Maschinenfabrik Esslingen

Bild: Lokomotive Heidelberg aus der Maschinenfabrik Esslingen
Lokomotive Heidelberg aus der Maschinenfabrik Esslingen (Quelle: LMZ)
Mit der Gründung der Württembergischen Staatsbahn (Gesetz vom 18. April 1843) wurde eine Forderung der Königlichen Eisenbahnkommission von 1830, dass Lokomotiven und Eisenbahnwagen in einer im Land ansässigen, privat agierenden Fabrik gebaut werden sollten, wieder aktuell. Während dazu das Bankhaus Doertenbach eine Aktiengesellschaft mit 300 000 fl. Privatkapital und 200 000 fl. Staatsdarlehen ins Leben rief, trat die Stadt Esslingen 1844 die Pliensaumühle am Neckar samt zugehörigem Areal unentgeltlich ab. Die unternehmerische Leitung übertrug man dem in Baden-Baden geborenen Emil Keßler (1813–67), der seit 1841 eine Lokomotivfabrik in Karlsruhe betrieb. Der Grundstein zur Maschinenfabrik Esslingen (ME) wurde am 4. Mai 1846 gelegt und bereits im April 1847 konnte der erste Personenwagen für die junge Württembergische Staatsbahn, am 8. Oktober die erste Esslinger Lokomotive ausgeliefert werden. In den frühen Jahren waren 468 Arbeiter und 32 Angestellte beschäftigt. Zum besonderen Erfolg wurde der Lokomotivtyp Alb für die Geislinger Steige (1849), der rechtzeitig für die 1850 fertig gestellte Württemberger Hauptlinie Heilbronn-Friedrichshafen zur Verfügung stand. Er festigte den Export Esslinger Loks ins europäische Ausland (ab 1848), nach Österreich, Böhmen, Galizien, die Schweiz, Italien, Russland, Dänemark, später auch nach Übersee (Türkei, Indien, Indonesien, Transvaal, Brasilien und Chile). Eine Spezialität wurden Zahnradlokomotiven, die sowohl auf den Strecken Stuttgart-Degerloch (1884) und Reutlingen-Kleinengstingen (1893), aber auch auf Sumatra, Java und in den Anden verkehrten.

1908–11 erfolgte die Verlegung der Maschinenfabrik mit komplettem Werksneubau und Konzentration aller Fertigungen nach Mettingen auf die Unteren Neckarwiesen, welche wiederum die Stadt Esslingen verbilligt abgegeben hatten. Nur der elektrotechnische Bereich blieb in Cannstatt, er wurde 1928 an die AEG verkauft. Daraus resultierte eine maßgebliche Beteiligung der ME am Bau der elektrischen Triebwagen für die Stuttgarter Nahverkehrsstrecken der Reichsbahn. Die ME fertigte auch die Stuttgarter Straßenbahnen, von den Wagen der Pferdebahn Stuttgart-Berg 1868 über die ersten elektrischen Wagen bis zu den Gelenktriebwagen von 1965, die auch in Freiburg (Br.) und Neunkirchen (Saar) eingesetzt waren. Aus einer Beteiligung der Gutehoffnungshütte (GHH), Oberhausen, an der ME und an der Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg nach 1919 folgte eine Zusammenarbeit in der Diesellokomotiv- und Triebwagenentwicklung, der 1949 einen vierachsigen Dieseltriebwagen (Esslinger Triebwagen) hervorbrachte, der jahrzehntelang als wirtschaftliche Alternative zu lokbespannten Zügen von zahlreichen Privateisenbahnen eingesetzt wurde.

Trotz fortwährender Schwankungen der Auftragslage und der Belegschaftszahlen war die ME bis 1963 ein erfolgreiches Unternehmen mit festem, in ihrer Firma stark verwurzeltem Mitarbeiterstamm. Der abnehmende Schienenfahrzeugbau brachte das Ende, als am 21. Oktober 1965 die letzte Esslinger Lokomotive an die Indonesische Staatsbahn geliefert wurde. Damals ging auch die Aktienmehrheit der ME von der GHH an die Daimler-Benz AG über, die zudem bis 1968 die Nutzung des gesamten Werksgeländes schrittweise übernahm. Die ME ist heute nur noch Verpachtungsgesellschaft.

Karl Gaertner

Veröffentlicht in: Der Landkreis Esslingen. Hg. v. der Landesarchivdirektion Baden-Württemberg in Verbindung mit dem Landkreis Esslingen (Kreisbeschreibungen des Landes Baden-Württemberg). Ostfildern 2009, Bd. 1, S. 151.