Die Wohnküche

Von Frank Lang, Museum der Alltagskultur

Wohnküche der Gayers
Die Wohnküche der Gayers in der virtuellen Rekonstruktion [Quelle: Heiko Stachel]

Sofa, Radio, Bücherregal, Wäscheleine, Kohleherd, Spüle – diese Dinge zeigen, dass die Küche der Familie Gayer ein Ort war, an dem viele verschiedene Aktivitäten stattfanden. Hier – und nicht in der Stube – wurde gewohnt, gearbeitet und sich ausgeruht. Voraussetzung dafür, dass die Küche zur „Wohnküche“ werden konnte, war ihr Umbau. Damit folgten die Gayers einem Trend, der sich in ländlichen Häusern um die Jahrhundertwende vollzog.

Den Anstoß für die Umbauarbeiten gab der Anschluss an das neuinstallierte öffentliche Wasserversorgungsnetz im Januar 1928. Vorher war die Küche sehr viel kleiner gewesen. Der Rauch des Küchenherdes zog durch den alten, auf der Decke aufgesetzten Schornstein nur schlecht ab, sodass zum Lüften oft auch im Winter Haustür und Fenster geöffnet werden mussten. Ein solcher Raum war für längere Aufenthalte oder gar zum Wohnen ungeeignet.

Um das zu ändern, wurde die Wand zur Kammer hin versetzt, ein neuer Kamin eingezogen und die Terrazzospüle unter den neuen Wasserhahn gebaut. Diesen Zustand gibt auch der virtuelle Rundgang wieder.

Am Küchentisch musste nun sehr vieles getan werden. In der Küche wurde nicht mehr nur gekocht, Wäsche gewaschen und das Schweinefutter zubereitet; jetzt wurde dort auch gegessen, gelesen, genäht und geflickt. Die Kinder mussten, sobald sie zur Schule gingen, dort ihre Hausaufgaben machen, und auch der Vater erledigte später alles Schriftliche, das mit seiner Arbeit zusammenhing, an diesem Tisch.

Darüber hinaus war die Küche auch der Ort der Körperhygiene. An der Wand links neben der Tür hing ein Spiegel und der gegenüber liegende Spülstein diente gleichzeitig als Waschbecken. Dort wusch man sich morgens Hände und Gesicht; zum Abtrocknen gab es ein einziges Handtuch für die ganze Familie. Samstags machte ein aufgestellter Blechzuber die Küche zum Badezimmer. Ein WC gab es erst ab 1977 im Haus in der Kammer neben der Küche. Davor führte der Toilettengang hinaus auf den Hof zum Klohäuschen.

 

Zitierhinweis: Frank Lang, Die Wohnküche der Familie Gayer, in: Alltagskultur im Südwesten, URL: […], Stand: 19.11.2020

Der Text stammt im Wesentlichen aus der Publikation „Museum für Volkskultur in Württemberg. Themen und Texte Teil 1. Stuttgart 1989/90“.