Wirtschaft und Soziales in Württemberg

 

Florian Brückner, Universität Stuttgart

Zahlung der Zentralleitung für Wohltätigkeit in Württemberg an den Fürsorgefond des ehemaligen württembergischen Kriesministeriums, 6.6.1922, (Quelle: Landesarchiv BW, StAL E 191 Bü 2437, Bild 73)
Zahlung der Zentralleitung für Wohltätigkeit in Württemberg an den Fürsorgefond des ehemaligen württembergischen Kriesministeriums, 6.6.1922, (Quelle: Landesarchiv BW, StAL E 191 Bü 2437, Bild 73)

Einführung

Das Ende des Ersten Weltkrieges führte im Freien Volksstaat Württemberg zu tiefgreifenden Veränderungen der Arbeitswelt. Zu den zentralen Ergebnissen der Novemberrevolution gehörte einerseits, dass eine neue Sozial- und Arbeitsordnung mithilfe von Tarifverträgen die Arbeitszeiten – in diesem Bereich den Achtstundentag – und Löhne neu regelte und damit die Situation der Arbeitnehmer verbesserte. Andererseits stellte die prekäre Versorgungslage die Gesellschaft vor Herausforderungen, sodass es zu sozialen Konflikten und Unruhen in Württemberg kam. Zu einer Zuspitzung in diesem Konflikt kam es im August und September 1920, als die Regierung auf die Ausrufung eines Generalstreiks mit der Besetzung von Betrieben durch Polizeieinheiten reagierte.

Lebensmittelteuerungen und Versorgungsengpässe waren zentrale Auslöser für Unruhen und soziale Auseinandersetzungen. Daher gehörte es zu den wichtigsten Aufgaben der in den Monaten November 1918 bis Januar 1919 amtierenden provisorischen Volksregierung, die Lebensmittelversorgung zu verbessern. Dies gelang ihr in den ersten Monaten ihrer Amtszeit nur dank Lebensmittelspenden aus der Schweiz und den USA sowie der langwierigen Aufrechterhaltung des Bezugsschein- und Lebensmittelkartensystems. Dass es die Volksregierung nach Kriegsende mit einer zutiefst gespaltenen Gesellschaft zu tun hatte, die aufgrund ungleicher Verteilung von Lebensmitteln von sozialem Neid zerrüttet worden war, geht aus den vorliegenden Monatsberichten von Januar bis September 1918 des württembergischen Militärs hervor. In ihnen kündigten sich die katastrophale Lebensmittelversorgung bis 1920 sowie die gesellschaftliche Spaltung bereits ein halbes Jahr vor Kriegsende in aller Deutlichkeit an.

Eine weitere Herausforderung in den Anfangsjahren der Weimarer Republik war die Arbeitslosenfürsorge. Gerade das Jahr der Hyperinflation 1923 führte hier zu tief greifenden Veränderungen und dezidierten Bemühungen des Staatspräsidiums, Arbeitsmaßnahmen zu ergreifen, um die Erwerbslosenfürsorge zu entlasten. Unterstützungsmöglichkeiten der Landesregierung bestanden hier insbesondere in der Ankurbelung des Arbeitsmarktes, indem subventionierte Arbeitsgelegenheiten geschaffen wurden.

Neben diesen Problemfeldern prägte schließlich der sogenannte Zentralisierungsprozess, im Zuge dessen die untergegangenen Monarchen Souveränitätsrechte an das Reich abzugeben hatten, auch die Bereiche von Verkehr und Infrastruktur in Württemberg. So beanspruchte das Reich in seiner neuen Verfassung die Gesetzgebung über die Eisenbahn, was 1920 in der Abgabe der württembergischen Staatseisenbahn an das Reich mündete.

Die wirtschaftlichen Folgen des Krieges: Lebensmittel- und Rohstoffversorgung, Kindererholung und Bezugsscheinsystem

Zu den wichtigsten Aufgaben der provisorischen Volksregierung gehörte die Lebensmittelversorgung. Die Menschen litten Hunger und der Winter von 1918/19 war besonders kalt. Die nach dem Krieg entstehenden Engpässe konnten nur durch Lebensmittelimporte und Spenden wie Weizenmehl und Speck aus dem Ausland, hier insbesondere aus den USA und der Schweiz, überstanden werden. Gerade Kinder und Jugendliche hatten die Kriegsjahre aufgrund der Mangelernährung in ihrer körperlichen Entwicklung stark getroffen. Zahlreiche junge Menschen starben noch Mitte und Ende der 1920er Jahre an den Spätfolgen von Hungertuberkulosen, die während der Kriegsjahre entstanden waren. Daher organisierten die württembergischen Behörden, wie auch andere Länder, Erholungsaufenthalte für Großstadtkinder auf dem Land.

Als sich schließlich im August 1920 die Lebensmittelversorgung verbessert hatte, konnte zunächst das Lebensmittelkartensystem für Fleisch, ein weiteres Jahr später im Mai 1921 jenes für Butter und Käse, eingestellt werden. Dagegen unterlag die Verteilung von Milch und Brot bis 1924 bzw. 1925 der staatlichen Regulierung.

Große Versorgungsschwierigkeiten bestanden zu Beginn der Weimarer Republik ebenfalls im Bereich der Strom- und Kohleversorgung, was sich auch auf den Eisenbahnverkehr auswirkte. Dieser musste im April 1919 sogar kurzfristig eingestellt werden. Zu einer Verbesserung kam es vor allem deshalb, weil die Landesregierung mit gezielten Eingaben an die Reichsregierung einen schnellen Friedensschluss mit den ehemaligen Kriegsmächten beförderte, um die wirtschaftliche Lage zu verbessern. Zum anderen zählte gerade die Elektrotechnik Württembergs zu den führenden Industriezweigen Deutschlands.

Zur Entwicklung der Erwerbsstruktur und der Wirtschaftszweige

Die Erwerbsstruktur in Württemberg war von 641.000 hauptberuflich in der Landwirtschaft und 601.000 hauptberuflich in der Industrie Beschäftigten geprägt. Industrie und Landwirtschaft bildeten in den 1920er Jahren weiterhin die wichtigsten Sektoren. Ihnen folgte der Dienstleistungssektor mit 161.000 hauptberuflich Beschäftigten sowie Verwaltung, Militär, Kirche und freie Berufe mit 56.000, häusliche Dienstleistungen mit 55.000 und das Gesundheitswesen mit 24.000 hauptberuflich Beschäftigten. Darüber hinaus existierte in Württemberg mit 162.000 Menschen eine überdurchschnittlich hohe Anzahl an Nebenerwerbsbeschäftigten in der Landwirtschaft, was auf kleinparzellierte Nutzflächen zurückzuführen ist. Weitere Nebenerwerbstätige fanden Beschäftigung im Textil- und Baugewerbe, im Maschinen-, Apparate- und Fahrzeugbau, dem Holzgewerbe, der Metallverarbeitung und dem Nahrungs- und Genussmittelgewerbe.

Zwei Faktoren begünstigten in den schwierigen Anfangsjahren die Entwicklung der Wirtschaft Württembergs trotz auch hier verbreiteter Arbeitslosigkeit: Erstens der erwähnte, bei 15 % liegende hohe Prozentsatz an Erwerbstätigen, die nebenberuflich in der Landwirtschaft tätig waren. Zweitens verfügte Württemberg über einen überdurchschnittlich hohen Anteil weiblicher Erwerbstätiger. Im Vergleich zur Gesamtzahl der Haupterwerbstätigen in Württemberg lag dieser Anteil bei 45 % und damit 10 % über dem Reichsdurchschnitt. Dadurch vermochte zum einen der Ausfall von Kriegsinvaliden kompensiert werden. Zum anderen erhielten Frauen geringere Löhne für gleiche Arbeit, was die württembergischen Unternehmen konkurrenzfähiger machte.

Von dieser Entwicklung profitierten wichtige Industriezweige Württembergs wie die Textilindustrie, deren Beschäftigungszahl von 1907 bis 1925 von 25.000 auf 82.000 Beschäftigte stieg und die Elektroindustrie, deren Beschäftigungszahl sich auf 25.000 nahezu versiebenfachte. In den Bereichen Maschinen-, Apparate- und Fahrzeugbau verdoppelten sich nach der Überwindung von Kurzarbeitsphasen 1923 die Beschäftigungszahlen bis 1925. In den Bereichen Industrie und Handwerk stiegen die Beschäftigungszahlen pro 1.000 Menschen zwischen 1907 und 1925 von 178 auf 234 an, was 50 % über dem Reichsdurchschnitt lag. Die Zahl der Erwerbstätigen nahm damit von 1907 bis 1925 um über 30 % zu. Die Zahl der Angestellten und Beamten stieg um 110 %. Der industrielle Sektor bestand aus 72 % Arbeitern, rund 15 % Selbstständigen und 11 % Angestellten. Handel, Verkehr und Gaststättengewerbe rekrutierten sich aus 23 % Selbständigen, rund 40 % Angestellten und 21 % Arbeitern.

Württemberg trieb als hoch technisiertes Industrieland bahnbrechende Weiterentwicklungen im Fahrzeug-, Luftschiff- und Maschinenbau voran. Da hierfür qualifiziertes Personal benötigt wurde, bemühten sich die Arbeitgeber, diesen Personalstamm in Krisenzeiten beispielsweise durch die Einführung von Kurzarbeit zu halten, sodass die Beschäftigung im Technologiesektor krisenfest blieb

Begünstigt wurde diese Situation schließlich durch während der Novemberrevolution neu ausgearbeitete Tarifverträge, die Lohn und Arbeitszeit zugunsten der Arbeiternehmerinnen und Arbeitnehmer regelten. Arbeitgeber und Arbeitnehmer standen sich nun als gleichberechtigte Vertragspartner gegenüber, sodass insbesondere die Arbeitnehmerseite bessere Arbeitsbedingungen aushandeln konnte. Dies führte dazu, dass die realen Stundenlöhne nach Kriegsende jene von vor 1914 überstiegen.

Geldentwertung, Lohnbesteuerung und Streikbewegung

Positive Entwicklungen wurden freilich in der Weimarer Republik von existenziellen wirtschaftlichen Krisen wie der Hyperinflation 1923 unterbrochen. Im Finanzsektor gehörten die seit den Kriegsjahren einsetzende schleichende Geldentwertung und die damit einhergehende Teuerung zu den größten Problemen. Im Verbund mit Kohle- und Stromknappheit zählte unter anderem die Lebensmittelteuerung zu den ersten Auslösern sozialer Unruhen. Am 22. Juni 1920 kam es in Württemberg zu Protesten der Gewerkschaften, darunter eine Großveranstaltung in Stuttgart mit 100.000 Teilnehmern. Während die Demonstrationen in Stuttgart friedlich verliefen, waren in Ulm und Ravensburg Tote und Verletzte zu beklagen, da es zu Zusammenstößen der Demonstranten mit der Reichswehr kam. Weitere Proteste fanden in Heidenheim, Tübingen, Calw, Ludwigsburg, Kornwestheim und Kirchheim/Teck statt.

Einen Tiefpunkt erreichte diese Entwicklung im August 1920. Als die Reichsregierung höhere Steuern auf Löhne und Gehälter erhob, kam es unter anderem in Stuttgart mit 10.000 Menschen erneut zu Großdemonstrationen. In den Betrieben riefen die Gewerkschaften zum Streik auf, was am 26. August zur Besetzung der Bosch- und Daimlerwerke in Stuttgart sowie in Mettingen mit Polizeitruppen durch die Landesregierung führte. Die Arbeiterschaft beantwortete diese Maßnahme mit der Ausrufung des Generalstreiks. Dieser währte aufgrund der unnachgiebigen Haltung der Landesregierung jedoch nur wenige Tage.

Die Zeit der Inflation ließ bis 1924 zudem den Schwarzmarkt aufblühen. Bauern horteten ihre Erzeugnisse in der Erwartung besserer Preise, was beispielsweise in Biberach und Ebingen 1923 zu erneuten Unruhen führte. Die folgende Hyperinflation ließ breite Schichten der württembergischen Bevölkerung, hier insbesondere Angehörige der sparwilligen Mittelschicht, verarmen.

Arbeitslosigkeit, Investitionen, Ein- und Auswanderung

Die bereits während der Kriegsjahre einsetzende schleichende Inflation führte aufgrund ihrer Auswirkungen auf die Lohnverhältnisse ab 1918 dazu, dass die heimkehrenden Menschen zügig in die Arbeitsplätze zurückkehren konnten. Im Dezember 1921 meldeten die württembergischen Arbeitsämter nur 766 Menschen als erwerbslos, was Vollbeschäftigung entsprach. Diese Scheinblüte führte jedoch dazu, dass inflationsbedingte Lebensmittelteuerungen die Löhne der Arbeiter auffraßen. Gerade im hochpreisigen Technologie- und Industriesektor konnten ebenfalls inflationsbedingt zukunftsträchtige Investitionen nicht getätigt werden.

Dies bewog ab 1921 zahlreiche Menschen dazu, aus Württemberg zu emigrieren. 1923 wanderten 12.706 Menschen aus, die meisten von ihnen in die USA, nach Brasilien und Argentinien. Bis 1925 verließen 26.146 Menschen Württemberg.

Da Württemberg stark vom Export abhängig war, konzentrierten sich die Anstrengungen des Landes darauf, mithilfe von Eingaben Druck auf die Reichsregierung auszuüben und den Friedensschluss mit den Alliierten voranzutreiben, um die Kriegs- auf eine Friedenswirtschaft umzustellen. Damit die wirtschaftliche Entwicklung angekurbelt wurde, veranstalteten beispielsweise die Stadt Stuttgart oder die Handelshof AG Werbemaßnahmen wie Messen, die mit dort ausgestellten Produkten für die hiesige Industrie warben. Der landwirtschaftliche Sektor wurde im Juni 1919 mit der neu geschaffenen Landwirtschaftskammer, als berufsständischer Massenorganisation, unter staatliche Regulierung gestellt, um die Lebensmittelversorgung in der schwierigen Nachkriegszeit sowie entsprechende Investitionen zu planen.

Diese Anstrengungen führten über das Krisenjahr 1923 hinaus dazu, dass sich Württemberg ab 1925 zu den wirtschaftlich stärksten Ländern im Reich entwickelte. Der in der wirtschaftlichen Krisensituation entstandenen Emigration stand ab 1925 ein Zustrom an Arbeitern nach Württemberg innerhalb Deutschlands gegenüber. Durch die Attraktivität eines überdurchschnittlichen Lohnanstiegs angelockt, entwickelte sich Württemberg so zu einem binnendeutschen Zuwanderungsland.

Schließlich lässt sich in Württemberg in den 1920er Jahren eine Verstärkung des Urbanisierungsprozesses konstatieren, der vor allem durch eine innerwürttembergische Migration ausgelöst wurde. Immer mehr Menschen verließen die ländlichen Gebiete, um Arbeit in der Stadt zu finden. Dies erhöhte die Einwohnerzahl in Großräumen wie Stuttgart: 1925 lebten in Stuttgart über 4.000 Einwohner pro Quadratkilometer, gefolgt von Ludwigsburg, Esslingen und Heilbronn mit über 300 Einwohnern pro Quadratkilometer. Es folgten Waiblingen, Göppingen und Reutlingen mit über 200 Einwohnern pro Quadratkilometer. Ab 1925 wohnten 53 % der Bevölkerung in der Stadt und 47 % im ländlichen Bereich.

Bevölkerungsstruktur und soziale Fürsorge

Ausschlaggebend für die Entwicklung der Bevölkerungsstruktur war der kriegsbedingte Geburtenrückgang. Erst 1921 konnte an den Geburtenüberschuss von 1914, der zwischen 25.000 und 29.000 lag, angeknüpft werden. Dieser kurzfristige Aufschwung wurde jedoch bereits von der Hyperinflation 1923 wieder zunichte gemacht.

Säuglingssterblichkeit und Versorgungsengpässe begünstigten die Entstehung von Kleinfamilien. Nach Kriegsende ging die Säuglingssterblichkeit zurück und die Lebensverhältnisse von Kindern und jüngeren Menschen verbesserten sich. Dies führte 1913 bis 1933 zu einem Anstieg der Bevölkerung in Württemberg von 2,5 auf 2,7 Millionen. Die Säuglingssterblichkeit konnte im selben Zeitraum im Vergleich zu den Lebendgeborenen um über 60 % auf rund 6 % reduziert werden.

Die Kriegsfolgen stellten darüber hinaus immense Herausforderungen im sozialen Bereich dar. Mütter hatten ihre Söhne, Frauen ihre Ehemänner, Jugendliche ihre Väter verloren. Das Land Württemberg sowie württembergische Unternehmen mussten auf den Gebieten der Fürsorge, hier vor allem der Sozialhilfe, der Wohnungs- und Lebensmittelversorgung sowie der Weiterbildung und Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt große Anstrengungen unternehmen. Neben der Kriegsopferversorgung, der Gewährung von Witwen- und Waisenrenten und der Invalidenfürsorge entstand in der Weimarer Republik ein eigener Bereich für die Kinder- und Jugendlichenfürsorge. Am 8. Oktober 1919 wurde per Gesetz die Einrichtung von Jugendämtern verfügt. Diese zeichneten sich für die Jugendfürsorge für werdende Mütter und Jugendliche bis 18 Jahre verantwortlich. Bis 1928 entstanden in Württemberg 59 Jugendämter.

Über staatliche Fürsorgeleistungen hinaus nahmen hinsichtlich der Sozialfürsorge durch Arbeitgeber beispielsweise die gemeinnützigen Bemühungen Robert Boschs (1861-1942) eine wichtige Vorreiterfunktion ein. Er verbesserte zunächst die Arbeitsbedingungen seiner Mitarbeiter und sorgte auch im Kulturellen, im Freizeitbereich und in der beruflichen Weiterbildung für Anreize. So subventionierte er für seine Arbeiter und Arbeiterinnen Konzerte und Opernbesuche sowie Fortbildungsmaßnahmen im Näh- und Haushaltsbereich für Frauen. Zudem schuf er weitere Möglichkeiten der Altersvorsorge. Die im Mai 1922 ins Leben gerufene Bosch-Hilfe widmete sich Kriegswaisen und vermittelte Ehrenpatenschaften an Betriebsangehörige.

Eine weitere Kriegsfolge war der unzureichende Wohnraum. Deshalb musste die neue Staatsregierung den sozialen Wohnungsbau vorantreiben. Neubauten waren während des Krieges weitestgehend ausgeblieben. Nach Kriegsende sah sich der Wohnungsmarkt mit einer Flut an heimkehrenden, zuvor kasernierten Soldaten sowie einer großen Zahl junger Paare, die der Kriegseintritt des Mannes zum Heiraten bewogen hatte, konfrontiert. Daher versuchte das Staatspräsidium den Wohnungsmarkt zu regulieren. Am 29. August 1919 verfügte das Innenministerium, dass Privatgebäude nur unter Zustimmung der zuständigen Behörden abgerissen werden durften und die Umwandlung von Wohnraum zu geschäftlichen Zwecken ebenfalls behördlicher Genehmigung bedurfte.

Zusammenfassung

Zu den wichtigsten Aufgaben der provisorischen Volksregierung gehörte nach Kriegsende die Lebensmittelversorgung. Diese blieb bis 1923 prekär und verbesserte sich erst ab 1925 grundlegend, als das Bezugsscheinsystem sukzessive abgeschafft werden konnte.

Die bereits während der Kriegsjahre einsetzende Lebensmittelknappheit betraf insbesondere Kinder und Jugendliche, die aufgrund von Mangelerscheinungen unter den Kriegsfolgen litten. Landesregierung und Gemeinden unternahmen hier Anstrengungen, um ihnen durch Landaufenthalte Erholung zu verschaffen.

Die Erwerbsstruktur gründete sich in Württemberg vor allem auf den landwirtschaftlichen und den industriellen Sektor. Günstige Faktoren für eine vergleichsweise positive Entwicklung der württembergischen Erwerbsstruktur bildeten ein überdurchschnittlich hoher Anteil erwerbstätiger Frauen sowie Nebenbeschäftigte in der Landwirtschaft. Insgesamt entwickelten sich die Beschäftigungszahlen von 1907 bis 1925 in allen drei Sektoren positiv. Diese Entwicklung wurde nicht zuletzt dadurch verstärkt, dass Württemberg in den Bereichen Fahrzeug-, Luftschiff- sowie dem Maschinenbau Spitzenpositionen einnahm.

Dennoch kam es in Württemberg zu sozialen Unruhen und Spannungen: Die Inflation entwertete die von der Reichsregierung sogar noch zusätzlich besteuerten Löhne und Gehälter, ließ den Schwarzmarkt aufblühen und verteuerte Lebensmittel. Dies führte zu Protestdemonstrationen, die in Württemberg durch die Landesregierung zum Teil blutig von Polizei und Militär niedergeschlagen wurden. Gleichzeitig ermöglichte die Inflation eine schnellere Rückkehr der heimkehrenden Soldaten an ihre Arbeitsplätze und sorgte damit bis 1921 für niedrige Arbeitslosenquoten. Mit dieser wirtschaftlichen Scheinblüte gingen Auswanderungswellen nach Nord- und Südamerika einher, die ab 1925 aufgrund des wirtschaftlichen Aufschwungs von der Entwicklung Württembergs zum Binneneinwanderungsland abgelöst wurden.