Standhaft im Nationalsozialismus: Der Wertheimer Stadtpfarrer Bär

Bericht im Brennspiegel der Zeitschrift Die Volksjugend vom 8. Juli 1935. Quelle: Landesarchiv BW StAWt-S N 20, Nr. 5
Bericht im „Brennspiegel“ der Zeitschrift „Die Volksjugend“ vom 8. Juli 1935. Quelle: Landesarchiv BW, StAWt-S N 20, Nr. 5

 

Nein! Soll ich Feigling sein! In dieser knappen handschriftlichen Notiz ist die Empörung bis heute zu spüren. Mit ihr lehnte es der Wertheimer Stadtpfarrer Karl Bär kategorisch ab, die Anfeindungen gegen ihn durch eine Versetzung zu beenden. Diese Lösung hatte ihm das Erzbischöfliche Ordinariat in Freiburg am 12. Juni 1934 vorgeschlagen. Wie war es dazu gekommen?

Als offener Kritiker des Hitler-Regimes prangerte Pfarrer Bär in seinen Predigten die NSDAP an und rief zum Einkauf in den boykottierten jüdischen Geschäften auf. Mit seinen jüdischen Mitbürgern pflegte er weiterhin einen normalen Umgang, den Hitlergruß verweigerte er. Obwohl er aufgrund seines langjährigen seelsorgerischen und sozialen Engagements in der Stadtbevölkerung hoch geachtet war, führte dies während des Dritten Reiches zu zahlreichen Anfeindungen. Mehrfach versuchte das Erzbistum Freiburg daraufhin, Stadtpfarrer Bär zu einem Wechsel der Pfarrstelle zu bewegen – stets vergeblich. So erklärte das Erzbischöfliche Ordinariat am 3. Dezember 1934 – nach Eingang der Stellungnahme Pfarrer Bärs und eines Protestschreibens von Vertretern der Kirchengemeinde gegen eine Versetzung: Wir haben daher keine Veranlassung auf Herrn Stadtpfarrer Bär [...] einzuwirken, sich um eine andere Seelsorgestelle zu bemühen. Doch auch bei weiteren Vorfällen erfuhr Pfarrer Bär wenig Rückhalt aus Freiburg. Nach heftigen Auseinandersetzungen in Wertheim wurde er schließlich Ende 1939 in den vorzeitigen Ruhestand versetzt.

Karl Bär kam ursprünglich aus Freiburg im Breisgau. Dort wurde er am 30. Dezember 1880 als Sohn eines Fabrikarbeiters geboren und am 5. Juli 1905 zum Priester geweiht. Nach mehreren Stationen als Kaplan und Pfarrverweser kam er schließlich 1913 nach Wertheim, wo er 1915 als Pfarrer an der katholischen Stadtkirche St. Venantius investiert wurde.

Wohl aufgrund seiner Sozialisation im Arbeitermilieu widmete sich Pfarrer Bär zeitlebens auch zahlreichen sozialen Aufgaben und engagierte sich politisch. Er gründete u.a. den Krankenverein und Katholischen Gesellenverein Wertheim und trat in den Bund Neudeutschland ein. Seit 1905 war er Mitglied der katholischen Zentrumspartei, in deren Wertheimer Ortsgruppe er den Vorsitz übernahm. Ab Februar 1916 betreute er als amtlich bestellter Flüchtlingskommissar etwa 300 evakuierte Elsässer im Amtsbezirk Wertheim und angrenzenden Gebieten des Amtsbezirks Tauberbischofsheim.

Auch nach seiner Versetzung in den Ruhestand engagierte sich Pfarrer Bär trotz aller Anfeindungen und Kritik als Seelsorgevertreter, sozial und politisch. Ab 1945 betreute er die zahlreichen Kriegsgefangenen und Heimatvertriebenen in Wertheim. In Anerkennung seiner seelsorgerischen, staatsbürgerlichen und menschlichen Verdienste verlieh ihm die Stadt Wertheim 1960 die Ehrenbürgerwürde. Nach längerer Krankheit verstarb er am 22. August 1968.

 Monika Schaupp

Quelle: Archivnachrichten  50 (2015), S.22-23.