Bemalte Ablassurkunden: Ein prächtiger Beitrag zum Seelenheil

Ablassbrief von zwölf Erzbischöfen und Bischöfen für das Kloster der Apostel Petrus und Paulus und des Heiligen Aurelius in Hirsau von 1347. Vorlage: Landesarchiv HStAS H 52 U 15
Ablassbrief von zwölf Erzbischöfen und Bischöfen für das Kloster der Apostel Petrus und Paulus und des Heiligen Aurelius in Hirsau von1347. Quelle:Landesarchiv HStASH52 U15.

Nur selten weisen mittelalterliche Urkunden farbige Verzierungen und Bemalungen auf. Sie sind das gesamte Mittelalter hinweg meist auf Pergament, also Tierhaut, geschrieben, und ihr rechtsverbindlicher Text steht dabei stets im Mittelpunkt. Doch erscheinen unter den urkundlichen Schriftzeugnissen in den Archiven auch außergewöhnliche Überlieferungsgruppen, die Farbe zeigen, wie etwa Wappenbriefe oder besondere Ablassurkunden.

Das Hauptstaatsarchiv Stuttgart verwahrt einen Sammlungsbestand von 37 illuminierten Urkunden aus dem 14. bis 18. Jahrhundert, der vor allem aus Ablassbriefen unterschiedlicher Provenienz besteht (Bestand H 52). Das wesentliche Kriterium für seine bereits 1940 erfolgte Zusammenstellung bildete die außergewöhnliche Farbenpracht der Urkunden. Hier finden sich zunächst zahlreiche Sammelindulgenzen – Ablassurkunden, die von mehreren kirchlichen Würdenträgern, Bischöfen oder Kardinälen, ausgestellt wurden. Gerade die päpstliche Kanzlei in Avignon, die dort während des Schismas im 14. Jahrhundert besonders profiliert wurde, hat diese kostbaren Zeugnisse ihrer Schreibkunst nahezu massenhaft produziert. Etwa 20 Sammelindulgenzen aus dem frühen 14. Jahrhundert sind im Stuttgarter Bestand zusammengeführt. Sie verweisen nicht nur in ihrer äußeren Form, in Textlayout, Schrift und Diktat auf die Kanzleinormen in Avignon, sie zeichnen sich vor allem durch die künstlerische Qualität ihrer bildlichen Gestaltung aus. Diese konzentriert sich zunächst auf die Anfangsinitialen der Texte bzw. die erste Textzeile: Hier werden in der Regel die Heiligen der Kirchen, Klöster oder Stifte dargestellt, welche die Ablassurkunden empfangen sollten. Neben Christus und der Muttergottes finden sich die Kirchenheiligen meist in ganzer Figur mit ihren ikonographischen Erkennungszeichen wieder, manchmal auch umgeben von weiteren einschlägigen Heiligengestalten.

Im Einzelfall treten sogar die Gläubigen im Bild auf, welche die Ausstellung der Ablassbriefe veranlassten, wie etwa der Pfarrer Bertold von Unlingen (bei Biberach). Er wendet sich bittend an die Heilige Katharina als Patronin seiner Pfarrkirche mit einem Spruchband in Händen: Bertoldus rector eccl[es]ie in Vnling.

Die prächtigen, großformatigen Ablassurkunden, die den Gläubigen für ihre guten Werke Verminderung ihrer Sündenstrafen versprachen, waren – teuer bezahlte – Schauobjekte: Sie wurden auf den Altar gelegt, gezeigt und vorgetragen. Damit übernahmen sie gleichsam liturgische Funktion, welche gleichzeitig die Spendeneinnahmen für die Kirche erhöhen sollte.

Die äußere Wirkung der Ablassbriefe auf die Zeitgenossen muss beeindruckend gewesen sein: Die großen Pergamente, leuchtend und kunstvoll bemalt mit den örtlichen Heiligen, beglaubigt von zahlreichen Bischöfen mit einer ganzen Reihe von Wachssiegeln, regten die Einkünfte oft deutlich an, wie damit verbundene Baumaßnahmen an Kirchen zeigen. Gerade ihre Bildsprache und Symbolik will neu entdeckt werden und bietet einen unmittelbaren Zugang zur Glaubenswelt und Farbenpracht des Mittelalters.

  • Das Online-Findbuch zeigt die Bilder der einzelnen Urkunden und erlaubt einen schnellen und umfassenden Zugriff: 

Peter Rückert

Quelle: Archivnachrichten 47 (2013), S. 6-7.