Neuorganisation und Aufschwung des Schulwesens in der Grafschaft Wertheim durch die Reformation

Die Kilianskapelle liegt direkt in der Stadtmitte. Rechts im Bild die Stiftskirche, oben die Wertheimer Burg. Vorlage: Landesarchiv StAWt-S N 70 Ordner 78, 7038/25, Aufnahme: Hans Wehnert
Die Kilianskapelle liegt direkt in der Stadtmitte. Rechts im Bild die Stiftskirche, oben die Wertheimer Burg. Vorlage: Landesarchiv StAWt-S N 70 Ordner 78, 7038/25, Aufnahme: Hans Wehnert

Durch die Reformation nahm das Schulwesen einen erheblichen Aufschwung. Von den Reformatoren und damit in den evangelischen Territorien wurde die Förderung der Bildung früh als wichtiges Mittel erkannt, den persönlichen Glauben zu fördern, aber auch für einen einheitlich ausgebildeten geistlichen Nachwuchs und für qualifiziertes Personal in einer leistungsfähigen Verwaltung zu sorgen.

Doch der Ausbau des Schulwesens war ein mühsamer Prozess, auch in der Grafschaft Wertheim. Bemühungen nach Ideen von Johann Eberlin von Günzburg sind bereits unter Graf Georg, der sich früh der Reformation zuwandte, zu sehen. Luther lobte ihn 1530 für seine vorbildliche Schulpolitik. Leider wissen wir nicht genau, worin diese bestand. Hier gibt der neu zugängliche Nachtragsbestand G-Rep. 102 im Staatsarchiv Wertheim hoffentlich Näheres preis.

Mit dem plötzlichen Tod des 43-jährigen Grafen 1530 gerieten die Durchsetzung der Reformation und damit der Ausbau des Schulwesens ins Stocken. Der deutsche Schulmeister musste häufiger in der Lateinschule aushelfen, was aber auch an einem Mangel an qualifizierten Lehrern lag. Die nun folgende Vormundschaftsregierung führte Gräfinwitwe Barbara geschickt und energisch. Doch erst mit der Neuorganisation der Kirchengüter 1547 gelang eine ausreichende finanzielle Ausstattung. Die Wertheimer Lateinschule wurde nun betont protestantisch eingerichtet und erfuhr einen Aufschwung, ebenso auch die deutsche Schule, die unter obrigkeitliche Kontrolle gestellt wurde. Mitte des 16. Jahrhunderts, unter Graf Michael, stabilisierte sich die Schülerzahl der Lateinschule. Stipendien förderten bis zu fünf Schüler jährlich, allerdings kaum bedürftige Schüler. Eine gezielte Förderung begabter armer Schüler setzte erst später ein.

Auch Graf Michaels Wirken blieb Episode. 1556 starb mit ihm das Grafenhaus Wertheim im Mannesstamm aus, die Regierung übernahm sein Schwiegervater Graf Ludwig von Stolberg-Königstein, ebenfalls ein überzeugter Protestant der ersten Stunde. Zu seiner konsequent evangelisch ausgerichteten Kirchenpolitik gehörte auch ein reglementiertes Bildungswesen. Vor 1564 erließ er eine Schulordnung für die lateinische und die deutsche Schule. Ausführlich geregelt werden die Organisations- und Verwaltungsstrukturen, u. a. werden eine Schulinspektion und halbjährliche Schulvisitationen eingeführt. Wie diese Normen umgesetzt wurden? Konsequent scheint es nicht gelungen zu sein.

Ab 1570 wird die Kilianskapelle für die Lateinschule umgebaut. Die Bauleitung oblag dem ehemaligen Bronnbacher Abt Clemens Leusser, der 1552 in dem Zisterzienserkloster eine Klosterschule errichtet hatte. Seine Erfahrungen konnte er einbringen.

Nach dem Tod Graf Ludwigs 1574 führten die Wirren einer langen Gemeinschaftsregierung auch zu einem erneuten Niedergang des Schulwesens. Eine Erneuerung der Wertheimer Lateinschule unternahm um 1600 Graf Ludwig von Löwenstein. 1604 publizierte er eine Schulordnung, die sich am Vorbild des Straßburger Gymnasiums orientierte. Hier finden sich nun Informationen über den konkreten Lehrplan und die Lehrbücher. Errichtet wird eine vierklassige Lateinschule, ein vierter Lehrer wird eingestellt, eine Disziplinarordnung regelt das Verhalten von Schülern und gleichermaßen Lehrern zur Verhinderung eines nachlässigen Unterrichts. Durch all diese Maßnahmen konnte das Niveau der Lateinschule für einige Jahre gesteigert werden, sodass aus der Wertheimer Schule ein qualifizierter Nachwuchs an Regierungsbeamten und Pfarrern für die Landeskirche rekrutiert werden konnte.

Von den ersten Anfängen einer gezielten Bildungspolitik unter Graf Georg in den 1520er Jahren bis zur Neuorganisation des Bildungswesens Anfang des 17. Jahrhunderts unter Graf Ludwig führte ein mühsamer Weg mit Höhen und Tiefen, der auch in den folgenden Jahrhunderten wechselvoll blieb.

 Monika Schaupp

Quelle: Archivnachrichten 55 (2017), S. 6-7.