Italienische Arbeiter bauen die Hohenzollerische Landesbahn

Italienische Wanderarbeiter bei Bauarbeiten am neu errichteten Bahnhof in Gammertingen, um 1900. Quelle LABW (StAS Dep. 44 T 2 Nr. 42)
Italienische Wanderarbeiter bei Bauarbeiten am neu errichteten Bahnhof in Gammertingen,um 1900. Quelle LABW (StAS Dep. 44 T 2 Nr. 42)

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war Hohenzollern in verkehrsmäßiger Hinsicht immer noch Hinterland. Lediglich in seinen südlichen und nordwestlichen Randzonen erreichte die badische und die württembergische Staatseisenbahn die kleine preußische Exklave. So hatten wenigstens die Verwaltungsmittelpunkte in Hechingen und Sigmaringen Zugang zum modernen Verkehrsmittel. Aber die wenigen Großunternehmen, wie das Salzbergwerk Stetten bei Haigerloch und das Hüttenwerk Laucherthal, mussten für den Absatz ihrer Produkte immer noch auf Pferde- und Ochsenfuhrwerke zurückgreifen. Die Textilfabriken waren am Wachstum gehindert, weil der Einzugsbereich für die erforderlichen Arbeitskräfte mangels geeigneter Transportmittel auf das unmittelbare Umland beschränkt blieb.

Von der Eisenbahn erhoffte man sich mehr Mobilität und damit wesentliche Impulse für wirtschaftliches Wachstum. Die Gründung der Hohenzollernschen Kleinbahngesellschaft am 5. Juli 1899 ebnete schließlich den Weg. Der Ausbau der ersten Stichstrecken, die das Land an das württembergische Eisenbahnnetz anschlossen, kam dann auch zügig voran. Bereits im März 1900 konnte die 5,6 Kilometer lange Strecke von Sigmaringendorf über Laucherthal nach Bingen eröffnet werden. Weitere 47 Kilometer folgten bis November 1901. Im Dezember 1912 schließlich verfügte die inzwischen in Hohenzollerische Landesbahn AG umbenannte Kleinbahngesellschaft über ein Liniennetz von insgesamt 107 Kilometern, das in weiser Voraussicht als Normalspurbahn erbaut worden war und wohl nur deshalb auch heute noch Bestand hat.

Wesentlichen Anteil am Bau der neuen Bahnlinien hatten Arbeiter aus Italien. Ausländische Wander- und Saisonarbeiter waren im Deutschland des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts ein vielerorts vertrautes Phänomen. Landwirtschaft, Industrie und Baugewerbe mussten wegen der Arbeiter- und Leutenot oftmals auf die hochmobilen ausländischen Arbeitskräfte zurückgreifen. So auch im preußischen Oberamt Sigmaringen, wo man Schweißer und Walzer aus der Schweiz, Landarbeiter aus Russisch-Polen und Ungarn oder Maurer aus Italien beschäftigte. Schon für den Bau der 1890 fertiggestellten württembergischen Donautalbahn zwischen Inzigkofen und Tuttlingen waren zahlreiche Erdarbeiter aus Italien in die Region gekommen. Der Bau der Landesbahn sollte dann nochmals für eine größere Einwanderungswelle sorgen. 1908, während der Gleisarbeiten auf dem Streckenabschnitt BurladingenGammertingen–Hanfertal/Sigmaringen, waren knapp 1000 Italiener allein im Oberamt Sigmaringen ausländerpolizeilich erfasst. Viele von ihnen stammten aus der Emilia-Romagna, aus Venetien und dem Friaul.

So sehr die meist jungen Männer als Arbeitskräfte benötigt wurden, so misstrauisch wurden sie von den Behörden beobachtet. Die Überwachung der ausländischen Wanderarbeiter durch das Oberamt war im sicherheitspolizeilichen Bereich zwischen Gefangenentransportwesen, Ausweisungen und entlassenen Strafgefangenen angesiedelt. Besonderen Wert hatte man auf Weisung des preußischen Innenministeriums darauf zu legen, dass die alljährliche rechtzeitige Wiederabschiebung der ausländischen Arbeiter, auf welche aus nationalen Gründen das größte Gewicht gelegt werden muss, ohne Schwierigkeiten durchgeführt werden konnte. Abgeschoben werden mussten die Wanderarbeiter allerdings nicht. Im Spätherbst kehrten sie in der Regel in ihre Heimat zurück, um im nächsten Frühjahr wieder auf neue Baustellen zu ziehen, wo sie dringend benötigt wurden. Mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs brach diese Form der horizontalen Mobilität jedoch abrupt ab, und aus den Wanderarbeitern wurden Soldaten.

Franz-Josef Ziwes

Quelle: Archivnachrichten 40 (2010), S.22.