Stuttgart als badisches Heiratsgut

Grabmal Graf Ulrichs I. von Württemberg (ca.1226-1265) und seiner zweiten Gemahlin Agnes von Liegnitz (gest. 1265), Stiftskirche Stuttgart. Quelle LMZ BW
Grabmal Graf Ulrichs I. von Württemberg (ca.1226-1265) und seiner zweiten Gemahlin Agnes von Liegnitz (gest. 1265), Stiftskirche Stuttgart. Quelle LMZ BW

Spätestens seit den Forschungen von Hansmartin Decker-Hauff ist bekannt, dass Stuttgart, die heutige Landeshauptstadt von Baden-Württemberg, eine badische Frühgeschichte hat: Im frühen 13. Jahrhundert entwickelte sich Stuttgart, gefördert von den Markgrafen von Baden, zur Stadt. Damals wurden hier eine mächtige Wasserburg als markgräfliche Residenz sowie benachbart dazu eine repräsentative Kirche angelegt – die Vorgängerbauten des heutigen Alten Schlosses und der späteren Stiftskirche.

Stuttgart war nun, wie eine ganze Reihe weiterer badischer Städte am mittleren Neckar, ein wesentlicher Baustein im werdenden Territorium der Markgrafen. Von den Grafen von Württemberg, die auf der nahen Burg Wirtemberg (dem heutigen Rotenberg bei Untertürkheim) residierten und ihre Herrschaftspolitik damals ebenfalls in diesem Raum betrieben, werden Bezüge zu Stuttgart erstmals in einer prächtigen Pergamenturkunde aus dem Jahr 1259 offenbar: Mit dieser Urkunde befreien Graf Ulrich I. von Württemberg und seine Gattin Mathilde die Nonnen des Klosters Pfullingen von allen Steuern und Abgaben, die sie von ihren Weingärten in Stuttgart leisten müssen. Bemerkenswerterweise stimmt Markgraf Rudolf von Baden, Mathildes Bruder, der Abgabenbefreiung ausdrücklich zu. Damit gilt die Urkunde als zentrales Zeugnis für die Herrschaftsrechte der Markgrafen von Baden über Stuttgarter Grund und Boden und bietet die Grundlage für die herrschende Forschungsmeinung, dass Stuttgart als Heiratsgut der Mathilde von Baden in die (vor 1251 geschlossene) Ehe mit Ulrich von Württemberg eingebracht wurde, die Oberrechte aber noch bei ihrer badischen Familie lagen. Stuttgart ist also erst um die Mitte des 13. Jahrhunderts württembergisch geworden; seine Entwicklung zur Stadt war damals bereits weit vorangeschritten und sollte von den Grafen von Württemberg in den folgenden Jahrhunderten noch wesentlich gefördert werden.

Als Beglaubigungsmittel findet sich an der Urkunde neben den Siegeln Graf Ulrichs von Württemberg und Markgraf Rudolfs von Baden auch das Siegel der Mutter von Rudolf und Mathilde, der Markgräfinwitwe Irmgard. Es zeigt die Gräfin im Damensitz auf einem schreitenden Pferd, einen Falken auf dem linken Arm: eines der selten überlieferten frühen Damensiegel, das auch für die Prominenz der Gräfin Irmgard spricht – sie entstammte dem Haus der Pfalzgrafen bei Rhein –, ebenso wie für ihre persönliche Beteiligung an diesem Rechtsgeschäft, die freilich nicht mehr genauer zu fassen ist.

Die Frühgeschichte der Stadt Stuttgart, die mit diesem Zeugnis erstmals eingehender beleuchtet wird und herrschaftsgeschichtlich eingeordnet werden kann, spiegelt sich hier im prominenten Beziehungsgeflecht der südwestdeutschen Territorialgeschichte. Gleichzeitig markiert unser Dokument den beginnenden Rückzug der Markgrafen von Baden aus dem mittleren Neckarraum nach Westen. Hier sollten sich nun die Grafen von Württemberg etablieren und in zunehmender Konkurrenz mit den Badenern die nachfolgende Geschichte des deutschen Südwestens dominieren.

Die Urkunde befindet sich im Archivalienbestand des Klosters Pfullingen im Hauptstaatsarchiv Stuttgart. Sie wurde im Wirtembergischen Urkundenbuch Bd. 5, S. 286 f., gedruckt und ist unter www.wubonline.de auch digital präsentiert.

Peter Rückert

Quelle: Archivnachrichten 43 (2011), S.7.