Jägerlatein? Die Pirschgänge im Böblinger Forst

Die Pirschgänge im Gewann Schelmenhau, einige Kilometer östlich von Böblingen, Orthofoto des LEO-BW-Kartenmoduls, Quelle LGL BW
Die Pirschgänge im Gewann Schelmenhau, einige Kilometer östlich von Böblingen, Orthofoto des LEO-BW-Kartenmoduls, Quelle LGL BW

Der Böblinger Forst ist östlich der Stadt zwischen dem Gewann Beim Roten Mann und Schelmenhau von einem System befestigter, knapp unter der Erdoberfläche verlaufender Gänge durchzogen. Die gewölbten, bis zu zwei Meter hohen Tunnel umfassten ursprünglich ein System von als 600 m Länge, von denen heute noch mehr als 100 m erhalten sind. Die etwa einen Meter breite Gänge wurden über Maueröffnungen erhellt. Die Beschreibung des Oberamts Böblingen aus dem Jahr 1850 zählte die Anlage, deren Zu- und Ausgänge jeweils an der Plan- und Kastenklinge lagen, zu den Merkwürdigkeiten. Über eine Inschrift am alten Eingang ist zu erfahren, dass Herzog Carl Alexander von Württemberg 1737 die Errichtung in Auftrag gab. Die Ausführenden waren Oberforstmeister Schauroth und Baumeister Nicolaus Kraft. Das Tunnelsystem ist ein besonderes Zeugnis der Jagdleidenschaft, die zu den Vergnügungen der höfischen Gesellschaft zählte. Bis heute werden angrenzende Wasserstellen und Wiesen gerne von Rotwild aufgesucht. Die Gänge dienten dazu, sich trockenen Fußes und unbemerkt von der Beute bewegen zu können. Jagdstände, die nicht erhaltenen Schirmhäuser, bildeten die oberirdische Ergänzung

Im Vergleich zum Aufwand, der für die Errichtung von Schlössern, Hofhaltung oder Kriegsführung betrieben wurde, erscheint selbst der Bau einer solch ausgedehnten Pirschanlage nicht abwegig. Der Adel, und so auch Carl Alexander, suchte sich durch Luxus und immer neue Ideen wechselseitig zu übertrumpfen. Beschafft wurden die nicht nur für diese Zwecke benötigten immensen Geldmittel über den jüdischen Bankier und Hoffaktor Oppenheimer.

Der Herzog war weit herumgekommen, kannte den Kaiserhof in Wien und hatte an den Türkenkriegen teilgenommen. Woher die Anregung für die Gänge stammt ist unbekannt, doch erscheint es möglich, dass sich Carl Alexander durch Festungsbauten inspirieren ließ. Die einzige weitere bekannte Anlage befindet sich bei Jena, Baubeginn um 1712. Nach dem plötzlichen Tod des Herzogs 1737 verfiel die Anlage. Immer mehr Teile des Gewölbes stürzten ein. Im Winter 1919/20 konnten verbliebene Reste gesichert und saniert werden. Da sich die Pirschgänge auf dem Gelände der US-Streitkräfte befinden, sind Besichtigungen nur in Verbindung mit Führungen möglich.

Zum Weiterlesen:

Die Oberamtsbeschreibung Böblingen
Zeitreise bb – Pirschgänge im Böblinger Stadtwald
Zu Herzog Carl Alexander der Beitrag aus Das Haus Württemberg: ein biographisches Lexikon
Johannes Wilhelm, Die Pirschgänge im Böblinger Stadtwald, Denkmalpflege Baden-Württemberg 17 (1988)

 

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