabei handelte es sich um Geräte mit Heizelementen wie Bügeleisen, Heizkissen und Kochplatten oder um mit einem Elektromotor ausgestattete Küchenhelfer. Größere, elektrisch betriebene Haushaltsgeräte wie Staubsauger, Kühlschränke, Küchenherde und Waschmaschinen wurden ab etwa 1910 in Deutschland angeboten. Vorreiter und Vorbild bei der Haushaltstechnisierung waren die USA. Der durchschlagende Erfolg der neuen Geräte blieb allerdings aus. Zwischen Markteinführung und allgemeiner Verbreitung in den Haushalten lagen noch Jahrzehnte. Das hatte verschiedene Gründe. Die hohen Gerätepreise und ein demgegenüber niedriges Haushaltseinkommen, technische Unzulänglichkeiten, ein unzureichendes Stromnetz sowie mangelnde Akzeptanz bei der potentiellen Käuferschaft standen einer breiten Durchsetzung anfangs im Weg.

Harte Arbeit: Wäschewaschen

Waschküche
Waschküche der Heilanstalt Emmendingen, 1897 [Quelle: Landesarchiv BW, GLAK 69 Baden, Sammlung 1995 F I Nr. 995]

Vor der Technisierung waren viele Hausarbeiten zeitintensiv und mit körperlicher Arbeit verbunden. Deutlich wird das besonders am Wäschewaschen: Die große Wäsche, die für gewöhnlich einmal im Monat stattfand, nahm einen ganzen Tag in Anspruch.

Bereits am Vorabend des Waschtags wurden die schmutzigen Wäschestücke vorsortiert und in Seifenlauge eingeweicht. Das eigentliche Waschen umfasste mehrere Arbeitsvorgänge, die per Hand erledigt oder zumindest eingeleitet wurden: angefangen beim Erhitzen des Wassers im Waschkessel, das Kochen der Wäsche und mechanische Bearbeiten mit Stampfer und Waschbrett, gefolgt vom Spülen der sauberen Kleidung bis hin zum Auswringen und Auspressen. In bürgerlichen Haushalten übernahmen Dienstmädchen, zum Teil mit externer Hilfe, diese anstrengenden Arbeiten. Wer über kein eigenes Personal verfügte und es sich leisten konnte, beschäftigte eine Waschfrau für den Waschtag. Alle anderen Frauen mussten selber Waschen – in den neu erbauten Siedlungswohnungen in den Städten gab es dafür gemeinschaftliche Waschküchen, auf dem Land wusch man die Wäsche oftmals in Waschhäusern, auf dem Hof oder in der Küche.

Anfang des 20. Jahrhunderts kamen die ersten elektrischen Waschmaschinen auf den deutschen Markt: einfache Rührflügelmaschinen aus Holz, die mit einem Elektromotor angetrieben wurden. Sie erleichterten das Wäschewaschen allerdings kaum. Weder das Erhitzen des Wassers noch das Einweichen, Spülen und Schleudern der Wäsche war mit ihnen möglich. Erst der ab den 1950er Jahren vermarktete Waschvollautomat übernahm die verschiedenen Arbeitsgänge des Wäschewaschens.

Elektrogeräte erobern den Haushalt

Waschmaschinen, Elektroherde, Kühlschränke und andere Großgeräte wie Spülmaschinen und Wäschetrockner haben in einer zweiten Technisierungswelle nach dem Zweiten Weltkrieg massenweise Einzug in unseren Alltag gehalten. Voraussetzungen dafür waren vor allem gestiegene Haushaltseinkommen und die Massenproduktion der Geräte, womit sie auch für breite Bevölkerungsschichten erschwinglich wurden. Der wirtschaftliche Aufschwung ab den späten 1950er Jahren machte für viele Familien zum ersten Mal größere technische Anschaffungen möglich. Neben einem Auto und einem Fernseher standen Elektrogroßgeräte auf den Wunschlisten weit oben. Oft war der Kauf ein erinnerungswürdiges Ereignis, das zeigt, welchen hohen Stellenwert die neuen Geräte und Maschinen für die Nutzerinnen und Nutzer hatten. Eine vollautomatische Waschmaschine oder einen Kühlschrank im Haushalt zu haben, war etwas Besonderes. Damit ließen sich Fortschrittlichkeit und Technikoffenheit demonstrieren. Die Gerätewerbung der 1950er und 1960er Jahre suggerierte der weiblichen Zielgruppe, dass Hausarbeit mit den technischen Errungenschaften gleichsam zum Kinderspiel werde, ja sich selbst erledige. Hausangestellte waren damit nicht mehr notwendig. Und Frauen konnten neben ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter auch Dame des Hauses bleiben – so versprach es zumindest die Werbung.

Bis sich elektrische Haushaltsgeräte vom Statussymbol zu einem normalen, selbstverständlichen Alltagsgegenstand entwickelten, dauerte es eine Weile. Um 1975 verfügten rund 75 Prozent der bundesdeutschen Haushalte über einen Elektroherd, rund 85 Prozent über eine Waschmaschine und über 90 Prozent über einen Kühlschrank. Gefriergeräte und Spülmaschinen verbreiteten sich noch später. Nur circa 10 Prozent der Haushalte in der BRD hatten 1975 einen Geschirrspüler; einen Gefrierschrank besaßen immerhin rund 40 Prozent. Neben diesen Großgeräten sind seit den 1960er Jahren mehr Kleingeräte wie Mixer, Kaffeemaschinen und Toaster in die Küchen gekommen.

Die Technisierung im Haushalt wurde anfangs durchaus unterschiedlich wahrgenommen. Nicht alle Frauen empfanden die technischen Hilfsmittel als segensreiche Erfindung. Sie fürchteten einen Kompetenzverlust in puncto Hausarbeit: Von Generation zu Generation weitergegebenes Wissen, wie man Wäsche wäscht, auf einem Kohleherd kocht oder Lebensmittel haltbar macht, war plötzlich wertlos. Ratgeber und Hauswirtschaftskurse machten es sich deshalb zur Aufgabe, Frauen die neue Haushaltstechnik zu vermitteln. Für Skepsis sorgte außerdem der Umstand, dass sich Arbeitsabläufe nicht mehr beobachten und kontrollieren ließen. Was sich im Inneren einer Waschmaschine oder eines Herdes abspielte, war für den Laien nicht mehr ohne weiteres nachvollziehbar. Waren die Haushaltsgeräte erst einmal im Haus, vollzog sich die Aneignung der neuen Technik jedoch unmerklich, meist rasch und problemlos.

Technik im Alltag

Wie hat der Einzug von Technik die Hausarbeit und unseren Alltag verändert? Was ist aus der viel gepriesenen Zeitersparnis geworden? Wäschewaschen, Staubsaugen, Essenkochen und Geschirrspülen – moderne Hausgeräte haben viele, vormals zeit- und kraftaufwendige Arbeiten im Haushalt erheblich erleichtert. Der Einsatz von Geräten und Maschinen hat dazu geführt, dass viele Tätigkeiten – zeitlich flexibel – nebenher ablaufen. Schnell noch die Waschmaschine oder den Geschirrspüler angemacht, bevor die Lieblingsserie im Fernsehen beginnt oder die Kinder aus der Kita abgeholt werden müssen. Die Technik arbeitet unsichtbar im Hintergrund.

Auch wenn die unzähligen großen und kleinen Helfer, die es mittlerweile auf dem Markt gibt, uns bei einzelnen Arbeiten und Abläufen Zeit sparen lassen: Am zeitlichen Umfang für die Hausarbeit hat sich wenig geändert. Den vermeintlichen Zeitgewinn kompensieren hohe Ansprüche an Hygiene, Sauberkeit und Ästhetik im Haushalt und in anderen Lebensbereichen. So waschen wir heute zum Beispiel deutlich mehr und öfters als noch vor 70 Jahren. Hauptkriterium für den Wäschewechsel ist nicht mehr allein der Schmutz. Auch Körpergeruch und bestimmte Rhythmen wie das tägliche Wechseln der Unterwäsche spielen dabei eine große Rolle. Kleidung soll heutzutage nicht mehr nur fleckenlos sein, sie soll auch frisch riechen.

Trotz Technikeinsatz kaum gewandelt hat sich die häusliche Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau: Frauen übernehmen nach wie vor die meisten Arbeiten im Haushalt – und das trotz Doppelbelastung durch Berufstätigkeit, Kinderbetreuung und immer öfters auch die Pflege von Familienangehörigen.

Literatur

  • Andritzky. Michael (Hrsg.), Oikos. Von der Feuerstelle zur Mikrowelle. Haushalt und Wohnen im Wandel. Katalogbuch zur gleichnamigen Ausstellung, Gießen 1992.
  • Gerber, Sophie, Küche, Kühlschrank, Kilowatt. Zur Geschichte des privaten Energiekonsums in Deutschland, 1945-1990, Bielefeld 2015.
  • Haase, Ricarda, „Das bißchen Haushalt…“? Zur Geschichte der Technisierung und Rationalisierung der Hausarbeit, Veröffentlichungen des Museums für Volkskultur in Württemberg, Waldenbuch, Stuttgart 1992.
  • König, Wolfgang, Geschichte der Konsumgesellschaft, Stuttgart 2000.
  • Sackmann, Reinold/Weymann, Ansgar, Die Technisierung des Alltags. Generationen und technische Innovationen, Frankfurt a.M./New York 1994.
  • Silberzahn-Jahndt, Gudrun, Wasch-Maschine. Zum Wandel von Frauenarbeit im Haushalt, Marburg 1991.

 

Zitierhinweis: Inka Friesen, Rationalisierung und Technisierung, in: Alltagskultur im Südwesten, URL: […], Stand: 08.08.2020