Süßkind der Jude von Trimberg in der Großen Heidelberger Liederhandschrift

 

Süßkind der Jude von Trimberg, Große Heidelberger Liederhandschrift, 1305. Quelle UB Heidelberg Cod. Pal. germ. 848, Bl. 355r
Süßkind der Jude von Trimberg, Große Heidelberger Liederhandschrift, 1305. Quelle UB Heidelberg Cod. Pal. germ. 848, Bl. 355r

In der Großen Heidelberger Liederhandschrift Codex Manesse erscheinen zwölf Sangsprüche des Minnesängers Süßkind der Jude von Trimberg. Die bildliche Darstellung zeigt einen vornehmen Mann mit reichem Pelzkragen und dem für Juden typischen Hut. Er steht vor einem Amtsträger mit Bischofsstab, zwei weitere Personen befinden sich in der Bildmitte. Die Gruppe ist in ein lebhaftes Gespräch vertieft, worauf die gestikulierenden Hände hindeuten.

Die Verse Süßkinds aus dem Codex Manesse enthalten zeittypische Elemente der Lieddichtung aber auch Andeutungen zu Standesunterschieden, existenziellen Nöten und, für einen fahrenden Sänger ungewöhnlich, einer Ehefrau und Kindern. In Strophe V wird das Judentum direkt angesprochen, als der Erzähler sich von den Künsten und dem Hofleben abwendet „daz mir die herren nicht went geben“. Stattdessen will er „[…] in alter juden leben mich hinnân fürwert ziehen.“

Mit dem Werk, dessen Entstehung in die Zeit zwischen 1250 und 1300 fällt, ist Süßkind von Trimberg der einzige bekannte jüdische Autor der deutschen mittelalterlichen Dichtung. Hinsichtlich seiner Identität finden sich nur wenige Hinweise. So steht die Herkunftsbezeichnung Trimberg, nahe der Trimburg im bayerischen Landkreis Kissingen, möglicherweise in Verbindung mit einem Aufenthalt Süßkinds am Hof des Bischofs von Würzburg. 1218 ist der Name in Würzburg nachweisbar, wo er im Zusammenhang mit der Tätigkeit eines Arztes am Dietrichspital und dem Erwerb eines Grundstücks erscheint. Eine weitere Spur führt ins hessische Schlüchtern, wo Beziehungen zu den Herren von Trimberg bestanden. Nach einem, allerdings erst im 17. Jh. angelegten Memorbuch soll der Sänger dort gestorben und begraben worden sein.

Ähnlich gestaltet sich die Interpretation des die Verse illustrierenden Bildes, das Anhaltspunkte für unterschiedliche Deutungen liefert. Der geistliche Würdenträger wurde zunächst mit Konstanz oder Fulda in Verbindung gebracht. Neuere Forschungen verorten die ihm als Attribut beigegebene Fahne in Köln, wo eine der bedeutendsten mittelalterlichen jüdischen Gemeinden bestand. So könnte eine weltliche Verhandlung zwischen Christen und einem Juden dargestellt sein, bei der der Bischof ohne Mitra agiert. Die gehobene Kleidung des Geistlichen wie des Juden kennzeichnet beide als Personen von Stand. Offenbar treten die Anwesenden einander ernsthaft und achtungsvoll gegenüber.

Mit dem Hut, der den jüdischen Teilnehmer der Runde hervorhebt, war nicht zwingend ein negatives Ansinnen verbunden. Ursprünglich sollten die Hüte auf eine östliche Herkunft und gehobenen Bildungsstatus hinweisen. Wie das obige Beispiel des Würzburger Arztes zeigt, wurden jüdische Ratgeber mit ihren Kenntnissen selbst im christlichen Umfeld geschätzt. Nach dem IV. Lateranischen Konzil (1213-1215) gehörten die Spitzhüte zur Kleiderordnung der deutschen Juden. Im Zuge der fortschreitenden Diskriminierung ihrer Träger entwickelte sich daraus ein negativ behaftetes Symbol.

Nach wie vor bleiben Fragen offen. So wird diskutiert, ob die Verse tatsächlich dem Dichter Süßkind zuzuordnen sind. Trotzdem lassen sich in Bild und Text Elemente des mittelalterlichen jüdischen Lebens erkennen und einer öffentlichen Präsenz, die sich auch im Codex Manesse verfestigt hat. Diese endete jedoch mit den Pogromen des 14. Jh. 

Zum Weiterlesen: Süßkind von Trimberg im Literaturportal Bayern

Die Sangsprüche sind online in der bibliotheca Augustana abrufbar mit einer ausführlichen Interpretation der bildlichen Darstellung

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