Mensch und Umwelt

Neue Großterrassen im Kaiserstuhl bei Bickensohl, Gemeinde Vogtsburg im Kaiserstuhl, 1973. Quelle LABW (StAF W 134 Nr. 093446 a)
Neue Großterrassen im Kaiserstuhl bei Bickensohl, Gemeinde Vogtsburg im Kaiserstuhl, 1973. Quelle LABW (StAF W 134 Nr. 093446 a)

Von Anfang an hatte das Handeln des Menschen Auswirkungen auf seine natürliche Umwelt. Die oft erörterte Frage, ob er am Aussterben eiszeitlicher Großtierarten wie Mammut, Wollnashorn et cetera beteiligt war oder es gar verursacht hat, muss aber wohl eher negativ beantwortet werden. Vielmehr dürfte die nacheiszeitliche Erwärmung und die damit einhergehende Ausdehnung der Waldgebiete das an Grasland gebundene Nahrungsangebot dieser Säuger zunehmend zum Verschwinden gebracht haben. Ganz handfest zeigen sich allerdings die Einwirkungen des Menschen auf die Natur seit der neolithischen Revolution, seit dem Aufkommen des Ackerbaus. Die einsetzende Rodetätigkeit im weitgehend bewaldeten Mitteleuropa – anfangs auf leichten, kalkreichen Böden – legte die Grundlage zum heute noch bestehenden vegetationsgeografischen Unterschied zwischen Alt- und Jungsiedelland. Auch der heutige Nutzpflanzen- und Haustierbestand, der sich ja erst durch generationenlange Zucht so bildete, zeigt die Nachhaltigkeit menschlicher Umweltveränderungen genauso wie das Fehlen von Bär, Wolf, Luchs und Wildkatze in den Wäldern Mitteleuropas. Erst neuerdings wird versucht, ihre Dezimierung oder gezielte Ausrottung durch Neuauswilderung zu korrigieren und umzukehren.

Mit wachsender Bevölkerung und steigendem technischem Fortschritt wurden diese Auswirkungen immer gravierender. So kann man sich heute kaum mehr vorstellen, welche landschaftlichen Folgen die intensive Nutzung der Wälder in vorindustrieller Zeit gerade in Südwestdeutschland hatte. Der Wald war damals
zentraler Rohstofflieferant für Bau- und Brennholz, die Basis für die Köhlerei und Glasbläserei und diente vor allem als Weideareal.

Als Folge davon waren Ende des 18. Jahrhunderts etwa der Schwarzwald oder gar der Schönbuch weitgehend von niedrigem Buschgehölz bedeckt. Nur an schwer zugänglichen Stellen oder auf besonders geschützten Arealen blieben Inseln des Hochwalds erhalten. Erst seit 1830 erfolgte die systematische Wiederaufforstung, die etwa um 1900 zum Abschluss kam. Dass diese Aktion im Unterschied etwa zum mediterranen Raum gelang, lag weniger am menschlichen Können als an den besseren klimatischen Voraussetzungen. Freilich unterschied sich jetzt die Baumartengesellschaft deutlich von der ursprünglichen, da bei der Aufforstung rasch wachsende und ökonomisch besser verwertbare Baumarten wie die Fichte bevorzugt wurden. Die ursprünglichen Laubmischwälder der Mittelgebirge wandelten sich so zu den Hauptstandorten von Nadelhölzern. Erst dadurch wurde der Schwarzwald weitflächig zum dunklen, schwarzen Wald.

Freilich wurde die Trendwende maßgeblich durch veränderte Techniken unterstützt, wie der Stallfütterung, dem Aufkommen der Steinkohle als Energiequelle oder – dank besserer Transportmöglichkeiten – der Verwendung von Natur- und Ziegelstein beim Gebäudebau. Dies nahm den Druck vom Wald. Auch ist schonende Waldnutzung nicht unbedingt negativ zu werten. So sind die Wachholderheiden etwa auf der Schwäbischen Alb ständiger Schafbeweidung zu verdanken, wobei sie sich gegenüber der natürlichen Waldvegetation durch eine hohe botanische Artenvielfalt auszeichnen. Daneben ist der landschaftliche
Reiz solcher Offenflächen unbestritten.

Tiefe Eingriffe in die Natur erfolgten meist, um Gefahren zu reduzieren oder die menschliche Lebenssituation zu verbessern. Ironischerweise wurden Erfolge oft durch neue, andere Umweltschwierigkeiten erkauft, wie bei der seit 1810 einsetzenden Korrektion des Oberrheins. Ziel war es damals, die oft verheerenden Erosionsschäden des stark verästelten, in einer weiten Talaue mäandrierenden Stroms einzudämmen. Der Ingenieur Johann Gottfried Tulla konnte dies durch Kanalisierung und Begradigung des Stroms erreichen, wodurch auch die häufig zu Brutstätten von Krankheiten werdenden schwach durchströmten Seitenarme des Flusses trocken fielen und zusätzliche landwirtschaftliche Nutzfläche gewonnen wurde. Schließlich ließ sich durch den nun einheitlichen Wasserlauf die Rheinschifffahrt verbessern und die Grenzlinie zu Frankreich eindeutig festschreiben. Wohl nicht vorhersehbar war die damit einhergehende wesentlich stärkere Tiefenerosion, die nicht nur den Grundwasserspiegel der Umgebung allmählich absenkte, sondern auch zur jetzt bedrohlichen Ausformung der Isteiner Schwellen führte. Letztere waren ein Grund zum Bau des Rheinseitenkanals auf französischer Seite seit 1928, der den Schiffsverkehr sichern und das Rheinwasser zur Stromerzeugung nutzen sollte.
Die Wasserkraftwerke mit Schleusenstufen bremsten zudem die Strömungskraft. Doch wirkte sich der nach unten abgedichtete Kanal extrem negativ auf das Grundwasser aus. Immer stärker trat entlang des Rheins die Wipfeldürre auf, weil die Baumkronen von der Spitze her wegen zunehmend schlechterer Wasserversorgung ausdörrten. Erst die seit den 1950er-Jahren vertraglich vereinbarte Schlingenlösung brachte eine Linderung. Sie erlaubt dem Strom, aus dem Rheinseitenkanal immer wieder in sein altes Bett zurückzukehren. Weitere Kulturwehre und die Staustufen mussten auch hierbei zur Reduktion der Erosionskraft beitragen. Dennoch ist es unterhalb der letzten Stufe Iffezheim notwendig, gegen die Sohlenerosion regelmäßig und kostenträchtig Geschiebe zuzuführen.

Ökonomische Gründe verführten dazu, die Landschaft am Kaiserstuhl in großem Stil umzugestalten. Seit den 1950er-Jahren begann man, die ursprünglich kleinteiligen Rebterrassen zusammenzulegen, bis man in den 1970er-Jahren dazu überging, die Bereinigung auf große, im Vergleich zu früher gigantische Flächen auszudehnen. So ließ sich der Zeitaufwand für die Rebbearbeitung nahezu um die Hälfte reduzieren. Um einer vorhersehbaren überstarken Bodenabtragung vorzubeugen, wurden die Terrassenflächen anfangs gegen den Hang geneigt. Doch konnte damit die Kaltluft nicht mehr abfließen, sodass die Reben im Winter erfroren. Änderungen in der Neigungsrichtung korrigierten dies, freilich unter Inkaufnahme einer nicht unerheblichen Bodenabschwemmung vor allem nach längeren Niederschlagsperioden. Zu den Schönheitsfehlern der Großterrassen zählt auch, dass die Sonnenstrahlungsbilanz gegenüber den Altstandorten bisweilen geringer ausfällt und daher der Öchslegrad mancher Weine niedriger bleibt. Mit einem die Monokultur betonenden Landschaftsbild scheint man sich dagegen abgefunden zu haben.

Wie unerbittlich die Natur Fehlgriffe ahndet, erfährt gerade die Stadt Staufen im Breisgau. Sie wollte für ihr Rathaus die Geothermik als Energie- und Wärmequelle nutzen. Zum Anzapfen des im Oberrheingraben leicht zugänglichen, stark aufgeheizten Tiefenwassers musste eine Gipskeuperschicht durchbohrt werden, mit der das Wasser versehentlich direkt in Verbindung kam. Das Anhydrit quoll auf, und unter der Altstadt begann sich die Oberfläche ungleich zu heben, wodurch bereits viele Häuser einsturzgefährdet beschädigt wurden. Ein Ende dieses Spuks ist derzeit noch nicht zu sehen. Die negativen Folgen unseres stürmischen Siedlungswachstums auf die Umwelt werden ebenfalls erst in Ansätzen erahnt. Selbst bei stagnierender Bevölkerung ist mit einer Ausdehnung der Verdichtungsräume in Baden-Württemberg und weiterem Flächenverbrauch zu rechnen. Hier gegenzusteuern dürfte äußerst schwierig werden, weil dazu lang praktizierte und zur Norm gewordene Wohnbedürfnisse grundsätzlich infrage gestellt werden müssen.

 Jörg-Wolfram Schindler

Quelle: Archivnachrichten 42 (2011), S. 4-5.