Rätebewegung - zwischen Opposition und Unterstützung der württembergischen Regierung

Florian Brückner, Universität Stuttgart

Vorläufiges Programm des Arbeiter- u. Soldatenrates. Zur Beschlussfassung vorgelegt von Fritz Rück und A. Thalheimer, 1918, (Quelle: Landesarchiv BW, HStAS P 2 Bü 10, Bild 6)
Vorläufiges Programm des Arbeiter- u. Soldatenrates. Zur Beschlussfassung vorgelegt von Fritz Rück und A. Thalheimer, 1918, (Quelle: Landesarchiv BW, HStAS P 2 Bü 10, Bild 6)

Die Rätebewegung in Württemberg

Der Krieg verschärfte in Württemberg die wirtschaftliche und soziale Lage. Diese Entwicklung verlieh im November 1918 auch in Württemberg kommunistischen Kräften Auftrieb, sodass hier ebenfalls Arbeiter- und Soldatenräte entstanden. Dadurch stand die Frage im Raum, ob Deutschland sich zu einer parlamentarischen Demokratie oder zu einem Rätesystem nach sowjetischem Vorbild wandeln sollte.

In Stuttgart bildete sich am 4. November 1918 ein Arbeiterrat, in dem der Spartakist Fritz Rück (1895-1959, USPD) den Vorsitz innehatte. Am 9. November kam es in der Landeshauptstadt zur Konfrontation mit dem letzten königlich-württembergischen Staatspräsidium unter Theodor Liesching (1865-1922), das erst am 7. November eingesetzt worden war. Revolutionäre hielten strategisch wichtige Knotenpunkte der Landeshauptstadt besetzt und hissten dort die rote Fahne als Symbol der Revolution. Dieser Aufstand wurde jedoch von der inzwischen gebildeten provisorischen Volksregierung, die vom Militär unterstützt wurde, niedergeschlagen. Dies bedeutete für die württembergischen Spartakisten den Bruch mit der provisorischen Volksregierung. Sie versuchten nun, einen fünfköpfigen Generalrat zu bilden, der dem Arbeiter- und Soldatenrat unterstand.

Solchen Plänen verweigerte sich jedoch der Stuttgarter Arbeiter- und Soldatenrat am 10. November, da sich hier die Vertreter der MSPD gegen jene der USPD durchsetzen. Daher entschlossen sich die Räte dazu, die provisorische Volksregierung zu unterstützen. Am 12. November folgten Wahlen zum Arbeiterrat Groß-Stuttgart. Die Wahl führte erneut zum Erfolg der MSPD, deren Vertreter sich nun in der Mehrzahl befanden. Sie konnten im Vollzugsausschuss, der am 25. November einberufen wurde, mit elf zu vier Sitzen Entscheidungen gegen den Willen der USPD durchsetzen. Diese Entwicklung war auch in anderen württembergischen Städten und ländlichen Ortschaften zu beobachten, wo zudem Angehörige bürgerlicher Parteien in die Räte eintraten.

Am 8. Dezember berief der Arbeiterrat Groß-Stuttgart eine Landesversammlung ein. Unter der Teilnahme nahezu aller Vertreter aus den Oberämtern bildete er einen Landesausschuss der Arbeiterräte, der die provisorische Volksregierung unterstützte.

Die sich konstituierenden Soldatenräte entwickelten sich ähnlich. Nachdem es Spartakisten in Stuttgart zunächst geschafft hatten, ihre Vorstellungen einer Räterepublik auch in den Soldatenräten zu verbreiten, gewann auch hier die MSPD die Oberhand. Am 17. November beschloss die Landesversammlung der Soldatenräte die Bestellung eines überwiegend von Angehörigen der MSPD besetzten Landesausschusses.

In Absprache mit der provisorischen Volksregierung, die das Gewaltmonopol gegen Ansprüche der Spartakisten verteidigte, übertrugen die Landesausschüsse den Räten im Dezember 1918 Aufgaben für den sozialen Bereich. Hierzu zählten insbesondere Wohnungszuweisungen sowie die Reintegration der heimkehrenden Soldaten ins Berufsleben. Damit einher ging der politische Machtverlust dieser Organe. Weitere politische Legitimationsprobleme ergaben sich für die Rätebewegung aus dem Ergebnis der Verfassunggebenden Landesversammlung im Januar 1919, als die politischen Weichen für den demokratischen Volksstaat Württemberg gestellt wurden. Die Räte verloren an Bedeutung und lösten sich ab Juli 1919 auf. Dieses Schicksal teilten die Soldatenräte, die bereits im Dezember 1918 durch die Reorganisation des Heeres beeinträchtigt waren und selbstständige Pläne aufgeben mussten.

Vorläufiges Programm des Arbeiter- u. Soldatenrates. Zur Beschlussfassung vorgelegt von Fritz Rück und A. Thalheimer, [1918], Druck

Obgleich der Stuttgarter Arbeiter- und Soldatenrat das zur Abstimmung vorgelegte Programm am 10. November ablehnen sollte, zeigt es doch die Stoßrichtung auf, in die die Stuttgarter Spartakisten um Fritz Rück in dieser entscheidenden politischen Phase zu gehen gedachten.

Das Programm entstammt wesentlich der Feder Fritz Rücks sowie August Thalheimers (1884-1948, USPD). Rück war Publizist und eine der zentralen Figuren in der württembergischen Novemberrevolution. 1913 hatte er sich bereits in der sozialistischen Jugendbewegung in Stuttgart engagiert und war SPD-Mitglied geworden. Der Weltkrieg machte Rück, der 1915 ins Feld ziehen musste, zum Spartakisten. 1917 gehörte er zum Landesvorstand der württembergischen USPD und engagierte sich seit 1918 dezidiert im Sinne des Spartakusbundes. Im Verbund mit August Thalheimer gehörte er zu den wichtigsten Vordenkern und Planern der Novemberrevolution in Württemberg. Bei den letzten Versuchen, mithilfe des Spartakusbundes im Januar 1919 das Ruder doch noch einmal im Sinne der Rätebewegung herumzureißen, wurde Rück verhaftet, im anschließenden Prozess jedoch freigesprochen.

August Thalheimer begann ab 1910 sein politisches Engagement als Publizist bei der sozialistisch orientierten Leipziger Volkszeitung. Gehörte Thalheimer zunächst der SPD an, wandelte er sich während der Kriegsjahre zum Kritiker des Burgfriedens. Diese Denkweise ebnete seinen Weg in die USPD, in den Spartakusbund und schließlich die KPD. Im Verbund mit Rück gab er in Stuttgart die „Rote Fahne“ heraus, das zentrale Presseorgan des Spartakusbundes und später der KPD. An den revolutionären Vorgängen in Stuttgart am 9. November nahmen weder Rück noch Thalheimer teil, da sie am 6. November in Ulm verhaftet worden waren. Damit fehlten den Spartakisten am 9. November wichtige Köpfe. Die an diesem Tag gebildete provisorische Volksregierung unter Wilhelm Keil und Wilhelm Blos (beide MSPD) versuchte, Thalheimer als Repräsentant der Rätebewegung für das Finanzministerium zu gewinnen. Thalheimer lehnte dies jedoch ab und engagierte sich stattdessen weiterhin für den Spartakusbund.

Das erwähnte Programm enthielt bereits in seinen zwei ersten, von weiteren Forderungen gesondert abgehobenen Punkten, entscheidendes Konfliktpotenzial gegenüber der provisorischen Regierung. Das Programm forderte hier die politische Vollzugsgewalt und damit die alleinige politische Macht für den Stuttgarter Arbeiter- und Soldatenrat. Diese Forderung, die auch von Soldatenräten erhoben wurde, lehnte die provisorische Regierung jedoch rigoros ab. Mit dem in Punkt zwei des Programms angesprochenen „mechanische[n] Verwaltungsapparat“ wurde der Zugriff auf die Verwaltungsbehörden, hier insbesondere auf den ehemaligen Beamtenapparat des Königs, eingefordert. Gerade der auch nach der Revolution weiterhin monarchisch gesinnte Beamtenapparat führte im März und April 1919 zu weiteren Putschversuchen der Spartakisten in Stuttgart. Die zum Teil von den Beamten betriebene Blockadepolitik gegen sozialpolitische Reformbestrebungen führte vom 31. März bis zum 10. April 1919 zum Generalstreik in Stuttgart. Der Belagerungszustand wurde ausgerufen und der Aufstand gewaltsam vom Militär unterdrückt. Einen endgültigen Strich unter die Forderungen der Spartakisten zog die Verabschiedung der württembergischen Landesverfassung am 26. April 1919.

GND-Verknüpfung: Rätebewegung [4076490-4]

Suche

Das vorgestellte Dokument im Online-Findmittelsystem des Landesarchivs BW: 

Vorläufiges Programm des Arbeiter- und Soldatenrates, 1918

Average (0 Votes)
Please sign in to comment.