Die Interniertenlager für NS-belastete Personen in Württemberg-Baden

Döschen aus Konservenbüchsen, gefertigt im Interniertenlager Ludwigsburg-Oßweil (StAL EL 904 Bü 187)
Döschen aus Konservenbüchsen, gefertigt im Interniertenlager Ludwigsburg-Oßweil (StAL EL 904 Bü 187)

Unmittelbar nach ihrem Einmarsch auf deutsches Territorium im Jahr 1945 begannen die amerikanischen Streitkräfte mit der Verhaftung und Inhaftierung von potenziellen Kriegsverbrechern sowie von weiteren Personen, die als sicherheitsgefährdend eingestuft wurden. Der sogenannte Automatische Arrest betraf alle Personen, die während der NS-Zeit bestimmte Dienstgrade bekleidet oder bestimmte Funktionen ausgeübt hatten. Bis zum Ende des Jahres 1945 wurden so etwa 120 000 Menschen verhaftet und in Bayern, Hessen und Württemberg-Baden in Interniertenlager verbracht, die speziell der Festsetzung mutmaßlicher NS Aktivisten dienten. Diese rigorose Maßnahme entsprang einem verständlichen Sicherheitsbedürfnis der amerikanischen Streitkräfte, die einer subversiv agierenden potenziellen deutschen Untergrundbewegung von vornherein jegliche personelle Grundlage entziehen wollten. Im März 1946 unterhielt die US-Army noch drei Lager in Hessen, elf in Bayern und zehn in Württemberg-Baden. Dort bestanden überdies noch drei Krankenhäuser und zwei Gefängnisse für Internierte. Nachdem im März 1946 mit der Verabschiedung des Gesetzes zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus die Entnazifizierung von den Amerikanern auf deutsche Stellen überging, wurden mit der Zeit in den Ländern der amerikanischen Zone auch die Interniertenlager den neu geschaffenen deutschen Ministerien für politische Befreiung unterstellt. In Württemberg-Baden kamen bis zum Mai 1947 sieben Einrichtungen unter deutsche Verwaltung: die Lager 72 (ehemalige Krabbenlochkaserne), 74 (ehemalige Flakkaserne) und 77 (ehemalige Fromann-Kaserne) in Ludwigsburg das Lager 75 in der ehemaligen Kornwestheimer Ludendorffkaserne, das Lager 76 auf der Festung Hohenasperg, das Interniertenhospital Karlsruhe und das ehemalige amerikanische Kriegsgefangenenlager Heilbronn. Die Lebensumstände für die Häftlinge gestalteten sich dort vor allem in der Anfangszeit durch Überbelegung alles andere als günstig, doch war etwa die Verpflegung vor dem Hintergrund von Ernährungskrise und allgemeiner Mangelwirtschaft in der Nachkriegszeit zuweilen besser als die der hungernden Bevölkerung jenseits des Stacheldrahts. Auch die Unterbringung und die medizinische Versorgung erlangten mit der Zeit ein befriedigendes Niveau. Das Ministerium für politische Befreiung unter Minister Gottlob Kamm stand vor der schwierigen Aufgabe, die Häftlinge mit der gebotenen Strenge zu behandeln, jedoch stets im Einklang mit der neuen demokratischen Ordnung, um einem Opfermythos überzeugter Nationalsozialisten unter den Insassen von vornherein jegliche Grundlage zu entziehen – ein Unterfangen, das insgesamt gelang.

Ein Fehlschlag war indessen der Versuch, die Lagerinsassen einer wirkungsvollen politischen Umerziehung zu unterziehen. Das Befreiungsministerium musste bei der Unterhaltung der Lager seine knappen Ressourcen bei lebenswichtigen Fragen wie der Ernährung und Bekleidung der Gefangenen bis zum Äußersten ausbeuten, sodass ein entsprechendes Betreuungsprogramm nicht oberste Priorität genoss. Zudem waren die Maßnahmen zu unkoordiniert und zu sporadisch, um nachhaltig auf die Gefangenen einwirken zu können. Die große Zahl der Lagerinsassen, im Juli 1947 noch knapp 12 000, verhinderte hinsichtlich der Umerziehung einen notwendigen Konzentrationsprozess. Überdies rächte sich nun, dass in den ersten Wochen nach dem Einmarsch sehr viele Menschen inhaftiert worden waren, von denen etliche sicherlich völlig zu Recht hinter Stacheldraht saßen, viele aber nicht unbedingt mehrere Jahre in Lagern hätten verbringen müssen. Den wirklich fanatischen und verbohrten Nationalsozialisten unter den Lagerinsassen (im Juli 1947 waren etwa die Hälfte der Insassen ehemalige SS-Angehörige, etwa ein Viertel Politische Leiter, zudem SD- und Gestapo Angehörige, Generalstabsoffiziere und sonstige sicherheitsgefährdende Kräfte) wäre allerdings auch durch ein intensiveres Umerziehungsprogramm wohl nur schwerlich beizukommen gewesen.

Die Insassen der Interniertenlager wurden ebenso wie die normale Bevölkerung einem Entnazifizierungsverfahren unterzogen, das vor lagereigenen Spruchkammern abgewickelt wurde. Hinsichtlich der Ergebnisse gerieten auch die Lagerspruchkammern in den Sog der allgemeinen Entwicklung, bei der die Überforderung der Kammern durch die Masse der Fälle und vielfach Unwille der deutschen Seite, die Säuberung gründlich zu betreiben, dazu führten, dass sich auch die Lagerspruchkammern zu "Mitläuferfabriken" entwickelten. Im Dezember 1949 wurde das letzte Interniertenlager in Württemberg-Baden aufgelöst. Die Unterlagen über dieses Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte gelangten ins Hauptstaatsarchiv Stuttgart (Akten des Ministeriums für politische Befreiung) und ins Staatsarchiv Ludwigsburg (Akten der einzelnen Interniertenlager sowie die Interniertenkarteien,mit Informationen über das Schicksal einzelner Inhaftierter auch aus Lagern außerhalb von Baden-Württemberg). Dort stehen sie heute der Forschung zur Verfügung.

Christof Strauss