Wandschmuck

Von Inka Friesen

Wandschmuck
Innenaufnahme: Innenansicht eines Privathauses, 1901 [Quelle: Badisches Landesmuseum Karlsruhe]

Bei der Familie Gayer hing es und auch in vielen anderen Schlafzimmern: ein Wandbild über dem Kopfteil des Ehebetts mit religiösem Motiv. Bei den Gayers zeigt es „Das heilige Abendmahl“. Solche quer rechteckigen „Schlafzimmerbilder“ waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts bei beiden Konfessionen beliebt. Sie spiegeln eine Entwicklung wider, die bereits im 19. Jahrhundert einsetzt: Bilder werden zu einem wichtigen Bestandteil der Wohndekoration.

Von Bildern umgeben

Haussegen
Haussegen mit Kreuzigungsszene aus dem Hotzenwald, 18./19. Jahrhundert [Quelle: Badisches Landesmuseum Karlsruhe]

Privater Rückzugsort und Lebensmittelpunkt der bürgerlichen Familie: Im 19. Jahrhundert erhielt die Wohnung und mit ihr vor allem das Wohnzimmer eine neue Bedeutung. Mit der Aufwertung des häuslichen Bereichs entstand auch der Wunsch, den Wohnraum auszuschmücken. Unter Glas gerahmte, farbige Druckgrafiken entwickelten sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einem populären Wandschmuck. Neue, preiswerte Drucktechniken wie die Lithografie und die Chromolithografie machten die massenhafte Vervielfältigung von Bildern möglich.

Im städtischen Bürgertum waren Landschafts- und Genredarstellungen gefragte Motive, während in ländlichen Haushalten religiöse Bildthemen dominierten. In katholischen Gebieten im Südwesten schmückten Herz-Jesu-Bilder, Marien- und Heiligendarstellungen die Wände, in protestantisch geprägten Regionen erfreuten sich Christusmotive großer Beliebtheit. Schutzengelbilder und Abendmahlsdarstellungen waren bei beiden Konfessionen verbreitet. Vor allem das sentimentale, heute kitschig anmutende Bildmotiv des Schutzengels wurde in der Öldruckfabrikation ab den 1880er Jahren zum Verkaufsschlager. In vielen Familien hing es über dem Kinderbett oder als Schlafzimmerbild über dem Ehebett, wobei die religiöse Bedeutung nach und nach in den Hintergrund rückte. Daneben ergänzten Haussegen, Wandsprüche und Hinterglasbilder, aber auch Bilder des Kaisers und seiner Familie – in katholischen Gegenden auch des Papstes – den häuslichen Bestand an Wandschmuck.

Druck und Vertrieb der Grafiken übernahmen Verlage wie der „Verlag Ernst Kaufmann“ in Lahr im Schwarzwald oder der „Verlag Carl Hirsch“ in Konstanz, der auch das beliebte christliche Familienblatt „Sonntagsgruß Himmelan“ herausgab. Der Absatz erfolgte über Buchhandlungen und über Prämienbilder in Zeitschriften, auf dem Land meist über Hausierer, die von Tür zu Tür zogen. Bei der breiten Bevölkerung beliebt, galt die billige Massenware in kirchlich-reformerischen Kreisen als „Schund“ und Ausdruck schlechten Geschmacks. Neu gegründete christliche Kunstvereine versuchten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts daher, Einfluss auf den Bildergeschmack zu nehmen und „gute christliche Bilder“ in Schule und Haus zu verbreiten – mit mäßigem Erfolg.

Die Bilderwirklichkeit in den Häusern und Wohnungen war vermutlich alles andere als homogen. Häufig existierte ein Nebeneinander von unterschiedlichsten Genres und Motiven, hing Heiliges neben Profanem, fanden katholische Bilder in evangelische Haushalte Eingang und umgekehrt. Mit dem Bedeutungsverlust der Religiosität in der Mitte des 20. Jahrhunderts und neuen Einrichtungsmoden verschwanden die christlichen Bildwerke aus dem Wohnraum.

Private Erinnerung

Wandkastenbild
Wandkastenbild zum Totengedenken, 1880-1881 [Quelle: Landesmuseum Württemberg]

Im Laufe des 19. Jahrhunderts erweiterte sich das Spektrum der häuslichen Bilderwelten um private Wanderinnerungsbilder: Tauf-, Konfirmations- und Kommunionsscheine, Hochzeitserinnerungen und Bilder gerahmter Trauer, die Wendepunkte im Leben repräsentierten. Eine besondere Form der Totenerinnerung waren Haarbilder. Ihre Verbreitung hing zum einen mit dem veränderten Stellenwert familiärer Bindungen, zum anderen mit der Bedeutung von Haar im Volksglauben zusammen. Aus dem Haar eines verstorbenen Familienangehörigen wurden kunstvolle Bilder gefertigt. Auf diese Weise blieb ein Teil des geliebten Menschen im Haus. Diese Art Wandschmuck fand man im 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20. Jahrhunderts in bürgerlichen, ab 1860 auch in ländlichen Häusern häufig. Zunehmend ergänzten auch wichtig empfundene Ereignisse und Abschnitte des eigenen Lebenswegs wie zum Beispiel die Militärzeit oder bestandene Prüfungen den Wandschmuck.

Das Fotoporträt

Fotoatelier Weiß
Wohnhaus Karl Weiß in Buchen, um 1910 [Quelle: Bezirksmuseum Buchen]

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts verbreitete sich eine weitere Technik, die die Bildproduktion grundlegend veränderte: die Fotografie. Ein neues Handwerk entstand – der Beruf des Fotografen. Mit der Kommerzialisierung der Porträtfotografie wurde das neue Medium erstmals einer breiten Bevölkerungsschicht zugänglich. Immer mehr Menschen konnten sich ihr eigenes Porträt leisten. Die Sammlung des Fotografen Karl Weiß (1876-1956), der von 1894 bis 1938 ein Fotoatelier in Buchen im Odenwald betrieb, zeigt die vielfältige Bandbreite an Porträtaufnahmen: Fotos von Vereinen, Brautpaaren, ganzen Hochzeitsgesellschaften, Familien und Einzelpersonen.

Im Vergleich zu unserer von Bildern überfluteten Gegenwart war der Bestand an privaten Fotos zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch überschaubar. Die Herstellung war – angefangen beim Atelierbesuch bis hin zur Bildbearbeitung – aufwendig und erforderte vom Fotografen viel Geduld und Geschick. Dass Retuschen und Bildmontagen schon damals üblich waren, machen diese beiden Aufnahmen einer Hochzeitsgesellschaft von Karl Weiß deutlich. Er fügte eine offenbar wichtige Person, die am Tag der Hochzeit nicht dabei sein konnte, nachträglich ins Bild ein. Bis in die 1920er Jahre hinein blieb das Fotografieren meist Sache eines ausgebildeten Fotografen. Erst mit der Entwicklung neuer, erschwinglicher Kameras konnte sich die Hobbyfotografie verbreiten.

Die Fotografie und mit ihr das Fotoporträt haben die Erinnerungskultur nachhaltig gewandelt. Mühsam in Handarbeit hergestellte Haarbilder verschwanden, da das Lichtbild im technischen Zeitalter als authentischer empfunden wurde. Mit der Verlagerung der Fotografie hin zum alltäglichen Medium hielten Menschen immer mehr Ereignisse im Leben fotografisch fest. Was sich hingegen nicht geändert hat: Die Fotografie ist früher wie heute ein Mittel der (Selbst-)inszenierung und sozialen Verortung.

Literatur

  • Fischer, Kathrin/Jochimsen, Margarete (Hrsg.), Kastenbilder zum Gedenken an Hochzeit und Tod. Faszination eines vergangenen Brauchs. Münster 2013.
  • Langner, Bruno, Evangelische Bilderwelt. Druckgraphik zwischen 1850 und 1950. Buch zur gleichnamigen Ausstellung des Fränkischen Freilandmuseums in Bad Windsheim vom 25. April bis 9. August 1992 und des Hohenloher Freilandmuseums in Schwäbisch Hall - Wackershofen vom 16. August bis 8. November 1992, Bad Windsheim 1992.
  • Lebensspuren. Alte Erinnerungsbilder. Begleitheft zur gleichnamigen Ausstellung des Ludwig-Uhland-Instituts für empirische Kulturwissenschaft der Universität Tübingen vom 16. November bis 21. Dezember 1980, Tübingen 1980.
  • Museum für Volkskultur in Württemberg, Themen und Texte, Teil 1, Stuttgart 1989/90.

 

Zitierhinweis: Inka Friesen, Wandschmuck, in: Alltagskultur im Südwesten, URL: […], Stand: 08.08.2020