Leichenpredigten

Von Anna Aurast

Trauerprozession aus der Leichenpredigt auf Herzog Eberhard III. von Württemberg, geb. 16.12.1614, gest. 02.07.1674, (Quelle: Landesarchiv BW, HStAS J 67 Bü 6 I)
Trauerprozession aus der Leichenpredigt auf Herzog Eberhard III. von Württemberg, geb. 16.12.1614, gest. 02.07.1674, (Quelle: Landesarchiv BW, HStAS J 67 Bü 6 I)

Definition der Quellengattung

Als Leichenpredigten werden Trauerschriften bezeichnet, die in der frühneuzeitlichen Gesellschaft anlässlich des Todes eines Menschen verfasst, während der Bestattung als Grabrede gehalten und in den meisten Fällen anschließend gedruckt wurden. Die gedruckten Exemplare der Schrift wurden an Verwandte und Freunde verteilt, um ihnen so geistlichen Trost zu spenden und die Erinnerung an die Verstorbenen wachzuhalten. Darüber hinaus hatten Leichenpredigten die Funktion, Gott zu preisen, dem Auditorium bzw. der Leserschaft das Evangelium zu verkünden, ihnen ein Ideal der christlichen Lebensführung vor Augen zu führen[1] und sie auf ihren eigenen Tod vorzubereiten.

Auch wenn die Leichenpredigten „überwiegend ein Phänomen der protestantischen Ober- und Mittelschicht“[2] blieben, waren sie dennoch weder ausschließlich der herrschenden Schicht noch einer bestimmten konfessionellen Ausrichtung oder einem Geschlecht vorbehalten: Mit einer Leichenpredigt konnten neben der Oberschicht auch Angehörige des niederen Adels und des Bürgertums, Männer wie Frauen, Junge und Alte, Protestanten, Reformierte und Katholiken geehrt und gedacht werden.[3]

Die Bezeichnungen der Zeitgenossen für die Leichenpredigt waren vielfältig: So nannten die Protestanten sie parentation, leichsermon, concio funebris, leichvermahnung, trostpredigt, erinnerung, dancksagung oder exhortatio. Die Katholiken verwendeten ebenfalls die Ausdrücke Trostpredigt und Leich-Sermon, daneben aber auch andere Bezeichnungen wie laudatio funebris, Lob- und Trauerrede, Leichenrede, Totenrede, Leichabdankung, Grabrede oder Gedächtnispredigt.[4] Der wichtigste Unterschied zwischen den Leichenpredigten der Protestaten und Katholiken bestand in der protestantischen Ablehnung des katholischen Fürbittgedankens. Hier diente die Leichenpredigt dazu, „das Leben des Verstorbenen vor dem Hintergrund der protestantischen Glaubensgrundsätze zu deuten.“[5] Die katholischen Leichenpredigten hingegen legten in erster Linie großen Wert auf die Fürbitte für das Seelenheil des Toten; eine ausführliche Darstellung des Lebenslaufs spielte keine große Rolle bei der katholischen Totenfeier, da die individuellen Leistungen des Verstorbenen angesichts des bevorstehenden göttlichen Gerichts, des befürchteten Fegefeuers sowie der Hoffnung auf ewiges Leben und der Furcht vor der Verdammnis als zu belanglos erschienen.[6] Entsprechend kurz und stark formalisiert war die Lebensbeschreibung der Verstorbenen in einer katholischen Leichenpredigt. Eine Ausnahme bildeten höfische Leichenpredigten auf Angehörige katholischer Fürstenhäuser, in denen der Lebenslauf der betrauerten Person aufgrund ihres hohen gesellschaftlichen Ansehens ausführlich beschrieben wurde.

Historische Entwicklung

Die Tradition einer feierlichen Rede bei der Beisetzung reicht bereits in die Antike hinein. Im Katholizismus standen die Fürbitte für das Seelenheil des Verstorbenen und die Absolution im Mittelpunkt der Exequien. Diese erlaubten es auch, ausnahmsweise über das Leben des Toten zu referieren; insbesondere bei hochgestellten Personen wie gekrönten Häuptern oder weltlichen und geistlichen Fürsten wurde die Darstellung des Lebenslaufs Teil der Totenfeier.[7] Auf die katholische Ars-moriendi-Literatur des Spätmittelalters griffen die ersten Predigten des Protestantismus zurück und machten diese auch in der neuen Konfession heimisch.[8] Die Diesseitsorientierung der protestantischen Predigten unterschied sich stark von der katholischen Fokussierung auf das Jenseits und den Seelenheil des Toten, so dass man hier nicht nur inhaltlich, sondern auch formal von der Erfindung eines neuen theologisch-literarischen Genres sprechen kann.[9]

Die Blütezeit der gedruckten Leichenpredigten fällt in die Zeit zwischen 1550 und 1750; Schätzungen zufolge wurden in diesem Zeitraum mehrere hunderttausend Exemplare veröffentlicht. Bis heute haben sich im deutschen Sprachraum etwa 250.000 gedruckte Leichenpredigten erhalten, die meisten von ihnen lutherisch. In den reformierten Gebieten hingegen konnte sich die Gattung nur zögerlich durchsetzen. Einen vergleichsweise winzigen Anteil der Gesamtmenge machen katholische Leichenpredigten aus, nämlich unter 10.000.[10] Den Anfang machten Predigten, die bereits Martin Luther selbst hielt, zum einen im Jahr 1525 anlässlich der Bestattung des Kurfürsten Friedrich des Weisen von Sachsen und zum anderen 1532 beim Begräbnis von Friedrichs Bruder Johann. In den Trauerpredigten des Reformators wurde die neue programmatische Ausrichtung deutlich: Sie sollten in erster Linie zum Trost, Hoffnung und Stärkung des Glaubens der Zuhörer beitragen. Auch die von Philipp Melanchthon verfasste Trauerpredigt aus Anlass der Bestattung Martin Luthers 1546 reiht sich in die frühe Phase der protestantischen Leichenpredigten ein und etabliert die spätestens seit dem 17. Jahrhundert bestehende protestantische Konvention einer Leichenpredigt, die neben der theologischen Auslegung eines Bibelfragments auch eine Darstellung des Lebenslaufs der verstorbenen Person enthält.[11]

Die eigentliche theologische Predigt war bis etwa 1600 das Herzstück einer gedruckten Leichenpredigt, obwohl die Verfasser bereits in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts angefangen haben, dem homiletischen Teil einzelne biographische Angaben über die verstorbene Person hinzuzufügen. Im Laufe des 17. Jahrhunderts wuchsen die Kurzbiographien zu eigenständigen Elementen der Druckschrift heran und weitere Teile kamen hinzu, die sich teilweise verselbständigten.[12] So entwickelte sich die Parentation, eine weitere Trauerrede, die von Laien gehalten wurde, zu einer eigenen Gattung, die gegen Ende des 17. und zum Anfang des 18. Jahrhunderts die theologische Leichenpredigt teilweise ersetzte. Das Verlangen der lutherischen Kirche, zu zeigen, dass auch im Schoß ihrer Institution seliges Sterben möglich war, resultierte im 17. Jahrhundert darin, dass sich an den biographischen Abriss der verstorbenen Person detaillierte Darstellungen der Sterbensszenen anschlossen,[13] die exemplarisch das anstrebenswerte Ideal des sanften, seligen Todes dokumentieren sollten.

Ursprünglich nur aus dem homiletischen Teil, der „christlichen Predigt“, bestehend, entwickelten sich Leichenpredigten mit der Zeit zu elaborierten „Gesamtkunstwerken“[14], bisweilen mit einer vielköpfigen Autorschaft. Nicht selten brachten die später Verstorbenen Teile ihrer Leichenpredigt selbst zu Papier, sobald sie sich dem Tod nahe wähnten. Folglich findet man zahlreiche Leichenpredigten, in denen der Lebenslauf in erster Person verfasst ist.

Die meisten Leichenpredigten wurden im Kerngebiet der Reformation, in Mitteldeutschland sowie, wenn auch im geringeren Maße, in Schlesien und in überwiegend protestantisch gewordenen oberdeutschen Reichsstädten verfasst und gedruckt.[15] Da die kostenintensive Drucklegung auch „ein repräsentativer Ausdruck des Standesbewußtseins“[16] war, ist gerade bei gedruckten Leichenpredigten der Adel überdurchschnittlich weit vertreten.

Zunächst lediglich in kleinen Auflagen von 10 bis 20 Exemplaren gedruckt, stieg bald die Auflagenzahl von publizierten Leichenpredigten auf 100 bis 300 Exemplare, abhängig von der Anzahl der Verwandten und Freunde, an die die Trauerschrift verteilt werden sollte.[17] Bei Leichenpredigten auf besondere, fürstliche Zelebritäten konnte es zu außergewöhnlich hohen Auflagen kommen; die Leichenpredigt auf Ernst I., den Frommen, Herzog von Sachsen-Gotha-Altenburg (1601–1675) beispielsweise erschien in der stattlichen Auflage von 3000 Exemplaren.[18] Gelegentlich kam es zu Neuauflagen, die jedoch sehr kostenintensiv waren.

Seit Mitte des 18. Jahrhunderts wurde das Interesse an gedruckten Leichenpredigten immer geringer, da die Aufklärung mit der Betonung der Vernunft religiöse Erbauungsliteratur überflüssig machte. Zudem mehrten sich bereits seit längerer Zeit kritische Stimmen, die die ausladende Länge und die zunehmend kostspielige, prunkvolle und selbstdarstellerische Gestaltung der Drucke anprangerten. Bereits im 16. Jahrhundert versuchte die Obrigkeit über Kirchenordnungen und Policeyordnungen die Predigtzeit und den Prunk der Beerdigungsbräuche einzudämmen.[19] Auch am Inhalt der Predigten wurde, insbesondere im Laufe des 18. Jahrhunderts, vermehrt Kritik geübt; den Verfassern der Texte wurde vorgeworfen, das Bild der behandelten Personen zu stark zu beschönigen und die Verstorbenen damit nicht wahrheitsgemäß darzustellen. Die Kritiker machten ihrem Unmut Luft, indem sie Leichenpredigten abschätzig als „Lügenpredigten“ bezeichneten oder Texte veröffentlichten, die die Gattung verspotteten und parodierten.[20] Das bedeutet aber nicht, dass nach 1750 keine Leichenpredigten mehr gedruckt wurden – vereinzelt wurde die Tradition in Deutschland bis ins 19. Jahrhundert hinein fortgeführt. In reformierten Gebieten und in Basel sind vorgetragene Personalia als Leichenrede bis heute Teil des Funeralbrauchtums.[21]

Aufbau und Inhalt

Eine typische protestantische Leichenpredigt, insbesondere seit dem 17. Jahrhundert, setzt sich aus mehreren Komponenten zusammen: Ein detail- und wortreiches Titelbild, bei wohlhabenden Auftraggebern nicht selten mit einem Porträt der verschiedenen Person versehen, schmückt die erste Seite des Druckes. Es folgen eine Vorrede und Widmung des Verfassers sowie die eigentliche „christliche Leichenpredigt“, die aus einem zum Anlass und zur Person passenden Bibelzitat, den sogenannten Leichtext, und einem anschließenden theologischen Kommentar dazu zusammengesetzt ist. An die Predigt schließen sich die Personalia an, die detaillierte Beschreibungen vom Leben und Sterben der betrauerten Person enthalten; in der Druckausgabe können Personalia auch mit den Bezeichnungen „Ehrengedächtnis“, „memoria“ oder „commendatio defuncti“ versehen sein. Als Abdankung oder Parentation, die ein weiteres Schriftstück der Druckschrift bilden kann, nennt man eine Leichenrede, die von einem Nicht-Theologen, meist einem Verwandten oder einem Freund der verstorbenen Person, verfasst wurde. In der Abdankung gedenkt der Verfasser der oder des Toten und spricht den Dank der Hinterbliebenen an das Trauergefolge aus. Wurde die Parentation direkt am Grab gehalten, so nennt man sie auch Standrede. Ein häufiger Bestandteil der Druckschriften sind Epicedien (Trauergedichte), die von Verwandten und Freunden verfasst wurden. Gelegentlich findet man in den Druckschriften Trauergedichte in Form von Figurengedichten; diese waren eine Modeerscheinung des 17. Jahrhunderts und sollten durch eine besondere optische Gestaltung der Gedichtzeilen eine zusätzliche Ausdrucksdimension des Gedichts vermitteln. Bei adligen Toten findet man in den Trauerschriften zudem Stammbäume, Ahnentafeln oder Geschlechterfolgen, bei Angehörigen von Lehranstalten das akademische Programm. Manche Herausgeber fügten ihren Druckschriften detaillierte Angaben zur vorgeführten Funeralmusik hinzu wie Liedertexte und Notenkompositionen. Selbst Gästelisten konnten Teil der Druckschrift werden. Zu den bildlichen Elementen der Leichenpredigt neben dem zunächst in Holz geschnittenen und später in Kupfer gestochenen Konterfei der verstorbenen Person gehören weitere graphische Darstellungen wie Abbildungen der Leichenprozession und des Kircheninneren, Vignetten, die als Druckschmuck dienten, sowie Emblemata oder Wappen bei Angehörigen des Adels.

Überlieferungslage

Gedruckte Leichenpredigten wurden bereits zeitgenössisch gesammelt, da sie als Teil der frühneuzeitlichen religiösen Gebrauchsliteratur eine beliebte Lektüre darstellten, die biographisches Interesse und fromme Andacht wegen ihres Trost- und Erbauungscharakters vereinten.[22] In Buchkatalogen verzeichnet, auf Messen in Leipzig und Frankfurt oder im Buchkontor um die Ecke zum Kauf angeboten, fanden sie regen Absatz unter Liebhaberinnen und Liebhabern dieser Art von Literatur oder bisweilen auch bei bibliophilen Landesfürsten, die in der Bestrebung, eine möglichst umfangreiche Bibliothek zu besitzen, ihre Bücheragenten auf Reisen schickten, um neben anderen Werken auch eine Vielzahl an gedruckten Leichenpredigten aus Nah und Fern für die fürstliche Bibliothek zu erwerben. Mitunter gaben aber auch Prediger selbst ihre Predigttexte in Sammelbänden heraus, um so ihre Kunstfertigkeit öffentlich zu machen oder um ihrer Popularität Genüge zu tun. Auf diese Weise entstanden in den gut zweihundert Jahren ihres Aufkommens zahlreiche und umfangreiche Leichenpredigt-Sammlungen, die sich heute überwiegend in Bibliotheken, aber auch in Archiven erhalten haben.[23] Zu nennen seien an dieser Stelle zum einen die Sammlung der Reichsgräfin Sophie Eleonore zu Stolberg-Stolberg (1669–1745), die mit 45.000 Exemplaren (24.600 ohne Duplikate) als die größte überlieferte Leichenpredigten-Sammlung gilt und heute als Depositum in der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel aufbewahrt wird, und zum anderen die Sammlung, die im Auftrag von Herzog August d.J. von Braunschweig-Lüneburg (1579–1666) für seine Wolfenbütteler Bibliothek zusammengetragen wurde und 11.000 Exemplare betrug.[24] In den Beständen des Landesarchivs Baden-Württemberg sind Leichenpredigten vor allem in den Sammlungen des Hauptstaatsarchivs Stuttgart, Bestand J 67 zu finden. Unter den 2000 in diesem Bestand gesammelten Personalschriften finden sich in erster Linie Leichenpredigten auf Mitglieder des Hauses Württemberg und andere hochadlige Verstorbene sowie auf Mitglieder der württembergischen Ehrbarkeit.

Quellenkritik und Auswertungsmöglichkeiten

Leichenpredigten sind eine vielseitige und reichhaltige Quellengattung; ihr schier endloses Potenzial als Untersuchungsmaterial für Forschungsfragen aus zahlreichen wissenschaftlichen Disziplinen wurde erst vor wenigen Jahrzehnten entdeckt. So liefern die ausführlichen Biographien, welche vor allem fester Bestandteil lutherischer Leichenpredigten sind und nicht selten die einzigen verlässlichen Daten über die verstorbene Person darstellen, reichlich Forschungsmaterial für biographische bzw. prosopographische und genealogische Studien, weil sie nicht nur den Werdegang der betrauerten Person schildern, sondern auch ausführlich ihre Angehörigen, Freunde und andere Bezugspersonen aus dem weltlichen und geistlichen Bereich benennen und damit die sozialen Verflechtungen innerhalb ihres sozialen Netzwerks dartun. Die biographischen Abrisse können zudem, in Abhängigkeit von den ausgeübten Berufen oder Funktionen der Toten, reiches Quellenmaterial zu militär- oder universitätsgeschichtlichen Fragestellungen liefern. Aus frauengeschichtlicher Perspektive erlauben Leichenpredigten Einblicke in „das Leben, die Denkweise, Ausdrucks- und Einflußmöglichkeiten, Empfindungen, den Bildungsstand etc. von Frauen“[25] in der Frühen Neuzeit. Als aussagekräftig gelten hierbei Leichenpredigten, die sowohl auf Frauen als auch auf Männer gehalten wurden, da auch Letztere häufig über Frauen (als Ehefrauen, Mütter, Töchter) berichten.[26] Werden dem Personalia-Teil Reisebeschreibungen beigefügt, was insbesondere bei Handwerkern, Kaufleuten oder auch bei Universitätsangehörigen (peregrinatio academica) vorkommen kann, geben uns diese, mentalitäts- und bildungsgeschichtlich betrachtet, Auskunft über das Ausmaß des räumlichen Wirkungskreises und der kulturellen Offenheit der frühneuzeitlichen Zeitgenossen, welche sich auch im Erwerb fremder Sprachen niederschlagen konnte. Nicht weniger erfolgreich lassen sich wirtschafts- und sozialgeschichtliche Fragestellungen anhand von Leichenpredigten bearbeiten, so z.B. bei Fragen nach sozialer Zugehörigkeit der Verstorbenen oder nach Altersarmut im Witwenstand. Die in den Personalia enthaltenen biographischen Informationen über Männer, Frauen und Kinder können zudem zu Erkenntnissen in der historischen Demographie und in der historischen Familienforschung beitragen, insbesondere in Hinblick auf die dokumentierte Zusammensetzung der Kernfamilien, das durchschnittliche Lebensalter der frühneuzeitlichen Zeitgenossen, die Säuglingssterblichkeit, das Heirats- und Gebäralter der Frauen oder das Heiratsverhalten von verwitweten Frauen und Männern. Des Weiteren sind die Quellen aufgrund ihrer besonderen Beschaffenheit und ihres Inhaltes eine Fundgrube für theologische und thanatologische Forschungsfragen. Auch medizin- und pharmaziegeschichtlich relevantes Material findet sich in den Quellen, insbesondere in den oft sehr detaillierten Beschreibungen der Krankheitsverläufe und des Strebeprozesses der betrauerten Personen.

Da Leichenpredigten sowohl mündlich vorgetragen als auch schriftlich, meist in Druck, verbreitet wurden, gelten sie unter dem kommunikationshistorischen Aspekt als eine wichtige Quelle an der Schnittstelle zwischen Oralität und Literalität.[27] Die graphische Ausgestaltung der Trauerschriften liefert ferner wichtiges Quellenmaterial für Forschungsfragen der Kunstgeschichte, Ikonographie, Heraldik, Epigraphik und Emblematik. Die enthaltenen Epicedien sind literaturgeschichtlich bedeutsam, mit den Musikbeigaben der Leichenpredigten beschäftigt sich die Musikgeschichte. Der serielle Charakter von Leichenpredigten als historische Quelle erlaubt schließlich eine computergestützte Auswertung, die statistisch signifikante Aussagen zu diversen Fragestellungen ermöglicht.

Hinweise zur Benutzung

Leichenpredigten, die in Archiven aufbewahrt werden, unterliegen aufgrund ihres Alters keinen Sperrfristen. Lediglich konservatorische Bedenken können die Nutzung einschränken oder gar verbieten. Die Quellengattung ist seit geraumer Zeit Gegenstand intensiver Forschung und ist infolge dessen gut erschlossen. Umfangreiche Datenbanken wie z.B. auf der Website der Marburger Forschungsstelle für Personalschriften (www.personalschriften.de), die auch Digitalisate enthalten, erleichtern die Nutzung enorm.

Forschungs- und Editionsgeschichte

Leichenpredigten werden seit mehreren Jahrzehnten intensiv erforscht; spätestens seit der Gründung der Forschungsstelle für Personalschriften an der Philipps-Universität Marburg unter der Leitung von Rudolf Lenz im Jahr 1976 haben sie einen festen, institutionalisierten Platz in der Forschungslandschaft. Die Forschungsstelle für Personalschriften ist neben Standort Marburg seit 1991 auch an der Technischen Universität Dresden verortet und beschäftigt sich vorrangig mit der Erschließung, Digitalisierung und Auswertung von Leichenpredigt-Beständen in Hessen, Sachsen, Thüringen und Schlesien. Die Erträge der Arbeiten der Forschungsstelle werden in zwei Reihen publiziert: Zum einen in der bis dato fünfbändigen Reihe „Leichenpredigten als Quelle historischer Wissenschaften“, die von Rudolf Lenz herausgegeben wird und die die Vorträge aus bisher fünf abgehaltenen Marburger Personalschriftensymposien festhält, und zum anderen in der Reihe „Marburger Personalschriften-Forschungen“, die neben Monographien und Einzelstudien auch für Bibliographien, Abkürzungsverzeichnisse und Kataloge von Leichenpredigten-Beständen vorgesehen ist und bisher 57 Bände umfasst.

Anmerkungen

[1] Hengerer, Leichenpredigten, S. 497.
[2] Kunze, Leichenpredigten, S. 259.
[3] Moore, Lives, S. 13.
[4] Hengerer, Leichenpredigten, S. 497.
[5] Ebd.
[6] Ebd.
[7] Hengerer, Leichenpredigten, S. 498.
[8] Lenz, De mortuis, S. 9.
[9] Eybl, Leichenpredigten, S. 917.
[10] Hengerer, Leichenpredigten, S. 497.
[11] Moore, Georg Wilhelm Herzog von Liegnitz.
[12] Kunze, Leichenpredigten, S. 258.
[13] Ebd.
[14] Classen, Darstellung, S. 295.
[15] Lenz, De mortuis, S. 16f.
[16] Hengerer, Leichenpredigten, S. 497.
[17] Lenz, De mortuis, S. 17.
[18] Kunze, Leichenpredigten, S. 258.
[19] Mohr, Ende, S. 315.
[20] Lenz, De mortuis, S. 14.
[21] Hengerer, Leichenpredigten, S. 500.
[22] Hengerer, Leichenpredigten, S. 498.
[23] Kunze, Leichenpredigten, S. 260.
[24] Lenz, De mortuis, S. 20.
[25] Classen, Darstellung, S. 291.
[26] Wunder, Frauen, S. 58.
[27] Eybl, Leichenpredigten, S. 917.

Literatur

  • Classen, Albrecht, Die Darstellung von Frauen in der Leichenpredigt der Frühen Neuzeit. Lebensverhältnisse, Bildungsstand, Religiosität, Arbeitsbereiche, in: MIÖG 108 (2000), S. 291–318.
  • Dingel, Irene, „Recht glauben, christlich leben und seliglich sterben“: Leichenpredigt als evangelische Verkündigung im 16. Jahrhundert, in: Leichenpredigten als Quelle historischer Wissenschaften, Bd. 4, hg. von Rudolf Lenz, Stuttgart 2004, S. 9–36.
  • Eybl, Franz M., Leichenpredigten, in: Quellenkunde der Habsburgermonarchie (16.–18. Jahrhundert). Ein exemplarisches Handbuch, hg. von Josef Pauser/Martin Scheutz/Thomas Winkelbauer (Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung, Ergänzungsbd. 44), Wien/München 2004, S. 916–926.
  • Hengerer, Mark, Leichenpredigten, in: Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich. Hof und Schrift, hg. von Werner Paravicini, bearb. von Jan Hirschbiegel/Jörg Wettlaufer (Residenzenforschung 15.III), Ostfildern 2007, S. 497–503.
  • Kunze, Jens, Leichenpredigten, in: Sterben und Tod. Geschichte – Theorie – Ethik. Ein interdisziplinäres Handbuch, hg. von Héctor Wittwer/Daniel Schäfer/Andreas Frewer, Stuttgart 2010, S. 257–261.
  • Lenz, Rudolf, De mortuis nil nisi bene? Leichenpredigten als multidisziplinäre Quelle unter besonderer Berücksichtigung der historischen Familienforschung, der Bildungsgeschichte und der Literaturgeschichte (Marburger Personalschriften-Forschungen 10), Sigmaringen 1990.
  • Lenz, Rudolf/Wipprecht, René, Leichenpredigt, in: Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte (HRG) 3 (2. Auflage 2016), Sp. 805–809.
  • Mohr, Rudolf, Das Ende der Leichenpredigten, in: Leichenpredigten als Quelle historischer Wissenschaften, Bd. 3, hg. v. Rudolf Lenz, Marburg 1984, S. 293–330.
  • Moore, Cornelia Niekus, Patterned Lives. The Lutheran Funeral Biography in Early Modern Germany (Wolfenbütteler Forschungen 111), Wiesbaden 2006.
  • Moore, Cornelia Niekus, Georg Wilhelm Herzog von Liegnitz, Brieg und Wohlau (1660–1675). Der Letzte der Piasten – Die Grabrede Daniel Caspers von Lohenstein als Fürstenspiegel, in: Leben in Leichenpredigten 09/2016, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/georg-wilhelm-herzog-von-liegnitz-brieg-und-wohlau-1660-1675.html (31.08.2017).
  • Mróz-Jabłecka, Kalina, Die weiblichen Lebenswelten in den barocken Funeraldrucken. Gedächtnisformen der urbanen Kultur am Beispiel der Stadt Breslau von Mitte des 17. bis Mitte des 18. Jahrhunderts (Studium Litterarum. Studien und Texte zur deutschen Literaturgeschichte 19), Berlin 2011.
  • Müller-Jahncke, Wolf-Dieter, Leichenpredigten als pharmaziehistorische Quellen, in: Leichenpredigten als Quelle historischer Wissenschaften, hg. von Rudolf Lenz, Köln/Wien 1975, S. 470–491.
  • Oratio funebris: Die katholische Leichenpredigt der frühen Neuzeit: Zwölf Studien: Mit einem Katalog deutschsprachiger katholischer Leichenpredigten in Einzeldrucken 1576–1799 aus den Beständen der Stiftsbibliothek Klosterneuburg und der Universitätsbibliothek Eichstätt, hg. von Birgit Boge/Ralf Georg Bogner (Chloe: Beihefte zum Daphnis 30), Amsterdam 1999.
  • Schmidt-Grave, Horst, Leichenreden und Leichenpredigten Tübinger Professoren (1550–1750) (Contubernium 6), Tübingen 1974.
  • Witzel, Jörg, Gewinne aus Verlust? Von Verlusten in autobiografischen Texten aus Leichenpredigten, in: Gewinner und Verlierer in Medien der Selbstdarstellung: Bilder, Bauten, Inschriften, Leichenpredigten, Münzen und Medaillen in der Frühen Neuzeit, hg. von Jörg H. Lampe, Wiesbaden 2017, S. 81–97.
  • Wunder, Heide, Frauen in den Leichenpredigten des 16. und 17. Jahrhunderts, in: Leichenpredigten als Quelle historischer Wissenschaften, hg. von Rudolf Lenz, Marburg 1984, S. 57–68.

Zitierhinweis: Anna Aurast, Leichenpredigten, in: Südwestdeutsche Archivalienkunde, URL: […], Stand: 17.10.2017.

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