Fürstliches Schmausen bei gräflicher Hochzeit

Epitaph für Graf Eberhard von Hohenlohe (1535-1570) und seine Gemahlin Agatha von Tübingen (1533-1609) in der Stiftskirche in Öhringen, Quelle: LMZ BW
Epitaph für Graf Eberhard von Hohenlohe (1535-1570) und seine Gemahlin Agatha von Tübingen (1533-1609) in der Stiftskirche in Öhringen, Quelle: LMZ BW

Am 9. September 1555 begann auf Schloss Waldenburg ein rauschendes Fest. Fünf Tage lang wurde die Vermählung des jungen Grafen Eberhard von Hohenlohe mit Pfalzgräfin Agatha von Tübingen-Lichteneck gefeiert. Nur wenige Kilometer entfernt, im Hohenlohe- Zentralarchiv in Neuenstein, haben sich ausführliche Unterlagen zu diesem Gesellschafts-Event der Renaissance erhalten. Im Bestand (HZAN Wa 155 Kanzlei Waldenburg 1555 bis 1615) finden sich neben Rechnungen und Anweisungen für die höfischen Dienstboten die Speisenfolgen der neun Festbankette. Ein echter Augenschmaus für Archiv-Gourmets!

Schon die schiere Masse beeindruckt: Fünf Tage, neun Banketts mit fünf bis sieben Gängen, die sich wiederum aus drei bis vier Einzelgerichten zusammensetzten. Im Ganzen wurden 53 Gänge oder 176 einzelne Gerichte serviert – zumindest an den Tafeln der gräflichen Personen. Ganz im Sinne der Ständepyramide bekamen die Edelleute etwas weniger aufgetischt. Auf der nächsten Stufe folgten die Schultheißen und Vögte, dann die übrigen Bediensteten, die am Haupttag immerhin noch zehn Speisen, verteilt auf drei Gänge, erhielten. Das niedere Gesinde schließlich sollte nach zimlicher Notturfft versorgt werden und durfte sich an den Resten der Großkopferten gütlich tun.

Die meisten Menüs begannen mit einer Brotsuppe und endeten mit Obst, Nüssen und dem Käse, der bekanntlich den Magen schließt. Dazwischen herrschte bunte Vielfalt, die auch das Kombinieren salziger und süßer Speisen nicht scheute. Unter anderem wurden Hasenpastete, Hecht im Speck, Spanferkelsülze, Marzipan und gebratene Zunge gereicht. Unter den Fleischgerichten dominierten Rind und Wildbret. Geflügel, vor allem Hühner, aber auch Gänse, Enten und Wildvögel, wurden in großen Mengen verzehrt.

An Fisch kamen Barben, Karpfen, Grundeln, Forellen, Aale, Hechte, Lachse und Karpfen auf den Tisch, daneben auch Hunderte von Krebsen. Die Unterlagen belegen, dass der größte Teil der Fische im Umland gefangen, lebendig nach Waldenburg transportiert und dort in verschiedene Teiche eingesetzt wurde, um bei Bedarf abgefischt zu werden. Das Verfahren löste das Problem der kurzen Haltbarkeitsdauer. Zu den kostspieligsten Gaumenfreuden gehörten Reis, Zitrusfrüchte, Kapern, Pfeffer und Hausenblase. Die getrocknete Schwimmblase des Hausen (bekannter als Beluga-Stör) diente seinerzeit als Geliermittel zur Bereitung von Sülzen. Der wertvolle Zucker wurde offenbar nur in geringen Mengen verzehrt. Zwar wurden zum Schlaftrunk, quasi als Betthupferl, verschiedene Süßigkeiten kredenzt, unter denen vor allem der Confekt Zucker ins Auge sticht. Die erhaltenen Rechnungen legen die Vermutung nahe, dass die preisbewussten Hohenloher bei anderen Naschereien auf den heimischen Honig setzten, etwa wenn sie Quitten, Mispeln, Sauerkirschen, Birnen, Johannisbeeren und Pomeranzenschalen einlegten.

Dass die fränkische Wirtschaftlichkeit der schwäbischen nicht nachstehen muss, zeigt sich zuletzt auch beim Umgang mit den Weinen, mit denen die 176 Gerichte die Kehle hinuntergespült wurden. Nebst zwei Hausweinen wurden zehn sogenannte Ehrenweine ausgeschenkt, darunter verschiedene Frucht- und Kräuterweine, ein Malvasier und edle Tropfen aus der Region. Wein, der bei Tisch übriggeblieben war, sollte, laut einer Dieneranweisung, in den Keller gebracht und in einem bereitgestellten Fass gesammelt werden, darmit man In wider mit Nutz anwend[en] mag. Der Geschmack dieser pragmatischen Cuvée des Jahres 1555 ist leider nicht überliefert.

 Jan Wiechert

Quelle: Archivnachrichten 53 (2016), S.10-11.