Historische Almanache

Von Matthias Frederic Kick

Die Kunst mit Männern glücklich zu seyn: ein Almanach für das Jahr 1800 nach Göthe, Lafontaine, Rousseau und Wieland mit Kupfern, (Quelle: UB Heidelberg http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunst_mit_maennern1800/0009)
Die Kunst mit Männern glücklich zu seyn: ein Almanach für das Jahr 1800 nach Göthe, Lafontaine, Rousseau und Wieland mit Kupfern, (Quelle:UB Heidelberg http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunst_mit_maennern1800/0009)

Definition der Quellengattung

Im Allgemeinen waren Almanache im 18. Jahrhundert periodisch erscheinende Schriften mit variierendem Seitenumfang, welche den Lesern das Wissen ihrer Zeit, d.h. im Zeitalter der Aufklärung, über bestimmte Themengebiete vermitteln sollten und Menschen prägten. Ein historischer Almanach ist eine spezielle Untergattung, die sich besonders in der bürgerlichen Schriftkultur als Teil der literarischen Medienkultur der Epoche ausbreiten konnte. Das Werk ist in den meisten Fällen nach dem Kalenderprinzip geordnet und beinhaltet pro Kalendertag mehrere kleine informative Beschreibungen historischer Ereignisse aus der Sicht des Verfassers. Im Großteil der historischen Almanache des deutschen Südwestens werden Geschehnisse des eigenen und der vorherigen Jahrhunderte (bis ins Hochmittelalter) sowohl aus dem regionalen als auch europäischen bzw. zum Teil globalen Raum thematisiert.

Historische Entwicklung

Der Ursprung der Almanache reicht in das 13. Jahrhundert in den arabischen Raum zurück. Während des Spätmittelalters gelangten sie über Italien und Spanien in den europäischen Kulturraum. Zunächst waren sie Zeitrechnungstabellen, die von Astronomen verwendet wurden, um kosmische Geschehnisse und den Verlauf der Jahreszeiten zu berechnen.[1] Erst in der Frühen Neuzeit änderte sich das Erscheinungsbild. Belehrende und unterhaltende Texte wurden für die einzelnen Tage eingefügt, um der Forderung der Gesellschaft nach mehr Unterhaltung nachzukommen.[2] Während der Barockzeit wurden diese Textpassagen immer länger. Aus Frankreich kommend, etablierten sich der Almanach und der Kalender im Heiligen Römischen Reich.[3]

Schließlich kam eine Entwicklung in Gang, die zur Entstehung zweier verschiedener Formen führte: Der Kalender behielt die Form der kurzen ratschlagenden Texte und der Wetterprognosen bei,[4] während die Almanache immer längere Texte verschiedener literarischer Gattungen aufnahmen und sich damit von ihrem eigentlichen astronomischen und kalendarischen Ursprung entfernten.[5] Almanache waren im 18. Jahrhundert Teil der bürgerlichen Medienkultur,[6] und im Gegensatz zu den früheren Foliobänden wurden sie als kleine handliche Bücher in den Formaten Oktav, Duodez und Sedez verkauft.[7] Es etablierten sich verschiedene Formen der Almanache:[8] historische Almanache, Musenalmanache, Xenien-Almanache, Balladen-Almanache, Liederalmanache oder auch poetische Almanache. Die Taschenbücher und Kalender sind weitere relevante Medien in der Zeit der Aufklärung.[9] Im Aufbau und Inhalt ähneln sie sehr den Almanachen, aber unterscheiden sich in Details, wie etwa astronomischen und astrologischen Tabellen, den Themenschwerpunkten oder Umfang des Buches. Sie behandeln Themen wie Erziehung, Geschichte, Geselligkeit, Spätromantik und Reisen.[10]

Der historische Almanach war Ausdruck der bürgerlichen Emanzipation, die ab Mitte des 18. Jahrhunderts immer mehr Einfluss gewann. Er enthielt neben wichtigen Daten über Tag und Monat Informationen über geschichtliche Geschehnisse, über bemerkenswerte Erfindungen und über Genealogien einiger Fürstenhäuser. Als Medium der Aufklärung förderten die historischen Almanache die Bildung und das Wissen über historische Ereignisse des eigenen und der vergangenen Jahrhunderte. Die historischen Handbücher, Almanache und Kalender waren sowohl unterhaltsame Texte als auch pädagogische Erziehungsschriften. Bei ihnen fielen, im Gegensatz zu den genealogisch-historischen Schriften, die genealogischen Tabellen und Stammbäume zumeist weg. Die Hauptträger dieser Entwicklung und auch die Verfasser der meisten Schriften waren bürgerlicher Herkunft.[11] Die historischen Almanache des deutschen Südwestens sind überwiegend in den Städten Stuttgart, Tübingen, Basel und Reutlingen gedruckt worden. Die Entstehungsgründe sind sehr unterschiedlich und nicht zu vereinheitlichen. Für den Großteil der Werke war die männliche Jugend der bürgerlichen Oberschicht die Zielgruppe. Als Intention geben die Autoren an, dass sie ihre jungen Leser mit historischen Tatsachen amüsieren und unterrichten wollen. Die weiteren Gründe stellen sich verschiedenartig dar. Als Beispiel sei an dieser Stelle ein Auszug aus dem „Historischen Handbuch auf alle Tage im Jahre, hauptsächlich den Jünglingen gewidmet“ von Eberhard Friedrich Hehl angeführt: „Jedoch das ledige Jücken in den Fingern, das einmal eine unheilsame Krankheit unseres Jahrhunderts ist, der so mancher ehrlicher Mann schon erlag – und der Gedanke der Möglichkeit, vielleicht doch etwas zum Nuzen und Vergnügen meiner Mitbürger zu stiften, überstimmten meine Bedenklichkeiten.“[12]

Aufbau und Inhalt

Das Aufbauprinzip der Almanache geschichtlichen Inhalts ist der astronomische Kalender. Alle 365 Tage im Jahr sind als kleine Kapitel konzipiert, wo über mindestens ein vergangenes und, nach Meinung des Autors, bedeutsames oder „merkwürdiges“ Ereignis, wie es in den Texten oft formuliert wird, berichtet wird. Bei mehreren Geschehnissen an einem Tag umfassen die Beiträge ca. eine halbe bis drei viertel Seite. In Ausnahmefällen können sich Einzelbeiträge über mehr als eine Seite erstrecken. Die Verfasser verwendeten dabei gelegentlich den unteren Teil einer Buchseite, ähnlich unseren heutigen Fußnoten, um kurze Stellungnahmen zum Thema zu geben, Verbindungen zu anderen Ereignissen zu ziehen oder Angaben über ihre literarischen Quellen zu gewähren, damit der interessierte Leser wusste, woher er mehr Informationen bekommen konnte.

Ein historischer Almanach umfasst gewöhnlich zwischen 350 bis 400 Fließtextseiten. Selbstverständlich existieren auch Ausnahmen, aber diese bestätigten eher die Regel. Die Bücher erschienen in handlichen Formaten, um von ihren Lesern mitgenommen werden zu können. Das Werk kann mit einer Widmung an einen Landesherrn beginnen, aber das ist nie die durchgängige Praxis gewesen. Dagegen ist es Standard, dass das Buch mit einer Einleitung bzw. Begrüßung durch den Autor fortsetzt bzw. beginnt. In diesem Abschnitt erläutert und rechtfertigt der Verfasser, warum der historische Almanach entstand und was die Ziele der vorliegenden Schrift sind. Daran schließt sich eine mehrere, im Durchschnitt circa zwölf Seiten umspannende Gliederung an, die sich, je nach Art, unterschiedlich gestaltet.

Diese Seiten der Gliederung fangen mit dem Namen des Monats an der Kopfseite an, woran sich ein tabellarischer Aufbau anschließt, welcher jedoch verschiedenartig ausgestaltet ist. Einige Publikationen begnügen sich mit einem eher sporadischen Aufbau, welcher sich aus dem Tag des Monats, dem Jahr des Ereignisses und dem Titel des Geschehens zusammensetzt. In anderen Ausgaben findet der Leser zusätzlich Informationen zu berühmten Persönlichkeiten der Geschichte, welche nach Berufen und ausgeübten Funktionen[13] zusammengestellt sind. In jeder einzelnen Tageszeile wird eine historische Person genannt. Diese Liste der erwähnten Menschen eines Monats verbindet allerdings nichts mit dem eigentlichen historischen Thema des Tages. Der Zweck dieser Aufzählung einer bestimmten Berufsgruppe historischer Persönlichkeiten pro Monat scheint die Vermittlung von geschichtlicher Allgemeinbildung gewesen zu sein.

Zum Inhalt ist zu erwähnen, dass die historischen Almanachpublikationen sich sehr häufig mindestens zur Hälfte ihrer Kapitel mit der Geschichte der eigenen Epoche, also um den Zeitraum zwischen 1700 und 1790, beschäftigen. Die andere Hälfte setzt sich aus vorherigen Jahrhunderten zusammen. Interessant ist hierbei, die Geschichte der Antike jedoch kaum Erwähnung findet. Die Themen umfassen dabei Ereignisse, wie Geburts- und Todesdaten von Herrschern, Feldherrn, Staatsmännern, Gelehrten und Schauspielern, Kriegserklärungen und Friedensschlüsse, See- und Landschlachten, Eroberungen, Staatshandlungen und -verträge, Revolutionen, Naturkatastrophen, Gründungen von Siedlungen und Hochschulen, Vollstreckung von Gerichtsurteilen und Edikten und anderes mehr.

Bei allen bisher erforschten Almanachen geschichtlichen Inhalts aus dem deutschen Südwesten ist zu beobachten, dass sie durchgehend von Ereignissen berichten und diese kommentieren, die sich jenseits der Landesgrenzen zutragen. Gelegentlich informieren die Autoren ihr Publikum außerdem über Begebenheiten, die sich jenseits der Grenzen Europas ereignen. Auch hier gibt es Ausnahmen, die allerdings einen kleinen Teil der gesamten Publikation ausmachen und sich explizit auf die Geschichte einer bestimmten Region beschränken. Folglich war das geschichtliche Interesse des Publikums an Geschehnissen aus allen Teilen der Welt orientiert.

Quellenkritik und Auswertungsmöglichkeiten

Die Verfasser der Almanache geschichtlichen Inhalts gehörten allesamt der Elite ihrer jeweiligen Heimatstadt. Sie waren Mitglieder der bürgerlichen Kultur und Emanzipation des 18. Jahrhunderts, weshalb ihre Werke unter diesen Aspekt betrachtet werden müssen. Die Adressaten der Almanache grenzten sich durch den Besuch der höheren Schule und der damit verbundenen Bildung von ihren Altersgenossen ab. Der Bildungsstand war hoch angesetzt, da die Autoren nicht nur die Fähigkeit des Lesens, sondern auch die Beherrschung des Lateinischen voraussetzten. Sie benutzen etliche Zitate und Redewendungen in ihren Werken, um die eigene Bildung zu unterstreichen. Die Almanache sind im historischen Kontext vor allem als literarisches Medium der Aufklärung zu sehen und entsprechend auszuwerten. Sie vertreten die Ideale der Aufklärung, indem sie deren Ideen (Natur als Ideal- und Ausgangszustand, Kritik an überkommenen Autoritäten und Traditionen und Kultivierung des menschlichen Geistes durch Schule und Bildung) durch die Belehrung des Publikums zu erreichen suchten. Heute gelten die Almanache als kulturelle und historische Dokumente für die Medien- und Wissensgeschichte.

Als erster Punkt seien die Art und Weise der Geschichtsvermittlung und deren Intention in der Frühen Neuzeit genannt. Der Historiker Peter Burke unterscheidet in seinem Buch „Papier und Marktgeschrei. Die Geburt der Wissensgesellschaft“ zwischen theoretischem und praktischem, zwischen vorausgesetztem und zu hinterfragendem, zwischen akademischem und alltäglichem Wissen. Burke skizziert die Entwicklung der Lehrenden, Institutionen, Zentren, der Ordnung, Kontrolle, den Verkauf und den Erwerb von Wissen zwischen 1450 und 1750. Der Hauptzweck des Geschichtsstudiums in der Frühen Neuzeit bestand im Erlernen moralischen Handelns.[14] Gleich den Historikern der Antike sind die Schriftsteller geschichtlicher Werke der damaligen Zeit konsultiert worden, um richtige und falsche Beispiele für das eigene Handeln in der Gegenwart zu erlernen und zu befolgen. Die Authentizität der historischen Fakten stand nicht im Zentrum des Interesses.[15]

Diese Tatsache ist bei der Auswertung der historischen Almanache essenziell, um die Weise der Wiedergabe der geschichtlichen Ereignisse durch die Autoren nachvollziehen zu können. Im Zentrum der Wissensvermittlung stand nicht der Gedanke Leopold von Rankes, zu zeigen „wie es eigentlich gewesen“ ist, sondern die Verfasser nutzen überlieferte Geschehnisse, um ihre eigene Sicht der Dinge, wie z.B. was ein gutes und schlechtes Handeln sei, zu verbreiten. Der historische Kontext war folglich „nur“ der Rahmen, um aufklärerisches Gedankengut in einer pädagogisch-moralischen Erziehungsweise dem Leserkreis zu übermitteln und Kritik zu üben. In den meisten Texten werden Themen wie Kritik an Despotismus an absolutistischen Herrschaftshöfen, Achtung des Selbstbestimmungsrechts der aufgeklärten Völker, aufgeklärte Regierungsweise und anderes mehr abgehandelt.

Als zweiter Punkt sei die Erinnerungskultur in den historischen Almanachen angesprochen. Thomas Schmidt setzt sich in seinem Werk „Kalender und Gedächtnis. Erinnern im Rhythmus der Zeit“ mit dem Kalender als Erinnerungstechnik der Menschheit auseinander. Die Schaffung denkwürdiger Jahrestage im kollektiven Gedächtnis, die mit besonderen Ereignissen verbunden sind, und das Verschwinden vorhandener Erinnerungstage bilden eine interessante Grundlage für die Beschäftigung mit Almanachen geschichtlichen Inhalts. Schmidt skizziert die Verschiebung der individuellen zur gesellschaftlichen Erinnerung.[16] Die Auswahl der einzelnen kalendarischen Daten mit historischen Ereignissen ist folglich nicht willkürlich, sondern sagt Einiges über die Intention des Autors und die dadurch zu stiftende gemeinschaftliche Identität der Erinnerungskultur der Zeit aus.

Es ist anzumerken, dass bestimmte Ereignisse, wie zum Beispiel die amerikanische oder die Französische Revolution, je nach Verfasser positiv bzw. negativ bewertet worden sind. Die Beurteilung und Bewertung dieser historischen Tatsachen dient als integrierender Punkt für die jeweiligen Lesergruppen. Die eigene „Zeitgeschichte“ ist von den Autoren benutzt worden, um bei Themen wie Gesellschaft, Politik, Geschichtsbewusstsein, Wirtschaft usw. eine gleich denkende Gemeinschaft anzusprechen und sich von anderen Gruppen (Adlige, Unterschichten) abzugrenzen.

Zusätzlich haben die Schriftsteller bei der Masse an Geschehnissen ihrer Zeit nach eigenen Gesichtspunkten stark ausgewählt und einigen Ereignissen mehr Aufmerksamkeit beigemessen als anderen oder manche Geschehnisse komplett ignoriert. Die historischen Almanache sind hervorragend geeignet, um sich mit der Fragestellung der Erinnerungskultur des 18. Jahrhunderts auseinanderzusetzen.

Schließlich ist das Exzerpieren der frühneuzeitlichen Gelehrten als Teilaspekt der Wissensgeschichte anhand der historischen Almanache zu nennen. Im Aufsatz „De ratione excerpendi: Daniel Georg Morhof und das Exzerpieren“ setzt sich Helmut Zedelmaier mit der Überlieferungstechnik der Bildungsschicht auseinander undweist dabei dem Zusammenfassen gelehrter frühneuzeitlicher Texte einen wichtigen Platz in der Gedächtniskultur zu. Zedelmaier belegt diese Annahme am Beispiel des Kieler Universitätsangehörigen Daniel Georg Morhof (1639–1691), der beim Zusammenfassen der Texte mehr tat als „nur“ zu sammeln. Er ordnete das Wissen in verschiedene Bereiche und bewertete, was überlieferungswürdig war und was nicht. Die Gelehrten der Neuzeit überlieferten mit ihren handschriftlichen Aufzeichnungen Auszüge und große Textpassagen aus Büchern, Pamphleten und Journalen, die heute nicht mehr existieren. Ihre historischen Quellen mussten sie einer genauen Überprüfung unterziehen, um mit ihnen arbeiten zu können. Sie sahen ihre Exzerptsammlung nicht als Wissenschaft, sondern als ein Erschließungssystem der vorhandenen Wissensbestände an.[17] Darüber hinaus urteilten die Exzerpierenden über den Inhalt, nämlich ob er wichtig oder unwichtig, ob er richtig oder falsch war. Das Auswahlverfahren war subjektiv, was bei der Bearbeitung der Almanache berücksichtigt werden muss.

Dieser Aspekt ist besonders bei der Suche nach den benutzen Quellen für die historischen Almanache bedeutsam. Das Exzerpieren geschichtlicher Fakten durch die Autoren lässt sich auf zwei Arten nachweisen. Die erste Variante besteht in der Überlieferung von handschriftlichen Aufzeichnungen des Verfassers, welche er als Quellengrundlage für sein Werk verwendete. Als Beispiel sei der Fall des Tübinger Gelehrten Eberhard Friedrich Hehl genannt. Seine schriftlichen Aufzeichnungen sind in der Universitätsbibliothek Tübingen überliefert. Sie können mit seinem veröffentlichten Werk „Historisches Handbuch auf alle Tage im Jahre, hauptsächlich den Jünglingen gewidmet“ (1790) in Verbindung gebracht werden, da er seine Notizen und Aufzeichnungen für das Buch benutzte.[18] Die zweite Variante ist die bereits erwähnte Methode der Autoren, in Fußnoten Hinweise zu geben, aus welchen Büchern und Journalen sie ihre Erkenntnisse gewonnen hatten. In den überwiegenden Fällen waren es größere Literaturlisten, die jedoch nicht alle im Privatbesitz des Autors gewesen sein können. Eine mögliche Erklärung wäre der regelmäßige Besuch eines Salons oder Kaffeehauses, in welchen die Besitzer oft Journale auslegten, um Kundschaft anzuziehen.[19] Eine andere Möglichkeit besteht darin, dass die Autoren Teil eines Freundes- und Bekanntenzirkels waren, die sich gegenseitig Literatur zuschickten.[20] Die intellektuellen Netzwerke der Gelehrten untereinander bestanden die gesamte frühe Neuzeit hindurch.[21] Insofern sind die Fußnoten der historischen Almanache geradezu prädestiniert für weitere Forschungen im Bereich Gelehrtennetzwerke im 18. Jahrhundert.

Hinweise zur Benutzung

Historische Almanache unterliegen keinen Sperrfristen und sind für gewöhnlich frei zugänglich. Da sie mehrere hundert Jahre alt sind, müssen sie entsprechend sorgsam benutzt werden, um eventuellen Schäden vorzubeugen. Ein Teil der historischen Almanache ist bereits digitalisiert und kann von Interessierten als PDF-Datei heruntergeladen werden.

Forschungsgeschichte

Der Wissensgehalt von Almanachen als eine relevante historische Quelle fand lange Zeit in der Geschichtswissenschaft keine oder nur wenig Beachtung. Der Grund für diese Entwicklung war, dass die Almanache bei den Historikern als Alltags- und Massenliteratur galten und für geschichtliche Fragestellungen wenig ergiebig schienen. Die wenigen Arbeiten, die sich mit den Almanachen aller Gattungen beschäftigen, erschienen in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts und behandelten den historischen Aspekt nur oberflächlich. So schrieb Raimund Pissin im Jahr 1910 in der Einleitung seines Werkes „Almanache der Romantik“ über die geschichtliche Bedeutung der Almanache: „dann und wann ein Verslein, nach Küpferchen […] magere geschichtliche Aufsätzchen, mit Anekdoten und Reimereien spärlich gemischt […].“[22] Mit einer solchen Beurteilung stand der Autor nicht alleine da. Arthur Rümann urteilte 1929 über den „Almanac de Gotha“ aus der Mitte des 18. Jahrhunderts wie folgt: „Sein Wert liegt weniger im literarischen Inhalt als in der künstlerischen Mitarbeit von Künstlern wie Meil und Chodowiecki.“[23]

Hinzu kam, dass die Auswertung der Almanache in der älteren französischen, englischen und deutschen Geschichtsschreibung aus einer nationalen Perspektive erfolgte. Dementsprechend waren die Almanache für diese Fragestellungen wenig aussagekräftig.[24] Diese Sichtweise wirkte in der Epoche zwischen den beiden Weltkriegen weiter fort, zudem veränderten sich die Ansätze der geschichtlichen Forschung nicht grundlegend. Die Almanache als Quelle boten für die historistische Schule und deren Fragestellungen keine geeignete Grundlage, weshalb die Forscher ihnen wenig Beachtung schenkten. Erst als sich in den 1970er Jahren die Mentalitätsgeschichte zu etablieren begann, fanden die Almanache für neue soziologische, kulturelle und historische Forschungsansätze eine größere Aufmerksamkeit.[25] In der jüngeren Geschichtsforschung spielen transregionale, transkulturelle und globale Bezüge eine entscheidende Rolle.[26] Die unterschiedlichen Arten der Almanache, wie etwa Musenalmanach oder Theateralmanach, sind unterschiedlich intensiv erforscht worden.[27] Insgesamt gibt es bislang wenige Forschungsergebnisse zu historischen Almanachen, da sich wenige Studien mit diesem Medium auseinandergesetzt haben.

Anmerkungen

[1] Rohner, Kalendergeschichte, S. 35.
[2] Mix, Almanach.
[3] Rohner, Kalendergeschichte, S. 48.
[4] Drake, Almanacs, S. 6.
[5] Rohner, Kalendergeschichte, S. 44.
[6] Kall, „Wir leben jetzt recht in Zeiten der Fehde“, S. 216.
[7] Rümann/Lanckorońska, Geschichte, S. 3.
[8] Rohner, Kalendergeschichte, S. 46.
[9] Fischer, Verleger, S. 22.
[10] Mix, Almanach.
[11] Rümann/Lanckorońska, Geschichte, S. 11.
[12] Hehl, Handbuch, S. 1.
[13] Es handelt sich dabei um berühmte Staatsmänner, Ärzte, Feldherrn, Rechtsgelehrte, Philosophen, Dichter, Theologen, Physiker, Mathematiker, Künstler, etc.
[14] Herrmann, Aufklärung, S. 15.
[15] Burke, Papier, S. 25–27.
[16] Schmidt, Kalender, S. 47.
[17] Zedelmaier, De ratione excerpendi.
[18] Kick, Das „Historische Handbuch“, S. 19–21.
[19] Burke, Papier, S. 51.
[20] Heymann, Friedrich Justin Bertuch, S. 162.
[21] Middell, Suche, S. 78.
[22] Almanache der Romantik, S. 7.
[23] Rümann, Deutsche Almanache, S. 132.
[24] Bentley, Von der Nationalgeschichte.
[25] Mix, Almanach. Siehe auch Drake, Almanacs, S. 5: “The lack of recognition of almanacs as subjects for historical study must be attributed to a myopia on the part of bibliographers, rather than to any unimportance of the publications themselves.”
[26] Bentley, Nationalgeschichte, S. 57–70.
[27] Rohner, Kalendergeschichte, S. 48.

Literatur

  • Almanache der Romantik, hg. von Raimund Pissin (Bibliographisches Repertorium 5), Berlin 1910.
  • Bentley, Jerry, Von der Nationalgeschichte zur Weltgeschichte, in: Weltgeschichtschreibung im 20. Jahrhundert, hg. von Matthias Middell (Comparativ 12), Leipzig 2002, S. 57–70.
  • Burke, Peter, Papier und Marktgeschrei. Die Geburt der Wissensgesellschaft, Berlin 2014.
  • Drake, Milton, Almanacs of the United States Part 1, New York 1962.
  • Fischer, Bernhard, Der Verleger Johann Friedrich Cotta. Chronologische Verlagsbibliographie 1787–1832. Aus den Quellen bearbeitet, München 2003.
  • Hehl, Eberhard Friedrich, Historisches Handbuch auf alle Tage im Jahre, hauptsächlich den Jünglingen gewiedmet, Tübingen 1790.
  • Herrmann, Ulrich, Aufklärung und Erziehung. Studien zur Funktion der Erziehung im Konstitutionsprozeß der bürgerlichen Gesellschaft im 18. und 19. Jahrhundert in Deutschland, Weinheim 1993.
  • Heymann, Jochen, Friedrich Justin Bertuch und die „Allgemeine Literatur-Zeitung“ als Drehscheibe hispanistischer Vermittlung in Deutschland, in: Friedrich Justin Bertuch (1747–1822). Verleger, Schriftsteller und Unternehmer im klassischen Weimar, hg. von Gerhard R. Kaiser/Siegfried Seifert, Berlin 2000, S.157–168.
  • Kall, Sylvia, „Wir leben jetzt recht in Zeiten der Fehde“. Zeitschriften am Ende des 18. Jahrhunderts als Medien und Kristallisationspunkte literarischer Auseinandersetzung, (Bochumer Schriften zur deutschen Literatur 62), Frankfurt a.M. 2004.
  • Kick, Matthias Frederic, Das „Historische Handbuch“ des Eberhard Friedrich Hehl (1790). Eine aufgeklärte Moral- und Erziehungsschrift, unveröffentl. Masterarbeit, Universität Tübingen 2015.
  • Middell, Matthias, Auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen: Gegner der Französischen Revolution 1788–1792, in: Medienereignisse im 18 und 19. Jahrhundert, hg. von Christine Vogel/Herbert Schneider/Horst Carl (Ancien Régime, Aufklärung und Revolution 38), München 2009, S. 77–92.
  • Mix, York-Gothart, Almanach, in: Enzyklopädie der Neuzeit 1 (2005), Sp. 235–239.
  • Rohner, Ludwig, Kalendergeschichte und Kalender, Wiesbaden 1978.
  • Rümann, Arthur, Deutsche Almanache und Taschenbücher, in: Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur 44 (1929), S. 130–136.
  • Rümann, Arthur/Lanckorońska, Maria Gräfin, Geschichte der deutschen Taschenbücher und Almanache aus der klassisch-romantischen Zeit, München 1954.
  • Schmidt, Thomas, Kalender und Gedächtnis. Erinnern im Rhythmus der Zeit, Göttingen 2000.
  • Zedelmaier, Helmut, De ratione excerpendi: Daniel Georg Morhof und das Exzerpieren, in: Mapping the World of Learning: The Polyhistor of Daniel Georg Morhof, hg. von Françoise Waquet (Wolfenbütteler Forschungen 91), Wiesbaden 2000, S. 75–92.

Zitierhinweis: Matthias Frederic Kick, Historische Almanache, in: Südwestdeutsche Archivalienkunde, URL: […], Stand: 13.07.2017.

 

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