An den Rand gedrängt - Die Grafschaft Wertheim und ihre Mediatisierung durch Baden

Karte der Grafschaft Wertheim von Johannes Jansson, um 1650 (GLAK H-f/360)
Karte der Grafschaft Wertheim von Johannes Jansson, um 1650 (GLAK H-f/360)

Am Anfang war Napoleon – mitnichten gilt dieses Nipperdeysche Diktum für die Grafschaft Wertheim. Die Napoleonische Flurbereinigung brachte deren Zerschlagung und für ihr Gebiet einen massiven Bedeutungs- und wirtschaftlichen Verlust.
700 Jahre lang lag die Grafschaft nicht nur geographisch in der Mitte des Heiligen Römischen Reiches. Durch die zentrale Verkehrsader Main lag sie am Puls der Zeit und profitierte wirtschaftlich. Politische Bedeutung erlangten die Grafen von Wertheim im Mittelalter durch ihre Königsnähe, gipfelnd in der Stadtrechtsverleihung 1306 durch König Albrecht I. von Habsburg. Es war gelungen, die ungleich mächtigeren bischöflichen Nachbarn Würzburg und Mainz zurückzudrängen und ein relativ geschlossenes Herrschaftsgebiet zu errichten.
Einen ersten Bedeutungsverlust erlebte die Grafschaft mit dem Aussterben der Grafen von Wertheim 1556. In kompliziertem Erbgang und unter erheblichen Gebietsverlusten gelangte sie an die Grafen und späteren Fürsten von Löwenstein. Auch diese findet man in bedeutenden Positionen für Kaiser und Reich, auch wenn ihre finanziellen Möglichkeiten beschränkt blieben.
Dies zeigte sich 1745, als Fürst Carl Thomas von Löwenstein-Wertheim-Rochefort gemeinsam mit Kaiserin Maria Theresia auf dem Weg zur Frankfurter Kaiserkrönung ihres Gemahls Franz Stephan auf dem Main an Wertheim vorbeifuhr. Aus der Rückschau berichtet er von der Reaktion der Kaiserin: Wertheim sihet aus als eine Mörter-Gruben – abscheulich. Hatte es dann hiro geprehnnet? Dies ließ den Fürsten zu einer Notlüge hinreißen: Ich [schamte] mich, ein solche Residenz ihro Majestät und Furstin zu produciren, so sagte ich, ja, es ist [vor] kurz abgeprehnet – nun, der Brand lag schon über 100 Jahre zurück. Dieser Vorfall war ihm Anlass für Vorschläge zur Verschönerung Wertheims, damit – ganz modern – die Passagiere zu Wasser anhalten.
Mit der Mediatisierung der Grafschaft Wertheim 1806 wurde diese Region in jeder Hinsicht an den Rand gedrängt (das oft gehörte badisch Sibirien zeigt es noch heute). Ihr linksmainischer Teil mit der Stadt Wertheim wurde dem gewaltig angewachsenen Großherzogtum Baden zugeschlagen, ihr rechtsmainischer dem Königreich Bayern. Das Bindeglied Main wurde zur Grenze, Handel und Verkehr waren erheblich erschwert.
Neue Hoffnung keimte in der Region mit dem Eisenbahnbau auf. Man hoffte auf eine Streckenführung durch Wertheim, welche die Stadt wieder an die überregionalen Verkehrsströme anschlösse. So gab es hier keinerlei kritische Stimmen gegen den Bahnbau wie andernorts, alles mit Rang und Namen engagierte sich dafür. Doch es kam anders: die Odenwaldstrecke über Osterburken war für Baden vorteilhafter, entsprechendes gilt für die bayrische Spessartbahn – beide führen an Wertheim weit vorbei, es ist lediglich über eine Nebenstrecke angebunden. Mühsam ist es, von Wertheim aus mit der Bahn in die Ferne zu ziehen.
Mit der Autobahn A 3 streift heute jedoch eine vielbefahrene Fernstraße Wertheimer Gebiet. Sie, die Frachtschiffe auf dem Main und schnelles Internet schaffen den Anschluss an die weite Welt. Und wie von Fürst Carl-Thomas gewünscht, halten die Binnen-Kreuzfahrtschiffe am Wertheimer Mainkai.

Monika Schaupp