Brambach, Wilhelm 

Geburtsdatum/-ort: 17.12.1841; Bonn
Sterbedatum/-ort: 26.02.1932;  Karlsruhe
Beruf/Funktion:
  • Altphilologe, Bibliothekar, Musikhistoriker
Kurzbiografie: 1861 Abitur am humanistischen Gymnasium in Bonn
1861-1864 Studium der klassischen Philologie und Musikwissenschaft an der Universität Bonn
1862-1866 Assistent an der Bonner Universitätsbibliothek
1866-1872 Dozent für klassische Philologie an der Universität Freiburg i. Br., bis 1870 Direktor auch der Universitätsbibliothek
1872 Ausscheiden als ordentlicher Prof. aus dem akademischen Lehramt
1872-1904 Leitung der Badischen Hof- und Landesbibliothek
1904 Ausscheiden wegen Augenleidens unter Beibehaltung des Münzkabinetts bis 1921
Weitere Angaben zur Person: Religion: rk.
Verheiratet: 1869 Marie, geb. Genick
Eltern: Vater: Franz Jacob Brambach, Musikinstrumentenbauer (1813-1890)
Mutter: Gertrud, geb. Lückenrath
Geschwister: 2 Brüder, u. a. Caspar (Karl) Joseph, Chordirigent und Komponist (1833-1902)
Kinder: 1 Tochter
GND-ID: GND/11867305X

Biografie: Ulrich Weber (Autor)
Aus: Badische Biographien NF 1, 78-79

Brambach, der zwischen 1872 und 1904 die Badische Hof- und Landesbibliothek beispielhaft reorganisiert hat, war der dritte Sohn eines aus Niederdollendorf bei Königswinter gebürtigen Klavier- und Orgelbauers und ein Bruder des Komponisten Karl Joseph Brambach (1833-1902). In Bonn besuchte er die Volksschule, bestand am humanistischen Gymnasium 1861 die Reifeprüfung und hörte an der Friedrich-Wilhelm-Universität bei Friedrich Ritschl klassische Philologie, bei Heinrich Breidenstein Musikwissenschaft. Ritschl, der auch der Universitätsbibliothek vorstand, bezog den Studenten in den Kreis seiner Helfer ein, aus dem die ersten hauptberuflichen Bibliothekare Deutschlands – in Baden noch Holder, Wilmanns, Zangemeister – hervorgegangen sind. Nach Promotion und Oberlehrerexamen blieb er, mit der Edition des Corpus inscriptionum Rhenanarum (1867) befaßt, vorerst in der Nähe Ritschls, dessen Kontroverse mit Otto Jahn ihn 1865 zu leidenschaftlicher Parteinahme bewog.
Am 7. April 1866 wurde Brambach auf Empfehlung Ritschls an die Universität Freiburg i. Br. berufen, am 17. März hier zum ordentlichen Professor für klassische Philologie ernannt. In die Freiburger Zeit fiel Brambachs Heirat mit Marie Genick, der Tochter eines Bonner Justizbeamten, und die Geburt seines einzigen Kindes, Gertrud. Wissenschaftlich erbrachten jene Jahre Publikationen zur Geschichte der lateinischen Orthographie und zur sophokleischen Metrik, ferner ein Büchlein über Baden unter römischer Herrschaft (1867). Die Direktion der Freiburger Universitätsbibliothek, die Brambach neben dem Lehramt zu versehen hatte, legte er bald schon nieder, weil es sich ihm als unmöglich erwies, beiden Aufgaben zugleich gerecht zu werden. Der 30. Oktober 1870, an dem er darum ansuchte, ihn in der Bibliothek durch einen hauptamtlichen Fachmann zu ersetzen, wurde zum „Geburtstag der Selbständigkeit des bibliothekarischen Berufs“.
Zu seinem Lebenswerk fand Brambach hin, als er 1872, nicht ohne Zögern, aus dem akademischen Lehramt ausschied und, einem Angebot des badischen Innenministeriums folgend, seit dem 1. Oktober sich der Neuordnung der Hof- und Landesbibliothek in Karlsruhe annahm, die vor kurzem in Staatsverwaltung übergegangen war. Er hat aus ihr – nach dem Urteil seiner beiden nahmhaftesten Schüler Paul Ladewig (Politik der Bücherei, Leipzig 1912, S. 50 f.) und Theodor Längin (in: Festschrift für G. Leidinger, München 1930, S. 146 f.) – „die modernste wissenschaftliche Staatsbibliothek im Deutschen Reich, ja in ganz Mitteleuropa“, gemacht, unsere „erste Public Library großen Stils“. Zugleich begründete er in Theorie und Praxis die Gattung Landesbibliothek. Seine Definition von deren Wesen und Aufgaben gilt noch heute.
Für den Karlsruher Bestand entwarf Brambach zunächst eine bemerkenswert rationelle systematische Gliederung mit nur 24 Hauptgruppen, die in ihren Grundzügen noch immer besteht. Nach ihr wurden die rund 110000 Bände sogleich signiert, geordnet und verpackt. Bei solcher Vorbereitung geriet der Umzug der Bibliothek in das Sammlungen-Gebäude am Friedrichsplatz (September 1873) zu einem vielbestaunten Meisterstück. Dank dem liberalen Statut vom 19. Dezember 1874, ebenfalls einer Schöpfung Brambachs, konnte die technisch nun auf das zweckmäßigste eingerichtete Bibliothek in der Tat zu „einer nicht nur von den Bewohnern Karlsruhes, sondern von allen Landesangehörigen in freiester Weise zu gebrauchenden Büchersammlung“ werden. Um auswärtigen Benutzern das Bestellen zu erleichtern, ließ Brambach seit 1875 nach englischem und amerikanischem Vorbild den gesamten Altbestand und die Zugänge in versendbaren gedruckten Verzeichnissen erschließen (bis 1904 allein 32 Bände Bücherkatalog), und 1891 eröffnete er mit seiner Darstellung von Geschichte und Bestand der Sammlung die Reihe der gedruckten Handschriftenkataloge, die unter Brambachs, Holders, Längins u. a. Mitwirkung 1904 auf 7 Bände kam.
Beachtung verdient nicht zuletzt, daß neben und trotz allen organisatorischen Pflichten Brambach eine Anzahl Arbeiten von bleibender Bedeutung verfassen konnte, die, aus dem Studium Karlsruher Handschriften, zumeist solcher aus der Abtei Reichenau, erwachsen, Wesentliches zur Kenntnis mittelalterlicher Musiklehre und -ausübung (Reichenauer Sängerschule, Berno, Hermann der Lahme, Gregorianischer Choral) beitrugen.
Aus dem Bibliotheksdienst zog Brambach sich wegen eines Augenleidens 1904 zurück, behielt jedoch die Leitung des mit der Landesbibliothek verbundenen Münzkabinetts bis 1921 bei. Seine letzte Veröffentlichung, ein Aufsatz über die römische Viertelunze, datiert vom Jahr 1931 (Frankfurter Münzzeitung, S. 241 f). Zehn Wochen nach seinem 90. Geburtstag ist er in Karlsruhe gestorben.
Der Mensch Brambach war nüchtern, unzeremoniell, allzeit um strengste Objektivität bemüht, im Umgang schlicht und oft von scheuer Zurückhaltung. Zur Lebensmaxime erhob er einmal, gewiß selbstironisch, das anonyme lateinische Dictum: Fors spondet multa multis, praestat nemini. Vive in dies et horas, nam propriumst nihil. Corp. inscr. lat. 1, 1010. (Der Zufall verheißt vielen viel, doch keinem verbürgt er's. Leb denn in Tag und Stunde hinein, bleibt nichts doch dein eigen).
Werke: (Auswahl): De consulatus Romani inde a Caesaris temporibus ratione prolusio. Diss. Bonn 1864; Das Ende der Bonner Philologenschule, Köln 1865; Baden unter römischer Herrschaft, Freiburg 1867, 1896 (2. Aufl.); Corpus inscriptionum Rhenanarum, Elberfeld 1867; Metrische Studien zu Sophokles, Leipzig 1869; Hilfsbüchlein für lateinische Rechtschreibung, Leipzig 1872, 1876 (2. Aufl.), 1884 (3. Aufl.); Die Großherzogliche Hof- und Landesbibliothek in Carlsruhe, Oberhausen 1875; Das Tonsystem und die Tonarten des christlichen Abendlandes im Mittelalter, Leipzig 1881; Die Reichenauer Sängerschule, Bd. 1 und 2, Karlsruhe 1883-88; Bildnisse zur Geschichte des badischen Fürstenhauses, ebda 1885; Psalterium. Bibliographischer Versuch über die liturgischen Bücher des christlichen Abendlandes, Berlin 1887 (Sammlung bibliothekswissenschaftlicher Arbeiten 1); Das badische Wappen auf Münzen und Medaillen, Karlsruhe 1889; Geschichte und Bestand der Sammlung, Karlsruhe 1891 (Die Handschriften der Großherzoglichen Hof- und Landesbibliothek in Karlsruhe 1); Des Raimundus Lullus Leben und Werke in Bildern des 14. Jahrhunderts, 12 Lichtdrucktafeln mit Erklärungen, Karlsruhe 1893; Gregorianisch. Bibliographische Lösung der Streitfrage über den Ursprung des Gregorianischen Gesanges, Leipzig 1895 (Sammlung bibliothekswissenschaftlicher Arbeiten 7); Die Karlsruher Handschriften, 1. Karlsruhe 1896 (Die Handschriften der Großherzoglichen Hof- und Landesbibliothek in Karlsruhe 4).
Nachweis: Bildnachweise: Weber a. a. O., gegenüber der Titelseite

Literatur: Ulrich Weber: Wilhelm Brambach und die Reorganisation der Großherzoglichen Hof- und Landesbibliothek in Karlsruhe (1874-1904). Köln 1954. (Arbeiten aus dem Bibliothekar-Lehrinstitut des Landes Nordrhein-Westfalen. 3.). Mit Bibliographie der Schriften von Brambach und über ihn. Dazu Rezension von Karl Preisendanz in ZGO, 104 (1956), 544-548. Krebs, M.: Brambach, NDB, 2, 213. Über Brambach als Musikhistoriker: Heinrich Huschen in: MGG, Bd. 2, Sp. 212 f.
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