Sicherheit und Ordnung - Biographie des badischen Freikorpsoffiziers Hermann Erhardt

Florian Brückner, Universität Stuttgart

Hermann Erhardt (1881-1971), (Quelle: Landesarchiv BW, GLAK J-Ac E 52)
Hermann Erhardt (1881-1971) (Quelle: Landesarchiv BW, GLAK J-Ac E 52)

Gewalt als Bestandteil der politischen Kultur 1918-1923

Der Erste Weltkrieg endete in Deutschland zwar 1918. Doch die während der Kriegsjahre gemachte Gewalterfahrung tausender deutscher Soldaten übertrug sich auf die politische Kultur der Weimarer Republik, deren aus der Kriegsniederlage hervorgegangenes politisches System sowohl links- als auch rechtsradikale Kräfte entwuchsen. Die an die französischen und russischen Grenzen getragene Gewalt von 1914 bis 1918 wandte sich im Zuge des politischen Veränderungsprozesses ab November 1918 nach innen. Die Weimarer Republik gilt heute in der Forschung als militarisierte, zum Auswetzen der ‚Scharte von 1914‘ kriegsbereite Gesellschaft. Deren Atmosphäre war von Straßenschlägereien kommunistischer und nationalistischer paramilitärischer Verbände geprägt, von der Vorbereitung der Jugend auf einen erneuten Krieg, von gewaltbereiten Putschversuchen, der Verrohung der politischen Sprache und schließlich Fememorden und Attentaten auf solche Politiker, die als ‚Erfüllungsgehilfen‘ der Ententemächte galten.

Zu den bekanntesten Fällen zählt hierbei der des 1921 ermordeten Reichsfinanzministers Matthias Erzberger (1875-1921, Z), der mit seiner Unterschrift unter das Waffenstillstandsabkommen 1918 in rechten Kreisen sein Todesurteil unterschrieben hatte. 1922 ereilte Walther Rathenau (1867-1922, DDP), einen der brillantesten Köpfe der deutschen Politik, dasselbe Schicksal. Rathenau war rechtsgesinnten Freikorpsangehörigen aufgrund seiner jüdischen Abstammung und insbesondere der in seiner Funktion als Reichsaußenminister geführten Reparationsverhandlungen als ‚Erfüllungspolitiker‘ verhasst. Die Mörder beider Attentate entstammten der Organisation Consul, einer paramilitärischen, aus ehemaligen Freikorpsangehörigen entstandenen Untergrundorganisation in der Nachfolge der Marine-Brigade Ehrhardt.

 

Porträt Hermann Erhardts (1881-1971)

Freikorpsaktivitäten, Gewalt als Mittel der Politik, Putsch und Fememord sind mit kaum einem anderen Namen so stark verbunden wie jenem Hermann Ehrhardts. Am 29. November 1881 im badischen Diersburg geboren und am Gymnasium in Lörrach ausgebildet, begann er 1899 eine militärische Karriere als Seekadett in der kaiserlichen Marine. Gewalt als politisches Mittel lernte der Leutnant zur See 1905 bei der Niederschlagung des Hereroaufstandes in Deutsch-Südwestafrika kennen. Als seine Mannschaft 1918 auf dem gefährlichen Heimweg zu meutern begann, schlug Ehrhardt diesen Aufstand erneut brutal nieder.

Diese Vorstellungen einer autoritären, deutschnationalen und militaristischen Ordnung, die er, wenn nötig, mit Gewalt durchsetzte, übertrug er auf die politische Kultur der Weimarer Republik. Nach der enttäuschenden Kriegsniederlage fungierte er als Konterrevolutionär, der als Führer eines 300-köpfigen Freikorps aus erfahrenen Veteranen – der nach ihm benannten Marinebrigade Ehrhardt – im Auftrag der Regierung kommunistische Aufstände niederschlug. So ließ er während der Novemberrevolution das Hauptquartier der großen Kaserne in Wilhelmshafen erstürmen, woraufhin der Widerstand der revolutionären Matrosen schnell zusammenbrach. Der Weg der Truppe setzte sich mit der Auflösung der Revolution in Braunschweig über Mitteldeutschland nach Oberschleißheim bis zur Niederschlagung der Münchener Räterepublik fort. Danach führte die Brigade brutale Einsätze gegen einen Berliner Verkehrsstreik und in Oberschlesien gegen den ersten polnischen Aufstand durch. Hier füllte sich die Truppe mit heimkehrenden Einheiten aus dem Baltikum auf eine Stärke von 4.000 Mann auf. Ehrhardt zog sich mit seiner Brigade in die Kasernen des Truppenübungsplatzes von Döberitz bei Berlin zurück, wo er, enttäuscht von der sich vollziehenden Demokratisierung, endgültig dazu überging, eigene Putschpläne gegen die Regierung auszuarbeiten.

Ausschlaggebendes Moment, den Putsch in die Tat umzusetzen, waren die Bestimmungen des Versailler Friedensvertrages, die die Auflösung der Freikorps verfügt hatten. Als die Regierung dem nachzukommen versuchte, spitzte sich der Konflikt zwischen paramilitärischen Freikorps und parlamentarischer Regierung zu. Im Verbund mit dem General des Reichsheereskommandos, Walther Freiherr von Lüttwitz (1859-1942), sowie dem deutschnationalen Wolfgang Kapp (1858-1922, DNVP), fanden sich im März 1920 Gleichgesinnte in einem Putschversuch zusammen. Der Kapp-Lüttwitz-Putsch scheiterte jedoch an dem von SPD und KPD ausgerufenen Generalstreik; das Einsatzkommando der Brigade Ehrhardt, die gleichsam die Exekutive dieses Putschversuches darstellte, wurde nicht von Reichswehrtruppen unterstützt. Die Marinebrigade wurde aufgelöst und Ehrhardt aus dem Militärdienst entlassen.

Dennoch wurde Ehrhardt zu einem Symbol der nationalen Rechten. Die politischen Attentate auf Erzberger 1921 und Rathenau 1922 gingen auf ehemalige Angehörige der Brigade Ehrhardt zurück, die mit der Organisation Consul eine Nachfolgeinstitution gegründet hatten. Im sogenannten Republikschutzgesetz – dem ersten Selbstschutzversuch der ersten deutschen Demokratie gegen ihre vor allem rechtsstehenden Feinde – wurde die Organisation Consul verboten. Ehrhardt floh ins ungarische Exil, wurde jedoch im November 1922 verhaftet.

Erhards weiteres Leben geriet zum Epilog. Vom Gefängnis aus versuchte er sich mit dem Neudeutschen Bund (ab 1923 Bund Wiking) erneut in der Gründung einer Organisation, die seinen autoritären Ordnungsvorstellungen doch noch mit Gewalt zum Durchbruch verhelfen sollte. Darüber hinaus schloss er Seilschaften zur NSDAP in München. Wenngleich politische Gemeinsamkeiten mit dem frühen Nationalsozialismus existierten, trennten den konservativen, auf soziale Abgrenzung bedachten Ehrhardt doch die milieubedingte Lebenswelt vom kleinbürgerlichen und vulgären Auftreten der NSDAP.

Obgleich sich Ehrhardt frühzeitig von der NSDAP distanzierte, traten dennoch Angehörige der verbotenen Organisation Consul in die Sturmabteilung (SA) der NSDAP ein. Obwohl er am Attentat auf Rathenau nicht beteiligt war, wurde auch er strafrechtlich verfolgt. Daher flüchtete er erneut ins Ausland nach Österreich. Erst 1926 konnte er aufgrund einer Amnestie des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg nach Deutschland zurückkehren. Der Bund Wiking ging im paramilitärischen Verband der DNVP, dem Stahlhelm (Bund der Frontsoldaten), auf. Im linken Flügel der NSDAP um Gregor und Otto Strasser suchte er ein letztes Mal Verbündete, um Hitlers Aufstieg – auch dies erfolglos – zu verhindern. Im sogenannten Röhm-Putsch 1934, im Zuge dessen Hitler zahlreiche Gegner ermorden ließ, entkam Ehrhardt nur knapp. Er emigrierte 1936 über die Schweiz nach Österreich, wo er 1971 starb.

GND-Verknüpfung: Sicherheit und Ordnung [4128511-6]

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Porträtfoto Hermann Erhardts

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